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Eine Nacht der Gewalt in Iran: ein Regime im Überlebensmodus

Eine Nacht der Gewalt in Iran: ein Regime im Überlebensmodus


In iranischen Städten eskaliert die Repression. Bewaffnete Kräfte stürmen Krankenhäuser, Studierende werden gejagt, Minister sprechen offen von einem Kampf ums Überleben. Das System der Islamischen Republik wirkt paralysiert und gleichzeitig gefährlicher denn je.

Eine Nacht der Gewalt in Iran: ein Regime im Überlebensmodus

Was sich in der vergangenen Nacht in Iran ereignete, markiert eine neue, düstere Stufe der aktuellen Proteste. Nach Angaben oppositioneller Netzwerke haben sich Demonstrationen inzwischen auf über 220 Orte im ganzen Land ausgeweitet. Mindestens 19 Demonstranten und ein Angehöriger der Sicherheitskräfte kamen bisher ums Leben. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen.

Besonders erschütternd sind die Bilder aus der westiranischen Provinz Ilam. Dort drangen bewaffnete Einheiten der Polizei und der Basij-Milizen in ein Krankenhaus ein, das zum Zentrum der Proteste geworden war. Videos zeigen schreiende Menschen in den Gängen, Sicherheitskräfte auf der Suche nach Verletzten, die sich vor der Festnahme verstecken wollten. Ein Krankenhaus  eigentlich ein geschützter Raum  wurde zur Jagdzone.

Gewalt als Botschaft

Dass Sicherheitskräfte ausgerechnet medizinische Einrichtungen stürmen, ist kein Zufall. Es ist eine bewusste Machtdemonstration. Das Regime signalisiert, dass es keinen Ort mehr gibt, der sicher ist, wenn man sich gegen die Islamische Republik stellt. Wer protestiert, verliert jeden Schutz.

Diese Brutalität steht im Kontrast zu den offiziellen Tönen aus Teheran. Hochrangige Regierungsvertreter sprechen inzwischen offen von einem „Überlebenszustand“. Der iranische Außenminister räumte ein, dass sich das Land in einer existenziellen Krise befinde  und gleichzeitig kaum Handlungsspielraum habe. Auch Präsident Masoud Pezeshkian betont seit Tagen, man müsse den Stimmen der Straße zuhören. Doch seine Worte bleiben folgenlos.

Der Grund liegt offen zutage: Die eigentliche Macht liegt nicht bei der Regierung, sondern beim obersten Führer Ali Khamenei.

Während Präsident und Außenminister vorsichtig Signale der Öffnung senden, blockiert Khamenei jede echte Kurskorrektur. Zwar sprach er zuletzt davon, Proteste seien „legitim“, zog jedoch sofort die bekannte Trennlinie zwischen „Demonstranten“ und angeblichen „Randalierern“. Diese Wortwahl ist im iranischen Kontext kein rhetorisches Detail, sondern eine Freigabe zur Gewalt.

Genau dieses Muster ist aus früheren Protestwellen bekannt: Erst beschwichtigende Worte, dann die Delegitimierung der Proteste, schließlich harte Repression. Dass bewaffnete Einheiten nun Universitäten und Krankenhäuser betreten, zeigt, dass diese Phase bereits erreicht ist.

Ein Land im multiplen Zusammenbruch

Die Proteste speisen sich nicht aus einem einzelnen Anlass, sondern aus einer Kumulation von Krisen:

Der Wassermangel hat dramatische Ausmaße angenommen. In vielen Regionen ist selbst grundlegende Hygiene kaum noch möglich. Jahrzehnte von Missmanagement und ideologisch motivierten Großprojekten haben das Land ausgetrocknet.

Die Energieversorgung ist marode. Stromausfälle gehören zum Alltag, obwohl Iran über enorme Ressourcen verfügt. Sanktionen, Korruption und veraltete Infrastruktur haben das System lahmgelegt.

Der wirtschaftliche Absturz trifft die Bevölkerung frontal. Der Rial verliert weiter an Wert, die Inflation frisst Einkommen auf, Grundnahrungsmittel werden für Millionen unbezahlbar. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unter oder nahe der Armutsgrenze.

Hinzu kommt der völlige Vertrauensverlust in Staat und Sicherheitsorgane auch nach dem Ende des zwölftägigen Krieges mit Israel, den das Regime propagandistisch auszuschlachten versuchte. Der Versuch, nationale Einheit zu beschwören, verpuffte.

Keine Lösung in Sicht

In den vergangenen Tagen kündigte die Regierung ein begrenztes Entlastungspaket an: Preisnachlässe, Gutscheine, minimale Subventionen. In den Augen vieler Iraner ist das eine Beleidigung. Ein Tropfen auf einen brennenden Stein.

Realistisch betrachtet gibt es nur einen Hebel, der die wirtschaftliche Lage spürbar verändern könnte: ein neues Abkommen mit den USA. Doch genau hier liegt die Blockade. Khamenei hat faktisch jede Verhandlung mit Washington eingefroren. Sein tiefes Misstrauen gegenüber Präsident Trump prägt die Linie des Systems. Für den Präsidenten bleibt nur die Rolle des Mahners ohne Macht.

Ein gefährlicher Stillstand

Auch wenn die aktuellen Proteste zahlenmäßig noch nicht das Ausmaß der großen Erhebungen von 2019 oder 2022 erreicht haben, ist ihre Qualität eine andere. Das Regime wirkt nicht souverän, sondern erschöpft. Es zögert, weil es weiß, dass zu viel Gewalt das Feuer anfachen kann und schlägt dennoch zu, weil es keine Alternative sieht.

Israelische Sicherheitsexperten beobachten diese Entwicklung genau. Ein innerlich geschwächtes Iran ist nicht automatisch ein weniger gefährliches Iran. Im Gegenteil: Regime im Überlebensmodus neigen zu außenpolitischer Eskalation, um nach innen Stärke zu demonstrieren.

Die Bilder aus Ilam sind deshalb mehr als Momentaufnahmen brutaler Repression. Sie sind ein Warnsignal. Das System wankt aber es ist noch lange nicht bereit loszulassen. Und genau das macht die Situation so unberechenbar.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: Screenshot X


Montag, 05 Januar 2026

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