Irans Regime rüstet weiter, während den Menschen das Geld zum Leben fehltIrans Regime rüstet weiter, während den Menschen das Geld zum Leben fehlt
Ein entlassener Petrochemiearbeiter versucht vor dem Arbeitsamt, sich das Leben zu nehmen. Gleichzeitig warnt selbst Parlamentspräsident Ghalibaf: Militärische Stärke nützt nichts, wenn die Bevölkerung verarmt. Irans Führung kennt die Krise und setzt trotzdem weiter auf Aufrüstung.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Ein einzelnes Schicksal erklärt keine Wirtschaftskrise. Aber manchmal zeigt es, wie weit eine Gesellschaft unter Druck geraten ist.
In Mahshahr, einem Zentrum der iranischen Petrochemieindustrie, versuchte ein etwa 35 Jahre alter Arbeiter vor wenigen Tagen, sich während einer Protestaktion vor dem örtlichen Arbeitsamt das Leben zu nehmen. Andere Arbeiter griffen ein, der Mann überlebte und wurde in ein Krankenhaus gebracht.
Nach Angaben der iranischen Arbeitsnachrichtenagentur ILNA hatte er mehr als fünf Jahre als Vertragsarbeiter für die Petrochemiefirma Petronad gearbeitet. Rund sechs Monate zuvor war er entlassen worden. Kollegen berichteten, dass ihn die Arbeitslosigkeit und seine finanzielle Lage zunehmend verzweifeln ließen. Er hat zwei Kinder und weitere Angehörige, für die er Verantwortung trägt.
Der Fall ist persönlich und sollte auch so behandelt werden. Er ist kein Beweis für den Zustand eines ganzen Landes.
Doch er passt in ein wirtschaftliches Bild, das inzwischen selbst die iranische Führung kaum noch verbergen kann.
Iran ging bereits mit hoher Inflation, einer schwachen Währung, internationalen Sanktionen und erheblichen strukturellen Problemen in den Krieg. Seit Februar kamen zerstörte Industrieanlagen, unterbrochene Handelswege, Produktionsausfälle und die amerikanische Blockade hinzu. Nach offiziellen iranischen Angaben sind allein durch den Krieg rund eine Million Arbeitsplätze unmittelbar verloren gegangen.
Für gewöhnliche Iraner sind diese Zahlen längst im Alltag angekommen.
Im Juli lag die jährliche Inflation nach Daten des iranischen Statistikamtes bei 66 Prozent. Die Verbraucherpreise lagen fast 88 Prozent über dem Vorjahresmonat. Bei Lebensmitteln betrug die Teuerung sogar 128 Prozent. Reuters berichtet von Familien, die Fleisch und andere Grundnahrungsmittel zunehmend vom Speiseplan streichen müssen, weil das Einkommen schon wenige Tage nach der Auszahlung aufgebraucht ist.
Bei einzelnen Lebensmitteln ist die Entwicklung noch drastischer. Fleisch und Geflügel kosteten im Juli rund 149 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, Milchprodukte etwa 147 Prozent mehr. Der Rückgang des Lebensstandards ist damit keine abstrakte Folge westlicher Sanktionslisten mehr. Er steht im Supermarktregal.
Und inzwischen spricht sogar einer der mächtigsten Männer des Systems offen darüber.
Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf erklärte während eines Besuchs in Bagdad, militärische Stärke allein könne den Staat nicht retten.
„Wenn die Menschen hungrig sind ... werden wir nicht bestehen.“
Ghalibaf sprach ausdrücklich davon, dass wirtschaftliche Stabilität und nationale Sicherheit nicht voneinander getrennt werden könnten. Ohne Wachstum, Produktion und funktionierenden Geldverkehr lasse sich auch militärische Macht auf Dauer nicht erhalten.
Das ist für die Islamische Republik eine bemerkenswerte Aussage.
