Wie viel Geschichte muss man vergessen, um Russland Freund zu nennen?

Wie viel Geschichte muss man vergessen, um Russland Freund zu nennen?


In Teilen Ostdeutschlands wird Russland bis heute erstaunlich romantisiert. Demontagen, sowjetische Panzer und Moskaus späterer Umgang mit Deutschlands Energieabhängigkeit erzählen eine andere Geschichte.

Wie viel Geschichte muss man vergessen, um Russland Freund zu nennen?
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Manchmal reicht ein einziger Facebook-Kommentar, um ein ganzes politisches Weltbild sichtbar zu machen. Nach dem Angriff auf die Strominfrastruktur bei Turnow-Preilack nahe Jänschwalde schrieb ein Leser unter einem haOlam-Beitrag spöttisch, nun solle wohl wieder der „böse, böse Russe“ verantwortlich sein. Danach folgten Behauptungen über ein angebliches „False Flag Schauspiel“ und finstere Machenschaften aus Berlin.

Nur hatte Russland zu diesem Zeitpunkt niemand für diesen Angriff verantwortlich gemacht. Die Polizei Brandenburg ermittelte wegen des Verdachts mehrerer schwerer Straftaten, die Täter waren unbekannt. Es gab keinen Beleg für eine russische Spur. Russland bekam trotzdem vorsorglich den Freispruch und Deutschland gleichzeitig die Rolle des möglichen Täters zugeschoben. Das muss man erst einmal hinbekommen.

Dieser einzelne Kommentar beweist selbstverständlich nichts über „die Ostdeutschen“. Er ist auch nicht repräsentativ. Aber der Reflex dahinter ist interessant – und mir als Ostdeutschem alles andere als fremd. Russland erscheint als der alte Freund, dem grundsätzlich erst einmal gute Absichten zugebilligt werden. Deutschland dagegen wird von manchen offenbar jede Lüge, jede Intrige und im Zweifel sogar eine selbst inszenierte Sabotage zugetraut.

Das Merkwürdige daran ist nicht Kritik an Deutschland. Davon verträgt eine Demokratie reichlich. Merkwürdig wird es dort, wo die Beweisregeln wechseln: Für eine russische Verantwortung werden gerichtsfeste Beweise verlangt, für die angebliche Niedertracht des eigenen Landes reicht plötzlich ein Gefühl.

Man muss Deutschland schon ziemlich verachten, wenn man Russland von einem Vorwurf freispricht, der noch gar nicht erhoben wurde, und gleichzeitig ohne einen einzigen Beleg den eigenen Staat auf die Anklagebank setzt. Besonders originell wird diese Haltung, wenn sie anschließend als Ausdruck besonderer Deutschlandliebe verkauft wird.

Mit Patriotismus hat ein automatischer Vertrauensvorschuss für Moskau jedenfalls wenig zu tun. Und noch weniger mit der Geschichte.

Erst Maschinen weg, dann Bruderliebe

Wer heute von der traditionellen Freundschaft zwischen Ostdeutschen und Russland erzählt, überspringt gern die ersten Kapitel. Das beginnt bereits mit einem begrifflichen Unterschied, der wichtig ist: Nach 1945 war nicht die heutige Russische Föderation Besatzungsmacht in Ostdeutschland, sondern die Sowjetunion. Wer allerdings aus der DDR-Vergangenheit eine besondere heutige Nähe zu Russland ableitet, kann diese Vergangenheit schlecht nur dort bemühen, wo sie angenehm klingt.

Die Sowjetunion hatte nach dem deutschen Vernichtungskrieg enorme Verluste erlitten. Deutschland musste Reparationen leisten, und dafür gab es einen nachvollziehbaren historischen Grund. Nur wurden diese Lasten äußerst ungleich verteilt. Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung wurden in den westlichen Besatzungszonen rund fünf Prozent des Anlagevermögens von 1944 demontiert. In der Sowjetischen Besatzungszone waren es zwischen 30 und 50 Prozent. Bis Ende 1946 waren dort etwa 1000 Betriebe demontiert; insgesamt beliefen sich die sowjetischen Reparationsentnahmen einschließlich Besatzungskosten nach dieser Berechnung auf ungefähr 12,2 Milliarden damalige US-Dollar.

