Roni und Michal aus Tel Aviv sagen: `Iranians we love you´

Roni und Michal aus Tel Aviv sagen:

`Iranians we love you´




Ein Kommentar von Gerrit Liskow

Der Frühling ist auf der Nordhalbkugel zurück. Was liegt angesichts der berstenden Knospen und sprießenden Triebe, angesichts all des frischen Grüns und der zarten Blüten, näher als Liebe zu fühlen - oder sich wenigstens mal zu sagen, dass man sich gern hat?

Und nicht nur die Liebe zu der oder dem Einen, besonderen Andern, sondern auch die Liebe zwischen Mensch und Kreatur. Warum also, kurz gesagt, nicht auch mal den Iranern mitteilen, dass man sie ganz doll gern hat? So in dieser Art, vielleicht: http://www.israelovesiran.com/

Wieso auch nicht! Keiner hat etwas gegen die Menschen aus dem Iran, die unter größten persönlichen Risiken fliehen mussten und durchaus nicht so mir nichts dir nichts als politisch Verfolgte anerkannt wurden, in diesem Schoß der Menschenrechte, der sich EU nennt; auch die „Freunde unserer Freunde“ wie Ruprecht Polenz (CDU) würden dazu etwas sagen können, aber das wäre ein anderes Thema.

Nein, nichts gegen die Iranerinnen und Iraner, im Gegenteil. Und auch nichts gegen die Ägypter, die Inder, die Australier oder die Eskimos. So gut wie alle Menschen sind total töfte, aber das hört leider oftmals genau dann auf, wenn sie sich in größeren Gruppen, oder womöglich gar zu sogenannten Nationen, zusammenschließen und „Politik“ zu machen beginnen; ganz ohne „Politik“ geht es aber anscheinend auch wieder nicht.

Kommen wir deshalb gleich zu Roni Edry und Michal Tamar aus Tel Aviv. Die finden ebenfalls, dass die meisten Menschen total töfte sind; bestimmt mögen sie die ganzen Argentinier, Franzosen und Ukrainer, die in den letzten Jahren aus dem Galut nach Israel eingewandert sind, wirklich ganz gerne. Womöglich mögen sie sogar die Russen (aber bestimmt nicht alle Moldavier - sehen Sie, da fängt’s schon wieder an mit der „Politik“).

Ihnen, den Argentiniern, Franzosen, usw., wollten Roni Edry und Michal Tamar aber nicht sagen, dass sie sie lieben, sondern sie wollten es den Iranern sagen, und zwar nur denen. Das ist ihr gutes Recht, wie gesagt, und irgendwen muss man ja lieben, man fragt sich nur: warum gerade die Iraner? Und warum ausgerechnet jetzt?

Nun, dass wir nichts gegen die Iraner per se und in toto haben, dass wir sie mögen, vielleicht sogar sehr gern haben, oder eben lieben, stand niemals in Frage – genau wie alle anderen Menschen auch. Das ist doch in etwa so selbstverständlich, wie, dass man nicht den Hund oder die Katze der Nachbarn vergiftet, und keine Glasscherben in die Sandkiste auf dem Spielplatz mischt (obwohl es Leute geben soll, die da ganz anderer Ansichten sind, aber das wäre noch ein anderes Thema).

Was also mag diese sympathischen jungen Menschen aus Tel Aviv mit solcher Dringlichkeit dazu bewogen haben, den Iranern zu sagen, dass sie „lieben“ – ausgerechnet während auf den Süden von Israel über dreihundert Raketen iranischer Bauart gehagelt sind (allein in den letzten vier Wochen) und die Mullahs weiterhin die ganze Welt mit ihrem Atombombenprojekt erpressen möchten? Ist das eine merkwürdige Art von Humor? Oder eine merkwürdige Art von Liebe? Oder beides?

Klar, es geht nicht um Politik, werden Roni und Michal jetzt sagen, sondern um die Menschen. Aber sind denn die Mullahs keine Menschen? Vermutlich sind sie sogar Iraner! Lieben sie die auch? Oder ist „Iranians we love you“ vor allem ein PR-Gag von diesen beiden jugendfrischen Start-up Grafikern, die ihre Fifteen-minutes-of-fame nicht abwarten konnten? Wenn es ihnen um die Aufmerksamkeit gegangen wäre, könnte ich das vielleicht sogar noch verstehen, wenigstens ein Stück weit.

Warum aber muss man ausgerechnet in diesem Augenblick der Weltgeschichte ausgerechnet den Iranern sagen, dass man sie liebt, und ausgerechnet angesichts der aktuellen iranischen Politik eben diese Politik so vehement und ostentativ zu ignorieren versuchen?

Wer die Menschen im Iran liebt, hasst die Mullahs und hasst deren Politik. Es sei denn, Roni Edry und Michal Tamar finden es total töfte, was in den iranischen Folterknästen passiert; im Vergleich dazu waren die Militärdiktaturen in Lateinamerika übrigens fast so harmlos wie der Heide Park Soltau. Die Mullahs wiederum sind auch Iraner – und nun, Roni und Michal, die „liebt“ ihr also auch?

