Venedig prämiert „NAZA“: IDF weist zentrale Vorwürfe als unbelegt zurückVenedig prämiert „NAZA“: IDF weist zentrale Vorwürfe als unbelegt zurück
24 anonyme Militärangehörige liefern die Grundlage für schwere Anschuldigungen gegen Israels Kriegsführung in Gaza. Die Jury von Venedig zeichnet den Film aus, während die IDF Identität, Funktion und Kenntnisstand der Zeugen ausdrücklich infrage stellt.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Der Dokumentarfilm „NAZA“ der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor hat bei den Filmfestspielen von Venedig den Spezialpreis der Jury gewonnen. Damit erhält ein Film internationale Aufmerksamkeit, der IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen nicht lediglich einzelne Fehler oder mögliche Rechtsverstöße vorwirft, sondern behauptet, die massenhafte Tötung palästinensischer Zivilisten sei Bestandteil eines systematischen militärischen Vorgehens.
Die Auszeichnung selbst steht fest. Reuters bestätigte den Spezialpreis bei der Abschlussveranstaltung am Samstag. Die Biennale führt „NAZA“ im Wettbewerb Venezia 83. Bemerkenswert ist allerdings ein Detail, das in vielen Berichten untergeht: Offiziell wird der 80 Minuten lange Film als britische Produktion geführt. Produziert wurde er vom britischen Guardian und JW Films, Regie führten die Israelis Abraham und Szor.
Die Filmemacher stützen ihre Darstellung auf Gespräche mit 24 anonymisierten Personen, die nach ihren Angaben in israelischen Militär- oder Nachrichtendiensteinheiten tätig waren. Gesichter und Stimmen wurden verändert. Die Zeugen beschreiben unter anderem Zielauswahl, Nachrichtengewinnung und den angeblichen Einsatz automatisierter beziehungsweise KI-gestützter Systeme bei Angriffen in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen. Der Guardian, der den Film selbst produziert hat, präsentiert diese Aussagen als Einblick in ein System bewusster massenhafter Tötungen.
Genau hier beginnt jedoch der entscheidende Streit.
Die IDF bestreitet nicht nur Details, sondern die Grundlage
Die israelischen Streitkräfte veröffentlichten bereits vor der Preisvergabe eine ungewöhnlich deutliche Stellungnahme und wiesen die Vorwürfe kategorisch zurück.
Nach Angaben der IDF lässt sich bei den anonymen Gesprächspartnern weder überprüfen, ob sie tatsächlich in der Armee dienten, welche Funktionen sie innehatten noch ob sie mit den Vorgängen befasst waren, über die sie im Film sprechen. Die Armee kritisiert zudem, dass Aussagen über nationale und militärische Strategie Personen zugeschrieben werden, deren behauptete Dienststellungen ihnen nach Ansicht der IDF keinen entsprechenden Einblick ermöglicht hätten.
Auch bei den juristischen Schlussfolgerungen widerspricht die Armee. Sie wirft dem Film vor, Begriffe des humanitären Völkerrechts unzutreffend zu verwenden und unbeabsichtigte zivile Schäden bei rechtmäßigen Angriffen mit vorsätzlicher Tötung beziehungsweise „Genozid“ gleichzusetzen.
Besonders wichtig ist der Streit über künstliche Intelligenz.
„NAZA“ beschreibt Systeme, die Daten auswerten und mögliche Ziele identifizieren sollen. Daraus entsteht im Film der Eindruck einer teilweise automatisierten Tötungsmaschine. Die IDF erklärt dagegen ausdrücklich, dass Entscheidungen über Auswahl und Genehmigung von Angriffen ausschließlich von Menschen getroffen würden und nicht von künstlicher Intelligenz.
Damit stehen zwei grundverschiedene Darstellungen gegeneinander.
Auf der einen Seite befinden sich anonyme Aussagen, deren Quellen von den Filmemachern geschützt werden und deshalb von außen nicht überprüft werden können. Auf der anderen Seite steht eine Armee, die selbst Konfliktpartei ist und die erhobenen Vorwürfe zurückweist.
Das bedeutet nicht, dass anonyme Quellen grundsätzlich wertlos wären. Gerade bei Geheimdienst- und Militärthemen sind sie häufig unvermeidbar. Es bedeutet aber sehr wohl, dass die Glaubwürdigkeit einzelner Aussagen, der tatsächliche Kenntnisstand der Zeugen und ihre Einordnung entscheidend werden.
Ein Filmpreis beantwortet diese Fragen nicht.
Die Jury in Venedig hat ein filmisches Werk ausgezeichnet. Sie hat keine militärischen Einsatzprotokolle ausgewertet, keine Zeugen unter Eid vernommen und keine strafrechtliche Untersuchung durchgeführt.
Der Film geht weit über Kritik an einzelnen Angriffen hinaus
Die politische Wirkung von „NAZA“ entsteht gerade dadurch, dass der Film keine Ansammlung mutmaßlicher Einzelfälle zeigen will.
Abraham erklärte nach der Preisvergabe, die von ihm interviewten israelischen Nachrichtendienstmitarbeiter hätten die Tötung von Palästinensern als systematisch und nicht als unbeabsichtigte Folge beschrieben. Er sprach von Handlungen und Richtlinien, die auf einer vollständigen Entmenschlichung der PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen beruhten.
Das ist eine außerordentlich schwere Anschuldigung.
Der Film stellt damit faktisch Israels Darstellung seiner gesamten Gaza-Kriegsführung infrage. Israel argumentiert seit Beginn des Krieges, dass sich seine Operationen gegen die Terrororganisation HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen und andere bewaffnete Gruppen richten. Die IDF verweist auf Evakuierungsmaßnahmen, Warnungen und weitere Vorkehrungen zur Verringerung ziviler Opfer. Gleichzeitig wirft sie Hamas vor, militärische Infrastruktur bewusst in dicht besiedelten zivilen Gebieten zu platzieren.
Auch tatsächliche Rechtsverstöße israelischer Soldaten werden von der IDF nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Ihre offizielle Stellungnahme zu „NAZA“ betont ausdrücklich, dass konkrete Verdachtsfälle untersucht und Verantwortliche gegebenenfalls durch unabhängige militärische Strafverfolgungsmechanismen zur Rechenschaft gezogen werden müssten. Soldaten, die mutmaßliche Verstöße beobachtet hätten, seien verpflichtet, sie zu melden.
Gerade dieser Unterschied ist wichtig.
Die Behauptung, einzelne Soldaten könnten rechtswidrig gehandelt haben, ist etwas völlig anderes als der Vorwurf, zivile Massentötungen seien staatliche oder militärische Strategie.
„NAZA“ macht diesen zweiten, wesentlich weitergehenden Vorwurf.
Dafür müsste auch die Beweisführung entsprechend belastbar sein.
Venedig übernimmt bereits die Sprache des Films
Auffällig ist dabei nicht nur der Inhalt des Dokumentarfilms, sondern auch dessen Präsentation durch die Biennale selbst.
Auf ihrer offiziellen Seite beschreibt das Festival „NAZA“ nicht distanziert als Film, der bestimmte Vorwürfe erhebt. Die Zusammenfassung erklärt vielmehr, das Werk enthülle die Systeme hinter Israels „kalkulierter Massentötung“ palästinensischer Zivilisten. Die Formulierung übernimmt damit den zentralen Vorwurf des Films als Beschreibung seines Gegenstandes.
Genau diese sprachliche Verschiebung ist journalistisch problematisch.
Zwischen „ein Film behauptet“ und „ein Film enthüllt“ liegt ein erheblicher Unterschied, wenn die zugrunde liegenden Zeugenaussagen anonym bleiben und die beschuldigte Institution die Darstellung ausdrücklich bestreitet.
Das Publikum in Venedig reagierte dennoch begeistert. Nach der Premiere erhielt „NAZA“ rund 25 Minuten Applaus. Der Preis setzte diese Wirkung fort.
Yuval Abraham und Rachel Szor sind mit solchen Kontroversen bereits vertraut. Beide gehörten zum Regieteam von „No Other Land“, das 2025 den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewann. Auch dieses Werk stellte Israel und den Konflikt in Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen stark aus palästinensischer Perspektive dar.
Bei „NAZA“ geht die politische Aussage jedoch noch erheblich weiter.
Hier steht nicht nur die israelische Politik zur Debatte, sondern die Behauptung, dass ein demokratischer Staat und seine Armee zivile Massentötungen systematisch organisiert hätten.
Eine solche Anschuldigung darf untersucht, dokumentiert und veröffentlicht werden. Selbstverständlich.
Aber ein stehender Applaus und ein Jury-Preis ersetzen keine überprüfbaren Belege.
Und genau deshalb gehört zur Nachricht über den Triumph von Venedig zwingend auch die andere Hälfte: Die IDF bestreitet nicht irgendeine Randnotiz des Films. Sie bestreitet, dass dessen anonyme Hauptzeugen überhaupt zuverlässig den Einblick nachweisen können, auf dem die weitreichendsten Anschuldigungen beruhen.
Autor: Redaktion
Sonntag, 13 September 2026