Iran am Limit: Bürger berichten von Mangel, Angst und neuer ProtestbereitschaftIran am Limit: Bürger berichten von Mangel, Angst und neuer Protestbereitschaft
Lange Schlangen an Tankstellen, Inflation und zunehmende Repression prägen den Alltag im Iran. Gegenüber N12 berichten Einwohner von wachsender Verzweiflung und erklären, mit internationaler Unterstützung wieder protestieren zu wollen.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise im Iran verschärft sich. In Gesprächen mit dem israelischen Sender N12 beschreiben Einwohner aus Teheran und Maschhad einen Alltag, der zunehmend vom Kampf um Grundbedürfnisse bestimmt werde. Lange Schlangen vor Tankstellen, Stromausfälle, Wassermangel, fehlende Arbeit und rasant steigende Preise hätten das Leben für viele Menschen auf das Notwendigste reduziert. Diese Schilderungen stammen von einzelnen Gesprächspartnern und lassen sich nicht in jedem Detail unabhängig überprüfen. Das grundsätzliche Bild einer schweren Wirtschaftskrise wird jedoch durch aktuelle internationale Berichte bestätigt. Reuters berichtete am Samstag unter Berufung auf Präsident Masoud Pezeshkian von einem Rückgang des iranischen Außenhandels um 35 Prozent und einer jährlichen Inflation von inzwischen 66 Prozent. Auch AP dokumentierte in den vergangenen Tagen wachsende Schlangen vor Tankstellen und die Angst vieler Iraner vor Versorgungsengpässen.
Ein Bewohner von Maschhad beschreibt gegenüber N12 die Lage als die schwierigste seit Gründung der Islamischen Republik vor 47 Jahren. Es gehe nicht mehr um Lebensqualität, sondern ums Überleben. In Teheran berichtet ein weiterer Gesprächspartner, dass steigende Preise inzwischen nahezu jeden Bereich des täglichen Lebens erfasst hätten. Die Ursachen sind vielschichtig. Krieg, verschärfte amerikanische Sanktionen und Einschränkungen des Außenhandels setzen die iranische Wirtschaft zusätzlich unter Druck. Washington hat seine Kampagne gegen die wirtschaftlichen Netzwerke des Regimes zuletzt noch einmal massiv ausgeweitet. Das US-Finanzministerium erklärte am 24. August den Beginn der „Operation Economic Outcast“, mit der insbesondere Einnahmequellen und internationale Finanzverbindungen des Regimes, der RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen und angeschlossener Strukturen getroffen werden sollen.
Wirtschaftlicher Druck trifft auf politische Repression
Parallel zur wirtschaftlichen Not schildern die von N12 befragten Iraner eine weiterhin massive Präsenz von Basij, Revolutionsgarden und Polizei. In Teheran gebe es Kontrollpunkte und Patrouillen, berichtete ein Gesprächspartner. Sicherheitskräfte würden Menschen anhalten und teilweise Mobiltelefone kontrollieren. Nach seiner Darstellung könne bereits Bildmaterial von Protesten oder von Oppositionsfiguren zu einer Festnahme führen. Diese konkreten Vorwürfe stammen aus anonymen Aussagen gegenüber N12 und sind nicht unabhängig bestätigt. Dass das Regime Protestbewegungen jedoch mit massiver Repression bekämpft, ist umfassend dokumentiert. Amnesty International berichtete nach den landesweiten Protesten von Tausenden willkürlich Festgenommenen und einem erheblichen Risiko von Folter, unfairen Verfahren und Todesurteilen.
Auch die Zahl der Hinrichtungen zeigt, wie stark die Führung auf Abschreckung setzt. Iran Human Rights dokumentierte bis Ende Juli mindestens 444 Hinrichtungen allein im Jahr 2026, darunter zahlreiche Menschen, die im Zusammenhang mit Protesten verurteilt worden waren. Am 23. August meldete die Organisation bereits den 29. hingerichteten Teilnehmer der Proteste vom Januar. Amnesty warnte ebenfalls davor, dass die Todesstrafe zunehmend als Instrument politischer Repression eingesetzt werde.
Trotz dieses Drucks berichten die Gesprächspartner von N12 von wachsender Wut. Ein Einwohner aus Teheran erklärte, die Menschen könnten erneut auf die Straße gehen, wenn sie ausreichenden Rückhalt von außen spürten. In einer direkten Botschaft an US-Präsident Donald Trump bat er die Vereinigten Staaten, an der Seite der iranischen Bevölkerung zu stehen. Verhandlungen mit dem Regime seien aus seiner Sicht sinnlos. Wichtig ist auch hier die Einordnung: Es handelt sich um Aussagen einzelner Iraner und nicht um einen repräsentativen Beleg für die Haltung der gesamten Bevölkerung. Sie passen jedoch zu der Sorge der Führung selbst vor neuen Unruhen. Reuters berichtete zuletzt, dass die politische Führung angesichts von Inflation, Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Instabilität ausdrücklich vor möglichen gesellschaftlichen Spannungen warnt und gleichzeitig ihre Sicherheitsapparate stärkt.
Das Regime steht damit vor einem bekannten Problem, diesmal jedoch unter außergewöhnlich hohem Druck. Es kann Demonstrationen mit Basij, Revolutionsgarden, Gefängnissen und Todesurteilen unterdrücken, aber keine Inflation wegverhaften und keine leeren Tankstellen durch Einschüchterung füllen. Die wirtschaftliche Krise allein bedeutet noch nicht, dass unmittelbar eine neue landesweite Protestbewegung beginnt oder das Regime vor dem Zusammenbruch steht. Die Berichte aus Teheran und Maschhad zeigen jedoch, dass sich wirtschaftliche Not, politische Wut und Angst vor staatlicher Gewalt erneut miteinander verbinden. Für die Führung in Teheran dürfte genau diese Mischung gefährlicher sein als jede einzelne Sanktion.
Autor: Redaktion
Montag, 31 August 2026