Iran greift Kuwaits Wasser und Strom an: Zivilisten sollen Washington unter Druck setzenIran greift Kuwaits Wasser und Strom an: Zivilisten sollen Washington unter Druck setzen
Teheran trifft Kraftwerke, Meerwasserentsalzung und Wohngebiete in der größten Sommerhitze. Eine Expertin sieht darin den Versuch, das Leiden der Bevölkerung als Waffe gegen die USA einzusetzen.

Das iranische Regime führt seinen Krieg nicht nur gegen amerikanische Soldaten und militärische Stützpunkte. Seine Angriffe treffen inzwischen jene Anlagen, ohne die das Leben in Kuwait kaum möglich ist: Stromerzeugung, Trinkwasserversorgung und Wohngebiete. In einem Land, in dem die Temperaturen im Sommer auf mehr als 50 Grad steigen können, ist ein Angriff auf Kraftwerke und Meerwasserentsalzung keine gewöhnliche Beschädigung von Infrastruktur. Er bedroht die elementaren Lebensgrundlagen der Bevölkerung.
Am vergangenen Wochenende wurden nach kuwaitischen und internationalen Berichten ein Kraftwerk, eine Anlage zur Gewinnung von Trinkwasser aus Meerwasser sowie mehrere bewohnte Gebiete erheblich beschädigt. Kuwait meldete Brände, ausgefallene Erzeugungseinheiten und verletzte Arbeiter. Die Behörden bemühten sich, die Schäden zu begrenzen und Unterbrechungen der Strom- und Wasserversorgung zu verhindern.
Die Regierung in Kuwait-Stadt bezeichnete die fortgesetzten iranischen Angriffe als schwere Verletzung der staatlichen Souveränität, des Völkerrechts und der Charta der Vereinten Nationen. Iran trage die volle Verantwortung für die Folgen. Kuwait behalte sich alle legitimen Schritte zum Schutz seines Staatsgebiets, seiner Bürger und seiner Interessen vor.
Hinter der Auswahl der Ziele könnte eine ebenso einfache wie rücksichtslose Berechnung stehen: Wenn das Leben für die Menschen in Kuwait unerträglich wird, sollen sie ihre Regierung dazu drängen, auf Washington einzuwirken und ein Ende der amerikanischen Angriffe auf Iran zu verlangen.
Hitze und Wassermangel werden zur Waffe
Courtney Freer, Nahostwissenschaftlerin an der Emory University und Mitarbeiterin des Gulf International Forum, hält es für möglich, dass Teheran mit den Angriffen gezielt politischen Druck über die Zivilbevölkerung erzeugen will. Je stärker Stromausfälle, Wassersorgen und Angst den Alltag bestimmen, desto größer könnte die Forderung werden, Kuwait müsse sich von den Vereinigten Staaten lösen oder zumindest auf ein Ende der Kämpfe hinwirken.
Diese Bewertung ist eine fachliche Einschätzung, kein öffentlich belegter iranischer Einsatzbefehl. Doch sie passt zu den Zielen und Botschaften des Regimes.
Die RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen riefen Bürger in Kuwait und Jordanien Mitte Juli offen dazu auf, die amerikanischen „Besatzer“ aus ihren Ländern zu vertreiben. Sie forderten die Bevölkerung sogar auf, jede Gelegenheit zur Zerstörung amerikanischer Einrichtungen zu nutzen. Teheran greift also nicht nur Einrichtungen auf dem Gebiet fremder Staaten an. Es versucht zugleich, deren Bürger gegen die eigenen Regierungen und gegen die amerikanische Schutzmacht aufzubringen.
Für Kuwait ist dies besonders gefährlich. Elektrizität ist dort während der Sommermonate keine Frage des gewöhnlichen Komforts. Klimaanlagen schützen Wohnungen, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Arbeitsplätze vor Temperaturen, die lebensbedrohlich werden können. Bereits in friedlicheren Jahren kam es wegen des hohen Verbrauchs zu Engpässen und zeitweisen Abschaltungen.
Am Montag wurden in Kuwait 41 Grad erreicht. Im weiteren Verlauf des Sommers können die Höchstwerte über 50 Grad steigen. Fällt in dieser Lage die Stromversorgung aus, heizen sich Wohnungen innerhalb kurzer Zeit auf. Kühlketten für Lebensmittel und Medikamente brechen zusammen. Pumpen, medizinische Geräte und Versorgungseinrichtungen können ausfallen.
Noch empfindlicher ist die Wasserversorgung. Kuwait besitzt kaum natürliche Süßwasserquellen und ist in hohem Maße auf die Entsalzung von Meerwasser angewiesen. Wer eine solche Anlage angreift, trifft nicht irgendeinen Industriebetrieb. Er trifft das Trinkwasser für Familien, Krankenhäuser und öffentliche Einrichtungen.
