DITIB als Partner gegen Islamismus: Eine gefährliche SelbsttäuschungDITIB als Partner gegen Islamismus: Eine gefährliche Selbsttäuschung
SPD-Abgeordneter Macit Karaahmetoğlu preist DITIB nach dem Berliner Terroranschlag als Partner gegen Islamismus. Doch Hass gegen Juden und Schwule, militärische Inszenierungen und Ankaras offener Umgang mit der Hamas sprechen eine andere Sprache.

Bildnachweis: Symbolbild / KI generiert
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Macit KaraahmetoÄŸlu fordert nach dem islamistischen Terroranschlag in Berlin eine stärkere Rolle der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion. DITIB biete Muslimen ein religiöses Zuhause, leiste Bildungs-, Jugend- und Sozialarbeit und könne deshalb Radikalisierung verhindern, schreibt er. Berechtigte Kritik reduziert er weitgehend auf die Entsendung türkischer Imame und Verstöße einzelner Gemeinden. Die politische Folgerung steht für ihn fest: Der größte muslimische Dachverband solle nicht zurückgedrängt, sondern gestärkt werden.
Diese Forderung verkennt das eigentliche Problem. Niemand bestreitet Muslimen das Recht auf Gemeinden, Seelsorge und religiöse Bildung. Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob der deutsche Staat ausgerechnet einen Verband aufwerten darf, dessen organisatorische Abhängigkeit von einer ausländischen Staatsbehörde fortbesteht und in dessen Umfeld über Jahre hinweg antisemitische, homosexuellenfeindliche, nationalistische und militärisch aufgeladene Botschaften öffentlich bekannt geworden sind.
Juristisch ist eine klare Unterscheidung notwendig: DITIB ist in Deutschland weder verboten noch als Gesamtverband offiziell zur extremistischen Organisation erklärt worden. Es wäre daher unzulässig, jedes Mitglied, jeden Moscheebesucher und jede Ortsgemeinde pauschal für sämtliche dokumentierten Vorfälle verantwortlich zu machen. Doch die Entscheidung über staatliche Zusammenarbeit ist kein Strafverfahren. Ein Verband muss nicht verboten sein, bevor Bund, Länder und Kommunen die Frage stellen dürfen, ob er als Partner für Schulen, Jugendarbeit, Religionsunterricht oder Islamismusprävention geeignet ist.
Die belastenden Vorgänge sind keine Erfindung von DITIB-Gegnern
Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages hielten noch im Juni 2026 fest, dass DITIB mit rund 960 Ortsgemeinden der größte islamische Dachverband Deutschlands ist. Zugleich sei der Verband gemäß seiner Satzung an die türkische Religionsbehörde Diyanet angebunden, die Leitungs-, Steuerungs- und Kontrollbefugnisse wahrnehme. Zwar sollen aus der Türkei entsandte Staatsbeamte schrittweise durch in Deutschland ausgebildete Imame ersetzt werden. Die enge institutionelle Verflechtung sei dadurch jedoch nicht aufgelöst, der satzungsmäßige Einfluss der Diyanet bestehe fort.
Damit geht es nicht allein um einzelne Prediger, die zufällig aus der Türkei kommen. Es geht um eine Struktur, in der religiöse Autorität, Personalentscheidungen und politische Interessen über Jahrzehnte miteinander verbunden waren. Wer diese Abhängigkeit als vorübergehenden Mangel behandelt, verharmlost den Kern des Konflikts: DITIB soll in Deutschland Integration fördern, bleibt aber zugleich einer Behörde verbunden, die unmittelbar in das Machtgefüge des türkischen Staates eingebunden ist.
Auch die antisemitischen Vorgänge lassen sich nicht mit einem Hinweis auf vereinzelte Entgleisungen erledigen. Eine Untersuchung des American Jewish Committee dokumentiert, dass eine DITIB-Gemeinde auf ihrer Internetseite eine Sammlung von Texten verbreitete, in denen Juden pauschal als geizig, gemein, böse und gewalttätig dargestellt wurden. Ein in DITIB-Gemeinden tätiger Imam pries Ahmad Yasin, den Mitgründer der Terrororganisation HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, als vorbildlichen Kämpfer für JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen. Der langjährige Vorsitzende der Göttinger DITIB-Gemeinde wurde wegen antisemitischer Veröffentlichungen wegen VolksverhetzungVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen zu einer Bewährungsstrafe und einer Geldauflage verurteilt. Bei einer Untersuchung öffentlich zugänglicher Profile von Funktionären aus mehreren DITIB-Gemeinden wurden zudem antisemitische, antidemokratische und türkisch-nationalistische Inhalte festgestellt.
