Judenhass im britischen Gesundheitswesen: Ärzte verbreiten Verschwörungsmythen und GewaltfantasienJudenhass im britischen Gesundheitswesen: Ärzte verbreiten Verschwörungsmythen und Gewaltfantasien
Ein Arzt behauptet, Zionisten kontrollierten die Welt. Eine Hebamme bejubelt einen Beitrag zum 7. Oktober. Neue Enthüllungen über Beschäftigte des britischen Gesundheitsdienstes werfen eine bedrückende Frage auf: Können jüdische Patienten ihren Behandlern noch vertrauen?

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Wer in ein Krankenhaus kommt, muss darauf vertrauen können, unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Überzeugung medizinisch versorgt zu werden. Doch neue Recherchen über Beschäftigte des britischen National Health Service (NHS) zeigen, wie weit antisemitische Verschwörungserzählungen und aggressive israelfeindliche Positionen auch in medizinische Berufe vorgedrungen sind. Die Organisation Campaign Against Antisemitism (CAA) hat öffentliche Äußerungen von fünf NHS-Beschäftigten dokumentiert, darunter drei Ärzten. Ihnen werden unter anderem Behauptungen über eine angebliche jüdisch-zionistische Kontrolle der Welt, die Verbreitung antisemitischer Bildsprache und die Rechtfertigung terroristischer Gewalt vorgeworfen.
Die britische Daily Mail veröffentlichte die Recherche am 10. Oktober 2026. Zwei Tage später berichtete auch die JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post ausführlich darüber. Die Enthüllungen folgen auf die im September veröffentlichte CAA-Dokumentation „Malignant: Anti-Semitism in the NHS“, in der jüdische Patienten und Beschäftigte über mutmaßliche antisemitische Erfahrungen in britischen Krankenhäusern berichten.
Besonders schwer wiegt, dass einige der nun bekannt gewordenen Äußerungen nicht allein aus polemischer Kritik an der israelischen Regierung bestehen. Sie bedienen klassische antisemitische Verschwörungsmythen, verherrlichen oder verharmlosen Gewalt und stellen Zionisten pauschal als eine gefährliche Macht dar, die Gesellschaft und Politik kontrolliere. Dass solche Aussagen ausgerechnet von Menschen stammen sollen, die beruflich für die Gesundheit und Sicherheit anderer verantwortlich sind, verleiht den Vorwürfen eine besondere Bedeutung.
Ein Arzt behauptet, Zionisten kontrollierten die ganze Welt
Einer der schwerwiegendsten Fälle betrifft Mohamed Abdelaal Ragheb Elfarra, der nach den vorliegenden Berichten als Arzt in der Notaufnahme des St James's University Hospital in Leeds tätig ist. Auf einer Demonstration erklärte er am 1. April 2025, Zionisten kontrollierten die Medien und die Welt. Damit verbreitete er ein Verschwörungsnarrativ, das an die jahrhundertealte antisemitische Vorstellung einer verborgenen jüdischen Weltherrschaft anknüpft.
Auch in sozialen Netzwerken soll Elfarra entsprechende Inhalte veröffentlicht haben. Dazu gehört die Behauptung, die Familie Rothschild kontrolliere das gesamte Geld der Welt. Ferner verbreitete er die Vorstellung, Elon Musk werde von Zionisten gesteuert, und verglich Zionisten mit den Nationalsozialisten.
Besonders verstörend ist eine von ihm geteilte Darstellung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Sie zeigt ihn nach den Recherchen mit blutiger Schürze und einem Messer über einem Kind in einem Krankenhausbett. Die CAA sieht darin eine Anknüpfung an antisemitische Ritualmordlegenden, in denen Juden seit Jahrhunderten unterstellt wird, Kinder zu ermorden oder deren Blut zu verwenden.
Solche Darstellungen sind nicht einfach zugespitzte Kritik an einer Regierung. Sie greifen auf eine Bildsprache zurück, die historisch zur Dämonisierung von Juden eingesetzt wurde und wiederholt Gewalt gegen jüdische Gemeinschaften begünstigte.
Der zuständige Krankenhausträger Leeds Teaching Hospitals NHS Trust erklärte, dass alle Mitarbeiter respektvoll und sicher arbeiten können müssten und Beschwerden über unangemessenes Verhalten untersucht würden. Eine abschließende individuelle Disziplinarentscheidung gegen Elfarra geht aus den veröffentlichten Angaben nicht hervor.
Ein weiterer Fall betrifft Nadeem Crowe, einen britisch-jordanischen Notfallmediziner. Er bezeichnete IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen in einer Veröffentlichung als terroristischen Oktopus, dessen Tentakel sich über sämtliche Kontinente erstreckten. Außerdem behauptete er, der ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen kontrolliere jeden Menschen auf der Welt.
