Teheran kann Israel nicht bestrafen, also verfolgt es seine JudenTeheran kann Israel nicht bestrafen, also verfolgt es seine Juden
Iranische Juden berichten von Überwachung, Entlassungen, zerstörten Geschäften und erzwungenen Hassparolen gegen Israel. Nach außen müssen ihre Vertreter dem Regime öffentlich Treue schwören.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Vor laufenden Kameras erscheinen Vertreter der jüdischen Gemeinschaft Irans als treue Anhänger der Islamischen Republik. Sie verurteilen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, loben das Regime und bedienen dessen Sprache vom angeblichen zionistischen Feind. Einer der führenden jüdischen Repräsentanten verlangte zuletzt sogar die Tötung von US-Präsident Donald Trump und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.
Wer daraus schließt, die Juden Irans stünden freiwillig hinter dem Regime, fällt auf eine Inszenierung herein. Hinter den öffentlichen Treueschwüren steht nach einer umfangreichen Recherche des britischen Jewish Chronicle eine Gemeinschaft, die unter Angst, Überwachung und wachsendem Druck lebt. Die Zeitung sprach mit 20 iranischen Juden. Sie berichten von zerstörten Geschäften, Verhören, Entlassungen, dem Ausschluss von Universitäten und Kindern, die gezwungen werden, israelische Fahnen zu verbrennen.
Ein jüdischer Ladenbesitzer aus Teheran fasste die Lage in einem Satz zusammen: Das Regime könne Israel und die Vereinigten Staaten nicht bestrafen, deshalb nehme es Rache an gewöhnlichen jüdischen Bürgern. Genau darin liegt der Kern. Für die Islamische Republik sind die Juden im eigenen Land keine gleichberechtigten Bürger. Sie sind Geiseln, deren Sicherheit davon abhängt, wie überzeugend sie sich von Israel distanzieren und wie bereitwillig sie die PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen der Machthaber wiederholen.
Die Namen der meisten Befragten wurden zu ihrem Schutz geändert. Ihre einzelnen Berichte können deshalb nicht unabhängig überprüft werden. In ihrer Gesamtheit zeichnen sie jedoch ein übereinstimmendes Bild, das durch öffentlich bekannte Maßnahmen des Regimes gestützt wird. Selbst der jüdische Abgeordnete Homayoun Sameyah Najafabadi bestätigte in einem Schreiben, dass Sicherheitsbehörden die Internetaktivitäten von Gemeindemitgliedern beobachten. Juden wurden darin aufgefordert, israelischen persischsprachigen Medien nicht mehr zu folgen und auffällige Kommentare oder Gefällt-mir-Angaben zu löschen.
Entlassen, weil er Israel nicht beschimpfen wollte
Ein Mann, der unter dem Namen „Yakub“ zitiert wird, hatte mehr als 20 Jahre für eine Finanzorganisation gearbeitet. Dann bestellte ihn die interne Sicherheitsabteilung zum Verhör. Die Beamten wollten wissen, ob er Verwandte in Israel habe. Sie legten ihm Bilder israelischer Bürger mit demselben Familiennamen vor und verlangten anschließend, dass er auf seinen sozialen Netzwerken Beiträge gegen Israel und den ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen veröffentlicht.
Yakub lehnte ab. Er erklärte, kein politischer Mensch zu sein. Wenige Tage später verlor er seinen Arbeitsplatz. Eine neue Beschäftigung in seinem Beruf fand er nicht mehr. Selbst sein Antrag, als Fahrer für den iranischen Fahrdienst Snapp zu arbeiten, wurde nach seiner Darstellung abgelehnt. Fünf der vom Jewish Chronicle befragten Juden berichteten, im vergangenen Jahr ihre Arbeit im öffentlichen oder privaten Bereich verloren zu haben.
