In eigener Sache
haOlam.de braucht zwischendurch zusätzliche Hilfe
Einige helfen haOlam.de bereits verlässlich jeden Monat. Dafür sind wir dankbar. Für aktuelle Rechnungen reicht es gerade trotzdem nicht. Schon 10 oder 20 Euro helfen spürbar, damit haOlam.de weiterlaufen kann. Wer mehr geben kann, hilft natürlich besonders.
Natanz, Fordow, Turquzabad: Mehr als 20 Jahre iranisches Atom-Versteckspiel

Natanz, Fordow, Turquzabad: Mehr als 20 Jahre iranisches Atom-Versteckspiel


Teheran soll Atominspektoren wieder Zugang anbieten, wenn dafür Sanktionen fallen. Doch wer heute über neue Kontrollen verhandelt, muss die Akten der IAEA kennen: verspätet gemeldete Anlagen, verschwiegene Experimente, verweigerter Zugang, ungeklärte Uranfunde und Jahre verlorener Überwachung.

Natanz, Fordow, Turquzabad: Mehr als 20 Jahre iranisches Atom-Versteckspiel
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Iran verlangt erneut Vertrauen. Nach Berichten über vertrauliche Gespräche in New York soll Außenminister Abbas Araghchi angeboten haben, Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde wieder Zugang zu bombardierten iranischen Atomanlagen zu gewähren, wenn der Westen im Gegenzug Sanktionen lockert. Teheran bestreitet den Bericht. Doch unabhängig davon stellt sich eine größere Frage: Was wäre ein neues iranisches Kontrollversprechen nach mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung überhaupt wert?

Die Antwort findet sich nicht in politischen Erklärungen, sondern in den Berichten der IAEA. Schon 2003 stellte die Behörde fest, dass Iran Verpflichtungen zur Meldung von Nuklearmaterial, Anlagen und Aktivitäten nicht erfüllt hatte. Als Teheran die Zentrifugenanlagen in Natanz im Februar jenes Jahres gegenüber der IAEA offenlegte, waren dort bereits mehr als 100 Gehäuse für rund 1.000 geplante Zentrifugen installiert. Gleichzeitig entstand eine wesentlich größere Anlage, die für mehr als 50.000 Zentrifugen vorgesehen war.

Noch deutlicher wurde das Problem bei Kalaye Electric in Teheran. Im März 2003 verweigerten iranische Behörden den Inspektoren zunächst den Zugang zu einem Werkstattgebäude und erklärten, es werde als Lager genutzt und die Schlüssel seien nicht verfügbar. Später teilten sie der IAEA mit, sämtliche dort verwendeten Zentrifugen seien verschrottet worden. Tatsächlich waren die Geräte an einen anderen Ort in Teheran gebracht worden und wurden den Inspektoren erst Ende Oktober gezeigt. Im selben Jahr räumte Iran außerdem Tests mit Uranhexafluorid in Kalaye Electric ein, nachdem es zuvor erklärt hatte, dort seien keine solchen Tests mit Nuklearmaterial durchgeführt worden.

Das Muster war damit früh erkennbar: Informationen kamen nicht vollständig zu Beginn, sondern Stück für Stück, häufig nachdem Messungen oder Nachfragen der Atomenergiebehörde neue Widersprüche aufgeworfen hatten.

Fordow kam erst ans Licht, als die Anlage längst weit fortgeschritten war

Sechs Jahre später wiederholte sich die Geschichte in größerem Maßstab. Im September 2009 meldete Iran der IAEA erstmals die Urananreicherungsanlage Fordow bei Qom. Als Inspektoren die tief geschützte Anlage anschließend untersuchten, befand sie sich bereits in einem fortgeschrittenen Baustadium. Vorgesehen waren rund 3.000 Zentrifugen. Iran erklärte, mit dem Bau 2007 begonnen zu haben, nachdem wegen möglicher militärischer Angriffe ein geschützter Ersatzstandort für die Urananreicherung gesucht worden sei.

Die IAEA hielt dagegen fest, dass Iran den Bau nicht rechtzeitig gemeldet hatte. Satellitenbilder zeigten zudem bereits frühere Bautätigkeiten an dem Standort. Fordow wurde damit zum nächsten Beispiel dafür, dass eine für das Atomprogramm zentrale Anlage erst dann Gegenstand internationaler Kontrolle wurde, als wesentliche Teile bereits existierten.

Das Atomabkommen von 2015 verbesserte die Kontrollmöglichkeiten später erheblich. Ab Januar 2016 setzte Iran das Zusatzprotokoll vorläufig um, wodurch die IAEA weitergehende Informationen verlangen und zusätzliche Standorte kontrollieren konnte. Diese Phase gehört ebenfalls zur Bilanz. Es wäre falsch zu behaupten, Iran habe internationale Inspektionen grundsätzlich niemals zugelassen.

Doch diese Transparenz hielt nicht dauerhaft.

Nach dem amerikanischen Ausstieg aus dem Atomabkommen 2018 begann Iran ab Mai 2019 schrittweise, Verpflichtungen aus dem Abkommen zurückzufahren. Am 23. Februar 2021 stellte Teheran die vorläufige Anwendung des Zusatzprotokolls ein. Die IAEA warnte bereits wenige Monate später, ihre Überwachung werde dadurch erheblich beeinträchtigt und ihre Fähigkeit, eine lückenlose Wissenskette über das iranische Programm aufrechtzuerhalten, nehme immer weiter ab.