Denn seit Jahren verkauft die Führung Aufrüstung, Raketenprogramme, die RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen und ihre regionalen Stellvertreter als Garanten iranischer Stärke. Milliarden flossen in militärische Strukturen und in den Aufbau von HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, HouthiHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen-Milizen und anderen bewaffneten Gruppen.
Nun sagt ausgerechnet der Parlamentspräsident öffentlich, was viele Iraner längst erleben: Ein Staat kann Raketen besitzen und trotzdem wirtschaftlich ausbluten.
Die Revolutionsgarden leben in einer anderen Realität
Der Iran-Experte Meir Litvak von der Universität Tel Aviv beschreibt gegenüber der JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post eine zentrale Ursache des Problems: Die Revolutionsgarden seien durch eigene wirtschaftliche Strukturen weit stärker geschützt als normale Bürger. Wenn das Regime zwischen wirtschaftlicher Erholung und militärischem Wiederaufbau entscheiden müsse, falle die Entscheidung häufig zugunsten des Militärs aus.
Genau dieser Gegensatz wird mit jeder neuen Sanktion schärfer.
Die iranische Führung versucht derzeit, beschädigte Raketenbestände und militärische Infrastruktur wieder aufzubauen. Gleichzeitig fehlen Unternehmen Aufträge, Rohstoffe und Absatzmärkte. Petrochemische Anlagen und Stahlwerke wurden getroffen oder mussten ihre Produktion reduzieren. Der Internetausfall hat zusätzlich zahlreiche kleinere Unternehmen geschädigt. AP berichtete bereits im Frühjahr, dass etwa ein Fünftel der iranischen Produktionsstätten durch den Krieg beschädigt worden sein soll und Millionen weitere Arbeitsplätze gefährdet sind.
Hinzu kommt der Absturz des Rial. Auf dem freien Markt wurden zuletzt rund 1,9 Millionen Rial für einen US-Dollar verlangt. Damit werden importierte Medikamente, Maschinen, Ersatzteile und Lebensmittel immer teurer.
Das Regime widerspricht trotzdem der Darstellung, Iran stehe vor einer Hyperinflation. Zentralbankchef Abdolnasser Hemmati erklärte zuletzt, die Lage befinde sich weiterhin unter Kontrolle.
Für eine Familie, die Fleisch, Milch oder Medikamente nicht mehr bezahlen kann, dürfte diese sprachliche Unterscheidung nur begrenzten Trost bieten.
Das Problem der Islamischen Republik ist inzwischen nicht mehr nur der Druck von außen.
Es ist die Frage, welche Prioritäten sie im Inneren setzt.
Selbst nach fast sechs Monaten Krieg und gewaltigen wirtschaftlichen Schäden gibt es innerhalb des Machtapparates erheblichen Widerstand gegen Zugeständnisse an Washington. Hardliner setzen weiterhin auf Durchhalten, militärische Abschreckung und die Hoffnung, dass die USA irgendwann nachgeben.
Die Rechnung bezahlen zunächst andere.
Arbeiter verlieren ihre Stellen. Familien verlieren Kaufkraft. Unternehmen schließen. Junge Paare verschieben Heirat und Kinder, weil sie sich ein gemeinsames Leben kaum leisten können.
Und währenddessen soll der militärische Apparat möglichst schnell wieder aufgebaut werden.
Genau deshalb ist der Fall aus Mahshahr so bedrückend.
Nicht weil das persönliche Leid eines einzelnen Mannes zum politischen Symbol gemacht werden sollte.
Sondern weil hinter ihm inzwischen Hunderttausende ähnliche Geschichten stehen: Menschen, die Arbeit verlieren, deren Lohn jeden Monat weniger wert ist und denen ihre Regierung gleichzeitig erklärt, das Land sei stark und werde seinen Gegnern widerstehen.
Ghalibaf hat zumindest ausgesprochen, wohin dieser Widerspruch führen kann.
Ein Regime kann seine Raketen zählen.
Aber irgendwann zählt die Bevölkerung, was ihr noch zum Leben bleibt.
Autor: Redaktion
Montag, 24 August 2026