Irans Führung warnt vor dem eigenen Limit: „Wenn das Volk hungert, halten wir nicht durch“Irans Führung warnt vor dem eigenen Limit: „Wenn das Volk hungert, halten wir nicht durch“
Ungewöhnlich offene Worte aus Teheran: Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf warnt, militärische Stärke könne eine kollabierende Wirtschaft nicht ersetzen. Präsident Masoud Pezeshkian fordert ein Ende des Krieges. Gleichzeitig droht das Regime mit einer neuen Eskalation.

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Die Führung der Islamischen Republik spricht seit Monaten von Widerstand, Stärke und Sieg. Doch hinter dieser Fassade werden inzwischen andere Töne hörbar. Führende Vertreter des Regimes warnen öffentlich davor, dass Iran den wirtschaftlichen Druck nicht unbegrenzt durchhalten kann.
Besonders deutlich wurde Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf.
„Es spielt keine Rolle, wie viel militärische Macht wir haben. Wenn das Volk hungert und es keinen Kapitalfluss und kein Wirtschaftswachstum gibt, werden wir nicht durchhalten können“, erklärte er nach einem Bericht des israelischen Senders N12.
Für die Führung in Teheran ist das eine bemerkenswert offene Aussage. Die Islamische Republik hat ihre militärische Stärke jahrzehntelang als Grundlage ihrer Macht dargestellt. Raketen, Drohnen, die RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen und ein Netzwerk verbündeter bewaffneter Gruppen sollten dem Regime ermöglichen, selbst unter massivem äußeren Druck handlungsfähig zu bleiben.
Ghalibaf benennt nun die Grenze dieses Modells.
„Sicherheit und Wirtschaft sind zwei Dinge, die voneinander abhängen“, sagte er. Sicherheit könne nicht dauerhaft bestehen, wenn sie nicht von einer Wirtschaft getragen werde, die ihre Fortsetzung ermögliche.
Das ist noch keine Kapitulation. Aber es ist das Eingeständnis, dass Raketen allein ein Regime nicht stabil halten können.
Pezeshkian will den Krieg beenden
Noch weiter ging Präsident Masoud Pezeshkian. Auch er sprach sich dafür aus, den Krieg jetzt zu beenden.
Seine Wortwahl zeigt allerdings, wie sehr Teheran weiterhin versucht, jeden möglichen Ausweg als eigenen Erfolg zu verkaufen.
„Wir müssen den Krieg jetzt beenden, während wir uns in einer Position der Stärke befinden und die Welt unseren Sieg anerkennt“, erklärte Pezeshkian.
Ob die Welt tatsächlich einen iranischen Sieg erkennt, ist eine Behauptung des Präsidenten, keine objektive Feststellung. Politisch ist seine Aussage dennoch bemerkenswert.
Pezeshkian sagt nicht, Iran müsse sich auf einen noch längeren Krieg vorbereiten. Er sagt, der Zeitpunkt sei gekommen, ihn zu beenden.
Damit treffen in Teheran zwei Entwicklungen aufeinander. Einerseits möchte das Regime seine militärischen und politischen Ergebnisse bewahren und einen möglichen Kompromiss nicht als Niederlage erscheinen lassen. Andererseits wächst offenbar die Sorge, dass die wirtschaftlichen Kosten eines fortgesetzten Konflikts irgendwann gefährlicher werden könnten als Zugeständnisse.
Genau auf diesen Punkt zielt Washington.
US-Präsident Donald Trump hatte erst am Mittwoch eine drastische Verschärfung des wirtschaftlichen Drucks angekündigt. Unter der Bezeichnung „Economic D-Day“ versprach er eine wirtschaftliche Isolation Irans in bislang nicht gekanntem Ausmaß.
Trump drohte dabei ausdrücklich nicht nur Teheran. Auch Staaten, Banken, Unternehmen und andere Akteure, die Iran weiterhin wirtschaftliche Schlupflöcher eröffnen, sollen mit schweren amerikanischen Konsequenzen rechnen.
Ölschmuggel, Tauschgeschäfte, Geldtransfers, Wechselstuben, Schiffsregistrierungen und Scheinfirmen müssten aufhören, erklärte Trump.
Das Ziel ist offensichtlich: Iran soll nicht nur sanktioniert werden. Washington will die Kanäle treffen, über die das Regime Sanktionen bislang umgehen und trotz internationaler Beschränkungen Geld verdienen konnte.
Die Äußerungen Ghalibafs zeigen nun, weshalb dieser Ansatz für Teheran gefährlich werden kann.
Zwischen Friedenssignal und Kriegsdrohung
Wer daraus allerdings bereits einen grundlegenden Kurswechsel der Islamischen Republik ableitet, wäre zu schnell.
Fast gleichzeitig mit den Warnungen vor den wirtschaftlichen Folgen sendet Teheran Drohungen in die entgegengesetzte Richtung.