Im Juni 2022 ließ Iran dann auch Überwachungsgeräte entfernen, die im Zusammenhang mit dem Atomabkommen installiert worden waren. Die Behörde verlor damit Informationen über die Produktion und Bestände von Zentrifugenkomponenten, Rotoren, Bälgen, Schwerwasser und Uranerzkonzentrat. Anfang 2025 erklärte die IAEA ausdrücklich, diese Wissenslücke lasse sich nach vier Jahren nicht mehr vollständig rekonstruieren.

Iran ging noch einen Schritt weiter. Im September 2023 entzog Teheran mehreren besonders erfahrenen IAEA-Inspektoren die Zulassung für Einsätze im Land. Das Safeguards-Abkommen erlaubt Iran grundsätzlich, einzelne Inspektoren abzulehnen. Generaldirektor Rafael Grossi stellte jedoch fest, dass die konkrete Maßnahme die Kontrollfähigkeit seiner Behörde insbesondere an den Urananreicherungsanlagen direkt und ernsthaft beeinträchtigte.

Uran an Orten, die offiziell keine Nuklearstandorte waren

Noch schwerer wiegen die Funde an nicht deklarierten Standorten.

In Turquzabad, Varamin und Marivan nahmen IAEA-Inspektoren Umweltproben und fanden Uranpartikel menschlichen Ursprungs. Für Varamin kommt die Behörde zu dem Schluss, dass dort zwischen 1999 und 2003 eine nicht gemeldete Pilotanlage betrieben wurde, in der Uranerz verarbeitet und teilweise in weitere chemische Formen umgewandelt wurde.

In Turquzabad wurden unterschiedliche Uranpartikel gefunden, darunter niedrig angereichertes Uran und Material mit veränderter Isotopenzusammensetzung. Die IAEA bewertet die verfügbaren Informationen so, dass dort nukleares Material, stark kontaminierte Ausrüstung oder beides gelagert worden waren. Ein Teil der Container wurde 2018 von dem Gelände entfernt. Wohin alle diese Gegenstände gebracht wurden, konnte die Behörde nicht abschließend feststellen.

Noch 2025 erklärte die IAEA, Iran habe für wesentliche Fragen keine technisch glaubwürdigen Antworten geliefert. Im Juni desselben Jahres ging der Gouverneursrat deshalb ungewöhnlich weit und stellte fest, dass Irans wiederholte Versäumnisse seit 2019, vollständig und rechtzeitig über nicht deklariertes Nuklearmaterial und entsprechende Aktivitäten zu informieren, einen Verstoß gegen seine Safeguards-Verpflichtungen darstellten.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Die IAEA erklärte ebenfalls, keine glaubwürdigen Hinweise auf ein heute fortbestehendes, strukturiertes geheimes Nuklearprogramm derselben Art gefunden zu haben, wie es nach ihrer Bewertung bis Anfang der 2000er Jahre existierte. Das ist keine Nebensache. Es gibt derzeit keinen IAEA-Beleg für eine laufende geheime iranische Atombombenproduktion.

Aber genau das beseitigt das Kontrollproblem nicht. Die Behörde konnte weiterhin nicht alle Fragen über früher nicht gemeldetes Material und dessen Verbleib beantworten. Zugleich hatte sie über Jahre einen erheblichen Teil ihrer weitergehenden Überwachungsmöglichkeiten verloren.

Und heute entsteht südlich von Natanz mit Pickaxe Mountain erneut ein tief im Berg gelegener Komplex, dessen tatsächlicher Zweck nicht unabhängig überprüft werden kann. Iran erklärt, dort eine Anlage im Zusammenhang mit der Zentrifugenproduktion zu errichten. Inspektoren haben den neuen Tunnelkomplex bislang nicht betreten. Öffentlich existiert kein Beweis dafür, dass dort Uran angereichert wird. Ebenso wenig kann die IAEA unabhängig feststellen, was sich in den Tunneln befindet.

Genau deshalb wäre es ein Fehler, ein neues iranisches Angebot schon als Durchbruch zu feiern, nur weil wieder einige Inspektoren ein bekanntes Tor passieren dürfen.

Entscheidend wäre nicht, ob Iran ausgewählte bombardierte Anlagen öffnet. Entscheidend wäre, ob die IAEA selbst bestimmen kann, welche Standorte sie untersuchen muss. Ob ihre Experten Umweltproben nehmen können. Ob sie Baupläne, Materialbestände und Zentrifugenproduktion überprüfen dürfen. Ob der Verbleib angereicherten Urans nachvollziehbar wird. Und ob auch Anlagen kontrolliert werden können, deren nukleare Bedeutung Teheran bestreitet.

Nach mehr als 20 Jahren ist die Lehre aus Natanz, Kalaye Electric, Fordow, Varamin und Turquzabad einfach.

Vertrauen ist kein Kontrollinstrument.

Ein neues Abkommen wäre nur dann belastbar, wenn Iran nicht selbst entscheidet, was die Inspektoren sehen dürfen. Transparenz beginnt nicht dort, wo Teheran ohnehin nichts mehr zu verbergen hat.

Sie beginnt an den Türen, die Iran bisher geschlossen hielt.




Autor: Redaktion
Freitag, 02 Oktober 2026

haOlam unterstützen

haOlam ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Redaktion
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage