Deutscher Buchpreis unter Druck: Uwe Becker fordert Abberufung von Maha El HissyDeutscher Buchpreis unter Druck: Uwe Becker fordert Abberufung von Maha El Hissy
Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker fordert Konsequenzen beim Deutschen Buchpreis. Jurorin Maha El Hissy verbreite israelfeindliche Stereotype und überschreite die Grenze legitimer Israelkritik.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Die Besetzung der Jury des Deutschen Buchpreises 2026 entwickelt sich zunehmend zum politischen Problem. Nach Daniel Neumann, dem Vorsitzenden des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, fordert nun auch Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker Konsequenzen. Die Akademie Deutscher Buchpreis solle die Berufung der Literaturkritikerin Maha El Hissy zurücknehmen. Becker bezeichnet sie als „Multiplikatorin israelfeindlicher Stereotype“ und ihre Berufung als „falsches Signal in schwieriger Zeit“. Seine Kritik richtet sich ausdrücklich nicht gegen Israelkritik als solche, sondern gegen eine öffentliche Darstellung Israels, die nach seiner Einschätzung die Grenze zur Dämonisierung überschreitet.
Die Akademie Deutscher Buchpreis hatte El Hissy im April zusammen mit sechs weiteren Literaturexperten in die Jury berufen. Das Gremium entscheidet über den Deutschen Buchpreis 2026 und damit über eine der wichtigsten Auszeichnungen des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Insgesamt wurden in diesem Jahr 180 Romane eingereicht. Auf der offiziellen Seite des Deutschen Buchpreises wird El Hissy weiterhin als Mitglied der siebenköpfigen Jury geführt.
Beckers Kritik kommt dabei nicht aus dem luftleeren Raum. Er verweist auf Positionen El Hissys, in denen Begriffe wie Siedlerkolonialismus, Apartheid, ethnische Säuberung und Völkermord zur Beschreibung Israels beziehungsweise des israelisch-palästinensischen Konflikts verwendet werden. Diese Begriffe finden sich tatsächlich in ihrer mehrteiligen Essayreihe „Literature of Unsettlement“ in der Berlin Review. Im ersten Teil beschreibt sie die palästinensische Erfahrung unter anderem im KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen von „Militärbesatzung, Vertreibung, Landnahme und Siedlerkolonialismus“ und spricht später von einem „kolonialen Establishment“.
Noch deutlicher wird die politische Einordnung im vierten Teil der Reihe. Dort schreibt El Hissy nicht lediglich über die Genozidbehauptung als eine kontroverse politische oder juristische Position, sondern erklärt einen Genozid in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen als etwas, das „tatsächlich stattgefunden hat und weiter stattfindet“. Im selben Essay verwendet sie die Begriffe „ethnische Säuberung“, „Apartheid“ und „Siedlerkolonialismus“. Im dritten Teil wiederum beschreibt sie Deutschland als ein Land, das nach ihrer Darstellung „an vorderster Front zu einem Völkermord“ beitrage.
Genau hier liegt der Kern der Kritik. Es geht nicht darum, einer Literaturkritikerin politische Ansichten zu verbieten. Auch ausgesprochen scharfe Kritik an IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen ist von der Meinungsfreiheit geschützt. Eine Jury für einen Literaturpreis ist ebenfalls kein außenpolitisches Gremium und ihre Mitglieder müssen keine gemeinsame Haltung zu Israel vertreten. Die Frage ist vielmehr, welche Maßstäbe eine Institution anlegt, wenn sie Personen mit erheblicher kultureller Autorität ausstattet.
Nicht die Kritik an Israel ist das Problem
Becker formuliert die Grenze ausdrücklich: Legitime Kritik an israelischer Politik müsse möglich bleiben. Problematisch werde es, wenn aus Kritik ein geschlossenes Bild werde, in dem Israel durchgehend mit kolonialer Unterdrückung, Apartheid, ethnischer Säuberung und Völkermord verbunden werde. Eine solche Darstellung trage nach seiner Einschätzung zur „Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas“ und zum Anwachsen des israelbezogenen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen bei.
Daniel Neumann hatte bereits zuvor ähnlich argumentiert. Der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen bezeichnete El Hissys Essayreihe als „literarisch verpackten Antizionismus“ und „poetischen IsraelhassAnti-Zionismus: Wenn Israelhass als Politik getarnt wirdAnti-Zionismus bezeichnet die Ablehnung des Zionismus und damit häufig die Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung im Staat Israel. Nicht jede Kritik an israelischer Politik ist antisemitisch. Anti-Zionismus wird jedoch dort antisemitisch, wo Israel delegitimiert, dämonisiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen“. Seine Kritik richtet sich insbesondere gegen die Einseitigkeit der historischen Erzählung. Israel erscheine darin praktisch ausschließlich als Täter, während die komplexe Geschichte des Konflikts und jüdische historische Bezüge zum Land weitgehend aus dem Blick gerieten.
