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Sie erfanden Journalisten, echte Medien druckten ihre Texte: Iranische Einflussoperation enttarnt

Sie erfanden Journalisten, echte Medien druckten ihre Texte: Iranische Einflussoperation enttarnt


Sieben angebliche westliche Journalisten existierten nicht. Trotzdem gelangten fast 100 ihrer Beiträge in reale Medien, mit Botschaften gegen die USA und Israel und einem Iran, der als Opfer und widerstandsfähiger Außenseiter inszeniert wurde.

Sie erfanden Journalisten, echte Medien druckten ihre Texte: Iranische Einflussoperation enttarnt
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Es war keine gewöhnliche Bot-Armee, die irgendwo in den Tiefen sozialer Netzwerke tausende Kommentare produzierte und kaum jemandem auffiel. Eine aus dem Iran operierende Einflusskampagne ging einen wesentlich gefährlicheren Weg: Sie erfand Journalisten, baute ihnen Biografien und Social-Media-Profile und brachte ihre Artikel anschließend in echte Medien.

Fast 100 Beiträge wurden veröffentlicht oder von anderen Seiten übernommen.

OpenAI hat die dazugehörigen ChatGPT-Konten inzwischen gesperrt und die Operation unter dem Namen „Bogus Bylines“ öffentlich gemacht. Die Betreiber griffen aus dem Iran auf die Systeme zu, schrieben ihre Anweisungen teilweise auf Persisch und nutzten VPN-Verbindungen, um ihren tatsächlichen Standort zu verschleiern.

Sie erfanden sieben Autoren: Ervin B. Hoskins, Noah Lamington, Sophia Gonzalez, Michael Harrison, Ericka Feusier, Jenny Williams und Alice Johnson.

Die Personen wurden überwiegend als westliche, meist amerikanische Journalisten oder politische Analysten präsentiert. Ihre angeblichen Schwerpunkte wirkten professionell und plausibel: internationale Politik, Menschenrechte, Nahost, Konflikte und amerikanische Außenpolitik.

Noah Lamington sollte angeblich aus Neuseeland stammen.

Ervin B. Hoskins wurde als amerikanischer freier Autor präsentiert. Seine Social-Media-Konten ließen sich laut OpenAI jedoch in den Iran zurückverfolgen.

Für Michael Harrison ließen die Betreiber sogar dessen Autorenbiografie von der KI formulieren.

Damit wurde nicht nur ein Text gefälscht.

Es wurde eine journalistische Identität konstruiert.

Die Propaganda kam durch die redaktionelle Eingangstür

Das eigentlich Beunruhigende ist die Methode.

Die Betreiber ließen nicht einfach wahllos Texte von einer KI produzieren. Sie gingen gezielt auf reale Medien zu.

Zunächst wurden englischsprachige Beiträge vorbereitet. Anschließend sollte ChatGPT prüfen, ob der jeweilige Text zu den konkreten Einreichungsregeln eines bestimmten Mediums passte. Die KI half bei sprachlichen und redaktionellen Änderungen. Danach ließen die Betreiber passende Anschreiben für Redaktionen formulieren.

Dann wurde der Artikel unter einem der erfundenen Namen angeboten.

Und immer wieder funktionierte es.

OpenAI fand fast 100 veröffentlichte oder syndizierte Artikel in mehr als einem Dutzend Medien. Der erste bislang identifizierte Beitrag erschien im Juli 2025, der jüngste noch im Oktober 2026. Nach Beginn des Krieges zwischen den USA und Iran nahm die Zahl der Veröffentlichungen stark zu.

Die JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post konnte mehrere Beispiele nachvollziehen.

Unter dem erfundenen Namen Noah Lamington erschien beim International Policy Digest ein langer Beitrag über die innenpolitische Lage in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen. Die Überschrift lautete sinngemäß: „Die Knesset-Revolte, die Netanyahu nicht verhindern konnte.“

Der Text zeichnete das Bild eines zunehmend instabilen Israel und eines Ministerpräsidenten, dessen Sicherheitsversprechen politisch zerfalle.

Bei einem amerikanischen Regionalmedium erschien ein Beitrag der angeblichen Analystin Sophia Gonzalez. Ihre veröffentlichte Biografie bezeichnete sie als amerikanische Expertin für US-Strategie, den Nahen Osten und globale Sicherheit.

Diese Frau existierte nach den Erkenntnissen von OpenAI nicht.

Trotzdem verfügte sie inzwischen über eine scheinbar glaubwürdige Veröffentlichungsgeschichte. Ihre Beiträge erschienen über einen Syndizierungsdienst und auf unterschiedlichen Webseiten. Weitere Medien konnten auf bereits veröffentlichte Texte verweisen und dadurch den Eindruck gewinnen, es mit einer etablierten Autorin zu tun zu haben.

Genau darin liegt die Stärke dieses Modells.

Ein erfundener Journalist wird glaubwürdiger, sobald ein erstes echtes Medium ihn veröffentlicht.

Das zweite Medium sieht bereits eine Autorenbiografie und frühere Artikel.

Nach einigen Veröffentlichungen existiert plötzlich eine digitale Karriere.

Für den gewöhnlichen Leser ist kaum noch erkennbar, dass die Person hinter der Autorenzeile möglicherweise niemals existiert hat.

Zu den besonders aktiven Tarnidentitäten gehörte Ericka Feusier. Unter diesem Namen erschienen zahlreiche Texte zu Iran, amerikanischer Außenpolitik und dem Krieg.

In einem Beitrag wurde der amerikanisch-israelische Krieg gegen Iran als politischer Irrweg dargestellt. Andere Texte argumentierten gegen einen Regimewechsel oder beschrieben Iran als widerstandsfähigen Staat, dessen politische und strategische Bedeutung durch amerikanischen Druck nicht beseitigt werden könne.