Auch hier zeigt sich die Verbindung zwischen moderner antiisraelischer Agitation und älteren antisemitischen Motiven. Das Bild eines Oktopus, der seine Fangarme über die Welt ausstreckt, wurde historisch wiederholt für verschwörungsideologische Darstellungen angeblicher jüdischer Macht verwendet. Entscheidend für die Bewertung ist dabei der konkrete Zusammenhang, insbesondere die zusätzliche Behauptung einer weltweiten zionistischen Kontrolle.
Crowe war bereits im August 2024 nach Beschwerden von Kollegen während einer Schicht am Royal Free Hospital suspendiert worden. Er führt seinerseits ein Verfahren wegen behaupteter Diskriminierung und Belästigung durch seinen Arbeitgeber. Die Vorwürfe und seine Gegenposition sind Gegenstand eines laufenden Verfahrens. Eine abschließende rechtliche Bewertung ist deshalb nicht möglich.
Auch Ahmed Sewehli, ein in Manchester registrierter Psychiater und Mitglied der Initiative Healthworkers for PalestinePalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, wird in der Recherche genannt. Er soll im November 2024 geschrieben haben, Netanjahu solle tot sein. In einer weiteren Nachricht vom April 2025 habe er dem israelischen Regierungschef unmittelbar geschrieben, er müsse sterben. Darüber hinaus stellte Sewehli den Zionismus als Ideologie des Terrors und der Massenmorde dar und behauptete, selbst die Terrororganisation Islamischer Staat könne von den israelischen Streitkräften neue Grausamkeiten lernen.
Politische Kritik an Netanjahu, auch scharfe und kompromisslose, ist legitim. Eine öffentlich geäußerte Todesfantasie über einen Regierungschef ist jedoch etwas anderes als die Kritik an dessen Entscheidungen. Gerade bei einem Arzt, dessen Beruf auf dem Schutz menschlichen Lebens beruht, werfen solche Äußerungen grundlegende berufsrechtliche Fragen auf.
Wenn ausgerechnet eine Verantwortliche für kulturelle Sicherheit auffällt
Besonders widersprüchlich erscheint der Fall der Hebamme Fatimah Mohamied. Sie wurde nach den veröffentlichten Recherchen am West Middlesex Hospital in London zur sogenannten „Cultural Safety Champion“ ernannt. Diese Funktion soll dazu beitragen, Diskriminierung abzubauen und ein respektvolles Arbeitsumfeld für Menschen unterschiedlicher Herkunft zu schaffen.
Ausgerechnet Mohamied fiel jedoch durch Äußerungen über Zionisten auf. Nach Darstellung der CAA reagierte sie mit einem begeisterten „Hell yeah!!!“ auf einen Beitrag, in dem das Recht der PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen auf Widerstand gegen die Besatzung behauptet und Unterstützung dafür eingefordert wurde. Der betreffende Austausch stand nach den Recherchen im Zusammenhang mit dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Terrorangriff vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen.
Die Reaktion allein belegt allerdings nicht zweifelsfrei, dass Mohamied sämtliche Verbrechen dieses Tages ausdrücklich gutgeheißen hat. Der zeitliche und politische Zusammenhang wirft dennoch erhebliche Fragen auf, gerade weil die Hamas an diesem Tag mehr als 1.200 Menschen in Israel ermordete und über 250 Geiseln verschleppte.
In einem später gelöschten Blogbeitrag aus dem Januar 2025 kritisierte Mohamied außerdem ein Hebammenforum dafür, zionistischen Rednern eine Plattform geboten zu haben. Sie behauptete, jüdische kulturelle Sicherheit werde als Vorwand genutzt, um Kolonialismus, Besatzung, Apartheid und Völkermord zu legitimieren. Zionistische Teilnehmer wollte sie ausdrücklich nicht als legitime Gesprächspartner akzeptieren.
Damit stellt sich eine Frage, die über die persönliche politische Haltung einer Beschäftigten hinausgeht: Wie soll eine Person für kulturelle Sicherheit und Gleichbehandlung eintreten, wenn sie Menschen aufgrund ihrer zionistischen Überzeugung grundsätzlich aus bestimmten Diskussionen ausschließen möchte?
Mohamied hatte nach den vorliegenden Berichten eine Auseinandersetzung mit ihrem Arbeitgeber, nachdem sie aufgefordert worden war, bestimmte Beiträge zu überdenken beziehungsweise zu löschen. Zwei Meldungen an das britische Präventionsprogramm Prevent wurden nicht weiterverfolgt. Ein arbeitsrechtlicher Streit dauert an. Diese Umstände müssen bei der Bewertung berücksichtigt werden und dürfen nicht als bereits festgestellte persönliche Schuld dargestellt werden.
Die fünfte in der Recherche genannte Person ist die Ergotherapeutin Zaida Parveen Akhtar, die in sozialen Netzwerken auch unter dem Namen Zee Zidane auftritt. Sie soll unter anderem ein Video mit Äußerungen über Avner Netanjahu, den Sohn des israelischen Ministerpräsidenten, verbreitet haben, das nach Darstellung der Recherche als Aufforderung zu körperlicher Gewalt verstanden werden kann.