Ein jüdischer Ladenbesitzer berichtete, sein Geschäft in der Teheraner Innenstadt sei innerhalb eines Jahres zweimal verwüstet worden. Die Scheiben wurden eingeschlagen, an die Wand schrieben die Täter die Aufforderung, die „Zionisten“ sollten verschwinden. Der Mann ist überzeugt, dass nicht seine Nachbarn dahinterstanden. Diese wüssten seit Jahren, welche Geschäfte Juden gehörten, und hätten sie stets respektvoll behandelt. Er vermutet Anhänger des Regimes, die regelmäßig an staatlich organisierten Kundgebungen teilnehmen.
Zwei weitere jüdische Geschäftsleute berichteten von Angriffen durch Kräfte, die mit den RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen verbunden seien. Ein Juwelier erklärte, Mitglieder der Basidsch-Miliz hätten sein Geschäft durchsucht und Gold sowie Schmuck mitgenommen. Einer der Männer soll die Beute als Kriegsgewinn bezeichnet und dem Besitzer gedroht haben, er könne froh sein, dass Frau und Tochter nicht ebenfalls mitgenommen würden. Auch diese Schilderung beruht auf der Aussage des Betroffenen und ist nicht unabhängig bestätigt.
Besonders erschütternd ist der Druck auf Kinder. Eine jüdische Mutter berichtete, ihre Kinder würden von der staatlichen Schule regelmäßig zu regimetreuen Aufmärschen gebracht. Weil die Verantwortlichen wüssten, dass sie Juden seien, müssten sie israelische Fahnen verbrennen und Parolen gegen Israel rufen. Ihr zehnjähriger Sohn sei von einem Lehrer geschlagen und beschimpft worden, weil er nicht laut genug mitgemacht habe.
Das Regime verlangt damit von jüdischen Kindern, öffentlich Hass gegen einen jüdischen Staat vorzuführen, um ihre eigene Loyalität zu beweisen. Es handelt sich nicht um politische Bildung und nicht um eine gewöhnliche Schulveranstaltung. Es ist Erniedrigung. Die Kinder sollen lernen, dass ihre jüdische Identität sie verdächtig macht und dass Sicherheit nur durch sichtbare Unterwerfung erreicht werden kann.
Auch Studenten geraten wegen geringster digitaler Spuren ins Visier. Eine junge Jüdin berichtete, Universitätsmitarbeiter hätten ihr eine Aufstellung ihrer Internetaktivitäten gezeigt. Darunter befanden sich israelische persischsprachige Konten, internationale Nachrichtenangebote und Beiträge iranischer Oppositioneller. Ihr sei die Rückkehr an die Universität untersagt worden. Zudem habe sie auf eine Vorladung durch ein Gericht warten sollen.
Für jüdische Iraner ist jeder Kontakt nach Israel gefährlich. Viele haben Angehörige dort, weil nach der Islamischen Revolution Zehntausende Juden das Land verlassen mussten. Genau diese familiären Verbindungen können heute als Grundlage für Spionagevorwürfe dienen. Mehrere Menschen wurden in Iran in den vergangenen Monaten wegen angeblicher Zusammenarbeit mit Israel hingerichtet. Menschenrechtsorganisationen kritisierten wiederholt fehlende rechtsstaatliche Verfahren und unter Zwang erlangte Geständnisse.
Öffentliche Treue als Überlebensversicherung
Vor diesem Hintergrund müssen auch die Auftritte der offiziellen Gemeindeführung betrachtet werden. Nach dem Krieg mit Israel erklärte Irans Oberrabbiner öffentlich, die jüdische Gemeinschaft stehe mit ganzem Herzen an der Seite der Islamischen Republik. Er behauptete, der Zionismus führe Krieg gegen das iranische Volk.
Eine junge jüdische Unternehmerin erklärte dem Jewish Chronicle dagegen, niemand nehme solche Aussagen ernst. Der Rabbiner wiederhole, was ihm vorgegeben werde. Sie und ihre Familie seien Iraner und lehnten das Regime ebenso ab wie viele andere Menschen im Land. Angehörige ihrer Familie hätten sich sogar an den Protesten gegen die Herrschaft beteiligt. Als Juden fürchteten sie jedoch besonders, bei einer Festnahme ohne Beweise der Zusammenarbeit mit dem Mossad beschuldigt zu werden.
