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Wegen hebräischen Akzents abgewiesen: Israeli verklagt Berliner Restaurant

Wegen hebräischen Akzents abgewiesen: Israeli verklagt Berliner Restaurant


Ein Israeli wollte mit seiner Partnerin in Berlin Hummus essen. Nach seiner Darstellung erkannte ein Kellner seinen hebräischen Akzent, erklärte das Lokal zum „palästinensischen Ort“ und zeigte ihm schließlich die Tür. Nun landet der Fall vor Gericht.

Wegen hebräischen Akzents abgewiesen: Israeli verklagt Berliner Restaurant
Bildnachweis: Pixabay

Ein Restaurantbesuch an einem Sonntagmorgen in Berlin Prenzlauer Berg sollte für Elias und seine Partnerin nichts Besonderes sein. Der 35 Jahre alte Israeli lebt seit rund zwei Jahren in der deutschen Hauptstadt, arbeitet in der Datenanalyse und besucht nach eigenen Angaben regelmäßig israelische, syrische, libanesische und irakische Restaurants. Essen aus dem Nahen Osten erinnere ihn an seine Heimat. Probleme wegen seiner jüdischen oder israelischen Herkunft habe er dabei bis zu diesem Tag nicht erlebt.

Im Februar betraten die beiden spontan das Restaurant Al Hamra in der Raumerstraße. Elias schildert gegenüber Ynetnews, zunächst sei alles völlig normal gewesen. Erst eine einfache Frage zu zwei Hummus Gerichten habe die Situation verändert.

Der Kellner habe seine Aussprache korrigiert und ihm erklärt, wie das Wort auf Deutsch beziehungsweise in dem Lokal auszusprechen sei. Als Elias die Frage wiederholte, soll der Mitarbeiter erklärt haben, „Hummus“ in seiner Aussprache sei ein israelisches Wort. Dies sei ein palästinensischer Ort, hier spreche man es anders aus.

Zu diesem Zeitpunkt, betont Elias, habe er noch gar nicht gesagt, dass er Israeli sei.

Als er erklärte, dies sei einfach sein natürlicher Akzent, habe der Kellner mit einer angewiderten Mimik und einer abweisenden Handbewegung reagiert. Elias Partnerin habe daraufhin gesagt, wenn Menschen wegen eines israelischen Akzents nicht bedient würden, wollten sie dort ohnehin nicht bleiben.

Elias fragte den Kellner schließlich ausdrücklich, ob er ihn nicht bedienen wolle, weil er Israeli sei.

Nach seiner Darstellung zeigte der Mann daraufhin zur Tür und machte deutlich, dass er tatsächlich gehen solle.

Damit geht es nicht mehr um eine Auseinandersetzung darüber, wem Hummus kulturell gehört, wie ein arabisches Wort ausgesprochen wird oder welche politische Haltung jemand zum Krieg im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen vertritt.

Wenn die Schilderung von Elias zutrifft, wurde einem Gast die Bedienung verweigert, nachdem seine israelische Herkunft erkannt worden war.

Das Restaurant hat nach Angaben von Elias weder auf ein Schreiben der Beratungsstelle OFEK noch auf ein späteres anwaltliches Schreiben reagiert. Eine gerichtliche Entscheidung über seine Vorwürfe liegt bislang nicht vor. Genau deshalb müssen die konkreten Vorwürfe zunächst als seine Darstellung behandelt werden.

Aus dem Akzent wird eine politische Gesinnung

Besonders aufschlussreich ist ein weiterer Teil der Begegnung.

Elias sagt, er habe noch versucht, die Situation zu beruhigen. Er habe dem Kellner erklärt, dass er nichts gegen dessen politische Ansichten habe und lediglich essen wolle. Daraufhin habe der Mitarbeiter erklärt, er selbst habe sehr wohl etwas gegen Elias politische Haltung.

Nur: Elias hatte ihm nach eigener Aussage überhaupt keine politische Haltung genannt.

Als er fragte, woher der Kellner wissen wolle, was er denke, soll die Antwort sinngemäß gelautet haben: Das könne man an seiner Aussprache des Wortes Hummus erkennen.

Genau hier wird aus einer persönlichen Auseinandersetzung ein größeres Problem.

Ein israelischer Akzent sagt nichts darüber aus, wie ein Mensch Benjamin Netanjahu bewertet. Er verrät nicht, wie jemand über Gaza, einen Palästinenserstaat, die israelische Regierung oder einzelne militärische Entscheidungen denkt. Wer einem Israeli allein aufgrund seiner Herkunft eine politische Position zuschreibt und ihn anschließend dafür verantwortlich macht, behandelt ihn nicht mehr als Individuum.

Das ist das Prinzip kollektiver Zuschreibung, das beim israelbezogenen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen immer wieder sichtbar wird.

RIAS Berlin dokumentierte 2025 insgesamt 2.197 antisemitische Vorfälle in der Hauptstadt. Das waren durchschnittlich rund sechs Vorfälle pro Tag. 67,7 Prozent standen im Zusammenhang mit israelbezogenem Antisemitismus. RIAS stellte zudem ausdrücklich fest, dass antisemitische Vorfälle in gastronomischen Einrichtungen gegenüber dem Vorjahr zunahmen. Betroffen waren sowohl Gäste als auch Betreiber.

Die Beratungsstelle OFEK, an die sich auch Elias wandte, beschreibt ebenfalls eine anhaltend hohe Belastung. Zwischen Oktober 2024 und September 2025 wurden bundesweit 1.108 Beratungsfälle wegen antisemitischer Gewalt und Diskriminierung registriert. Im ersten Jahr nach dem Hamas Massaker7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen waren es sogar 1.858 Fälle gewesen.