Nicht jede einzelne politische Meinung in solchen Artikeln ist automatisch DesinformationDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen. Kritik an einem Krieg, an Netanyahu oder an amerikanischer Außenpolitik ist selbstverständlich legitim.

Das Problem liegt woanders.

Die Leser sollten glauben, unabhängige westliche Journalisten äußerten diese Meinungen.

Tatsächlich stammten die Beiträge aus einer verdeckten Einflussoperation mit Ursprung im Iran.

Israel als unzuverlässiger Verbündeter, Iran als Opfer

Auch die Botschaften in den sozialen Netzwerken zeigen deutlich, welche Richtung die Betreiber verfolgten.

OpenAI zufolge ließen sie große Mengen englischer und persischer Kommentare erstellen. Bei Themen zu Raketenangriffen, Waffenruhen und diplomatischen Auseinandersetzungen sollten die USA als Aggressor dargestellt werden.

Israel sollte als unzuverlässiger Verbündeter Washingtons erscheinen.

Iran dagegen als trotziges, widerstandsfähiges Opfer überlegener Gegner.

Besonders intensiv richtete sich die Kampagne gegen Iran International, einen regimekritischen persischsprachigen Sender mit Sitz in Großbritannien. Zu dessen Beiträgen ließen die Betreiber mehr als zwei Dutzend Serien feindseliger Kommentare erstellen.

Ein Teil der Kommentare sollte gleichzeitig die eigenen Artikel der Operation künstlich aufwerten.

Die Betreiber gaben dafür etwa Screenshots von Beiträgen ein, in denen ihre eigenen Texte beworben wurden, und ließen anschließend zustimmende Reaktionen formulieren.

So sollte der Eindruck entstehen, die veröffentlichten Artikel hätten beim Publikum Rückhalt.

Hier allerdings war die Kampagne weit weniger erfolgreich.

Die meisten gefundenen Kommentare erhielten nur wenige Reaktionen. Teilweise stammten selbst deren Likes von Konten, die ebenfalls zur Operation gehörten. OpenAI bewertet diesen Teil deshalb lediglich mit Stufe zwei auf seiner sechsstufigen Skala für Einflussoperationen.

Ganz anders die gefälschten Journalisten.

Weil ihre Texte tatsächlich von realen Medien übernommen wurden, erreichte dieser Teil der Operation Stufe vier.

Eines der Medien, das Beiträge veröffentlichte, verfügte nach Angaben von OpenAI über fast zwei Millionen Facebook-Follower, rund 355.000 Follower auf X und mehr als eine halbe Million auf Instagram.

Das bedeutet nicht, dass Millionen Menschen die iranischen Texte tatsächlich gelesen haben.

Es zeigt aber, welchen Sprung die Betreiber geschafft hatten.

Ihre Botschaften blieben nicht in einem anonymen Propagandanetzwerk hängen.

Sie wurden von echten Medien veröffentlicht und teilweise über deren etablierte Social-Media-Kanäle weiterverbreitet.

Genau darin liegt die neue Gefahr.

Künstliche Intelligenz macht Propaganda nicht automatisch erfolgreich. Sie ersetzt auch nicht die Fähigkeit, ein Publikum zu erreichen.

Aber sie erleichtert professionelles Englisch, redaktionelle Anpassungen, überzeugende Anschreiben, Autorenbiografien und große Mengen scheinbar individueller Kommentare.

Die eigentliche Schwachstelle liegt anschließend beim Menschen.

Eine Redaktion muss entscheiden, ob sie einen angeblichen Autor kennt.

Ob seine Identität überprüft wurde.

Ob sein Lebenslauf stimmt.

Und ob hinter einem professionell formulierten Gastbeitrag tatsächlich die Person steht, deren Name darüber erscheint.

Dass dies offenbar vielfach nicht geschah, verwandelte eine iranische Einflussoperation in veröffentlichte journalistische Inhalte.

Dabei muss die Urheberschaft sauber eingeordnet werden.

OpenAI spricht ausdrücklich von einer Operation mit Ursprung im Iran. Das Unternehmen konnte jedoch nicht feststellen, wer konkret dahinterstand. Das beobachtete Verhalten passe zu einem kommerziellen Anbieter, der Einflusskampagnen im Auftrag durchführe.

Ein direkter Auftrag der iranischen Regierung oder der RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen ist damit nicht nachgewiesen.

Die politische Stoßrichtung ist dennoch unübersehbar.

Und es ist nicht der erste Fall.

Bereits 2024 sperrte OpenAI iranische Netzwerke, die KI zur Erstellung und Bearbeitung von Inhalten gegen Israel und die USA oder zur Einflussnahme auf westliche politische Debatten nutzten.

Die neue Operation zeigt jedoch einen entscheidenden Fortschritt.

Diesmal wurden nicht nur eigene Propagandaseiten betrieben oder Kommentare unter falschen Namen verbreitet.

Diesmal gelang es, echte Redaktionen zu benutzen.

Das verleiht einer Botschaft etwas, das ein iranischer Propagandakanal niemals aus eigener Kraft herstellen könnte: die Glaubwürdigkeit eines unabhängigen Mediums.

Für Journalisten liegt darin eine unangenehme Warnung.

Die nächste ausländische Einflussoperation muss nicht wie Propaganda aussehen.

Sie kann eine höfliche E-Mail schicken.

Sie kann einen sauber geschriebenen Gastbeitrag anbieten.

Sie kann auf frühere Veröffentlichungen verweisen.

Und unter der Autorenzeile kann ein Name stehen, hinter dem überhaupt kein Mensch existiert.




Autor: Redaktion
Dienstag, 13 Oktober 2026

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