Zudem verbreitete sie eine Darstellung mit nationalsozialistischer Symbolik sowie ein Video, das den antisemitischen Terroranschlag am Bondi Beach in Australien als angeblich inszeniertes Ereignis beschrieb. Solche Verschwörungserzählungen sprechen den Opfern realer Gewalttaten ihre Erfahrungen ab und können dazu beitragen, antisemitische Täter zu entlasten.
Die zuständigen britischen Gesundheitsorganisationen haben sich zu den Vorwürfen unterschiedlich geäußert. Birmingham Community Healthcare NHS Foundation Trust verurteilte die bekannt gewordenen Inhalte als unvereinbar mit den eigenen Werten, wollte sich aber zu individuellen Personalangelegenheiten nicht äußern. Der Royal Free London NHS Foundation Trust verwies auf das laufende Verfahren und betonte, dass Beschäftigte und Patienten unabhängig von ihrer Herkunft sicher und gleichbehandelt werden müssten.
Die Reaktionen zeigen, dass die Vorwürfe innerhalb des Gesundheitswesens ernst genommen werden. Sie belegen jedoch noch nicht, welche individuellen arbeitsrechtlichen Konsequenzen in allen fünf Fällen folgen werden.
Für jüdische Patienten bleibt das Problem dennoch bestehen. Sie können von medizinischem Personal behandelt werden, dessen öffentlich geäußerte Überzeugungen sie als Juden, Israelis oder Zionisten ausdrücklich zum Feindbild machen. Die Tatsache, dass es solche öffentlichen Aussagen gibt, beweist keine konkrete medizinische Fehlbehandlung. Sie kann aber das Vertrauen in eine unvoreingenommene Versorgung erheblich erschüttern.
Diese Sorge ist keineswegs auf die aktuelle Recherche beschränkt. Bereits im Juni 2026 legte der unabhängige Antisemitismusbeauftragte der britischen Regierung, John Mann, einen umfassenden Bericht über AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen und andere Formen von Rassismus im NHS vor. Darin wurden erhebliche Defizite beim Umgang mit Beschwerden, bei internen Untersuchungen und bei der Rechenschaftspflicht von Führungskräften festgestellt.
Der Bericht stellte ausdrücklich fest, dass jüdische Patienten und Beschäftigte im Gesundheitswesen Diskriminierung erleben und das Vertrauen in die bestehenden Schutzmechanismen nicht ausreichend gewährleistet ist. Die britische Regierung akzeptierte die an sie und den NHS gerichteten Empfehlungen und kündigte Maßnahmen an, darunter verpflichtende Schulungen und strengere Vorgaben für den Umgang mit Diskriminierung.
NHS England bekannte sich zu einer Null-Toleranz-Politik gegenüber Antisemitismus und anderen Formen des Rassismus. Auch die Ärzteaufsicht General Medical Council erklärte, Beschwerden ernst zu nehmen und bei schwerwiegenden Verstößen gegen die beruflichen Standards Untersuchungen einzuleiten.
Damit existieren längst offizielle Erkenntnisse über Probleme, die nicht als vereinzelte Streitigkeiten in sozialen Netzwerken abgetan werden können. Die aktuelle Recherche nennt fünf konkrete Beschäftigte, während der Regierungsbericht strukturelle Schwächen bei der Erkennung und Bearbeitung antisemitischer Vorfälle beschreibt. Beides muss unterschieden werden, ergibt zusammen aber einen nachvollziehbaren Anlass für die Überprüfung bestehender Schutzmechanismen.
Ärzte und Pflegekräfte dürfen politische Überzeugungen haben, auch solche, die der israelischen Regierung entschieden widersprechen. Ihre berufliche Verpflichtung ist jedoch eindeutig: Jeder Patient hat Anspruch auf eine Behandlung ohne Diskriminierung, Einschüchterung oder politische Feindseligkeit.
Wenn Beschäftigte öffentlich von angeblicher jüdisch-zionistischer Weltherrschaft sprechen, Gewalt gegen israelische Persönlichkeiten gutheißen oder Terror als legitimen Widerstand darstellen, müssen Arbeitgeber und Berufsaufsichten prüfen, ob diese Haltungen mit den Anforderungen an medizinisches Personal vereinbar sind.
Für jüdische Patienten reicht es nicht, wenn Krankenhäuser lediglich versichern, jeder Mensch sei willkommen. Sie müssen darauf vertrauen können, dass diese Zusage auch dann gilt, wenn sie ihre jüdische Identität offen zeigen, Hebräisch sprechen oder eine erkennbare Verbindung zu Israel haben.
Die jüngsten Enthüllungen machen deutlich, weshalb der Kampf gegen Antisemitismus im Gesundheitswesen keine nebensächliche Frage politischer Sensibilität ist. Es geht um das Vertrauen in Menschen, denen Patienten im Krankheitsfall ihre Gesundheit und manchmal ihr Leben anvertrauen müssen.
Autor: Redaktion
Mittwoch, 14 Oktober 2026