Juden in Deutschland fragen sich wieder, ob sie bleiben könnenJuden in Deutschland fragen sich wieder, ob sie bleiben können
Ein israelischer Fernsehbericht zeigt jüdisches Leben in Deutschland zwischen Gemeinschaft, Angst und wachsendem politischen Extremismus. Besonders alarmierend sind die Stimmen aus Berlin, wo manche Juden inzwischen Parallelen zu den Warnzeichen der 1930er-Jahre erkennen.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Wie fühlt es sich an, als Jude in Deutschland zu leben, wenn der eigene Glaube, ein hebräisches Gespräch auf der Straße oder ein Davidstern wieder zum Sicherheitsrisiko werden können? Diese Frage steht im Mittelpunkt einer bemerkenswerten Reportage des israelischen Fernsehsenders N12, die am 6. November 2026 veröffentlicht wurde. Die Journalistin Antonia Yamin besuchte jüdische GemeindenGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen in Berlin, sprach mit Israelis, Rabbinern und deutschen Juden und untersuchte, wie sich das gesellschaftliche Klima seit dem Terrorangriff der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen auf IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen verändert hat.
Der Bericht zeigt ein Deutschland, das sich selbst gern als besonders entschlossen im Kampf gegen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen versteht, in dem jüdische Menschen aber zunehmend darüber nachdenken, ob sie ihre Zukunft überhaupt noch hier sehen. Die Bedrohung kommt aus unterschiedlichen politischen Milieus. Während in Berlin die Linke nach ihrem Wahlsieg an Einfluss gewonnen hat, erreichte die AfD in Sachsen-Anhalt bei der Landtagswahl im September 2026 ein historisches Rekordergebnis.
Besonders bedrückend ist, dass die Angst nicht nur aus politischen Debatten oder Statistiken entsteht. Sie betrifft den Alltag von Menschen, die in Deutschland geboren wurden, hier ihre Familien haben und eigentlich keinen Grund sehen sollten, ihre Heimat verlassen zu müssen.
In der Berliner Synagoge in der Rykestraße trifft Yamin auf eine lebendige jüdische Gemeinde. Rabbiner Boris Ronis erzählt von den regelmäßigen Kinder-Schabbat-Veranstaltungen, bei denen manchmal 100 Kinder und Eltern zusammenkommen. Die Teilnehmer sprechen Deutsch, Hebräisch und Russisch, einige stammen ursprünglich aus Amerika oder Australien. Jüdisches Leben in Berlin ist vielfältig und keineswegs auf eine einzige Herkunft oder religiöse Tradition beschränkt.
Doch selbst bei solchen Familienveranstaltungen lässt sich die politische Lage kaum ausblenden. Die Menschen sprechen über Antisemitismus, Wahlergebnisse und Sicherheitsfragen. Eine jüdische Berlinerin kritisiert, dass direkt gegenüber dem Synagogeneingang ein Wahlplakat mit der Aussage angebracht worden sei, Kritik an Israel sei kein Antisemitismus. Für sich genommen ist dieser Satz richtig, denn nicht jede Kritik an israelischer Regierungspolitik ist antisemitisch. Die unmittelbare Platzierung gegenüber einer Synagoge empfindet die Frau dennoch als Provokation. Sie fragt, warum ausgerechnet an diesem Ort eine politische Botschaft über Israel angebracht werden musste.
Darin zeigt sich eine Entwicklung, die über diesen einzelnen Fall hinausgeht. Jüdische Einrichtungen in Deutschland werden zunehmend mit der Politik Israels in Verbindung gebracht, obwohl sie zunächst religiöse und gemeinschaftliche Orte deutscher Bürger sind. Die Erwartung, Juden müssten sich regelmäßig für Entscheidungen der israelischen Regierung rechtfertigen, gehört selbst zu den Formen des israelbezogenen Antisemitismus.
Noch deutlicher wird die Verunsicherung in den Gesprächen über die Zukunft. Die Berliner Jüdin Keren Loshner berichtet, dass sie Menschen kenne, die ernsthaft überlegen, ob sie in der Hauptstadt bleiben können. Ein anderer Gesprächspartner, Jacob Kozinski, stellt die bedrückende Frage, ob man die Warnzeichen erkennen müsse, die Juden in den 1930er-Jahren nicht rechtzeitig erkannt hätten.
Das ist keine historische Gleichsetzung der heutigen Bundesrepublik mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Es ist die Schilderung einer Angst, die angesichts der deutschen Geschichte besonderes Gewicht besitzt. Wenn Juden in Berlin wieder darüber nachdenken, wann Ausgrenzung und Bedrohung so gefährlich werden, dass sie ihre Heimat verlassen sollten, ist bereits etwas Grundlegendes beschädigt.