Elias beschreibt seinen Fall deshalb nicht als isolierte persönliche Kränkung. Seit dem 7. Oktober habe sich das Klima für Israelis und Juden in Berlin spürbar verändert. Er selbst habe diese Entwicklung bis zum Restaurantbesuch eher von außen wahrgenommen. Nun sei sie in seinem eigenen Alltag angekommen.

Das Gefühl danach beschreibt er als Demütigung.

Er und seine Partnerin hätten lediglich Hummus essen wollen. Stattdessen habe er sich plötzlich in einer Situation befunden, in der seine Aussprache genügte, um ihn politisch einzuordnen und schließlich aus einem öffentlich zugänglichen Lokal hinauszuweisen.

Besonders bitter ist eine weitere von Elias geschilderte Bemerkung. Der Kellner habe ihnen sarkastisch empfohlen, in das gegenüberliegende Café Benedict zu gehen. Elias verstand die Botschaft so: Geht zu Leuten, die zu euch gehören.

Berlin lebt von der Behauptung, Menschen unterschiedlichster Herkunft könnten hier nebeneinander leben. Gerade dann darf ein Restauranttisch nicht nach Nationalität, Akzent oder zugeschriebener politischer Haltung vergeben werden.

Jetzt soll ein Gericht entscheiden

Nach zwei nach Angaben von Elias unbeantworteten Schreiben hat er inzwischen eine Zivilklage vor einem Berliner Gericht eingereicht. Er beruft sich dabei auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.

Das AGG schützt ausdrücklich vor Benachteiligungen unter anderem wegen ethnischer Herkunft und Religion. Sein Anwendungsbereich umfasst auch den Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, die der Öffentlichkeit angeboten werden. § 19 verbietet entsprechende Benachteiligungen bei sogenannten Massengeschäften, zu denen grundsätzlich auch gewöhnliche Dienstleistungen des täglichen Lebens gehören können. Ob die von Elias geschilderte Situation die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt und wie seine israelische Herkunft im konkreten Fall rechtlich einzuordnen ist, muss nun das Gericht entscheiden.

Das ist wichtig, denn nicht jede widerwärtige Äußerung ist automatisch ein Verstoß gegen das AGG. Ebenso wenig beweist eine Klage, dass die Vorwürfe tatsächlich so geschehen sind. Der Rechtsstaat verlangt Beweise und gibt auch der beklagten Seite Gelegenheit zur Stellungnahme.

Aber genau dafür gibt es ein Gericht.

Elias geht es nach eigener Aussage nicht nur um eine Entschädigung. Er will feststellen lassen, dass öffentlich zugängliche Restaurants in Deutschland Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft ausschließen dürfen. Außerdem wolle er andere Juden und Israelis ermutigen, Diskriminierung nicht schweigend hinzunehmen.

Seine Haltung zu Berlin hat der Vorfall nicht grundsätzlich verändert. Er will bleiben. Er besucht weiterhin Synagogen, israelische Einrichtungen und koschere Geschäfte. Auch arabische Restaurants will er ausdrücklich nicht meiden.

Das ist vielleicht der wichtigste Teil seiner Reaktion.

Elias verweigert sich der Logik, die ihm nach seiner Darstellung im Restaurant begegnete. Er will nicht alle PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen, Araber oder Betreiber arabischer Restaurants für das Verhalten eines einzelnen Kellners verantwortlich machen.

Genau dieselbe Individualität beansprucht er für sich selbst.

Berlin liefert dabei einen bemerkenswerten Gegenentwurf praktisch um die Ecke. Ebenfalls in Prenzlauer Berg betreiben der Israeli Oz Ben David und der Palästinenser Jalil Dabit gemeinsam das Restaurant Kanaan. Ihr Hummus Projekt wurde über Jahre zu einem Symbol dafür, dass israelische und palästinensische Identität nicht zwangsläufig Feindschaft bedeuten müssen. Das Lokal veranstaltete gemeinsame Projekte mit Israelis, Palästinensern und Geflüchteten und wurde von Berlin für seinen Einsatz für Verständigung ausgezeichnet. Gleichzeitig wurde auch Kanaan seit dem 7. Oktober zum Ziel politischer Anfeindungen.

Der Gegensatz könnte kaum größer sein.

An einem Ort wird Hummus bewusst zum verbindenden Element zwischen Israelis und Palästinensern.

An einem anderen soll nach der Darstellung von Elias bereits die Art, wie ein Israeli das Wort ausspricht, gereicht haben, um ihm zu erklären, dass er dort nicht hingehört.

Noch ist das ein Vorwurf. Jetzt wird ein Gericht prüfen müssen, was tatsächlich geschah und welche rechtlichen Folgen daraus entstehen.

Für Elias ist die Sache bereits grundsätzlicher geworden. Ein Restaurant in Berlin sei ein öffentlicher Ort. Wer dort essen darf, dürfe nicht davon abhängen, ob ein Kellner den Akzent eines Gastes mag, dessen Herkunft akzeptiert oder glaubt, seine politischen Ansichten aus einem einzigen Wort herauszuhören.

Deutschland kann jüdisches Leben nicht gleichzeitig als Teil seiner Gesellschaft bezeichnen und hinnehmen, dass Israelis im Alltag lernen, besser nicht israelisch zu klingen.




Autor: Redaktion
Sonntag, 09 August 2026

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