Frankreich hat ein Antisemitismusproblem – und es sitzt längst in den Rathäusern

Frankreich hat ein Antisemitismusproblem – und es sitzt längst in den Rathäusern


Ein Bürgermeister spricht aus, was viele denken, aber niemand offen sagen sollte. Der Staat reagiert. Doch der Vorfall offenbart ein tiefer liegendes Versagen.

Frankreich hat ein Antisemitismusproblem – und es sitzt längst in den Rathäusern
Bildnachweis: Symbolbild: Pixabay

Bernard Bazinet, Bürgermeister der kleinen Gemeinde Augignac im Südwesten des Landes, wurde für einen Monat von seinem Amt suspendiert, nachdem er öffentlich erklärt hatte, Frankreich sei „zu jüdisch“, um IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen zu boykottieren. Ein Satz, der nicht zufällig erinnert sondern bewusst trifft.

Die Äußerung fiel Anfang Dezember unter einem Facebook-Beitrag der linksliberalen Zeitung Libération, der sich mit Boykottaufrufen gegen Israels Teilnahme am Eurovision Song Contest befasste. Bazinet kommentierte zustimmend zum Boykott und fügte hinzu: „Ja zum Boykott. Frankreich ist zu jüdisch, um zu boykottieren.“ Ein Satz, der Juden nicht als Bürger, sondern als politisches Hindernis markiert und damit exakt das antisemitische Denken reproduziert, das Europa so gut kennt.

Die Reaktion des französischen Staates folgte vergleichsweise schnell. Innenminister Laurent Nuñez ordnete die sofortige Suspendierung des Bürgermeisters an. Sie gilt bis zum Monatsende. Bazinet, so die Begründung, habe durch seine Worte die moralische Autorität verloren, ein öffentliches Amt auszuüben. Auch seine Partei, die Sozialisten, zog Konsequenzen und schloss ihn aus.

Doch der eigentliche Skandal liegt tiefer. Denn Bazinet versuchte, sich im Nachhinein herauszureden. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP erklärte er, er habe „nicht gewusst“, dass der Begriff antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen sei. Er habe „foolish“, also töricht, reagiert, nachdem Frankreich Israels Teilnahme am Wettbewerb unterstützt habe. Als er den Kommentar löschen wollte, sei es bereits zu spät gewesen.

Diese Verteidigung überzeugt nicht. Wer in Frankreich von einem Land spricht, das „zu jüdisch“ sei, greift auf ein jahrhundertealtes antisemitisches Narrativ zurück. Juden werden darin nicht als Teil der Nation verstanden, sondern als Fremdkörper mit übermäßiger Macht, Loyalität oder Einfluss. Dass ein amtierender Bürgermeister dieses Bild bedient unabhängig von seiner angeblichen Absicht ist kein Ausrutscher, sondern Ausdruck eines politischen Klimas, das solche Gedanken wieder sagbar macht.

Der KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen ist entscheidend. Seit Beginn des GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen-Krieges haben antisemitische Vorfälle in Frankreich drastisch zugenommen. Jüdische Schulen stehen unter Polizeischutz, Synagogen werden beschmiert, Menschen auf offener Straße bedroht. Gleichzeitig verschiebt sich der öffentliche Diskurs. Antisemitische Aussagen werden zunehmend als „Israelkritik“ getarnt, alte Ressentiments in neue politische Sprache gekleidet.

Bazinet ist kein Einzelfall. Er ist ein Symptom. Ein Beispiel dafür, wie sich antisemitische Denkmuster vom radikalen Rand in die politische Mitte einschleichen. Dass er ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Eurovision Song Contest einem kulturellen Ereignis solche Worte wählt, zeigt, wie niedrig die Hemmschwelle inzwischen liegt.

Die Suspendierung ist richtig. Aber sie reicht nicht aus. Der Fall wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie viele ähnliche Aussagen bleiben ungesagt, ungeschrieben oder ungeahndet? Wie viele Mandatsträger denken ähnlich, formulieren es aber vorsichtiger?




Autor: Redaktion
Samstag, 03 Januar 2026

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