Antisemitismus ist längst wieder Alltag
Die Schilderungen aus der Reportage stehen nicht allein. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) dokumentierte für 2025 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle in Deutschland. Das entspricht rechnerisch knapp 24 Vorfällen täglich und damit ungefähr einem registrierten Vorfall pro Stunde. 178 Angriffe, 257 gezielte Bedrohungen und vier Fälle extremer Gewalt gehörten zu den erfassten Ereignissen.
Die tatsächliche Zahl antisemitischer Vorfälle dürfte höher liegen, weil längst nicht jede Beleidigung, Drohung oder Diskriminierung gemeldet wird. Die RIAS-Zahlen sind dokumentierte Fälle und keine vollständige Erfassung sämtlicher antisemitischer Handlungen.
Besonders aufschlussreich ist die inhaltliche Einordnung. Nach Angaben von RIAS hatten 68 Prozent der dokumentierten Vorfälle einen israelbezogenen antisemitischen Hintergrund. Das zeigt, wie stark sich Judenhass inzwischen an Israel entzündet, ohne dass die Betroffenen selbst irgendeine Verantwortung für die Politik des jüdischen Staates tragen.
Rabbiner Ronis berichtet in der N12-Reportage von einer persönlichen Erfahrung. Eine Frau habe ihn auf der Straße als Juden und Rabbiner erkannt, ihn beschimpft und anschließend mehrfach ausgespuckt. Er sei zunächst fassungslos gewesen, weil er von der Frau eine solche Reaktion nicht erwartet habe.
Solche Erlebnisse verändern das Verhalten. Der Rabbiner erklärt, jüdische Menschen überlegten mittlerweile mehrfach, welche Stadtteile sie besuchen und welche Orte sie besser meiden sollten. Der öffentliche Raum, der eigentlich allen Bürgern gleichermaßen offenstehen müsste, wird für sie zu einer Frage persönlicher Risikoabwägung.
Auch das unterscheidet die gegenwärtige Lage von einer gewöhnlichen politischen Auseinandersetzung. Es geht nicht darum, dass jemand eine andere Meinung über Israel vertritt. Es geht darum, dass Menschen angegriffen, bedroht oder eingeschüchtert werden, weil sie als Juden erkennbar sind.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat wiederholt betont, dass Antisemiten und Feinde Israels von rechts wie von links auf entschlossenen Widerstand der Bundesregierung treffen müssten. Doch für die Betroffenen zählt am Ende weniger die Erklärung eines Regierungschefs als die Frage, ob sie sich im Alltag sicher bewegen können.
Der israelische Bericht zeigt zudem, dass die Bewertung der Lage innerhalb der jüdischen Gemeinschaft keineswegs einheitlich ausfällt. Ein in Berlin lebender Israeli denkt darüber nach, nach Israel zurückzukehren. Eine israelische Gesprächspartnerin sieht dagegen derzeit keinen eindeutigen Sicherheitsvorteil in einem Umzug. Sie spricht weiterhin Hebräisch auf der Straße, trägt ihren Davidstern offen und verweist auf die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen in Israel.
Gerade diese unterschiedlichen Sichtweisen machen deutlich, dass jüdisches Leben in Deutschland nicht allein aus Angst besteht. Es gibt Menschen, die bleiben, sich öffentlich zu ihrer Identität bekennen und sich nicht einschüchtern lassen wollen. Doch dass die Frage nach Auswanderung überhaupt so häufig gestellt wird, ist ein ernstes Warnsignal.
<WritingBlock id="74629" variant="document"># Juden in Deutschland fragen sich wieder, ob sie bleiben können
Ein israelischer Fernsehbericht zeigt jüdisches Leben in Deutschland zwischen Gemeinschaft, Angst und wachsendem politischen Extremismus. Besonders alarmierend sind Stimmen aus Berlin, wo manche Juden bereits an die Warnzeichen der 1930er-Jahre denken.
Wie fühlt es sich an, als Jude in Deutschland zu leben, wenn ein Davidstern, ein hebräisches Gespräch auf der Straße oder der Besuch einer Synagoge wieder Sicherheitsfragen aufwerfen? Dieser Frage geht eine Reportage des israelischen Fernsehsenders N12 nach, die am 6. November 2026 veröffentlicht wurde. Die Journalistin Antonia Yamin besuchte jüdische Gemeinden in Berlin und sprach mit Rabbinern, Israelis und deutschen Juden über eine Entwicklung, die seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 immer bedrohlicher geworden ist.