Fabrikanlagen verschwanden, Eisenbahngleise wurden abgebaut, Maschinen gingen Richtung Osten. Rund 200 Unternehmen wurden zu Sowjetischen Aktiengesellschaften und produzierten unter sowjetischer Kontrolle weiter. Die wirtschaftlichen Folgen belasteten die spätere DDR erheblich. Historisch erklärbare Reparationen? Ja. Ein besonders inniger Freundschaftsdienst? Wohl kaum.

Die große Freundschaft kam anschließend auf Plakaten. Die SED erklärte die deutsch-sowjetische Freundschaft zur „Herzenssache aller Deutschen“, der „Große Bruder“ wurde zum festen Bestandteil der politischen Erziehung. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beschreibt das Verhältnis deutlich nüchterner: Den meisten Menschen in der DDR sei dieser sozialistische Bruderbund als Zwangsgemeinschaft erschienen.

Und am 17. Juni 1953 zeigte sich, was diese Freundschaft wert war, wenn die Ostdeutschen selbst andere Vorstellungen hatten.

Rund eine Million Menschen beteiligten sich an Protesten und Streiks. Sie verlangten unter anderem freie Wahlen, den Rücktritt der Regierung, die Freilassung politischer Gefangener und die deutsche Einheit. Sowjetische Panzer schlugen den Aufstand gewaltsam nieder. Mindestens 55 Todesopfer sind nachweisbar. Das SED-Regime überstand seine schwerste frühe Krise nicht dank der Begeisterung seiner Bevölkerung, sondern auch dank sowjetischer militärischer Macht.

Eine bemerkenswerte Form von Freundschaft: Erst große Teile der industriellen Substanz als Reparationen beanspruchen, anschließend Bruderliebe verordnen und bei einem Volksaufstand mit Panzern dafür sorgen, dass der richtige Bruder an der Macht bleibt.

Zur Geschichte gehört allerdings auch Michail Gorbatschow. Gerade weil dieser Artikel kein umgedrehtes Propagandastück sein soll, gehört er hinein. Gorbatschow leitete einen historischen Kurswechsel ein und gab am 10. Februar 1990 grundsätzlich grünes Licht dafür, dass die Deutschen selbst über ihre Einheit entscheiden konnten. Das war ein entscheidender Schritt zur Wiedervereinigung und verdient Anerkennung.

Nur wird aus Gorbatschows Politik kein ewiger Freundschaftsvertrag mit dem Kreml. Gorbatschow ist kein politischer Gutschein, den Wladimir Putin Jahrzehnte später einlösen kann.

Deutschland lieferte Moskau den Hebel gleich mit

Nach der Wiedervereinigung bekam die Beziehung zu Russland ein neues Etikett. Jetzt hieß sie nicht mehr sozialistische Freundschaft, sondern wirtschaftliche Verflechtung. Deutschland kaufte russisches Gas, Russland verdiente Milliarden, und in Berlin glaubte man lange, gegenseitige Geschäfte würden politische Konflikte beherrschbar machen.

Deutschland schuf diese Abhängigkeit selbst. Das sollte man Moskau nicht unterschieben. Noch 2021 kamen 55 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus Russland. Deutsche Regierungen und Unternehmen hatten sich bewusst auf diese Lieferstruktur eingelassen.

Aber ein Hebel bleibt ein Hebel, auch wenn man ihn selbst eingebaut hat.

Schon in der Heizperiode 2021 sank die russische Pipelineversorgung Europas erheblich. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur lagen die Lieferungen im vierten Quartal 2021 um 25 Prozent unter dem Vorjahresniveau, in den ersten sieben Wochen 2022 sogar um 37 Prozent. Von Gazprom kontrollierte Speicher in Europa waren zu Beginn der Heizperiode lediglich zu rund 25 Prozent gefüllt.

Nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine verschärfte sich die Lage. Lieferungen wurden weiter reduziert, Nord Stream 1 immer stärker gedrosselt und Anfang September 2022 schließlich vollständig gestoppt. Russland führte technische Gründe an; Bundesregierung und Europäische Union sahen darin dagegen den gezielten Einsatz von Energie als politisches Druckmittel. Die EU-Kommission sprach von einem bewussten Versuch, Energie als Waffe einzusetzen. Auch die Bundesregierung verwendete diese Formulierung ausdrücklich.

Das ist der Punkt, an dem das Bild vom grundsätzlich zuverlässigen Freund endgültig Risse bekommt. Deutschland hatte sich abhängig gemacht, und Moskau zeigte, welchen politischen Wert diese Abhängigkeit besitzen konnte.

Das bedeutet nicht, dass jede Entscheidung der deutschen Russlandpolitik richtig war. Im Gegenteil: Gerade Nord Stream und die enorme Konzentration auf russisches Gas verdienen harte Kritik. Wer sich freiwillig von einem einzelnen autoritären Lieferstaat derart abhängig macht, darf sich später über dessen Einflussmöglichkeiten nicht wundern.

Nur ist es ziemlich kurios, daraus anschließend eine Geschichte zu machen, in der Russland das unschuldige Opfer deutscher oder westlicher Bosheit ist.

Noch kurioser wird es, wenn dieselbe Denkweise heute wieder auftaucht. Ein Angriff auf deutsche Infrastruktur geschieht, niemand kennt die Täter und schon wird Russland verteidigt. Gleichzeitig wird ohne Beleg darüber spekuliert, ob Deutschland die Sache vielleicht selbst inszeniert habe.

Deutschlandliebe in einer besonders exotischen Variante: Dem eigenen Land wird praktisch alles Schlechte zugetraut, Moskau dagegen braucht nicht einmal ein Alibi.

Natürlich ist nicht jede Warnung vor Russland automatisch richtig. Geheimdienste können irren, Regierungen können übertreiben, Medien können schlecht recherchieren. Auch bei russischen Spionage-, Sabotage- oder Angriffsvorwürfen gilt: Behauptung ist nicht Beweis. haOlam hat selbst bei aktuellen Warnungen vor möglichen russischen Operationen darauf geachtet, zwischen Nachrichtendienstanalysen, politischen Warnungen und tatsächlich belegten Angriffsplänen zu unterscheiden. Genau dieser Maßstab muss gelten in beide Richtungen.

Aber Zweifel sind keine Einbahnstraße. Wer jedes belastende Indiz gegen Moskau für westliche PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen hält, gleichzeitig jedoch die wildeste Behauptung über Deutschland ohne Beleg akzeptiert, betreibt keine besonders kritische Analyse. Er hat nur entschieden, welcher Seite er grundsätzlich glaubt.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Erfolg jahrzehntelanger Mythenbildung. Die Sowjetunion musste ihre Freundschaft zur DDR noch auf Transparente schreiben. Heute verteidigen manche Menschen den Nachfolgestaat freiwillig gegen Anschuldigungen, die noch niemand erhoben hat.

Dabei wäre die historische Bilanz eigentlich spannend genug, ganz ohne Romantik: sowjetische Besatzungsmacht, massive Reparationsentnahmen, eine politisch verordnete Bruderfreundschaft, Panzer gegen den Volksaufstand, Gorbatschows entscheidender Beitrag zur deutschen Einheit und Jahrzehnte später ein Russland, dessen Regierung Deutschlands selbst geschaffene Energieabhängigkeit als politischen Hebel nutzen konnte.

Daraus lässt sich vieles machen.

Nur die Geschichte vom ewigen russischen Freund wird schwierig.




Autor: Daniel Werner
Freitag, 04 September 2026

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