Das sind unterschiedliche Fälle aus unterschiedlichen Jahren und Gemeinden. Gerade deshalb ist es unredlich, sie sämtlich als bedeutungslose Ausnahmen abzutun. Wenn Funktionäre aus mehreren Städten judenfeindliche Verschwörungserzählungen verbreiten, ein Imam einen Hamas-Gründer lobt und ein Gemeindevorsitzender wegen Volksverhetzung verurteilt wird, besteht zumindest ein erhebliches strukturelles Problem. Ein Präventionspartner müsste solche Entwicklungen frühzeitig erkennen und verhindern. Bei DITIB erfolgten Konsequenzen wiederholt erst, nachdem Medien, jüdische Organisationen oder Politiker die Vorgänge öffentlich gemacht hatten.
Hinzu kommt die politische und militärische Mobilisierung in Moscheen. Während türkischer Militäreinsätze wurden DITIB-Gemeinden aus dem Umfeld der Diyanet zum Gebet für den Sieg der türkischen Streitkräfte aufgerufen. Aus einer Gemeinde in Herne wurde ein Gebet bekannt, in dem Allah um den Sieg der „glorreichen Armee“ gebeten wurde. Bereits 2018 waren in einer DITIB-Moschee in Herford Kinder in Militäruniformen mit Spielzeugwaffen aufgetreten. Im April 2026 sorgte eine DITIB-Gemeinde in Garbsen erneut für Kritik, nachdem Kinder die Schlacht von Gallipoli nachgestellt hatten und dabei Krieg, Tod und Heldentum inszeniert wurden.
Solche Bilder sind nicht automatisch ein Beweis für die Vorbereitung terroristischer Gewalt. Sie zeigen aber, welches Verständnis von Religion, Nation und Erziehung in Teilen des Verbandes sichtbar wird. Kinder in Moscheen an militärische Opferbereitschaft und nationalen Heldenkult heranzuführen, ist das Gegenteil jener demokratischen und friedlichen Jugendarbeit, mit der KaraahmetoÄŸlu seine Forderung nach einer Stärkung von DITIB begründet.
Für schwule und andere queere Menschen ist die Vorstellung von DITIB als gesellschaftlichem Schutzraum ebenso schwer nachvollziehbar. Der damalige Präsident der Diyanet, Ali ErbaÅŸ, erklärte 2020 in einer Predigt, der Islam verfluche Homosexualität, und stellte gleichgeschlechtliche Beziehungen in einen Zusammenhang mit Krankheiten. Präsident Recep Tayyip ErdoÄŸan stellte sich hinter ihn. Von der deutschen DITIB kam damals keine klare und sofortige öffentliche Abgrenzung, die der Schwere dieser Aussagen entsprochen hätte.
Das American Jewish Committee dokumentierte zudem eine geplante Veranstaltung in einer DITIB-Gemeinde in Rheinland-Pfalz mit dem Historiker Ahmet Simsirgil. Dieser hatte Homosexualität als Krankheit bezeichnet und behauptet, der Westen wolle die Türkei mit einer finanzierten „LGBT-Lobby“ unterwandern. Die Veranstaltung wurde erst nach öffentlichem Druck abgesagt, der zuständige DITIB-Landesvorsitzende trat später zurück.
Für einen schwulen Jugendlichen in einer religiös-konservativen Familie sind solche Botschaften keine theoretische Auseinandersetzung über Glaubenssätze. Sie können Scham, Selbsthass, familiären Druck und gesellschaftliche Ausgrenzung verstärken. Wer Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung als krank, sündhaft oder als Gefahr für die Familie beschreibt, trägt nicht zur Prävention bei. Er schafft einen Nährboden, auf dem Verachtung gesellschaftlich und religiös gerechtfertigt erscheint.
