Ankaras Hassrede gegen Israel zwingt Berlin zur KlarheitAnkaras Hassrede gegen Israel zwingt Berlin zur Klarheit
Kurz vor dem Nato-Gipfel in Ankara nennt Hakan Fidan Israel eine Last für die Menschheit. Johann Wadephul widerspricht, doch der Fall zeigt, wie lange Europa Erdogans gefährliche Sprache aus Rücksicht geschont hat.

Bildnachweis: U.S. Department of State /
QuelleKurz vor dem Nato-Gipfel in Ankara hat der türkische Außenminister Hakan Fidan eine Grenze überschritten, die kein Verbündeter der freien Welt achselzuckend hinnehmen darf. In einem Interview mit CNN Türk bezeichnete er IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen als ein Problem für die ganze Welt. Noch schwerer wiegt seine Formulierung, „diese Menschen“ seien zu einer Last geworden, die die Menschheit nicht länger tragen könne. Wer so spricht, kritisiert nicht mehr einzelne Entscheidungen einer Regierung. Er entmenschlicht ein Land, seine Bürger und im Kern auch jene jüdische Selbstbehauptung, die Israel seit seiner Gründung verkörpert.
Dass Israels Außenminister Gideon Sa’ar diese Worte als genozidale HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen wertete, ist deshalb keine Übertreibung aus diplomatischer Empörung. Die Sprache ist gefährlich, weil sie ein altes Muster aufruft: Erst wird eine Gruppe oder ein Staat als Last beschrieben, dann als Problem für alle, dann als etwas, das entfernt, gebrochen oder ausgeschaltet werden müsse. Genau so funktioniert politische Entmenschlichung. Sie beginnt selten mit offenem Vernichtungsbefehl. Sie beginnt oft mit der Behauptung, jemand sei für die Menschheit unerträglich.
Bundesaußenminister Johann Wadephul hat Fidans Aussage nun deutlich zurückgewiesen. Gegenüber BILD nannte er die Worte des türkischen Außenministers mit Blick auf Israel „vollkommen unangemessen“ und erinnerte daran, dass Israel einer anhaltenden Bedrohung aus der Region ausgesetzt ist und das Recht sowie die Pflicht hat, seine Bevölkerung zu schützen. Das ist richtig. Es ist aber auch das Minimum, das man von einem deutschen Außenminister erwarten muss, wenn ein Nato-Partner über Israel in einer Sprache spricht, die in Deutschland aus historischen Gründen besonders alarmieren muss.
Wadephul will noch vor dem Nato-Gipfel nach Israel reisen und sich mit seinem Amtskollegen Sa’ar über die Lage im Nahen und Mittleren Osten austauschen. Zugleich erklärte er, er wolle einen Beitrag zur Verständigung zwischen Israel und der Türkei leisten. Auch das ist diplomatisch nachvollziehbar. Niemand hat ein Interesse daran, dass die Beziehungen zwischen Ankara und JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen völlig aus der Kontrolle geraten. Aber Verständigung beginnt nicht damit, dass man die Worte Ankaras weichzeichnet. Sie beginnt damit, dass man klar benennt, was gesagt wurde.
Fidans Aussage fiel nicht in einem luftleeren Raum. Sie kam kurz nach der israelischen Anerkennung des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich. Ankara reagiert auf diese historische Wahrheit seit Jahrzehnten empfindlich, weil die türkische Staatsräson bis heute darauf besteht, den Begriff Völkermord für die Verbrechen von 1915 abzuwehren. Dass ausgerechnet dieser Anlass nun zu einer derart aggressiven Attacke gegen Israel führte, ist aufschlussreich. Die Türkei will nicht über ihre eigene Vergangenheit sprechen und verschiebt den Zorn auf den jüdischen Staat.
Das ist kein neues Muster. Seit dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 hat sich die türkische Rhetorik gegenüber Israel weiter verhärtet. Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Regierung stellen Israel immer wieder als Hauptverantwortlichen der regionalen Gewalt dar, während die Rolle von Hamas, iranischer Finanzierung, HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, Islamischem Dschihad und anderen TerrorstrukturenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen in dieser Erzählung entweder verharmlost oder ausgeblendet wird. Ankara inszeniert sich als moralische Stimme der Region, doch diese Moral ist auffallend einseitig.
Gerade deshalb ist die Reaktion aus Berlin wichtig. Deutschland kann gegenüber Israel nicht ständig von historischer Verantwortung sprechen und dann leise werden, sobald ein wichtiger Nato-Partner Israel mit einer „Last für die Menschheit“ gleichsetzt. Wer solche Sätze nur als diplomatische Entgleisung behandelt, unterschätzt ihre Wirkung. Sie landen nicht nur in Ministerien. Sie landen auf Straßen, in sozialen Netzwerken, in Moscheen, auf Demonstrationen und bei jenen, die ohnehin glauben, Israel sei kein normaler Staat, sondern ein Übel, das beseitigt werden müsse.
