Empfindlich gegen Wahrheit – Europas neue Intoleranz zeigt sich an Eva IllouzEmpfindlich gegen Wahrheit – Europas neue Intoleranz zeigt sich an Eva Illouz
Die Erasmus-Universität Rotterdam hat die Soziologin Eva Illouz ausgeladen – nicht wegen ihrer Thesen, sondern wegen ihres Arbeitsplatzes in Jerusalem. Ein symbolischer Akt der moralischen Selbstgerechtigkeit, der zeigt, wie Antisemitismus heute spricht: im Namen der Sensibilität.

Von צחי לרנר, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4787658
Was als Einladung zu einem wissenschaftlichen Vortrag begann, endet in einem Eklat, der viel über den Zustand europäischer Universitäten verrät. Eva Illouz, eine der bedeutendsten Soziologinnen der Gegenwart, sollte am 21. November an der Erasmus-Universität Rotterdam sprechen – über „Romantische Liebe und Kapitalismus“. Ein Thema, das zum Markenzeichen ihrer Arbeit geworden ist, analytisch, sozialkritisch, brillant. Doch das sogenannte „Erasmus Love Lab“, ein Zentrum, das sich der Erforschung zwischenmenschlicher Beziehungen verschrieben hat, empfand plötzlich „Unbehagen“.
Das Unbehagen galt nicht dem Thema, nicht der Wissenschaftlerin – sondern ihrer Identität. Illouz ist Professorin an der Hebräischen Universität JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen, und allein diese Tatsache genügte, um sie wieder auszuladen. Begründet wurde der Schritt mit „Sensibilität“ angesichts des GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen-Krieges.
Seit dem Sommer boykottiert die Erasmus-Universität offiziell mehrere israelische Hochschulen. Im Juni setzte die Leitung die Kooperation mit drei Universitäten – darunter der Hebräischen Universität Jerusalem – „bis auf Weiteres“ aus. Begründung: Man wolle vermeiden, „indirekt an Menschenrechtsverletzungen beteiligt“ zu sein. In Wahrheit ist dieser Beschluss nichts anderes als eine institutionalisierte Form von SchuldverschiebungTäter-Opfer-Umkehr: Wenn Schuld gezielt verdreht wirdTäter-Opfer-Umkehr bezeichnet die Verdrehung von Verantwortung: Täter werden entlastet, Opfer beschuldigt oder moralisch auf die Seite der Täter gerückt. Im Antisemitismus zeigt sich dieses Muster besonders bei Holocaust-Relativierung, Israelhass und der Rechtfertigung von Gewalt gegen Juden oder Israelis.Mehr lesen: Statt Verantwortung für moralische Differenzierung zu übernehmen, erklärt man IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen zum Tabu.
Illouz reagierte mit einer Mischung aus Ironie und Bitterkeit. In einer E-Mail an die Organisatoren erinnerte sie daran, dass sie auch an einer europäischen Hochschule tätig und französische Staatsbürgerin sei. Doch die Antwort aus Rotterdam ließ keinen Zweifel: Ihre Verbindung zur Universität in Jerusalem sei „sehr sensibel“. Das „Love Lab Team“ habe sich daraufhin „demokratisch“ entschieden, sie wieder auszuladen.
Illouz antwortete sarkastisch: „Wie erfreulich, dass eine wirklich antisemitische Entscheidung demokratisch getroffen wurde. Viele werden sich dadurch sicher noch viel rechtschaffener fühlen.“
Mit diesem Satz entlarvte sie das Phänomen, das derzeit an vielen europäischen Hochschulen um sich greift: AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen in moralischer Verpackung. Nicht der Hass, sondern die Empfindlichkeit ist zur Waffe geworden. Wer Israel beruflich, intellektuell oder biografisch verbunden ist, wird heute nicht wegen seiner Positionen abgelehnt – sondern weil seine bloße Existenz politisch gedeutet wird.
Der Fall ist umso erschütternder, weil Illouz selbst keine Verfechterin rechter israelischer Politik ist. Sie gilt als linke Intellektuelle, hat 2021 eine Petition unterstützt, die Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs gegen mögliche Kriegsverbrechen Israels befürwortete. Gerade sie, die sich stets kritisch mit ihrer eigenen Gesellschaft auseinandersetzt, wird nun zur Zielscheibe jener, die sich selbst als moralisch überlegen betrachten.
In ihrem jüngsten Buch „Der 8. Oktober“, das beim Suhrkamp Verlag erschien, beschreibt Illouz die Kälte, mit der westliche Intellektuelle auf das Massaker der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen reagierten. Sie diagnostiziert eine ideologische Blindheit – einen Verlust der Empathie gegenüber israelischen Opfern, die in Teilen der akademischen Welt inzwischen als „politisch unkorrekt“ gilt. Dass nun ausgerechnet diese Autorin von einem „Love Lab“ ausgeladen wird, ist bittere Ironie: Eine Institution, die Liebe erforschen will, verweigert sie dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird – in der Begegnung mit dem anderen.
Der Boykott von Eva Illouz ist kein Einzelfall. Er ist Ausdruck eines neuen moralischen Klimas, in dem Empörung zur Währung und Selbstbestätigung zur Religion geworden sind. Wenn „demokratische Mehrheitsentscheidungen“ über den Ausschluss jüdischer Wissenschaftler bestimmen, dann hat Europa nichts gelernt. Dann wird Antisemitismus nicht bekämpft, sondern modernisiert – akademisch, subtil, mit sauberem Gewissen.
Illouz hat dieses Gewissen durchschaut. Ihre Worte sind nicht nur eine Reaktion auf eine persönliche Kränkung, sondern ein Spiegel für eine Gesellschaft, die glaubt, man könne moralisch rein sein, indem man andere ausschließt. Rotterdam wollte Sensibilität zeigen – und offenbarte dabei, wie gefühllos Europa geworden ist.
Autor: Redaktion
Mittwoch, 29 Oktober 2025