Die PLO beansprucht, das palästinensische Volk zu vertreten. Ihre Geschichte reicht von Terror und bewaffnetem Kampf bis zur Anerkennung Israels im Oslo-Prozess.
PLO steht für Palestine Liberation Organization, auf Deutsch Palästinensische Befreiungsorganisation. Sie wurde 1964 gegründet und entwickelte sich zur wichtigsten Dachorganisation der palästinensischen Nationalbewegung. Die PLO beansprucht bis heute, das palästinensische Volk politisch zu vertreten. Dieser Anspruch ist historisch bedeutsam, aber politisch umstritten, weil die palästinensische Gesellschaft seit Jahrzehnten tief gespalten ist und die PLO ihre demokratische Legitimation kaum erneuert hat.
Die PLO ist nicht identisch mit der Palästinensischen Autonomiebehörde und auch nicht identisch mit der Fatah, obwohl die Fatah innerhalb der PLO lange die dominierende Kraft war. Die PLO ist eine politische Dachorganisation. Die Palästinensische Autonomiebehörde entstand erst in den 1990er Jahren nach den Oslo-Abkommen als Verwaltungsstruktur für Teile der palästinensischen Gebiete. Die Fatah ist eine politische Bewegung und Partei, die unter Jassir Arafat zur stärksten Kraft innerhalb der PLO wurde.
Für Israel ist die PLO ein schwieriger historischer Begriff. Einerseits war sie über Jahrzehnte mit Terroranschlägen, bewaffnetem Kampf und der Ablehnung Israels verbunden. Andererseits wurde sie im Oslo-Prozess zum direkten Verhandlungspartner Israels. 1993 erkannte die PLO Israels Recht an, in Frieden und Sicherheit zu existieren, und Israel erkannte die PLO als Vertreterin der Palästinenser an. Genau diese doppelte Geschichte macht die PLO so wichtig: Sie steht sowohl für eine Gewaltgeschichte als auch für den Versuch einer politischen Verhandlungslösung.
Gründung und frühe Entwicklung
Die PLO wurde 1964 gegründet. Damals standen Judäa und Samaria einschließlich Ostjerusalems unter jordanischer Kontrolle, der Gazastreifen unter ägyptischer Kontrolle. Israel kontrollierte diese Gebiete zu diesem Zeitpunkt nicht. Dieser historische Punkt ist wichtig, weil die PLO also nicht als Reaktion auf die israelische Kontrolle nach dem Sechstagekrieg von 1967 entstand, sondern bereits vorher den Anspruch formulierte, Palästina zu befreien. In der damaligen Sprache bedeutete das nicht nur die Gebiete von 1967, sondern stellte grundsätzlich den jüdischen Staat infrage.
Nach dem Sechstagekrieg von 1967 gewann die PLO stark an Bedeutung. Israel hatte in diesem Krieg den Gazastreifen, Judäa und Samaria, Ostjerusalem, die Golanhöhen und den Sinai erobert. Die palästinensische Nationalbewegung rückte dadurch stärker ins Zentrum der arabischen und internationalen Politik. 1969 wurde Jassir Arafat, der Führer der Fatah, Vorsitzender der PLO. Unter seiner Führung wurde die Organisation zum wichtigsten Symbol des palästinensischen Nationalanspruchs.
Die PLO vereinte verschiedene Gruppen, darunter säkulare Nationalisten, linke Fraktionen und bewaffnete Organisationen. Einige dieser Gruppen waren für besonders schwere Terroranschläge verantwortlich. Flugzeugentführungen, Angriffe auf israelische Zivilisten, Anschläge im Ausland und Gewalt gegen jüdische Einrichtungen prägten über Jahre das Bild der PLO und ihrer Mitgliedsorganisationen. Wer die PLO historisch einordnet, darf diese Gewaltgeschichte nicht ausblenden.
Terror, internationale Anerkennung und politischer Wandel
In den 1970er Jahren wurde die PLO international immer sichtbarer. 1974 erkannte die Arabische Liga die PLO als alleinige legitime Vertreterin des palästinensischen Volkes an. Auch bei den Vereinten Nationen gewann sie politischen Status. Diese Anerkennung veränderte aber nicht automatisch den Charakter ihrer Strategie. Die PLO blieb lange mit Gewalt, revolutionärer Rhetorik und dem Ziel verbunden, Israel nicht als jüdischen Staat neben einem palästinensischen Gemeinwesen zu akzeptieren.
Gleichzeitig begann sich die internationale Wahrnehmung der Palästinenser zu verändern. Die palästinensische Sache wurde zunehmend nicht mehr nur als Teil des arabisch-israelischen Konflikts betrachtet, sondern als eigener nationaler Anspruch. Das stärkte die PLO diplomatisch. Für Israel blieb jedoch entscheidend, ob die PLO bereit war, das Existenzrecht Israels wirklich anzuerkennen und Gewalt nicht nur taktisch, sondern grundsätzlich aufzugeben.