Der Bericht zeigt Menschen, die Deutschland als ihre Heimat betrachten, sich aber zunehmend fragen, ob sie hier noch eine Zukunft haben. Dabei kommt die Bedrohung aus unterschiedlichen politischen Richtungen. Während die Berliner Linke nach ihrem Wahlsieg an Einfluss gewonnen hat und über eine Regierungsbildung verhandelt, erreichte die AfD in Sachsen-Anhalt bei der Landtagswahl im September 2026 mit 43,8 Prozent ein Rekordergebnis.
In der Berliner Synagoge in der Rykestraße trifft Yamin zunächst auf eine lebendige Gemeinde. Rabbiner Boris Ronis erzählt von den regelmäßigen Kinder-Schabbat-Veranstaltungen, an denen manchmal 100 Kinder und Eltern teilnehmen. Die Familien sprechen Deutsch, Hebräisch und Russisch. Jüdisches Leben in Berlin ist vielfältig, international und tief in der Stadt verwurzelt.
Doch selbst bei solchen Zusammenkünften lässt sich die politische Entwicklung kaum ausblenden. Eine jüdische Berlinerin berichtet von einem Wahlplakat unmittelbar gegenüber der Synagoge. Darauf stand, Kritik an Israel sei kein Antisemitismus. Der Satz ist für sich genommen richtig. Die Frau empfindet seine Platzierung gegenüber dem jüdischen Gotteshaus dennoch als Provokation. Warum musste ausgerechnet dort eine politische Botschaft über Israel angebracht werden?
Diese Frage berührt ein grundsätzliches Problem: Jüdische Gemeinden in Deutschland werden immer wieder mit der israelischen Regierung gleichgesetzt. Dabei sind Synagogen keine Außenstellen Jerusalems und deutsche Juden nicht für Entscheidungen der israelischen Politik verantwortlich.
Besonders eindringlich sind die Gespräche über die Zukunft. Die Berlinerin Keren Loshner berichtet, dass sie Menschen kenne, die ernsthaft überlegen, die Hauptstadt zu verlassen. Jacob Kozinski stellt die bedrückende Frage, ob man diesmal rechtzeitig jene Warnzeichen erkennen müsse, die Juden in den 1930er-Jahren nicht erkannt hätten.
Damit wird das heutige Deutschland nicht mit dem nationalsozialistischen Staat gleichgesetzt. Vielmehr schildert ein jüdischer Bürger eine historische Angst, deren Bedeutung in Deutschland niemand leichtfertig abtun sollte. Wenn Juden wieder darüber nachdenken, wann der richtige Zeitpunkt zur Auswanderung gekommen sein könnte, ist bereits etwas Grundlegendes beschädigt.
Ein antisemitischer Vorfall pro Stunde
Die persönlichen Erfahrungen aus der Reportage werden durch die Zahlen des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) untermauert. Für 2025 dokumentierte die Organisation 8.725 antisemitische Vorfälle in Deutschland. Das entspricht rechnerisch knapp 24 Vorfällen täglich, darunter 178 Angriffe, 257 gezielte Bedrohungen und vier Fälle extremer Gewalt.
Besonders bemerkenswert ist, dass 68 Prozent der erfassten Vorfälle einen israelbezogenen antisemitischen Hintergrund hatten. Der Hass auf IsraelIsraelbezogener Antisemitismus: Wenn Israelhass Judenhass wirdIsraelbezogener Antisemitismus liegt vor, wenn Feindschaft gegen Juden auf Israel übertragen wird. Kritik an israelischer Politik ist nicht automatisch antisemitisch. Antisemitisch wird sie, wenn Israel dämonisiert, delegitimiert, mit doppelten Maßstäben behandelt oder Juden weltweit für Israel verantwortlich gemacht werden.Mehr lesen wird damit häufig zum Ausgangspunkt für Anfeindungen gegen Juden, die selbst keinerlei Verantwortung für die Politik des jüdischen Staates tragen.
Rabbiner Ronis berichtet von einer persönlichen Erfahrung auf der Straße. Eine Frau habe ihn als Juden und Rabbiner erkannt, beschimpft und anschließend dreimal ausgespuckt. Er sei zunächst fassungslos gewesen, weil er mit einem solchen Verhalten nicht gerechnet habe.
Inzwischen überlegen Mitglieder der Gemeinde mehrfach, welche Orte sie aufsuchen und welche Stadtteile sie besser meiden sollten. Was für die meisten Menschen eine alltägliche Entscheidung ist, wird für erkennbare Juden zunehmend zur Sicherheitsfrage.