Die Financial Times berichtete diese Woche unter Berufung auf zwei Personen aus dem Umfeld des Regimes, iranische Militärs hätten mögliche Angriffe auf amerikanische Einrichtungen in Südosteuropa geprüft. Genannt wurde unter anderem Bulgarien, das den USA die Nutzung des Luftwaffenstützpunkts Bezmer für Tankflugzeuge erlaubt hat. Auch Zypern soll in entsprechenden Überlegungen eine Rolle spielen.
Ein mit dem Regime vertrauter Gesprächspartner warnte gegenüber der Zeitung, Iran könne den Krieg über den Nahen Osten hinaus ausweiten und auch Ziele in Europa angreifen, sollte Washington zu weit gehen.
Das ist bislang keine bestätigte iranische Operationsentscheidung. Die Angaben stammen aus anonymen Quellen. Sie passen jedoch zu öffentlichen Warnungen der Revolutionsgarden, wonach auch ausländische Stützpunkte als Ziele betrachtet werden könnten, wenn sie für Angriffe auf Iran genutzt werden.
Damit wird die Strategie Teherans sichtbar: Das Regime signalisiert gleichzeitig Erschöpfung und Eskalationsbereitschaft.
Es möchte den wirtschaftlichen Druck beenden, ohne den Eindruck zu vermitteln, unter diesem Druck nachzugeben.
Teheran versucht, den Preis für Washington zu erhöhen
Nach Angaben eines israelischen Sicherheitsvertreters gegenüber N12 nutzt Iran die derzeitige Feuerpause zudem dazu, seine Produktionskapazitäten für ballistische Raketen wiederaufzubauen.
Auch diese Aussage stammt von einer nicht namentlich genannten Quelle und ist deshalb als israelische Einschätzung zu behandeln.
Nach deren Darstellung versucht Teheran gleichzeitig, Trumps wirtschaftlichen Kurs zu unterlaufen. Das iranische Signal laute sinngemäß „Blockade gegen Blockade“: Steigt der Druck auf Iran, könnten auch die Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen und über verbündete Kräfte der SeewegStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen am Bab al-Mandab erneut stärker unter Druck geraten.
Beide Meerengen sind für den Welthandel von enormer Bedeutung. Eine Eskalation dort würde deshalb nicht nur Washington treffen.
Genau darin liegt ein wichtiger Teil der iranischen Strategie. Das Regime kann die amerikanische Wirtschaftsmacht nicht spiegeln. Es kann aber versuchen, die Kosten des Drucks für andere Staaten zu erhöhen und damit politischen Widerstand gegen Washingtons Kurs zu erzeugen.
Nach Einschätzung der von N12 zitierten Sicherheitsquelle könnte Iran noch weiter gehen, falls diese Strategie scheitert.
Wenn Teheran zu der Überzeugung gelange, dass seine Versuche, den wirtschaftlichen Druck zu stören, wirkungslos blieben, könne das Regime „zur Phase der Eröffnung des Feuers übergehen“.
Auch das ist eine Prognose, keine feststehende iranische Entscheidung.
Doch sie beschreibt das Dilemma ziemlich genau.
Militärische Macht kann keine leeren Kassen ersetzen
Iran verfügt weiterhin über erhebliche militärische Fähigkeiten. Das Regime besitzt ballistische Raketen, Drohnen, die Revolutionsgarden und verbündete bewaffnete Gruppen in mehreren Staaten der Region. Niemand sollte aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten den Schluss ziehen, Teheran sei militärisch bedeutungslos geworden.
Aber Ghalibafs Aussage berührt einen Punkt, den die Führung lange lieber verschwieg.
Militärische Macht kostet Geld.
Raketen müssen gebaut, Soldaten bezahlt, Infrastruktur repariert und verbündete Gruppen finanziert werden. Gleichzeitig muss ein Regime die Bevölkerung zumindest so weit wirtschaftlich versorgen können, dass der innere Druck beherrschbar bleibt.
Wenn diese Grundlage zerfällt, hilft irgendwann auch das größte Raketenarsenal nicht mehr.
Genau deshalb ist der Satz des iranischen Parlamentspräsidenten politisch so bedeutend.
Nicht weil er den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der Islamischen Republik ankündigt. Das tut er nicht.
Sondern weil erstmals so offen ausgesprochen wird, wo die Grenze der iranischen Durchhaltestrategie liegt.
Trump versucht diese Grenze mit wirtschaftlichem Druck zu erreichen. Pezeshkian sucht offenbar nach einem Weg, den Krieg vorher zu beenden und das Ergebnis trotzdem als Sieg zu verkaufen. Die Hardliner wiederum drohen damit, den Preis einer weiteren amerikanischen Eskalation massiv zu erhöhen.
Noch ist offen, welche dieser Kräfte sich durchsetzt.
Aber wenn ein führender Vertreter der Islamischen Republik öffentlich erklären muss, dass selbst militärische Stärke nichts nützt, wenn das Volk hungert, dann hat sich die Debatte in Teheran bereits verändert.
Autor: Redaktion
Freitag, 21 August 2026