Ein wichtiger Schritt war die Erklärung der PLO von 1988, in der sie einen Staat Palästina ausrief und sich stärker in Richtung einer Zwei-Staaten-Lösung bewegte. Dieser Wandel war jedoch nie frei von Widersprüchen. Während Teile der PLO auf Diplomatie setzten, blieb das Misstrauen in Israel groß. Es gründete sich auf konkrete Erfahrungen mit Anschlägen, Hetze, gebrochenen Zusagen und der anhaltenden Weigerung vieler palästinensischer Akteure, den jüdischen Charakter Israels anzuerkennen.
Oslo und die gegenseitige Anerkennung von 1993
Der wichtigste Einschnitt in der Geschichte der PLO war der Oslo-Prozess. Am 13. September 1993 wurde in Washington die Grundsatzerklärung über vorläufige Selbstverwaltungsregelungen unterzeichnet. Israel akzeptierte die PLO als Vertreterin der Palästinenser. Die PLO erklärte im Gegenzug, Terrorismus zu verurteilen, Gewalt aufzugeben und Israels Recht auf Existenz in Frieden und Sicherheit anzuerkennen. Diese gegenseitige Anerkennung machte die PLO zum offiziellen Verhandlungspartner Israels.
Aus israelischer Sicht war Oslo ein riskanter Schritt. Israel verhandelte mit einer Organisation, die zuvor jahrzehntelang als Feind und Terrorakteur wahrgenommen worden war. Die Hoffnung war, dass die PLO Verantwortung übernehmen, Gewalt eindämmen und den Weg zu einer dauerhaften Regelung öffnen würde. Auf palästinensischer Seite wurde Oslo als Schritt zur Selbstverwaltung und späteren Staatlichkeit verstanden.
Aus dem Oslo-Prozess entstand die Palästinensische Autonomiebehörde. Sie sollte begrenzte Verwaltungsaufgaben in Teilen der palästinensischen Gebiete übernehmen. Sie war nicht mit der PLO identisch, wurde aber stark von PLO- und Fatah-Strukturen geprägt. Jassir Arafat kehrte in die palästinensischen Gebiete zurück und wurde zur zentralen Figur der neuen politischen Ordnung.
Die Grenzen von Oslo
Der Oslo-Prozess brachte keine endgültige Friedensordnung. Viele Kernfragen blieben offen: Grenzen, Jerusalem, Flüchtlinge, Siedlungen, Sicherheit und das Ende aller Ansprüche. Hinzu kamen Terroranschläge, gegenseitiges Misstrauen, politische Radikalisierung und schwere Fehler auf beiden Seiten. In Israel wuchs der Eindruck, dass die PLO nicht zuverlässig genug gegen Terror vorging und dass die palästinensische Führung in arabischer Sprache oft anders sprach als gegenüber westlichen Diplomaten.
Die Zweite Intifada ab 2000 zerstörte bei vielen Israelis das Vertrauen in den Oslo-Prozess. Selbstmordanschläge, Schießereien, Bombenanschläge und massive Gewalt trafen israelische Zivilisten in Bussen, Cafés, Straßen, Hotels und Einkaufszentren. Für viele Israelis wurde diese Zeit zum Beweis, dass territoriale Zugeständnisse und Anerkennung nicht automatisch Frieden bringen. Die PLO und die Palästinensische Autonomiebehörde verloren dadurch aus israelischer Sicht erheblich an Glaubwürdigkeit.
Gleichzeitig blieb die PLO international wichtig. Sie war weiterhin der diplomatische Rahmen, über den palästinensische Staatlichkeit vertreten wurde. 2012 erhielt Palästina bei den Vereinten Nationen den Status eines Nichtmitgliedstaates mit Beobachterstatus. Dieser Schritt stärkte die internationale Position der palästinensischen Führung, löste aber keine der grundlegenden Fragen vor Ort.
PLO, Fatah und Palästinensische Autonomiebehörde
Für das Verständnis ist die begriffliche Trennung entscheidend. Die PLO ist die Dachorganisation der palästinensischen Nationalbewegung. Die Fatah ist die stärkste Bewegung innerhalb dieser politischen Ordnung. Die Palästinensische Autonomiebehörde ist die Verwaltungsstruktur, die aus Oslo hervorging. In der Praxis überschneiden sich Personal, Macht und Institutionen stark. Mahmud Abbas ist Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, Vorsitzender der PLO und führende Figur der Fatah.
Diese Konzentration von Ämtern ist ein Grund für die politische Erstarrung. Abbas wurde 2005 zum Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde gewählt. Eine reguläre demokratische Erneuerung blieb aus. Die palästinensische Politik leidet deshalb unter einem schweren Legitimationsproblem. Viele Palästinenser erleben ihre Führung als alt, unbeweglich, korruptionsanfällig und weit entfernt von ihrer Lebenswirklichkeit. Die PLO bleibt international anerkannt, aber ihre innere demokratische Grundlage ist schwach.
