Erfurt zwischen Erinnerung und Verdrängung – Empörung über „Menschenkette für Gaza“ am Vorabend des 9. NovemberErfurt zwischen Erinnerung und Verdrängung – Empörung über „Menschenkette für Gaza“ am Vorabend des 9. November
In Erfurt sorgt eine Gedenkaktion des Friedensbündnisses für scharfe Kritik aus jüdischen Kreisen – der gewählte Zeitpunkt gilt als Affront gegenüber der Erinnerung an die Reichspogromnacht.

Symbolbild KI generiert
Am Samstag versammelten sich auf dem Theaterplatz in Erfurt rund siebzig Menschen zu einer Veranstaltung, die an die Opfer des Krieges in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen erinnern sollte. Organisiert wurde die Aktion vom „Friedensbündnis Erfurt“, das ursprünglich mehrere Hundert Teilnehmer erwartet hatte. Geplant war eine symbolische Menschenkette in Form einer Friedenstaube – doch das eigentliche Thema des Tages wurde rasch ein anderes: der Zeitpunkt.
Die Veranstaltung fand unmittelbar vor dem 9. November statt, dem Gedenktag an die ReichspogromnachtPogrom: Wenn Hass zur Jagd auf Juden wirdEin Pogrom ist eine kollektive Gewalttat gegen eine Minderheit, besonders gegen Juden. Der Begriff wurde durch antijüdische Gewalt im Russischen Reich bekannt, die Form der Gewalt ist jedoch viel älter.Mehr lesen von 1938. Dieser Termin löste, wie die Thüringer Allgemeine berichtete, heftige Reaktionen in der jüdischen Gemeinschaft des Landes aus. Laut der Zeitung bezeichnete der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, die Entscheidung, gerade zu diesem Datum eine politische Kundgebung zum Nahostkonflikt zu veranstalten, als „grobe Missachtung jüdischer Sensibilitäten“.
Auch Michael Panse, der Antisemitismusbeauftragte des Landes, kritisierte laut Thüringer Allgemeine die Veranstaltung als geschmacklos. Wenn die Namen getöteter Israelis gemeinsam mit jenen aus Gaza verlesen würden, verkenne das den entscheidenden Unterschied: Unter den Toten in Gaza befänden sich zahlreiche HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Kämpfer, also Täter des 7. Oktober. Eine solche Gleichsetzung sei der eigentliche Skandal, so Panse.
Ein Tag, der in Deutschland kein neutraler Tag ist
Dass die Veranstalter erklärten, das Datum sei „nicht bewusst gewählt“ worden, macht die Angelegenheit nicht weniger brisant. Gerade in Deutschland hat der 9. November eine symbolische Schwere, die jeder öffentlichen Initiative bekannt sein muss. An diesem Tag begann 1938 die offene Verfolgung der Juden – von der Zerstörung ihrer Synagogen bis hin zur ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen.
Wer einen Tag zuvor eine Demonstration abhält, die IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen kritisiert oder gar den Begriff „Völkermord“ verwendet, setzt damit ein Signal, das weit über politische Meinung hinausgeht. Es verwischt historische Verantwortung und relativiert die Einzigartigkeit jüdischen Leids.
Zwischen Friedensappell und Feindbild
Nach Informationen der Thüringer Allgemeinen betonte eine Sprecherin des Friedensbündnisses, man wolle „allen Opfern“ gedenken, sowohl den getöteten Palästinensern als auch den ermordeten Juden. Doch ausgerechnet in dieser vermeintlich ausgewogenen Haltung liegt das Problem: Wer Täter und Opfer des 7. Oktober in einem Atemzug nennt, verliert das moralische Fundament der Erinnerung.
Erschwerend kommt hinzu, dass laut der Berichterstattung auch Parolen gegen den „ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen“ auf der Kundgebung zu hören waren – ein Begriff, der in diesem KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen nicht politisch, sondern antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen aufgeladen wirkt. Wo der Begriff „Zionismus“ zum Feindbild wird, steht nicht mehr Frieden im Mittelpunkt, sondern eine Ideologie der SchuldumkehrTäter-Opfer-Umkehr: Wenn Schuld gezielt verdreht wirdTäter-Opfer-Umkehr bezeichnet die Verdrehung von Verantwortung: Täter werden entlastet, Opfer beschuldigt oder moralisch auf die Seite der Täter gerückt. Im Antisemitismus zeigt sich dieses Muster besonders bei Holocaust-Relativierung, Israelhass und der Rechtfertigung von Gewalt gegen Juden oder Israelis.Mehr lesen.
Lehre für die Erinnerungskultur
Die Erfurter Menschenkette wollte ein Zeichen setzen – und setzte das falsche. Aus einer Gedenkveranstaltung wurde ein Symbol dafür, wie brüchig das historische Bewusstsein in Deutschland geworden ist. Wer im Namen des Friedens Israels Verteidigung mit dem Terror der Hamas gleichsetzt, begeht keinen moralischen Ausgleich, sondern eine historische Verkehrung.
Gerade in diesen Tagen muss gelten: Der 9. November ist kein Datum für politische Experimente. Er ist ein Tag der Demut, der Mahnung und der Verantwortung. Wer ihn anders deutet, spielt mit dem Feuer des Vergessens.
Hinweis:
Einzelne Angaben und Zitate in diesem Beitrag beruhen auf Berichterstattung der Thüringer Allgemeinen. Die Redaktion von haOlam.de hat die Inhalte journalistisch ausgewertet, kontextualisiert und eigenständig eingeordnet.
Autor: Redaktion
Sonntag, 09 November 2025