Wenige Tage vor Veröffentlichung der Recherche hatte ein führender Vertreter der jüdischen Gemeinschaft bei einer Veranstaltung im iranischen Parlament zur Tötung Trumps und Netanjahus aufgerufen. Rabbi Hakham Hamami Lalehzar berief sich dabei auf einen Vers aus der Tora und verlangte Blutrache für den getöteten iranischen Machthaber Ali Khamenei. Auch der jüdische Parlamentsabgeordnete Sameyah verteidigte iranische Vergeltung als religiös begründetes Recht.
Solche Aussagen sind entsetzlich. Doch es wäre ein schwerer Fehler, sie ohne den staatlichen Zwang zu betrachten, unter dem jüdisches Leben in Iran stattfindet. Das Regime braucht jüdische Männer, die vor Kameras Israel verfluchen. Sie sollen als Beweis dienen, dass die Islamische Republik nicht antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen sei und sich ihr Hass angeblich nur gegen den Zionismus richte.
Die Berichte aus der Gemeinschaft entlarven dieses Schauspiel. Wer als Jude Israel nicht öffentlich verurteilt, riskiert seinen Arbeitsplatz. Wer israelischen Medien folgt, wird von Sicherheitsbehörden beobachtet. Wer Verwandte in Israel hat, kann unter Spionageverdacht geraten. Kinder müssen Fahnen verbrennen, Erwachsene sollen Hassbeiträge veröffentlichen und Gemeindeführer werden auf staatliche Bühnen gestellt, damit sie die Feinde des Regimes mit jüdischen Texten bedrohen.
Die Erinnerung an Habib Elghanian ist deshalb bis heute lebendig. Der Unternehmer und damalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinschaft Teherans wurde kurz nach der Islamischen Revolution festgenommen. Nach einem Verfahren von nur wenigen Minuten verurteilte ihn ein Revolutionstribunal unter anderem wegen angeblicher Verbindungen zu Israel und zum Zionismus zum Tod. Am 9. Mai 1979 wurde er erschossen. Etwa die Hälfte der für die aktuelle Recherche befragten Juden erwähnte seinen Namen. Wenn der Druck wachse, werde in den Familien wieder über Elghanian gesprochen.
Vor der Islamischen Revolution lebten schätzungsweise 100.000 Juden in Iran. Heute sollen es noch etwa 20.000 sein. Die Gemeinschaft gehört zu den ältesten der Welt und ist zugleich eine der letzten größeren jüdischen Gemeinschaften in einem muslimisch beherrschten Staat des Nahen Ostens. Ihre bloße Existenz wird von Teheran gern als Beweis für angebliche religiöse Toleranz vorgezeigt.
Doch eine Gemeinschaft ist nicht frei, nur weil ihre Synagogen nicht vollständig geschlossen werden. Freiheit besteht nicht darin, beten zu dürfen, solange man den jüdischen Staat beschimpft. Wer seinen Beruf, die Ausbildung seiner Kinder oder sogar sein Leben verlieren kann, weil er Israel nicht hasst, lebt nicht unter Toleranz. Er lebt unter Erpressung.
Die Juden Irans brauchen keine wohlfeilen Beteuerungen des Regimes. Sie brauchen Schutz vor jenem Staat, der sie öffentlich als Aushängeschild benutzt und im Verborgenen als Verdächtige behandelt. Solange Teheran jüdische Bürger für die militärischen Niederlagen des Regimes büßen lässt, ist jede angebliche Solidarität der Gemeindeführung unter Zwang zu lesen.
Das Regime kann Israel nicht unterwerfen. Deshalb zwingt es iranische Juden, Israel vor laufender Kamera zu verfluchen. Und wenn das nicht genügt, nimmt es ihnen Arbeit, Bildung und Sicherheit.
Autor: Redaktion
Donnerstag, 30 Juli 2026