AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt: Das Ausland reagiert mit Alarm und EntsetzenAfD-Sieg in Sachsen-Anhalt: Das Ausland reagiert mit Alarm und Entsetzen
43,8 Prozent für die AfD – und plötzlich blickt die Welt auf Sachsen-Anhalt. Von Warschau über Paris und Rom bis Jerusalem, Tokio und Sydney fallen die Reaktionen teilweise drastisch aus.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ist längst keine deutsche Regionalmeldung mehr. Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis des Landes erreicht die AfD 43,8 Prozent der Zweitstimmen, die CDU 17,2 Prozent. Die Wahlbeteiligung liegt bei 77,8 Prozent. Die AfD erhält nach der vorläufigen Sitzverteilung 39 der 83 Mandate und verfehlt damit die absolute Mehrheit.
Damit ist zugleich eine Zahl aus der ersten Berichterstattung überholt. haOlam berichtete am Wahlabend über die erste ARD Prognose von 44,5 Prozent für die AfD und 18,5 Prozent für die CDU. Das waren Prognosewerte unmittelbar nach Schließung der Wahllokale. Für den aktuellen Stand gelten die inzwischen veröffentlichten vorläufigen Ergebnisse von 43,8 und 17,2 Prozent.
Auch die politische EinordnungKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen muss präzise bleiben. Der AfD Landesverband Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz des Landes als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft. Die Behörde begründet dies unter anderem mit Angriffen auf Menschenwürde und Demokratieprinzip. Diese Einstufung bezieht sich ausdrücklich auf den Landesverband Sachsen-Anhalt.
Die folgende Presseschau ist bewusst selektiv. Sie dokumentiert kritische und negative Reaktionen auf das Wahlergebnis und erhebt keinen Anspruch darauf, das gesamte Meinungsspektrum außerhalb Deutschlands abzubilden.
Polen, Frankreich und Italien schlagen Alarm
Die schärfste politische Reaktion kommt aus Polen. Ministerpräsident Donald Tusk schrieb nach dem Wahlergebnis, in Polen könnten sich nur „Idioten oder Verräter“ über den Triumph der AfD in Deutschland freuen. Er bezog den Angriff ausdrücklich auf Teile der polnischen Opposition. Der Wortlaut einschließlich des ursprünglichen Beitrags auf X ist beim polnischen öffentlich-rechtlichen Auslandsdienst Polskie Radio dokumentiert. Auch Onet gibt die Äußerung wieder.
In Frankreich sprach Europaminister Benjamin Haddad von einem „ernsten Moment in Europa“. Er schrieb, man müsse Wut, Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit seien jedoch keine Lösung. Besonders bemerkenswert ist sein anschließender Hinweis auf die Geschichte Frankreichs und Deutschlands. Der vollständige Wortlaut wird im Livebericht von Le Monde wiedergegeben.
Frankreichs Finanzminister Roland Lescure bezeichnete das Ergebnis zusätzlich als „sehr, sehr beunruhigendes Signal“. Er stellte den Erfolg in den Zusammenhang einer populistischen Welle, die sich weltweit ausbreite. Reuters dokumentiert seine Aussagen ebenso wie die Reaktion des polnischen Außenministers Radosław Sikorski, der von einem „sehr beunruhigenden Zeichen“ sprach. Hier ist der vollständige Reuters-Bericht zu den französischen und polnischen Reaktionen.
Auch aus Italien kommt scharfe Kritik, allerdings keineswegs aus dem gesamten politischen Lager. Außenminister Antonio Tajani bezeichnete das Ergebnis als „pessima notizia“, als sehr schlechte Nachricht. Er erklärte, die AfD stehe im Gegensatz zu den liberalen und westlichen Werten, zu denen sich seine Partei bekenne. Gleichzeitig forderte er politische Gegenmaßnahmen, damit sich eine von ihm so bezeichnete populistische und fanatische Entwicklung nicht in Europa ausbreite. Die Erklärung ist vollständig und frei zugänglich bei der italienischen Nachrichtenagentur ANSA nachzulesen.
Der britische Guardian macht gerade diese Alarmstimmung zum Nachrichtenkern. Schon die Überschrift spricht davon, Europa stehe vor einem „grave moment“, einem ernsten Moment. Der Bericht bündelt die Warnungen aus Frankreich, Polen und Italien und stellt sie in den größeren Zusammenhang des Erstarkens nationalistischer Parteien und der Russlandpolitik der AfD.
