Imame für Deutschland statt Einfluss aus AnkaraImame für Deutschland statt Einfluss aus Ankara
Der französische Imam Hassen Chalghoumi warnt vor ausländischer Kontrolle muslimischer Gemeinden in Europa. Die deutsche Debatte trifft er damit an einem empfindlichen Punkt: Noch immer werden viele Imame im Ausland ausgebildet.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Es ist bemerkenswert, wenn ausgerechnet ein Imam ausspricht, worüber deutsche Politik seit Jahren vorsichtig diskutiert: Wer in Deutschland auf der Kanzel einer Moschee steht, sollte nicht die politischen Interessen Ankaras, ausländischer Regierungen oder islamistischer Bewegungen vertreten. Er sollte für die Menschen da sein, die hier leben.
Hassen Chalghoumi, Präsident der französischen Conférence des Imams und Imam von Drancy bei Paris, hat deshalb die jüngste bayerische Debatte über eine eigene Ausbildung muslimischer Geistlicher ausdrücklich begrüßt. In einem von MEMRI veröffentlichten Interview warnt er vor ausländischer Einflussnahme auf muslimische Gemeinden in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Staaten. Besonders nennt er die Türkei und einige arabische Länder. Nach seiner Vorstellung braucht Europa Imame, die sich dem Land verbunden fühlen, in dem sie leben und arbeiten, statt politische Interessen von außen in die Moscheen zu tragen.
Das klingt eigentlich selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Denn ein Imam ist für viele gläubige Muslime weit mehr als der Mann, der am Freitag das Gebet leitet. Er spricht mit Jugendlichen, berät Familien, begleitet Hochzeiten und Beerdigungen, beantwortet religiöse Fragen und kann erheblichen Einfluss darauf haben, wie Menschen ihre Umgebung und ihre Rolle in der Gesellschaft wahrnehmen. Wer einen Imam entsendet, finanziert oder ausbildet, kann deshalb mittelbar auch Einfluss auf eine Gemeinde gewinnen.
Genau darum geht es bei der seit Jahren geführten Diskussion über ausländische Imame in Deutschland. Nach einer aktuellen Zusammenstellung des Mediendienstes Integration arbeiten bundesweit schätzungsweise 2.000 bis 2.500 Imame. Ein großer Teil wurde außerhalb Deutschlands ausgebildet. Über Jahrzehnte war insbesondere bei der türkisch geprägten DITIB üblich, dass Geistliche über die türkische Religionsbehörde Diyanet nach Deutschland kamen. Inzwischen existieren zwar deutsche Ausbildungswege, das Problem ist damit aber längst nicht erledigt.
Chalghoumis Forderung trifft deshalb einen Nerv: Warum sollte ein junger Muslim, der in München, Nürnberg oder Augsburg geboren wurde, in einer deutschen Schule gelernt hat und seinen Alltag in Deutschland verbringt, religiöse Orientierung von einem Prediger erhalten, der womöglich erst vor kurzer Zeit aus einem anderen Land gekommen ist, kaum Deutsch spricht und eine politische Wirklichkeit vermittelt, die mit seinem Leben wenig zu tun hat?
Noch problematischer wird es, wenn hinter dieser religiösen Verbindung politische Interessen stehen.
Bayern diskutiert, aber entschieden ist wenig
Im Bayerischen Landtag wurde am 9. Juli ausführlich über Möglichkeiten einer Imam-Ausbildung im Freistaat gesprochen. Religionspädagogen, muslimische Vertreter und Fachleute diskutierten darüber, wie Geistliche stärker in Deutschland ausgebildet und auf ihre vielfältigen Aufgaben vorbereitet werden könnten. Gönül Yerli von der Islamischen Gemeinde Penzberg brachte die Idee auf eine eingängige Formel: ein Imam „made in Bavaria“. Der in Weiden tätige Imam Maher Khedr verwies darauf, dass ein Geistlicher auch das deutsche Rechtssystem und den demokratischen Staat verstehen müsse.
Allerdings sollte man aus der Debatte keinen bereits beschlossenen bayerischen Kurs machen. Ein Antrag der Grünen für ein eigenes Aus- und Fortbildungsprogramm wurde im Landtag mehrheitlich abgelehnt. SPD-Abgeordnete unterstützten ihn, CSU, Freie Wähler und AfD stimmten dagegen. Es gibt also eine ernsthafte Diskussion und durchaus Zustimmung zur stärkeren Ausbildung in Deutschland, aber keinen fertigen staatlichen Plan, der nun einfach umgesetzt würde.
Gerade deshalb ist Chalghoumis Intervention interessant. Er argumentiert nicht gegen den Islam in Europa, sondern aus ihm heraus. Sein Punkt ist gerade, dass europäische Muslime religiöse Autoritäten brauchen, die ihre Lebenswirklichkeit kennen und nicht als verlängerte Arme ausländischer Politik auftreten.
Das ist ein Unterschied, der in der deutschen Debatte viel zu häufig verloren geht.
Kritik an politischem Islam oder ausländischer Einflussnahme ist keine Kritik daran, dass Muslime Moscheen besuchen, Imame benötigen oder ihren Glauben leben. Im Gegenteil. Wer möchte, dass sich dauerhaft ein eigenständiges muslimisches Leben in Deutschland entwickelt, muss sich irgendwann auch fragen, warum dessen geistliche Autoritäten von ausländischen Strukturen abhängig bleiben sollten.
Und Bayern hat durchaus Gründe, genau hinzusehen.
