Wie viel Israelhass verträgt der Deutsche Buchpreis?Wie viel Israelhass verträgt der Deutsche Buchpreis?
Maha El Hissy erklärt Israel zum kolonialen Unrechtsprojekt und Deutschland zum Helfer bei einem angeblichen Völkermord. Der Börsenverein sieht trotzdem keinen Grund, ihren Platz in der Jury des Deutschen Buchpreises infrage zu stellen.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Es hätte eine einfache Reaktion sein können. Hessens Antisemitismusbeauftragter warnt öffentlich vor einer Jurorin des Deutschen Buchpreises. Vertreter jüdischer Gemeinden kritisieren ihre Texte scharf. In diesen Texten wird IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen mit Siedlerkolonialismus, Apartheid, ethnischer Säuberung und Völkermord verbunden. Deutschland steht nach Darstellung der Autorin sogar „an vorderster Front“ bei der Unterstützung eines angeblichen Völkermords.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat geprüft und entschieden: Maha El Hissy bleibt.
Wie die Jüdische Allgemeine berichtet, erklärte Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz, El Hissy erfülle die Anforderungen an ihre Rolle „in vollem Umfang“. Ausschlaggebend seien ihre literaturwissenschaftliche Expertise und ihre Erfahrung in Preisjurys gewesen. Damit sitzt sie weiterhin in dem siebenköpfigen Gremium, das am 5. Oktober über den Deutschen Buchpreis 2026 entscheidet.
Das ist eine bemerkenswerte Antwort auf einen Vorwurf, bei dem ihre literarische Qualifikation gar nicht das Problem ist.
Niemand behauptet, Maha El Hissy könne keine Bücher lesen. Die Frage lautet, warum massive israelfeindliche Positionen für eine der einflussreichsten kulturellen Institutionen Deutschlands offenbar kein Grund sind, eine Berufung zumindest noch einmal grundsätzlich zu hinterfragen.
Inzwischen kommt die Kritik direkt aus Frankfurt.
Wie die Jüdische Allgemeine am Freitag berichtet, bezeichnete Benjamin Graumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, die Mitteilung des Börsenvereins als „beschämend“ und als „verhängnisvollen Fehler“. Er kritisierte, JudenhassAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen werde in großen Teilen der Kulturszene mit einer „beängstigenden Ignoranz“ behandelt. Besonders deutlich wird Graumann bei der Frage, wer über einen der wichtigsten deutschen Literaturpreise urteilen sollte: Wer judenfeindliche Motive verbreite, sollte dies nach seiner Auffassung nicht tun.
Das sitzt.
Denn inzwischen geht es nicht mehr darum, ob irgendjemand El Hissy missverstanden haben könnte. Ihre Texte sind öffentlich zugänglich.
Man muss El Hissy nur selbst lesen
In ihrer Essayreihe „Literature of Unsettlement“ in der Berlin Review entwirft El Hissy ein nahezu geschlossenes Bild Israels als kolonialer Macht. Bereits im ersten Teil setzt sie die palästinensische Geschichte in einen Rahmen aus Besatzung, Vertreibung, Landnahme und Siedlerkolonialismus. Die jüdische Geschichte im Land IsraelZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen, die jahrhundertelange Verfolgung von Juden oder die Kriege arabischer Staaten gegen den jüdischen Staat spielen in dieser Erzählung keine vergleichbare Rolle.
Noch deutlicher wird es im dritten Teil ihrer Reihe. Dort schreibt El Hissy über Deutschland als Land, das ihrer Darstellung zufolge „an vorderster Front zu einem Völkermord“ beitrage. Das steht nicht in einer Pressemitteilung ihrer Kritiker und ist auch keine Interpretation der Jüdischen Allgemeinen. Es steht in El Hissys eigenem Text in der Berlin Review.
Genau deshalb hatte haOlam bereits am 31. August über die Forderung nach ihrer Abberufung berichtet. Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker bezeichnete El Hissy damals als „Multiplikatorin israelfeindlicher Stereotype“. Er nannte ausdrücklich Siedlerkolonialismus, Apartheid, ethnische Säuberung und den Völkermordvorwurf. Seine Forderung war eindeutig: Die Akademie Deutscher Buchpreis solle die Berufung zurücknehmen.
Die Hessische Staatskanzlei veröffentlichte Beckers Kritik selbst. Dort heißt es, El Hissys Positionen trügen nach seiner Einschätzung zur „Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas“ und zum Anwachsen des israelbezogenen Antisemitismus bei. Becker betonte zugleich ausdrücklich, dass legitime Kritik an israelischer Politik möglich sein müsse. Seine Kritik richtet sich gegen das Gesamtbild, in dem der jüdische Staat fortlaufend als koloniales, rassistisches und genozidales Projekt erscheint.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Niemand verlangt einen Literaturbetrieb, in dem Israel nicht kritisiert werden darf. Eine solche Forderung wäre absurd. Israel besitzt eine Regierung, eine Opposition, Gerichte, Medien und eine äußerst streitlustige Gesellschaft. Israelische Politik wird jeden Tag von Israelis selbst schärfer kritisiert, als es manche deutsche Kulturdebatte verkraften würde.
Aber Israelkritik und die fortlaufende Dämonisierung des jüdischen Staates sind nicht dasselbe.
