Fünffacher Mörder als Denkmal: Londoner „Palestine House“ ehrt verurteilten Terroristen

Fünffacher Mörder als Denkmal: Londoner „Palestine House“ ehrt verurteilten Terroristen


Auf einem Dach im Zentrum Londons steht eine lebensgroße Bronzestatue von Marwan Barghouti. Der Fatah-Funktionär verbüßt in Israel fünf lebenslange Haftstrafen wegen Mordes. Nun untersucht die Stadtverwaltung, ob das Denkmal überhaupt genehmigt wurde.

Fünffacher Mörder als Denkmal: Londoner „Palestine House“ ehrt verurteilten Terroristen
Bildnachweis: Pixabay / Symbolbild

Mitten in London wird ein wegen fünf Morden verurteilter palästinensischer Politiker öffentlich als Symbol des Widerstands inszeniert. Auf dem Dach des „PalestinePalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen House“ in der High Holborn steht eine lebensgroße Bronzestatue von Marwan Barghouti. Die Figur zeigt ihn mit erhobenen, gefesselten Händen und zum Siegeszeichen ausgestreckten Fingern. Daneben hängt eine große palästinensische Flagge.

Barghouti ist kein bloß umstrittener Oppositioneller. Der ehemalige FatahFatah: Von Arafats Kampfbewegung zur erstarrten Machtpartei der PalästinenserFatah ist eine säkular-nationalistische palästinensische Bewegung, die Ende der 1950er Jahre um Jassir Arafat entstand. Sie wurde zur dominierenden Kraft in der PLO und prägt bis heute die Palästinensische Autonomiebehörde.Mehr lesen-Funktionär wurde 2004 von einem israelischen Gericht wegen seiner Beteiligung an fünf Morden während der Zweiten IntifadaIntifada: Ein Wort für Terror gegen IsraelIntifada bedeutet wörtlich etwa „Abschütteln“. Politisch bezeichnet der Begriff vor allem zwei palästinensische Gewaltwellen gegen Israel. Besonders die Zweite Intifada wurde durch Selbstmordanschläge, Schussangriffe und Terror gegen israelische Zivilisten geprägt. Heute wird der Begriff oft leichtfertig als Parole benutzt.Mehr lesen verurteilt. Er erhielt fünf lebenslange Freiheitsstrafen sowie weitere 40 Jahre Haft.

Zu den Opfern der Angriffe, für die ihn das Gericht verantwortlich machte, gehörten ein griechisch-orthodoxer Mönch, ein Israeli bei Givat Ze'ev und drei Menschen, die 2002 bei einem Anschlag auf ein Restaurant in Tel Aviv ermordet wurden.

Barghouti erkannte die Zuständigkeit des israelischen Gerichts nicht an. Seine Unterstützer fordern bis heute seine Freilassung und betrachten ihn als Symbol des palästinensischen Nationalismus.

Auf dem Dach eines Londoner Kulturzentrums wird nun jedoch nicht seine strafrechtliche Verantwortung dargestellt, sondern das Bild eines Mannes, der trotz Fesseln triumphierend die Hände erhebt.

Ein Denkmal, das die Opfer ausblendet

Die Statue steht auf dem Gebäude des Palestine House in der High Holborn 113. Das Zentrum veranstaltet kulturelle Veranstaltungen, Filmvorführungen und Ausstellungen. Gegründet wurde es von dem palästinensischen Filmemacher und Aktivisten Osama Qashoo.

Die Figur war bereits im Juni 2026 Gegenstand einer Auseinandersetzung. Damals wollten Unterstützer Barghoutis sie auf dem Parliament Square aufstellen, wo Denkmäler bedeutender historischer Persönlichkeiten stehen. Die Polizei verhinderte die Installation.

Nun wurde die Statue auf dem Dach des Palestine House aufgestellt.

Der Standort verändert nichts an der Frage, welche Botschaft mit dieser Ehrung verbunden ist.

Die Darstellung Barghoutis als gefesselter Widerstandskämpfer rückt seine Haft in den Mittelpunkt. Seine rechtskräftige Verurteilung wegen tödlicher Anschläge tritt dagegen in den Hintergrund.