Der aktuelle Verfassungsschutzbericht des Freistaates widmet der Milli-Görüş-Bewegung ein eigenes Kapitel. Rund 1.400 Aktivisten und Funktionäre werden dem extremistischen Spektrum der Bewegung in Bayern zugerechnet. Der Verfassungsschutz kennt dort 40 Ortsvereine der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş. Regionalverbände befinden sich in München und Nürnberg. Wichtig ist die genaue Formulierung: Nicht jedes Mitglied oder jeder Besucher einer IGMG-Moschee wird damit automatisch zum Extremisten erklärt. Der Verfassungsschutz hat seinen Bewertungsmaßstab sogar verändert und zählt nur noch Personen, die extremistische Ideologie aktiv verbreiten oder aufgrund ihrer herausgehobenen Position dazu in der Lage sind.
Das macht die übrigen Feststellungen allerdings nicht harmlos.
Nach Einschätzung des Bayerischen Landesamtes sind bei Funktionären der IGMG in Bayern weiterhin Bezüge zur islamistischen Ideologie der Milli-Görüş-Bewegung feststellbar. Der Bericht beschreibt deren ideologisches Ziel als Ersatz einer westlichen, demokratischen Ordnung durch eine islamistische Gesellschaftsordnung. Er nennt außerdem die Ablehnung des Existenzrechts Israels sowie antisemitische oder stark antizionistische Bestandteile dieser Ideologie.
Das ist der Hintergrund, vor dem eine Debatte über Imame eben keine belanglose bildungspolitische Spezialfrage ist.
Wer predigt in den Moscheen? Wer bildet diese Menschen aus? Wer bezahlt sie? Welche Organisation entscheidet, wer eine Gemeinde religiös prägt? Und wem fühlt sich ein Geistlicher verpflichtet, wenn politische Interessen seines Herkunftslandes mit der Gesellschaft kollidieren, in der seine Gemeinde tatsächlich lebt?
Diese Fragen sind weder islamfeindlich noch unanständig. Eine demokratische Gesellschaft muss sie stellen dürfen.
Ein deutscher Islam braucht deutsche Verantwortung
Eine Ausbildung in Deutschland löst natürlich nicht jedes Problem. Ein Mensch wird nicht allein dadurch liberal oder demokratisch, dass sein Zeugnis aus Osnabrück, Erlangen oder München stammt. Auch in Deutschland können extremistische Ideologien gelehrt und verbreitet werden. Umgekehrt ist ein im Ausland ausgebildeter Imam selbstverständlich nicht automatisch Islamist.
Es geht um etwas Grundsätzlicheres: Abhängigkeit.
Ein funktionierendes Modell müsste religiöse Freiheit gewährleisten, ohne politische Steuerung aus Ankara, Teheran oder anderen Hauptstädten einfach hinzunehmen. Der Staat darf keine islamische Theologie festlegen. Das wäre mit der Religionsfreiheit kaum vereinbar. Er kann aber Rahmenbedingungen schaffen, damit hier ausgebildete Geistliche Sprache, Rechtsordnung, gesellschaftliche Realität und Geschichte Deutschlands kennen und Gemeinden eine tatsächliche Alternative zu importierten Predigern bekommen.
Das Islamkolleg Deutschland in Osnabrück versucht bereits genau diesen Weg. Es bildet verbandsübergreifend und auf Deutsch Imame und anderes religiöses Personal aus. Im September 2026 beginnt dort der nächste Ausbildungsgang. Das zeigt auch: Deutschland muss nicht bei null anfangen.
Die schwierigere Frage lautet vielmehr, ob Moscheeverbände solche unabhängigen Modelle überhaupt ausreichend nutzen wollen und wie Gemeinden ihre Geistlichen dauerhaft finanzieren sollen, wenn das Geld nicht mehr aus dem Ausland kommt.
An diesem Punkt wird aus Integrationspolitik echte Unabhängigkeitspolitik.
Denn wer ausländischen Einfluss zurückdrängen will, kann nicht nur verlangen, dass keine Imame mehr geschickt werden. Deutschland muss ermöglichen, dass Gemeinden ihre religiösen Strukturen selbst tragen können, ohne dafür den Preis politischer Loyalität gegenüber einem anderen Staat zu zahlen.
Chalghoumis Warnung sollte deshalb ernst genommen werden. Nicht weil jeder ausländische Imam eine Gefahr wäre. Sondern weil eine europäische Demokratie auf Dauer nicht akzeptieren sollte, dass andere Staaten religiöse Institutionen auf ihrem Boden als Instrument politischer Einflussnahme benutzen können.
Muslime in Deutschland sind keine Außenstelle der Türkei und keine Verfügungsmasse irgendeiner arabischen Regierung. Wer hier lebt, hier Kinder großzieht und hier seine Zukunft sieht, verdient religiöse Ansprechpartner, die genau diese Wirklichkeit kennen.
Ein Imam in Deutschland sollte wissen, was seine Gemeinde bewegt, wenn in einer deutschen Schule AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen auftaucht. Er sollte jungen Menschen erklären können, warum Religionsfreiheit auch die Freiheit des anderen umfasst. Er sollte den Rechtsstaat nicht als fremde Ordnung betrachten, mit der man irgendwie leben muss, sondern als die Ordnung, die auch seine eigene Moschee schützt.
Und er sollte vor allem eines nicht sein: der politische Vertreter eines anderen Landes im Gebetsraum.
Wenn Deutschland einen Islam möchte, der wirklich Teil dieses Landes ist, kommt es um diese Diskussion nicht herum.
Autor: Redaktion
Mittwoch, 19 August 2026