Ankara empfängt die Hamas und Deutschland soll DITIB vertrauen
Wie gefährlich die fortbestehende Abhängigkeit von Ankara ist, zeigt auch die Haltung des türkischen Staates zur Hamas. Am 29. Juli 2026 empfing der türkische Außenminister Hakan Fidan in Ankara eine Hamas-Delegation unter Leitung von Halil al-Hayya, dem Chef des politischen Büros der Organisation. Das türkische Außenministerium veröffentlichte das Treffen selbst und bezeichnete die Besucher ohne erkennbare Distanzierung als offizielle Hamas-Delegation.
In Deutschland dagegen ist die Betätigung der Hamas seit November 2023 verboten. Die Europäische Union führt die Hamas im Rahmen ihrer Maßnahmen gegen Terrorismus und weitete im Mai 2026 ihre Sanktionen gegen Mitglieder des politischen Büros aus. Der Europäische Rat begründete dies unter anderem damit, dass führende Mitglieder des Politbüros Einfluss auf die gewaltsamen Handlungen der Organisation hätten und diese öffentlich rechtfertigten.
Aus dem Treffen Fidans folgt nicht automatisch, dass DITIB selbst die Hamas unterstützt. Eine solche Behauptung wäre ohne weitere Belege nicht zulässig. Das Treffen zeigt jedoch, wie grundsätzlich anders Ankara mit der Terrororganisation umgeht als Deutschland und die Europäische Union. Genau deshalb ist die institutionelle Bindung eines deutschen Moscheeverbandes an den türkischen Staatsapparat keine nebensächliche Formalie.
Der Konflikt wurde bereits 2025 unübersehbar. Auf einer von der Diyanet mitorganisierten Konferenz in Istanbul wurde in der Abschlusserklärung der bewaffnete Widerstand gegen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen unterstützt und dazu aufgerufen, die islamische Gemeinschaft zu allen Formen des Dschihad zu mobilisieren. Das Bundesinnenministerium verlangte daraufhin von DITIB ein klares Bekenntnis gegen Islamismus und AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen und machte deutlich, dass die weitere Zusammenarbeit auch vom Verhalten des Verbandes und vom tatsächlichen Abbau ausländischer Einflussnahme abhänge.
Damit ist KaraahmetoÄŸlus Forderung politisch besonders befremdlich. Während die türkische Religionsbehörde an einer Erklärung beteiligt ist, die bewaffneten Widerstand und Dschihad beschwört, während der türkische Außenminister die Führung der Hamas empfängt und während aus deutschen DITIB-Strukturen wiederholt Antisemitismus und Homosexuellenfeindlichkeit bekannt werden, erklärt ein SPD-Bundestagsabgeordneter denselben Verband zum Schutzwall gegen Radikalisierung.
Deutschland braucht muslimische Gemeinden, aber keine religiöse Außenstelle Ankaras. Es braucht Imame, die hier ausgebildet werden, dauerhaft in diesem Land leben, Deutsch sprechen und keinem ausländischen Staat verpflichtet sind. Es braucht muslimische Organisationen, die das Existenzrecht IsraelsExistenzrecht Israels: Das Recht des jüdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jüdischen Staates, als souveräner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage.Mehr lesen ohne Vorbehalt anerkennen, die Hamas als Terrororganisation benennen und homosexuelle Menschen nicht als Krankheit, Sünde oder westliche Verschwörung behandeln.
DITIB könnte selbst Schritte in diese Richtung unternehmen: durch eine vollständige organisatorische Trennung von der Diyanet, unabhängige Finanzierung, transparente Personalentscheidungen, eine vorbehaltlose Verurteilung der Hamas sowie verbindliche Konsequenzen bei antisemitischen und homosexuellenfeindlichen Aussagen. Solange diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind, ist die Forderung nach einer Stärkung des Verbandes unverantwortlich.
Wer DITIB heute politisch aufwertet, stärkt nicht automatisch das muslimische Leben in Deutschland. Er stärkt zunächst einen Verband, dessen Abhängigkeit von Ankara weiterhin dokumentiert ist und dessen öffentliche Bilanz zu viele Warnzeichen enthält. Für Juden, Schwule, türkische Oppositionelle und liberale Muslime wäre das kein Beitrag zu mehr Sicherheit. Es wäre die Fortsetzung einer Politik, die bekannte Gefahren kleinredet, bis ihre Folgen nicht mehr zu übersehen sind.
Autor: Samuel Benning
Freitag, 31 Juli 2026