Der israelische Bericht zeigt allerdings auch unterschiedliche Reaktionen. Ein in Berlin lebender Israeli denkt darüber nach, nach Israel zurückzukehren. Eine israelische Gesprächspartnerin hält diesen Schritt derzeit nicht für sinnvoll. Sie spricht weiterhin Hebräisch auf der Straße, trägt ihren Davidstern offen und verweist darauf, dass auch Israel mit erheblichen Sicherheitsproblemen konfrontiert ist.
Diese unterschiedlichen Einschätzungen machen deutlich, dass jüdische Menschen ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten wollen. Die eigentliche Frage ist jedoch, warum sie überhaupt zwischen ihrer Heimat und ihrer Sicherheit abwägen müssen.
In der Hauptstadt hat die politische Entwicklung die Sorgen zusätzlich verstärkt. Die Linke gewann am 20. September 2026 mit 25,7 Prozent die Abgeordnetenhauswahl. Ihre Spitzenkandidatin Elif Eralp könnte nach erfolgreichen Koalitionsverhandlungen Regierende Bürgermeisterin werden.
In der N12-Reportage äußert der bisherige Regierende Bürgermeister Kai Wegner erhebliche Bedenken. Er wirft der Berliner Linken Antisemitismus vor und warnt davor, dass eine mögliche Schwächung der Polizei extremistischen Kräften zusätzlichen Raum verschaffen könnte. Wegner betont, dass Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht geschützt werden müssten, die Polizei aber entschlossen eingreifen müsse, wenn zu Straftaten aufgerufen, IsraelhassAnti-Zionismus: Wenn Israelhass als Politik getarnt wirdAnti-Zionismus bezeichnet die Ablehnung des Zionismus und damit häufig die Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung im Staat Israel. Nicht jede Kritik an israelischer Politik ist antisemitisch. Anti-Zionismus wird jedoch dort antisemitisch, wo Israel delegitimiert, dämonisiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen verbreitet oder das Existenzrecht IsraelsExistenzrecht Israels: Das Recht des jüdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jüdischen Staates, als souveräner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage.Mehr lesen infrage gestellt werde.
Diese Aussagen sind eine politische Bewertung Wegners. Sie stehen allerdings vor einem konkreten Hintergrund. Die Berliner Linke ringt seit Wochen mit innerparteilichen Auseinandersetzungen über Israel, Antisemitismus und Kontakte in die radikale Palästinaszene.
Besonders deutlich wurde dies im Streit um die Abgeordnete Vanessa Emde, die das Existenzrecht von Staaten grundsätzlich infrage stellt, zugleich aber eine Fraktionserklärung unterzeichnete, die Israels Existenzrecht ausdrücklich anerkennt. Die Fraktionsführung erklärte wiederholt, eine Zusammenarbeit mit ihr sei nicht mehr möglich. Eine abschließende Konsequenz blieb zunächst aus.
Hinzu kommt die Debatte über Kontakte von Aktivisten, die den getöteten Hamas-Anführer Yahya Sinwar verherrlichten, in das politische Umfeld der Berliner Linken. Auch Eralp selbst hatte im Zusammenhang mit einzelnen Akteuren aus der Palästinaszene persönliche Sicherheitsbedenken geäußert.
Das bedeutet nicht, dass die Berliner Linke insgesamt antisemitisch ist. Doch eine Partei, die Regierungsverantwortung übernehmen möchte, muss glaubwürdig erklären, wie sie mit antisemitischen Positionen und extremistischen Kräften innerhalb ihres politischen Umfelds umgehen will.
Wenn selbst das Gedenken an ermordete Juden zum Streitfall wird
Die zweite große politische Entwicklung beschreibt N12 am Beispiel Ostdeutschlands. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 erhielt die AfD 43,8 Prozent der Zweitstimmen. Die vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei wurde mit großem Abstand stärkste Kraft.
Der Bericht erinnert an eine Aussage des früheren AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, der die nationalsozialistische Herrschaft 2018 als einen „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnet hatte. Der Umgang mit der NS-Vergangenheit ist innerhalb der Partei seit Jahren umstritten.
Wie konkrete Entscheidungen zur Erinnerungskultur aussehen können, zeigt die sächsische Stadt Heidenau. Dort beschloss der Stadtrat am 24. September, keine weiteren Stolpersteine im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich zuzulassen. Der Antrag war von Vertretern der AfD, der CDU und einer örtlichen Bürgerinitiative eingebracht worden.