Dass die Bundesregierung zunächst zurückhaltend wirkte, passt zu einem unangenehmen Problem europäischer Politik. Gegen Israel findet Europa schnell Worte, Prüfverfahren, Sanktionsdebatten und moralische Erklärungen. Gegen Ankara fällt vieles vorsichtiger aus. Der Grund ist bekannt: Migration, Nato, Schwarzmeerpolitik, Ukraine, Energie, Sicherheitskooperation und die Lage in Syrien machen die Türkei zu einem unbequemen, aber mächtigen Gesprächspartner. Erdogan weiß das. Und er hat oft genug gezeigt, dass er europäische Abhängigkeiten als Hebel versteht.
Doch genau deshalb darf Berlin hier nicht kleinlaut werden. Diplomatie bedeutet nicht, jede Sprache zu ertragen, nur weil der Gesprächspartner strategisch wichtig ist. Eine Nato, die in Ankara tagt, muss sich fragen, was es für das Bündnis bedeutet, wenn der Gastgeberstaat über Israel in einer Sprache spricht, die der israelische Außenminister als Aufruf zur Vernichtung bewertet. Israel ist zwar kein Nato-Mitglied, aber ein enger Partner des Westens, eine Demokratie in einer feindlichen Region und ein Staat, dessen Sicherheit für Europa nicht nur moralisch, sondern auch strategisch von Bedeutung ist.
Der gefährliche Kern der Fidan-Aussage liegt in der Verschiebung vom Politischen ins Existenzielle. Kritik an einer Regierungspolitik kann hart sein. Sie kann falsch, überzogen oder ungerecht sein, bleibt aber grundsätzlich Teil diplomatischer Auseinandersetzung. Wer jedoch von „diesen Menschen“ spricht und sie als Last der Menschheit beschreibt, verlässt diesen Rahmen. Dann geht es nicht mehr um eine konkrete Entscheidung, nicht um ein Gesetz, nicht um eine militärische Maßnahme. Dann wird eine ganze politische Gemeinschaft als Zumutung dargestellt.
Für Juden in Israel und in der DiasporaDiaspora: Jüdisches Leben außerhalb IsraelsDiaspora bezeichnet die Zerstreuung eines Volkes außerhalb seiner historischen Heimat. In jüdischem Zusammenhang meint der Begriff besonders die jüdischen Gemeinschaften außerhalb Israels. Die jüdische Diaspora entstand durch Exil, Vertreibung, Migration und jahrhundertelanges Leben als Minderheit.Mehr lesen ist diese Sprache nicht abstrakt. Sie kennen aus der Geschichte die Mechanik, mit der aus Worten Stimmung wird und aus Stimmung Gewalt. Natürlich ist die Gegenwart nicht einfach die Vergangenheit. Aber gerade deshalb muss man früh widersprechen. Nicht erst, wenn es zu spät ist. Nicht erst, wenn die nächste Attacke als Einzeltat erklärt wird. Nicht erst, wenn jüdische Gemeinden wieder hören, man habe die Entwicklung unterschätzt.
Die Grünen und auch Stimmen aus der SPD forderten von der Bundesregierung eine klare Verurteilung. Das war richtig. AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen darf nicht danach gewichtet werden, ob er aus einem Land kommt, mit dem man gerade schwierige Verhandlungen führt. Wer von Deutschland klare Haltung erwartet, muss diese Haltung auch dann zeigen, wenn sie außenpolitisch unbequem ist. Sonst wird sie zur Feiertagsformel.
Wadephuls Antwort ist daher ein notwendiger Schritt, aber sie sollte nicht das Ende sein. Berlin muss gegenüber Ankara unmissverständlich klarstellen, dass Israelkritik keine Lizenz zur Entmenschlichung ist. Es muss deutlich machen, dass Deutschland solche Sprache auch bei einem Nato-Partner nicht als normalen Teil diplomatischer Rhetorik behandelt. Und es muss in Brüssel dafür werben, dass Europa seine Maßstäbe nicht immer nur gegenüber Jerusalem scharfstellt, während Ankara aus strategischer Rücksicht geschont wird.
Die Türkei bleibt ein wichtiger Staat. Gerade deshalb ist ihre Sprache gefährlich. Was aus Ankara kommt, bleibt nicht in Ankara. Es prägt Debatten in Europa, beeinflusst türkischsprachige Medien, mobilisiert Milieus und stärkt jene, die Israel ohnehin nicht als legitimen Staat betrachten. Wenn ein Außenminister solche Worte wählt, ist das keine Randbemerkung. Es ist ein politisches Signal.
Der Nato-Gipfel in Ankara wird von Sicherheitsfragen, Bündnisinteressen und regionaler Machtpolitik geprägt sein. Doch Fidans Satz steht nun im Raum. Er lässt sich nicht einfach wegmoderieren. Wer Israel zur Last der Menschheit erklärt, greift nicht nur eine Regierung an. Er greift die Legitimität des jüdischen Staates an. Und wer das tut, muss Widerspruch hören. Klar, öffentlich und ohne diplomatische Watte.
Deutschland hat in diesem Fall die richtige Richtung eingeschlagen. Jetzt muss Berlin zeigen, dass es dabei bleibt. Nicht aus Gefälligkeit gegenüber Israel, sondern aus eigenem historischen und politischen Selbstverständnis. Ein Land, das aus seiner Geschichte gelernt haben will, darf solche Sprache nicht kleinreden. Schon gar nicht, wenn sie von einem Außenminister kommt.
Autor: Redaktion
Sonntag, 05 Juli 2026