Khameneis Warnung an die Straße: Irans Regime bereitet neue Repressionsphase vorKhameneis Warnung an die Straße: Irans Regime bereitet neue Repressionsphase vor
Eine Woche lang hielten Irans Straßen den Atem an. Dann meldete sich der Mann zu Wort, dessen Worte in der Islamischen Republik mehr wie Befehle wirken als wie Reden. Was Ajatollah Ali Khamenei nun gesagt hat, folgt einem bekannten Muster – und es verheißt nichts Gutes für jene, die weiter auf Veränderung hoffen.
Sieben Tage lang protestierten Menschen in Teheran, Maschhad, Isfahan und Dutzenden weiteren Städten. Händler schlossen ihre Läden, Arbeiter legten die Arbeit nieder, junge Menschen stellten sich Sicherheitskräften entgegen. Die Wut speiste sich aus der gleichen Quelle wie so oft zuvor: wirtschaftliche Verzweiflung, eine kollabierende Währung, leere Versprechen eines Systems, das nur noch mit Repression reagiert. Und wie so oft warteten viele Iraner nicht auf Polizei oder Revolutionsgarden – sie warteten auf ein Zeichen von ganz oben.
Dieses Zeichen kam am siebten Tag.
Ali Khamenei, der oberste Führer der Islamischen Republik, sprach erstmals öffentlich zu den laufenden Protesten. Er tat dies vor Familien von Gefallenen des Zwölf-Tage-Krieges mit Israel im vergangenen Sommer – ein bewusst gewählter Rahmen. Seine Worte klangen auf den ersten Blick moderat. Proteste seien legitim, sagte er. Doch fast im selben Atemzug zog er die Grenze. Protest sei etwas anderes als Aufruhr. Mit Aufrührern, so Khamenei, müsse man anders umgehen. Sie müssten „an ihren Platz verwiesen werden“.
Für viele Iraner sind diese Sätze mehr als Rhetorik. Sie sind ein Signal.
Denn die Geschichte der Islamischen Republik zeigt ein klares Muster. Immer dann, wenn Khamenei öffentlich spricht, verändert sich die Dynamik auf den Straßen. Die Sprache wird schärfer, die Geduld des Staates endet, und die Sicherheitskräfte verstehen, dass Zurückhaltung nicht mehr erwartet wird.
Schon jetzt berichten Menschenrechtsorganisationen von mindestens 15 getöteten Demonstranten innerhalb einer Woche. Aktivisten gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt. In manchen Städten wurde scharf geschossen, lange bevor Khamenei das Wort ergriff. Doch seine Rede markiert regelmäßig den Übergang von punktueller Gewalt zu systematischer Unterdrückung.
Ein Blick zurück macht das deutlich.
Im Jahr 2009, nach der umstrittenen Wiederwahl von Mahmud Ahmadinedschad, zögerte das Regime zunächst. Millionen gingen auf die Straße. Dann hielt Khamenei eine Freitagspredigt. Er erklärte das Wahlergebnis für endgültig und warnte vor Chaos und Blutvergießen. Einen Tag später fielen die ersten tödlichen Schüsse. Das Bild der sterbenden Neda Agha-Soltan ging um die Welt. Die Repression eskalierte, dutzende Menschen starben, tausende verschwanden in Gefängnissen.
2019 wiederholte sich das Muster. Als massive Proteste gegen drastische Benzinpreiserhöhungen ausbrachen, sprach Khamenei von Rowdys und Saboteuren, von Feinden, die das Volk instrumentalisieren würden. Kurz darauf begann das, was viele Iraner bis heute „Blutiger Aban“ nennen. Sicherheitskräfte schossen gezielt in Menschenmengen, das Internet wurde fast vollständig abgeschaltet. Schätzungen reichen bis zu 1.500 Tote. Später wurde bekannt, dass Khamenei intern angeordnet hatte, alles Notwendige zu tun, um die Proteste zu beenden.
Auch 2022, nach dem Tod von Mahsa Amini, war die Gewalt früh präsent. Doch Khameneis Eingreifen verlieh ihr eine neue Qualität. Seine Reden legitimierten nicht nur Schläge und Schüsse, sondern ebneten den Weg für Hinrichtungen. Junge Männer wurden nach Schnellverfahren exekutiert. Die Botschaft war unmissverständlich: Wer protestiert, riskiert nicht nur sein Leben auf der Straße, sondern auch am Galgen.
Vor diesem Hintergrund hören Iraner heute sehr genau hin, wenn Khamenei spricht. Seine jüngsten Aussagen folgen der vertrauten Dramaturgie. Wirtschaftliche Not wird anerkannt, aber sofort relativiert. Protestierende werden von „ausländischen Kräften“ beeinflusst. Loyalität zum System wird beschworen, während Kritiker zu Feinden erklärt werden.
Neu ist diesmal der Kontext. Die Islamische Republik wirkt angeschlagen. Der Krieg mit Israel hat das Regime militärisch und psychologisch getroffen. Die Währung ist so schwach wie nie, die Wasserknappheit verschärft soziale Spannungen, und selbst traditionelle Stützen wie der Basar geraten ins Wanken. Viele junge Iraner scheinen ihre Angst verloren zu haben. Genau das macht die Führung nervös.
Noch hat das Regime das Internet nicht vollständig abgeschaltet. Plattformen wie Instagram sind voll von Bildern getöteter Demonstranten, von Traueranzeigen, von offenen Anklagen. Diese digitale Öffentlichkeit erschwert es dem Staat, Gewalt unsichtbar zu machen. Doch auch hier lehrt die Vergangenheit, dass Geduld kein Zeichen von Nachsicht ist.
Wenn Khamenei spricht, wissen die Sicherheitskräfte, dass sie freie Hand haben. Und die Menschen auf den Straßen wissen, dass nun die gefährlichste Phase beginnt.
Der Iran steht damit erneut an einem vertrauten Punkt. Die Hoffnung auf Veränderung trifft auf ein System, das gelernt hat, Proteste nicht politisch zu lösen, sondern zu brechen. Khameneis Worte sind kein Zufall, kein Ritual. Sie sind der Startschuss für eine Eskalation, die das Land schon zu oft erlebt hat.
Und deshalb ist die Stimmung auf den Straßen heute nicht nur von Mut geprägt, sondern auch von einer stillen, kollektiven Anspannung. Wenn der oberste Führer spricht, hält der Iran den Atem an – und bereitet sich auf das Schlimmste vor.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Khamenei.ir, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=141074394
Sonntag, 04 Januar 2026