Das Regime in Teheran weiß das. Iran verfügt selbst über lange Erfahrung mit der Verletzlichkeit seiner Energie- und Wasserversorgung. Die Folgen eines Angriffs auf solche Anlagen können deshalb kaum als unbeabsichtigte Überraschung dargestellt werden.
Der Golfkooperationsrat sprach angesichts der Angriffe auf zivile Einrichtungen in Kuwait, Bahrain und Jordanien von einer gefährlichen Verletzung des Völkerrechts und von möglichen Kriegsverbrechen, die international verfolgt werden müssten. Nach seiner Darstellung wurden in Kuwait mehrere zivile Arbeiter verletzt.
Teheran sucht schwächere Ziele
Freer nennt noch einen weiteren möglichen Grund für die Auswahl ziviler Infrastruktur. Amerikanische Militärstützpunkte sind durch Luftabwehr, Warnsysteme und verstärkte Sicherheitsmaßnahmen geschützt. Kraftwerke, Entsalzungsanlagen, Lagerhäuser und Wohngebiete sind leichter zu erreichen.
Hinzu kommt das Risiko einer härteren amerikanischen Antwort. Direkte Angriffe auf US-Soldaten haben bereits zu neuen Angriffswellen gegen iranische Kommandozentralen, RaketenstellungenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen, Drohnenanlagen und Küstenüberwachung geführt. Wer stattdessen zivile oder gemischt genutzte Einrichtungen eines verbündeten Staates trifft, könnte darauf hoffen, Leid zu verursachen, ohne sofort dieselbe militärische Vergeltung auszulösen.
Diese Rechnung ist menschenverachtend. Sie macht Bürger Kuwaits zu Geiseln einer Auseinandersetzung, die ihr Land weder begonnen noch gesucht hat.
Iran behauptet, die GolfstaatenStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen hätten Angriffe auf iranisches Gebiet ermöglicht und seien deshalb keine unbeteiligten Staaten. Kuwait und andere Regierungen weisen dies zurück. Sie erklären, amerikanische Angriffe würden unter anderem von Schiffen ausgeführt und die auf ihrem Gebiet stationierten US-Truppen dienten dem Schutz ihrer Länder.
Selbst eine militärische Nutzung einzelner Stützpunkte würde Teheran jedoch nicht das Recht geben, Anlagen anzugreifen, von denen die zivile Strom- und Trinkwasserversorgung abhängt. Die Unterscheidung zwischen militärischen Zielen und der Bevölkerung verschwindet nicht, nur weil das iranische Regime sie für politisch störend hält.
Die Golfstaaten werden voraussichtlich dennoch vermeiden, selbst mit umfassenden Angriffen in den Krieg einzutreten. Ihre Regierungen betonen seit Beginn der Kämpfe, dass es sich nicht um ihren Krieg handele. Sie setzen auf Luftverteidigung, diplomatische Vermittlung und Gespräche mit Teheran.
Iran könnte diese Zurückhaltung als Schwäche missverstehen. Tatsächlich zeigt sie, wie sehr Kuwait, Bahrain und Jordanien eine Ausweitung der Kämpfe verhindern wollen. Doch Zurückhaltung schützt sie nicht davor, von Teheran angegriffen zu werden.
Langfristig kann das Vorgehen des Regimes deshalb genau das Gegenteil dessen bewirken, was es erreichen soll. Statt die Golfstaaten von den Vereinigten Staaten zu trennen, führt jeder iranische Angriff ihnen vor Augen, weshalb sie amerikanische Luftverteidigung, Aufklärung und militärische Unterstützung benötigen.
Auch eine engere Zusammenarbeit der arabischen Staaten untereinander wird wahrscheinlicher. Gemeinsame Warnsysteme, verbundene Luftverteidigung und der Ausbau eigener militärischer Fähigkeiten erscheinen nicht mehr als langfristige Möglichkeit, sondern als dringende Notwendigkeit.
Teheran will die Menschen in Kuwait offenbar glauben lassen, ihre Beziehungen zu Washington seien die Ursache ihrer Not. Die tatsächliche Ursache sind jedoch iranische Raketen und Drohnen. Nicht die Vereinigten Staaten haben Kuwait gezwungen, seine Kraftwerke und Wasseranlagen zu verteidigen. Iran hat entschieden, sie anzugreifen.
Das Regime nimmt damit bewusst in Kauf, dass Familien bei extremer Hitze ohne Strom und möglicherweise ohne ausreichend Wasser zurückbleiben. Es führt seinen Krieg über die Körper und Wohnungen von Menschen, die keinen Einfluss auf amerikanische Einsatzbefehle besitzen.
Wer Trinkwasser und Kühlung zur politischen Waffe macht, verteidigt nicht sein Land. Er zeigt, dass ihm das Leben der Nachbarn ebenso gleichgültig ist wie das seiner eigenen Bevölkerung.
Autor: Redaktion
Dienstag, 21 Juli 2026