Ein Blick in die Originaltexte zeigt zumindest, warum diese Kritik entstanden ist. El Hissy übernimmt ein konsequent postkoloniales Deutungsmodell. Israelische beziehungsweise zionistische Geschichte erscheint darin immer wieder im Vokabular von Kolonisierung, Vertreibung und Auslöschung. Das ist eine zulässige politische Position, aber eben keine neutrale literaturwissenschaftliche Beschreibung.
Besonders problematisch ist die Selbstverständlichkeit, mit der hoch umstrittene rechtliche und historische Bewertungen zu Tatsachen erklärt werden. Ob Israel in Gaza einen Völkermord begeht, ist keine Frage, die eine Literaturkritikerin durch die bloße Verwendung dieses Begriffs juristisch entscheiden kann. Dasselbe gilt für die Übertragung des klassischen Siedlerkolonialismus-Modells auf den ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen und für die pauschale Apartheid-Einordnung. Wer solche Begriffe benutzt, darf das tun. Eine renommierte Kulturinstitution muss sich jedoch ebenso Kritik daran gefallen lassen, wen sie in ein Gremium beruft, das erhebliche kulturelle Deutungsmacht besitzt.
Eine Personalie wird zur Frage an den Kulturbetrieb
Genau deshalb reicht es nicht, die Auseinandersetzung als gewöhnlichen politischen Streit über Israel abzutun. Der Deutsche Buchpreis zeichnet nicht irgendeinen Roman in einem kleinen Literaturzirkel aus. Seine Jury entscheidet darüber, welche Bücher Aufmerksamkeit, Prestige und erhebliche zusätzliche Reichweite erhalten. Die Akademie selbst betont, dass die jährlich neu zusammengestellte Jury größtmögliche Unabhängigkeit gewährleisten soll.
Unabhängigkeit bedeutet allerdings nicht Kritikfreiheit.
Wenn der Antisemitismusbeauftragte eines Bundeslandes und der Vorsitzende eines jüdischen Landesverbandes unabhängig voneinander öffentlich vor derselben Personalentscheidung warnen, sollte eine Kulturinstitution darauf eine überzeugende Antwort haben. Dabei muss niemand El Hissy das Recht absprechen, Israel für einen kolonialen Staat zu halten oder die israelische Kriegsführung als Völkermord zu bezeichnen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, weshalb solche Positionen im deutschen Kulturbetrieb offensichtlich kein Hindernis für die Berufung in eines seiner prestigeträchtigsten Jurys darstellen.
Gerade in Deutschland ist diese Frage nicht nebensächlich. Israelbezogener AntisemitismusIsraelbezogener Antisemitismus: Wenn Israelhass Judenhass wirdIsraelbezogener Antisemitismus liegt vor, wenn Feindschaft gegen Juden auf Israel übertragen wird. Kritik an israelischer Politik ist nicht automatisch antisemitisch. Antisemitisch wird sie, wenn Israel dämonisiert, delegitimiert, mit doppelten Maßstäben behandelt oder Juden weltweit für Israel verantwortlich gemacht werden.Mehr lesen zeigt sich heute häufig nicht in klassisch antisemitischer Sprache, sondern in der Dämonisierung und Delegitimierung des jüdischen Staates. Deshalb ist die Grenze nicht immer einfach zu ziehen. Umso wichtiger wäre eine ernsthafte Auseinandersetzung mit konkreten Aussagen statt der reflexhaften Behauptung, jede Kritik an solchen Positionen sei ein Angriff auf Kunst oder Meinungsfreiheit.
Maha El Hissy darf ihre Ansichten äußern. Daniel Neumann darf sie als Antizionismus und Israelhass kritisieren. Uwe Becker darf daraus die Forderung ableiten, ihre Berufung zurückzunehmen. Und die Akademie Deutscher Buchpreis muss sich daran messen lassen, wie sie mit dieser Kritik umgeht.
Der Streit dreht sich deshalb längst nicht mehr nur um eine einzelne Literaturkritikerin. Er berührt eine grundsätzlichere Frage des deutschen Kulturbetriebs: Wo endet die viel beschworene Sensibilität gegenüber Antisemitismus, wenn Israel nicht mehr abstrakt, sondern ganz konkret zum Gegenstand kultureller Debatten wird?
Uwe Becker hat darauf eine klare Antwort gegeben. Er hält die Grenze bei Maha El Hissy für überschritten und fordert ihre Abberufung.
Nun liegt es an der Akademie Deutscher Buchpreis, zu erklären, welchen Maßstab sie anlegt.
Autor: Redaktion
Montag, 31 August 2026