Barcelona: Menschenmenge jagt Juden und ruft „Juden sind hier nicht willkommen“

Barcelona: Menschenmenge jagt Juden und ruft „Juden sind hier nicht willkommen“


Sieben französische Juden wurden in Barcelona beschimpft, bespuckt und verfolgt. Einer versuchte sogar zu erklären, dass er Franzose und kein Israeli sei. Es half nicht, denn genau darin liegt der Kern dieses Vorfalls.

Barcelona: Menschenmenge jagt Juden und ruft „Juden sind hier nicht willkommen“
Bildnachweis: Pixabay

Es ist eine jener Einzelheiten, die mehr über AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen verraten als viele politische Erklärungen: Als Jimmy Zagron in Barcelona von einer zunehmend aggressiven Menschenmenge bedrängt wurde, versuchte er zu erklären, dass er Franzose sei und kein Israeli. Die Beschimpfungen hörten trotzdem nicht auf.

Warum sollten sie auch? Die Männer wurden nach ihrer Darstellung nicht wegen eines israelischen Passes verfolgt. Sie wurden als Juden erkannt.

Ein am 17. August veröffentlichter Bericht von Ynet bringt neue Aussagen eines Betroffenen zu einem Vorfall ans Licht, der bereits am 3. Juli 2026 stattgefunden hatte. Es handelt sich also nach allem, was sich derzeit nachvollziehen lässt, nicht um einen neuen antisemitischen Angriff in Barcelona. Neu sind vor allem die detaillierten Schilderungen Zagrones in einem französischen Fernsehinterview. Die spanische Föderation jüdischer Gemeinden, FCJE, hatte den Vorfall bereits am 6. Juli öffentlich gemacht und damals von einem der schwerwiegendsten mutmaßlichen Fälle antisemitischer Belästigung in Barcelona seit Jahren gesprochen.

Die sieben französischen Juden waren am Freitagabend, dem 3. Juli, nach dem Schabbatgebet und einem gemeinsamen Essen auf dem Weg von einer Synagoge zu ihrem Hotel. Mindestens zwei Mitglieder der Gruppe waren deutlich als Juden erkennbar. Einer trug eine Kippa, ein weiterer traditionelle chassidische Kleidung. Genau diese Sichtbarkeit wurde nach den Aussagen der Betroffenen zum Ausgangspunkt einer langen Verfolgung.

Nach Angaben der FCJE begann eine Frau mit einem Palästinensertuch, die Gruppe zu verfolgen, antisemitische Parolen zu rufen und wiederholt in ihre Richtung zu spucken. Nach und nach sollen sich weitere Menschen angeschlossen haben, darunter Personen auf Fahrrädern, Motorrollern und Motorrädern. Die Männer seien umringt und daran gehindert worden, sich normal fortzubewegen.

Was zunächst als politische Parole begann, ließ die Maske nach Darstellung Zagrones schnell fallen.

"Free PalestinePalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen" wurde gerufen. Dann kamen Beschimpfungen wie "Babymörder", "Juden sind hier nicht willkommen" und "Zionisten sind hier nicht willkommen". Auch "Tod IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen" sei gerufen worden. Ynet berichtet unter Berufung auf Zagrones Fernsehinterview, dass sich immer mehr Menschen beteiligten und die Situation für die Gruppe zunehmend bedrohlich wurde.

Das Entscheidende daran ist nicht, ob jemand Kritik an Israel übt. Kritik an einer Regierung, einer Militäroperation oder einem Ministerpräsidenten gehört zu einer demokratischen Gesellschaft. Wer aber einen Menschen mit Kippa auf der Straße anspuckt, weil er ihn für einen Juden hält, übt keine Israelkritik.

Wer französische Juden als "Babymörder" beschimpft, weil in Gaza Krieg geführt wird, diskutiert keine Politik.

Und wer ruft, Juden seien in Barcelona nicht willkommen, sagt selbst sehr deutlich, worum es geht.

Aus "Free Palestine" wird "Juden sind nicht willkommen"

Der Vorfall zeigt beinahe lehrbuchartig, wie schnell die behauptete Trennung zwischen politischem Protest und offenem Judenhass verschwinden kann.

Nach Zagrones Darstellung begann eine Frau mit "Free Palestine". Menschen reagierten darauf, klatschten und schlossen sich an. Wenig später richtete sich der Zorn nicht mehr nur gegen Israel oder Benjamin Netanjahu, sondern ausdrücklich gegen Juden.

Genau deshalb ist Zagrones Versuch, seine französische Staatsangehörigkeit hervorzuheben, so erschütternd. Ein jüdischer Mann befindet sich mitten in einer europäischen Großstadt und glaubt in diesem Moment offenbar, seine Sicherheit könne davon abhängen, überzeugend darzulegen, dass er kein Israeli sei.

Aber selbst das funktionierte nicht.