Auch in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen wird Sachsen-Anhalt als Ereignis von europäischer Tragweite behandelt. Das israelische Nachrichtenportal N12/Mako beginnt bereits mit der Formulierung „politisches Erdbeben“ und widmet den internationalen Folgen einen eigenen Abschnitt. Dort werden unter anderem die Reaktionen aus Frankreich und Polen aufgegriffen. Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, wird mit der Aussage wiedergegeben, die Gefahr von rechts außen sei klar. Zugleich fügt Prosor ausdrücklich hinzu, Deutschland dürfe auch auf dem linken Auge nicht blind sein und müsse AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen unabhängig von seiner politischen Herkunft bekämpfen. Damit fällt die israelische Reaktion kritisch aus, ohne den Kampf gegen Antisemitismus auf eine politische Richtung zu verengen.
Noch konkreter wird die israelische Jerusalem Post. In einer eigenen Analyse unter der Überschrift „What AfD's election victory in Germany's Saxony-Anhalt could mean for Jewish life“ untersucht die Zeitung, welche Folgen ein politischer Machtgewinn der AfD für jüdisches Leben, HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen-Bildung und die deutsche Erinnerungskultur haben könnte. Dabei stellt sie ausdrücklich klar, dass der Wahlsieg noch keine Regierungsübernahme bedeutet: Mit 39 von 83 Sitzen hat die AfD die absolute Mehrheit verfehlt.
Besonders kritisch betrachtet die Jerusalem Post die Vorstellungen des Landesverbandes zur Aufarbeitung der NS-Zeit. Sie erinnert unter anderem an Ulrich Siegmunds frühere Antwort auf die Frage nach der Einordnung des Holocaust und beschäftigt sich mit den Plänen der Partei für Bildung und Erinnerungskultur. Einen konkreten Schwerpunkt bildet das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg, das unter anderem die Suche nach NS-Raubgut und Provenienzforschung unterstützt. Nach Darstellung der Zeitung sieht das AfD-Programm vor, die Landesförderung für die Einrichtung zu streichen.
Damit behandelt die JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post Sachsen-Anhalt nicht lediglich als deutschen Wahlerfolg einer rechten Partei. Die israelische Zeitung stellt vielmehr die Frage, welche praktischen Folgen die politischen Vorstellungen des Landesverbandes für jüdische Geschichte, die Erinnerung an die Shoah und den Umgang mit nationalsozialistischem Unrecht haben könnten. Die vollständige Analyse ist hier im Original nachzulesen.
Von Spanien bis Australien dominieren historische Warnungen
Besonders drastisch ist der Ton in Spanien. Der Radiosender Cadena SER fragt ausdrücklich, warum der AfD Sieg den Rest Europas beunruhige. Als einen zentralen Grund nennt der Bericht die starke Russlandnähe der Partei. In einem weiteren Cadena SER Bericht zum Wahlausgang wird das Ergebnis als historischer Durchbruch der extremen Rechten dargestellt und ausdrücklich mit der deutschen Nachkriegsgeschichte verknüpft.
Noch schärfer formuliert die spanische Zeitung El PaÃs. Bereits die Überschrift des vor der Wahl veröffentlichten Berichts lautet übersetzt: „Ausländer segregieren und den Nationalsozialismus relativieren: So nähert sich die extreme Rechte der Macht in Deutschland.“ Wichtig ist die zeitliche Einordnung: Der Beitrag erschien vor der Abstimmung und beschreibt die damals erwarteten Folgen eines möglichen AfD Sieges. Er wird hier deshalb als Teil der internationalen Wahrnehmung vor der Wahl dokumentiert, nicht als nachträgliche Tatsachenfeststellung über eine bereits gebildete Regierung.
In Schweden konzentriert sich der öffentlich-rechtliche Sender SVT auf die konkreten politischen Forderungen im Wahlkampf. Der Bericht trägt den Titel, die AfD kämpfe mit dem eigenen Techno Lied „Send them back“. SVT beschreibt unter anderem Forderungen nach einer härteren Flüchtlingspolitik, einer geringeren Gewichtung nationalsozialistischer Verbrechen im Unterricht und Einschnitten beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sowie bei Kulturangeboten. Das Medium verwendet dabei ausdrücklich die Einstufung des Landesverbandes als rechtsextrem.