Das ist eine bewusste Form politischer Symbolik. Sie kann als Solidaritätsbekundung mit einem palästinensischen Politiker verstanden werden, blendet aber einen entscheidenden Teil seiner Biografie aus: die fünf Menschen, für deren Ermordung er verurteilt wurde.

Eine kritische Diskussion über israelische Strafverfahren ist legitim. Auch Forderungen nach der Freilassung eines Gefangenen dürfen öffentlich vertreten werden. Eine Denkmalinszenierung, die ausschließlich ein heroisches Bild vermittelt, muss sich jedoch an den dokumentierten Taten und am Urteil messen lassen.

Stadtverwaltung prüft mögliche Verstöße

Inzwischen beschäftigt sich die Londoner Bezirksverwaltung Camden Council mit der Installation.

Die Organisation UK Lawyers for IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen (UKLFI) reichte am 22. Oktober eine Beschwerde ein. Bereits am folgenden Tag bestätigte die zuständige Bauaufsicht, dass eine Untersuchung des Gebäudes läuft.

Nach Angaben der Organisation erscheint weder die Statue noch ihr Sockel in den Bauunterlagen, die im Juli 2025 genehmigt wurden.

Das Gebäude liegt innerhalb der geschützten Bloomsbury Conservation Area. Für bauliche Veränderungen gelten dort besondere Anforderungen.

UKLFI argumentiert, dass die Installation das Erscheinungsbild des Hauses erheblich verändert und deshalb möglicherweise einer gesonderten Genehmigung bedarf.

Die Stadtverwaltung hat bislang nicht festgestellt, dass die Statue rechtswidrig errichtet wurde. Genau das soll die Untersuchung klären.

Bereits zuvor gab es Auseinandersetzungen um das Gebäude. Sie betrafen unter anderem große palästinensische Flaggen, Werbung für „Gaza Cola“ und beleuchtete politische Schriftzüge.

Bei bestimmten Werbeanlagen verweigerte die Verwaltung eine nachträgliche Genehmigung. Gegen eine solche Entscheidung wurde allerdings Berufung eingelegt.

Die erneute Untersuchung betrifft deshalb nicht allein den politischen Inhalt der Statue, sondern auch die Frage, ob die Betreiber die geltenden Bau- und Denkmalschutzvorschriften beachten.

UKLFI kritisiert das Vorgehen der Behörden und fordert eine konsequente Durchsetzung der Regeln.

Was bedeutet die öffentliche Ehrung eines verurteilten Mörders?

Der Streit reicht über das Baurecht hinaus.

Barghouti gehört weiterhin zu den einflussreichen politischen Persönlichkeiten innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Seine Anhänger sehen in ihm einen möglichen künftigen politischen Führer. Internationale Kampagnen fordern seine Freilassung.

Diese politische Bedeutung hebt seine Verurteilung nicht auf.

Ebenso wenig darf der Umstand, dass ein Mensch als Symbol einer nationalen Bewegung gilt, dazu führen, dass die Opfer der ihm zugerechneten Gewalttaten aus der öffentlichen Erinnerung verschwinden.

Gerade London erlebt seit Jahren intensive Auseinandersetzungen über politische Symbole, AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen und die Verherrlichung terroristischer Gewalt.

Die Statue wirft deshalb eine grundsätzliche Frage auf: Welches Bild entsteht, wenn ein wegen fünffachen Mordes verurteilter Funktionär an einem öffentlich sichtbaren Ort als triumphierende Widerstandsfigur dargestellt wird?

Die Betreiber dürfen politische Überzeugungen vertreten. Die Öffentlichkeit darf aber ebenso deutlich hinterfragen, weshalb ausgerechnet dieser Mann mit einer lebensgroßen Bronzestatue geehrt wird.

Dabei sollte die Geschichte seiner Opfer nicht hinter einer Inszenierung von Handschellen und Siegeszeichen verschwinden.

Über die baurechtliche Zulässigkeit entscheidet nun Camden Council. Die politische und moralische Bewertung der Ehrung ist damit nicht erledigt.

Eine Statue kann aus einem verurteilten Mörder ein Heldensymbol machen. Sie kann seine Verurteilung und die Ermordeten jedoch nicht aus der Geschichte tilgen.




Autor: Redaktion
Dienstag, 27 Oktober 2026

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