Die Stolpersteine erinnern mit kleinen Messingtafeln vor ehemaligen Wohnhäusern an Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Neue Steine sollen in Heidenau nicht mehr verlegt werden. Stattdessen soll die Erinnerung vorzugsweise an einem zentralen Gedenkort erfolgen.
Die Stadtverwaltung betont, dass der Beschluss keine Abschaffung des Gedenkens bedeute und bereits vorhandene Stolpersteine nicht entfernt würden. Auch innerhalb jüdischer Gemeinden gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, ob Namen ermordeter Menschen in Gehwegen angebracht werden sollten. Die grundsätzliche Kritik an Stolpersteinen ist deshalb nicht automatisch antisemitisch.
Doch die Entscheidung in Heidenau wirft eine weitergehende Frage auf: Was geschieht mit der Erinnerung, wenn die Namen der Verfolgten aus dem alltäglichen Stadtbild verschwinden und das Gedenken auf einen besonderen Ort beschränkt wird?
Gerade darin liegt die Bedeutung der Stolpersteine. Sie erinnern nicht abstrakt an Millionen Tote, sondern an konkrete Menschen, die einst mitten unter ihren Nachbarn lebten. Ihre Namen gehören zu den Straßen, Häusern und Stadtvierteln, aus denen sie verdrängt wurden.
In Sachsen-Anhalt wiederum steht die Erinnerungspolitik auch durch Forderungen von AfD-Politikern unter Druck, den Geschichtsunterricht stärker auf andere historische Epochen auszurichten und die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zurückzunehmen.
N12 begleitet deshalb auch eine deutsche Schulklasse bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen. Die Jugendlichen beschreiben, wie anders es sei, einen solchen Ort persönlich zu erleben, statt ausschließlich im Unterricht darüber zu lesen.
Die Reportage endet mit einer Szene aus Halle. Dort hatte ein rechtsextremer Terrorist am Jom Kippur 2019 versucht, in eine Synagoge einzudringen und ein Massaker anzurichten. Nachdem er an der verschlossenen Tür gescheitert war, ermordete er zwei Menschen außerhalb des Gebäudes.
Sieben Jahre später wollte der AfD-Politiker Thomas Tillschneider nach Darstellung von N12 an einer Gedenkveranstaltung an der Synagoge teilnehmen. Jüdische Studierende stellten sich ihm entgegen. Unter ihnen war Ron Dekel, Vorsitzender einer jüdischen Studierendenorganisation, der in München geboren wurde und einen Teil seiner Kindheit in Israel verbracht hatte.
Dekel berichtet, wie jüdische Studierende aus verschiedenen Teilen Deutschlands zusammenkamen, um deutlich zu machen, dass sie ihre Gemeinde und ihr Gedenken nicht von politischen Kräften vereinnahmen lassen wollen, deren Äußerungen sie als judenfeindlich betrachten.
Er schildert außerdem, dass ein enger Freund in Berlin so schwer angegriffen worden sei, dass er beinahe gestorben wäre. Für ihn ist der Kampf gegen Antisemitismus deshalb keine theoretische Diskussion, sondern eine unmittelbare Frage persönlicher Sicherheit.
In dieser Geschichte liegt auch die wichtigste Erkenntnis des israelischen Fernsehberichts. Deutschland ist nicht das Deutschland der 1930er-Jahre. Es verfügt über demokratische Institutionen, eine unabhängige Justiz, jüdische Gemeinden und zahlreiche Menschen, die Antisemitismus entschieden entgegentreten.
Aber diese Unterschiede entbinden niemanden von der Verantwortung, aktuelle Entwicklungen ernst zu nehmen.
Wenn jüdische Kinder nur unter besonderen Schutzmaßnahmen Gottesdienste besuchen können, Rabbiner auf offener Straße beschimpft werden und jüdische Familien über Auswanderung nachdenken, kann sich Deutschland nicht mit seiner Erinnerungskultur zufriedengeben.
Die Bundesrepublik erklärt seit Jahrzehnten, dass jüdisches Leben ein unverzichtbarer Teil ihrer Gesellschaft sei. Ob dieses Versprechen glaubwürdig ist, entscheidet sich nicht an Gedenktagen oder in politischen Sonntagsreden, sondern daran, ob Juden ohne Angst in Deutschland leben können.
Die vielleicht erschütterndste Erkenntnis der israelischen Reportage ist deshalb nicht, dass es in Deutschland wieder Antisemitismus gibt. Sondern dass jüdische Menschen erneut darüber nachdenken müssen, ob Deutschland ihnen noch eine sichere Zukunft bietet.
Autor: Redaktion
Freitag, 06 November 2026