Hamas und der Machtverlust der PLO
Die größte Herausforderung für die PLO kam von der Hamas. Die Hamas ist keine Mitgliedsorganisation der PLO und verfolgt eine islamistische Ideologie. Sie lehnt Israel grundsätzlich ab und ist als Terrororganisation für schwere Angriffe auf israelische Zivilisten verantwortlich. 2006 gewann die Hamas die palästinensischen Parlamentswahlen. 2007 übernahm sie gewaltsam die Kontrolle über den Gazastreifen. Seitdem ist die palästinensische Politik gespalten: Die Fatah und die Palästinensische Autonomiebehörde kontrollieren Teile von Judäa und Samaria, die Hamas herrscht im Gazastreifen.
Diese Spaltung schwächte die PLO massiv. Sie beansprucht zwar weiterhin die Vertretung aller Palästinenser, hat aber im Gazastreifen keine tatsächliche Kontrolle. Für Israel bedeutet das ein zentrales Sicherheitsproblem. Selbst wenn mit der PLO oder der Palästinensischen Autonomiebehörde verhandelt wird, stellt sich die Frage, ob diese Akteure überhaupt für Gaza sprechen oder Vereinbarungen dort durchsetzen können.
Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 machte diese Frage noch dramatischer. Aus israelischer Sicht kann es keine tragfähige politische Lösung geben, solange ein palästinensisches Machtzentrum von Terrororganisationen beherrscht wird. Die PLO ist dadurch in einer doppelten Schwäche: Sie ist für Diplomatie notwendig, aber politisch nicht stark genug, um die palästinensische Gesellschaft zu einen und Terrororganisationen zu entmachten.
Heutige Bedeutung der PLO
Heute ist die PLO weiterhin international anerkannt und bleibt ein wichtiger diplomatischer Akteur. Sie verfügt über historische Legitimität, institutionelle Strukturen und außenpolitische Kontakte. Zugleich ist sie politisch geschwächt, personell überaltert und demokratisch kaum erneuert. Ihre Führung steht vor dem Problem, dass sie einerseits internationale Anerkennung sucht, andererseits aber in der eigenen Bevölkerung oft wenig Vertrauen genießt.
Mahmud Abbas blieb auch 2026 eine zentrale Figur der Fatah, der Palästinensischen Autonomiebehörde und der PLO. Zugleich wurden Fragen seiner Nachfolge immer drängender. Hussein al-Sheikh wurde als stellvertretender Vorsitzender der PLO zu einem möglichen Nachfolger aufgebaut, doch eine stabile, breit akzeptierte Führungsordnung ist damit nicht garantiert.
Für Israel bleibt die PLO ein widersprüchlicher Gesprächspartner. Sie ist nicht Hamas und nicht Islamischer Dschihad. Sie hat Israel im Oslo-Prozess anerkannt. Aber sie hat viele Zusagen nicht in dem Maß umgesetzt, wie Israel es für notwendig hielt. Zudem bestehen weiterhin Probleme wie Hetze, Märtyrerverehrung, Zahlungen an Familien von Terroristen, Korruption, fehlende Wahlen und die Unfähigkeit, Gaza zu kontrollieren.
Einordnung für das Lexikon
Die PLO ist die wichtigste historische Organisation der palästinensischen Nationalbewegung. Sie wurde 1964 gegründet, lange bevor Israel 1967 die Kontrolle über Judäa und Samaria sowie den Gazastreifen übernahm. Unter Jassir Arafat wurde sie zum Symbol des palästinensischen Anspruchs auf nationale Selbstbestimmung. Ihre Geschichte ist jedoch untrennbar mit Terror, bewaffnetem Kampf, internationaler Diplomatie, Oslo und späterem Machtverlust verbunden.
Für eine genaue Einordnung ist entscheidend: Die PLO ist nicht die Hamas. Sie ist auch nicht identisch mit der Palästinensischen Autonomiebehörde, obwohl beide eng verbunden sind. Sie ist eine Dachorganisation, die international als Vertreterin der Palästinenser anerkannt wurde, deren reale politische Autorität aber durch fehlende demokratische Erneuerung, die Dominanz der Fatah, die Spaltung mit der Hamas und den Verlust der Kontrolle über Gaza stark begrenzt ist.
Die PLO steht damit für eine der großen ungelösten Fragen des Nahostkonflikts: Wer kann verbindlich für die Palästinenser sprechen, Gewalt beenden, Israel als jüdischen Staat akzeptieren und eine politische Ordnung schaffen, die nicht erneut zur Bedrohung Israels wird? Solange diese Frage offen bleibt, bleibt die PLO zwar ein diplomatischer Ansprechpartner, aber kein ausreichender Garant für Frieden.