Australiens öffentlich-rechtlicher Sender ABC News stellt schon in der Überschrift die historische Dimension heraus und bezeichnet das Ergebnis als ersten Sieg einer weit rechts stehenden Partei bei einer deutschen Landtagswahl seit dem Zweiten Weltkrieg. Im Artikel steht ein eigener Abschnitt unter der Überschrift „Result draws protests, shock“. ABC behandelt zudem die angekündigte Remigrations und Abschiebungspolitik sowie Forderungen nach einer geringeren Gewichtung der NS Zeit im Unterricht. Die dort noch genannten frühen Hochrechnungswerte sind inzwischen überholt, weshalb für die Wahlergebnisse in diesem Artikel ausschließlich die aktuellen vorläufigen Zahlen der Landeswahlleitung verwendet werden.
Selbst in Brasilien wird die Wahl ausführlich kommentiert. Die Zeitung Folha de S.Paulo berichtet über den historischen Erfolg der extremen Rechten und hebt die Einstufung des AfD Landesverbandes durch den Verfassungsschutz sowie Forderungen zu Migration und Europa hervor. Noch deutlicher wird Kolumnist João Pereira Coutinho in einem separaten Meinungsbeitrag: Das Programm der AfD sei politisch unwürdig, ihre russlandfreundlichen Sympathien gefährlich. Bemerkenswert ist zugleich seine Einschränkung, Deutschland sei nicht in das Jahr 1933 zurückgekehrt. Gerade diese Differenzierung macht die Kritik journalistisch interessant, weil sie den AfD Erfolg hart bewertet, ohne einen historisch falschen Gleichsetzungsautomatismus zu bemühen.
Auch Frankreichs Le Monde beschreibt den Wahlausgang als historische Leistung der extremen Rechten und betont, dass die Auswirkungen weit über die Grenzen des kleinen Bundeslandes hinausreichen. Das Blatt stellt zugleich klar, dass die AfD die absolute Mehrheit verfehlt hat und eine Regierungsbildung keineswegs feststeht. Gerade diese Trennung zwischen außergewöhnlichem Wahlerfolg und ungeklärter Machtfrage ist wichtig, weil internationale Schlagzeilen andernorts teilweise bereits den Eindruck erwecken, eine AfD Landesregierung sei beschlossene Sache. Das ist sie nach dem derzeitigen Stand nicht.
Das Gesamtbild dieser bewusst kritischen Auswahl ist dennoch auffällig. In Polen fallen Begriffe wie „Idioten oder Verräter“, Frankreich spricht von einem „ernsten Moment“ und einem „sehr, sehr beunruhigenden Signal“, Italiens Außenminister von einer „sehr schlechten Nachricht“. Spanische Medien diskutieren Russlandnähe und historische Parallelen, schwedische und australische Sender stellen die radikalen Teile des Wahlprogramms in den Mittelpunkt, und selbst in Brasilien wird die Frage gestellt, was dieser Erfolg über Deutschlands politische Entwicklung aussagt.
Dabei muss eine Grenze klar bleiben: Aus 43,8 Prozent der Stimmen lässt sich keine pauschale politische oder moralische Charakterisierung von 43,8 Prozent der Wähler ableiten. Wahlentscheidungen können aus sehr unterschiedlichen Motiven entstehen. Ebenso wäre es falsch, aus einer bewusst zusammengestellten Presseschau zu behaupten, „die Welt“ denke geschlossen gleich über Sachsen-Anhalt.
Belegbar ist jedoch etwas anderes: Der AfD Sieg hat eine internationale Berichterstattung ausgelöst, in der Warnungen, historische Vergleiche, Sorgen um Europas politische Entwicklung und Kritik an zentralen Positionen des Landesverbandes ungewöhnlich viel Raum einnehmen. Und diese Aussagen stammen nicht aus einer deutschen Debatte über sich selbst. Sie kommen aus Warschau, Paris, Rom, London, Madrid, Stockholm, Sydney, São Paulo und Israel.
Autor: Redaktion
Montag, 07 September 2026