Das ist Antisemitismus in seiner einfachsten Form: Der einzelne Jude wird kollektiv verantwortlich gemacht. Seine tatsächliche Staatsangehörigkeit, seine politische Haltung und seine persönliche Beziehung zu Israel spielen keine Rolle mehr. Er wird gesehen, als Jude erkannt und einer Gruppe zugerechnet, gegen die sich der Hass richtet.

Die FCJE schilderte bereits Anfang Juli, dass die Gruppe während ihres Weges zum Hotel etwa eineinhalb Stunden lang feindseligen Blicken, Beleidigungen und Verfolgung ausgesetzt gewesen sei. Mehr als eine halbe Stunde hätten die Männer nach ihrer Darstellung eine körperliche Attacke befürchtet. Am Hotel Arts hätten Sicherheitsmitarbeiter schließlich verhindert, dass die Verfolger ebenfalls das Gebäude betraten.

Der neue Ynet-Bericht nennt dagegen rund 40 Minuten, während derer Zagron nach eigener Aussage von einer großen Menschenmenge beschimpft und bespuckt worden sei. Das muss kein Widerspruch sein. Die FCJE beschrieb Anfang Juli den gesamten Weg und die Verfolgung mit etwa 90 Minuten, während Zagrones neue Darstellung offenbar die besonders intensive Phase der Bedrängung durch die Menge beschreibt. Sicher feststellen lässt sich derzeit lediglich, dass beide Berichte denselben Vorfall vom 3. Juli betreffen.

Auch bei der Größe der Menge ist journalistische Vorsicht notwendig. Zagron spricht laut Ynet von Hunderten Menschen. Die FCJE hatte Anfang Juli dagegen von Dutzenden Personen gesprochen, die sich nach und nach angeschlossen hätten. Deshalb sollte die Zahl "Hunderte" als Aussage des Betroffenen behandelt werden und nicht als unabhängig festgestellte Teilnehmerzahl.

Diese Unterschiede ändern jedoch nichts am Kern des Geschehens. Dass die jüdischen Besucher verfolgt, beschimpft und bespuckt worden sein sollen, wurde bereits Anfang Juli von der offiziellen Vertretung der jüdischen Gemeinden Spaniens auf Grundlage ihrer Aussagen dokumentiert.

Barcelona hat ein Problem, das nicht mehr übersehen werden kann

Die FCJE ordnete den Vorfall schon damals ausdrücklich in eine Reihe antisemitischer Ereignisse ein. Sie verwies auf die Schändung des jüdischen Friedhofs von Montjuïc, antisemitische Schmierereien, Vandalismus, einschüchternde Versammlungen und Drohungen gegen Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft. Die Föderation forderte die Behörden dazu auf, jede Passivität gegenüber dieser Entwicklung aufzugeben.

Das ist ein bemerkenswerter Appell. Er kommt nicht von einer israelischen Regierungsstelle, sondern von der offiziellen Vertretung der jüdischen Gemeinden Spaniens.

Bereits für 2025 dokumentierte das spanische Observatorium gegen Antisemitismus nach Angaben jüdischer Organisationen 207 antisemitische Vorfälle. 2024 waren es 193 gewesen, 2023 noch 60 und 2022 lediglich 34. Unterschiedliche Erfassungsbedingungen müssen bei solchen Jahresvergleichen immer berücksichtigt werden. Die Entwicklung ist dennoch alarmierend.

Barcelona ist dabei längst kein abstrakter Schauplatz eines politischen Streits über Gaza.

Hier geht es um Menschen, die in Europa eine Synagoge verlassen und anschließend offenbar überlegen müssen, ob ihre Kippa sie in Gefahr bringt.

Es geht um Juden, die bespuckt werden, während ihnen "Free Palestine" entgegengerufen wird.

Es geht um einen Mann, der in seiner Angst darauf hinweist, Franzose zu sein, und erleben muss, dass seine Herkunft für diejenigen, die ihn bedrängen, vollkommen bedeutungslos ist.

Niemand muss die israelische Regierung unterstützen. Niemand muss Benjamin Netanjahu mögen. Niemand muss mit Israels Kriegführung einverstanden sein.

Aber ein französischer Jude auf einer Straße in Barcelona ist nicht die israelische Regierung.

Eine Kippa ist keine militärische Uniform.

Ein chassidischer Mantel ist keine Erklärung für einen Krieg.

Und ein Jude muss sich in Europa nicht dafür rechtfertigen, dass Israel existiert.

Genau diese Grenzen müssen deutlich ausgesprochen werden, denn sie werden immer häufiger verwischt. Wenn aus "Free Palestine" innerhalb weniger Minuten "Juden sind hier nicht willkommen" wird, ist die Behauptung, all dies habe ausschließlich mit Israel zu tun, nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Die Männer in Barcelona mussten dafür nichts tun. Sie mussten nicht demonstrieren, keine Flagge tragen und keine politische Erklärung abgeben.

Sie mussten lediglich als Juden erkennbar sein.

Das genügte offenbar.




Autor: Redaktion
Montag, 17 August 2026

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