Schließt Euer pauschale Liebesurteil „Iranians, we love you“ auch diejenigen Iranerinnen und Iraner mit ein, die in Folterknästen ihren Dienst an der Islamischen Republik versehen? Die Homosexuelle am nächsten Baukran aufhängen, die Ehebrecherinnen steinigen, und Demonstranten auf offener Straße vor laufenden Kameras ermorden? Von Roni Edry und Michal Tamar ist zumindest nichts Gegenteiliges zu erfahren, also gehen wir mal davon aus, dass sie auch sie sehr „lieben“.

Wenn man diese beiden sympathisch wirkenden Menschen, deren Fans und Groupies auf Facebook und bei Youtube bereits in den Hunderttausenden zählen (wie es zuletzt auch Social-justice-Daphne und ihren Campingfreunden erging, mit denen dieses Fanmilieu bestimmt weitgehend identisch ist), wenn man Roni und Michal irgendwie verstehen möchte, kommt man glaube ich um ein Wort nicht herum: Stockholm.

In Stockholm verbrachten, in der Kreditbanken, in den 70ern einige Menschen mehrere Tage in der Gewalt von Verbrechern. Die Geiseln entwickelten in der Folge dieses für sie persönlich bestimmt äußerst einschneidenden, dramatischen Erlebnisses eine Art von Liebe zu ihren Geiselnehmern. Eine Empfindung, für die sie sich übrigens abgrundtief schämten, denn es war ihnen klar, dass sie in der Gewalt von Verbrechern gewesen waren.

Man kennt diese Reaktion seitdem als Stockholm-Syndrom und sie ist in der Folge bei so gut wie allen Opfern langanhaltenden physischen oder psychischen Missbrauchs aufgetreten. Ob nun mit Geiselnahme oder ohne: ab einem bestimmten Punkt existenzieller Abhängigkeit bei gleichzeitiger Ausnutzung dieser Situation durch den „Stärkeren“ beginnen Menschen, ihre Peiniger zu „lieben“, weil sie die Situation gar nicht anders ertragen könnten.

Das ist natürlich verrückt und hat mit Liebe im eingangs beschriebenen Sinne in etwa so viel zu tun, wie Raumschiff Enterprise mit dem Weltraum, aber es ist eine derartig pervertierte Pseudo-Liebe wie ein Selbstschutz wichtig für das Individuum denn sie hält es davon ab, eine noch viel schlimmere Symptomatik zu entwickeln.

Und was gibt es Schöneres, als wenn der Peiniger/die Peinigerin auf das selbstverneinende „Liebes“-Flehen ihres/seines Opfers dann auch noch antwortet: „Ich liebe Dich doch auch – und gerade, weil ich Dich so liebe, muss ich Dich so streng bestrafen!“ Erst dann ist der Double-bind wirklich perfekt: Wenn das Opfer versteht, dass es bestraft werden muss und darum „bittet“ bestraft zu werden – aus „Liebe“, versteht sich, denn für Liebe würden fast alle Menschen fast alles tun.

Anders denn als angemessene Strafe kann ich das nicht verstehen, was da auf das Liebeswerben aus Tel Aviv aus dem Iran zurückgekommen sein soll – „we love you to“ war da zu lesen, na klappt doch!

Wer würde von Menschen, die sich von einer existenziellen Bedrohung verfolgt und gefangen wähnen – eine Gefahr, die sie weder erkennen noch verstehen können, weil das alles zu hoch und zu abstrakt für sie ist - auch noch verlangen, sich vernünftig zu verhalten? Ist es wirklich verwunderlich, dass es ein sensibles Grafikerpäarchen aus Tel Aviv getroffen hat und nicht zwei handfeste LKW-Fahrer aus Bat Yam, die den Iranern ausgerechnet jetzt, während Raketen auf den Süden hageln, sagen müssen, dass sie sie „lieben“?

Da sitzen nun also Roni und Michal in ihrer 32 Quadratmeter Wohnung, nur mit Toilette, vielleicht auch ohne Dusche oder Küche, und selbstverständlich ohne Balkon, dafür aber im angesagten Teil der schicksten Stadt am Mittelmeer und zahlen lieber umgerechnet 1.400 Euro im Monat an Miete (zwei Drittel ihres Einkommens, und der Hüttenkäse ist auch schon wieder teurer geworden), statt auf die andere Seite vom Menachem Begin Expressway zu ziehen– natürlich sind das Gefangene, Gefangene ihrer Bedürfnisse und Wünsche, aber muss man deswegen anfangen, die Mullahs zu lieben?

Den Stockholm-Opfern war übrigens stets klar, dass sie in der Hand von Verbrechern waren. Gerade deshalb waren ihnen ihre emotionalen Reaktionen so abgrundtief peinlich. Roni und Michal aus Tel Aviv hingegen haben offenbar noch nicht mal angefangen zu verstehen, dass die iranische Politik ein Verbrechen ist, das wahrlich nur wenig mit dem Menschen zu tun hat, und dass man sehr wohl gegen bestimmte Iraner sein kann, nämlich die Mullahs und ihrer Schergen, und das auch noch im Interesse aller anderen real existierenden Iranerinnen und Iraner.

Es sei denn, Roni und Michal sehen sich als Gefangene des Biberman-Regimes, dann ist das alles einfach nur ein etwas um die Ecke gedachter Humor von ihnen.

 

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Samstag, 24 März 2012