Der Vergleich, den der Kulturbetrieb nicht gern hören dürfte
Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, brachte den Widerspruch auf X auf einen besonders unangenehmen Punkt. Er fragte, was geschehen würde, wenn ein Rechtsextremer wie Götz Kubitschek in die Jury des Deutschen Buchpreises berufen worden wäre. Seine Antwort: Der Aufschrei wäre ohrenbetäubend und das zu Recht. Anschließend stellte Engel die Frage, warum vergleichbarer Protest bei Maha El Hissy ausbleibe. Der Originalbeitrag von Philipp Peyman Engel auf X ist weiterhin abrufbar. Seine Kritik entspricht auch einem ausführlichen Beitrag, den die Jüdische Allgemeine zur Berufung El Hissys veröffentlicht hat.
Der Vergleich bedeutet nicht, dass El Hissy politisch mit Kubitschek gleichzusetzen wäre. Das wäre sachlich falsch. Er legt etwas anderes offen: die unterschiedlichen Empfindlichkeitsschwellen des Kulturbetriebs.
Bei rechtsextremen Positionen wäre schon die Frage einer Berufung in eine solche Jury ein Kulturkampf. Bei radikalem Antizionismus, Völkermordvorwürfen gegen Israel und der Darstellung des jüdischen Staates als koloniales Unrechtsprojekt beginnt dagegen eine erstaunlich geduldige Debatte über Nuancen, KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen und akademische Perspektiven.
Plötzlich wird sehr viel verstanden.
Sehr viel erklärt.
Und sehr wenig ausgeschlossen.
Genau deshalb hat sich die Personalie inzwischen verselbstständigt. Die offizielle Seite des Deutschen Buchpreises führt El Hissy weiterhin selbstverständlich als Jurymitglied. Dort wird sie als freie Kritikerin, Kuratorin und Moderatorin vorgestellt, die unter anderem für die Berlin Review und Deutschlandfunk Kultur arbeitet und bereits Erfahrungen in anderen Preisjurys gesammelt hat. Über ihre politischen Positionen sagt die Vorstellung naturgemäß nichts.
Der Börsenverein beruft sich nun genau auf diese fachlichen Qualifikationen.
Nur beantwortet das die Kritik nicht.
Ein Mensch kann fachlich hervorragend qualifiziert sein und trotzdem Positionen vertreten, bei denen eine Institution entscheiden muss, ob sie mit der eigenen Rolle vereinbar sind. Deutschland diskutiert diese Frage ständig. Bei Rechtsextremismus. Bei Rassismus. Bei Frauenfeindlichkeit. Bei Homophobie. Niemand käme dort ernsthaft auf die Idee, jede Diskussion mit dem Hinweis zu beenden, die betreffende Person verfüge aber über ausgezeichnete Fachkenntnisse.
Bei Israel scheint dieser Satz plötzlich zu genügen.
Besonders bitter ist, dass die Warnungen keineswegs ausschließlich von staatlichen Antisemitismusbeauftragten kommen. Die Kritik stammt inzwischen vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen, von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, von jüdischen Publizisten und vom hessischen Antisemitismusbeauftragten.
Die Jüdische Allgemeine zitiert Daniel Neumann, den Vorsitzenden des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, mit einer ebenfalls drastischen Bewertung. Er nennt El Hissys Essayreihe „literarisch verpackten Antizionismus“ und „poetischen IsraelhassAnti-Zionismus: Wenn Israelhass als Politik getarnt wirdAnti-Zionismus bezeichnet die Ablehnung des Zionismus und damit häufig die Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung im Staat Israel. Nicht jede Kritik an israelischer Politik ist antisemitisch. Anti-Zionismus wird jedoch dort antisemitisch, wo Israel delegitimiert, dämonisiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen“. Neumann kritisiert insbesondere die Darstellung Israels als nahezu ausschließlichen Täter und den Völkermordvorwurf.
Man kann diese Bewertungen teilen oder ihnen widersprechen.
Aber man kann nicht mehr behaupten, der Börsenverein habe es mit einer beiläufigen Kontroverse zu tun.
Und genau deshalb ist seine Entscheidung so bemerkenswert.
El Hissy darf ihre Texte schreiben. Sie darf Israel Siedlerkolonialismus vorwerfen. Sie darf einen Völkermord behaupten. Sie darf Deutschland beschuldigen, dabei an vorderster Front mitzuwirken. Meinungsfreiheit endet nicht dort, wo eine Aussage unerträglich oder falsch erscheint.
Aber Meinungsfreiheit garantiert keinen Platz in der Jury des Deutschen Buchpreises.
Der Börsenverein hätte sagen können, die Vorwürfe seien geprüft worden und inhaltlich unbegründet. Er hätte sich mit den konkreten Passagen auseinandersetzen können. Er hätte erklären können, warum die von jüdischen Vertretern und dem Antisemitismusbeauftragten genannten Aussagen für ihn keinen Einfluss auf die Eignung als Jurorin haben.
Stattdessen heißt es: fachliche Expertise, Juryerfahrung, Anforderungen erfüllt.
Das klingt sauber.
Es beantwortet nur nicht die Frage.
Vielleicht erklärt gerade diese Reaktion, warum Benjamin Graumann von einer „beängstigenden Ignoranz“ im Kulturbetrieb spricht.
Der Deutsche Buchpreis hat sich entschieden.
Maha El Hissy bleibt in der Jury.
Und aus einer umstrittenen Personalie ist damit eine Entscheidung des Börsenvereins selbst geworden.
Autor: Bernd Geiger
Samstag, 05 September 2026