Trump spricht von 75.000 ermordeten Demonstranten im IranTrump spricht von 75.000 ermordeten Demonstranten im Iran
Der US-Präsident erhebt einen erschütternden Vorwurf gegen das Regime in Teheran. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren bereits Massenmorde an Demonstranten, können Trumps gewaltige Opferzahl aber bislang nicht bestätigen.

Bildnachweis: The White House /
QuelleUS-Präsident Donald Trump hat dem iranischen Regime vorgeworfen, innerhalb der vergangenen acht Monate mindestens 75.000 Demonstranten getötet zu haben. Bei einer Wahlkampfveranstaltung am Montag in Kansas erklärte er, iranische Sicherheitskräfte hätten mit Maschinengewehren auf Menschen geschossen und damit jeden weiteren Protest zur Lebensgefahr gemacht. Für die genannte Opferzahl legte Trump keine öffentlich überprüfbaren Belege vor.
Die Zahl ist außergewöhnlich hoch. Doch unabhängig davon, ob sie sich bestätigen lässt, steht fest: Das iranische Regime hat die Protestbewegung mit massiver tödlicher Gewalt bekämpft. Menschenrechtsorganisationen dokumentierten Schüsse auf Demonstranten, willkürliche Festnahmen, Folter und ein staatliches Vorgehen, das weit über die Bekämpfung gewalttätiger Ausschreitungen hinausging.
Die landesweiten Proteste begannen Ende Dezember 2025. Aus wirtschaftlicher Not, Wut über die Regierung und Forderungen nach politischen Veränderungen entwickelte sich eine Bewegung, die den Herrschaftsanspruch der Islamischen Republik unmittelbar herausforderte.
Das Regime reagierte mit bewaffneten Sicherheitskräften, Internetsperren und massiven Repressionen. Besonders während der Gewaltwelle vom Januar 2026 wurden zahlreiche Demonstranten erschossen. Angehörige suchten ihre vermissten Familienmitglieder in Krankenhäusern und überfüllten Leichenhallen.
Trump erklärte nun, die iranische Führung habe innerhalb von acht Monaten mindestens 75.000 Protestteilnehmer töten lassen. Außerdem behauptete er, das Regime hänge Menschen öffentlich an Kränen auf, um seine Bevölkerung einzuschüchtern.
Die Aussage über die Opferzahl ist bislang eine Behauptung des amerikanischen Präsidenten. Weder Amnesty International noch die Vereinten Nationen haben eine entsprechende Zahl abschließend bestätigt.
Systematische Gewalt ist längst dokumentiert
Die unabhängige Aufarbeitung des iranischen Vorgehens zeichnet dennoch ein erschütterndes Bild.
Amnesty International berichtete bereits im Januar über massenhafte rechtswidrige Tötungen durch Sicherheitskräfte. Nach Angaben der UN-Sonderberichterstatterin Mai Sato lagen damals Hinweise auf mindestens 5.000 Tote vor. Informationen aus medizinischen Quellen deuteten sogar auf bis zu 20.000 Opfer hin.
Die tatsächliche Zahl war wegen der Internetsperren, der staatlichen Einschüchterung von Angehörigen und der schwierigen Dokumentation kaum zuverlässig festzustellen.
Im September legte die unabhängige Untersuchungskommission der Vereinten Nationen weitere Erkenntnisse vor. Sie stellte schwere Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit den Protesten fest. Zahlreiche dokumentierte Taten bewertete die Kommission als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter Mord, Folter und schwere rechtswidrige Freiheitsentziehungen.
Damit handelt es sich nicht lediglich um Anschuldigungen politischer Gegner Teherans. Unabhängige internationale Ermittler haben schwerste Verbrechen staatlicher Stellen festgestellt.
Besonders belastend sind die dokumentierten Befehlsstrukturen. Amnesty International benannte im September 87 iranische Funktionäre, gegen die wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit strafrechtlich ermittelt werden sollte. Darunter befanden sich zahlreiche Verantwortliche der RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen, der Polizei und des Innenministeriums.
Die Gewalt war demnach nicht allein das Ergebnis einzelner überforderter Sicherheitskräfte. Die Menschenrechtsorganisation beschreibt ein koordiniertes Vorgehen, bei dem staatliche Verantwortung bis in hohe Führungsebenen reicht.
Auch die juristische Verfolgung von Protestteilnehmern setzte sich fort. Erst am 5. Oktober berichtete die staatliche iranische Nachrichtenagentur Mizan über die Hinrichtung zweier Männer, die im Zusammenhang mit den Protesten im Januar festgenommen worden waren. Die Justiz beschuldigte sie unter anderem der Mitgliedschaft in einer bewaffneten Gruppe und des Krieges gegen Gott.
Solche Anklagen können im iranischen Strafrecht die Todesstrafe nach sich ziehen. Das internationale Vertrauen in faire Gerichtsverfahren innerhalb des iranischen Justizsystems ist angesichts dokumentierter Misshandlungen, erzwungener Geständnisse und politischer Verfolgung schwer beschädigt.
Trumps Zahl von 75.000 Toten bedarf deshalb einer unabhängigen Überprüfung. Die bereits gesicherten Erkenntnisse reichen jedoch aus, um das Vorgehen des Regimes als systematische gewaltsame Unterdrückung zu beschreiben.
Trump rechnet zugleich mit der NATO ab
In derselben Rede griff der amerikanische Präsident auch die NATO-Verbündeten an.
Trump behauptete, er habe die Bündnispartner während des Krieges gegen Iran bewusst um Unterstützung gebeten, obwohl die Vereinigten Staaten diese militärisch nicht benötigt hätten. Die Anfrage sei ein Test ihrer Bündnistreue gewesen.
Nach seiner Darstellung seien die Verbündeten nicht bereit gewesen, Washington zu helfen. Dieses Verhalten werde er nicht vergessen.
Die Behauptung ist Trumps eigene Darstellung der Gespräche. Ob amerikanische Regierungsstellen die Anfrage tatsächlich von Beginn an als politischen Test behandelten, geht aus dem Bericht nicht hervor.
Seine Aussagen zeigen jedoch, wie eng der Präsident die Auseinandersetzung mit Iran und seine Kritik an europäischen Bündnispartnern miteinander verbindet.
Während er dem iranischen Regime massenhafte Tötungen vorwirft, wirft er westlichen Verbündeten fehlende Unterstützung vor. Damit wird die Iran-Frage zugleich zu einem Streit über die Verlässlichkeit des transatlantischen Bündnisses.
Für die iranische Bevölkerung ist allerdings eine andere Frage von unmittelbarer Bedeutung: Können die Verantwortlichen der staatlichen Gewalt jemals zur Rechenschaft gezogen werden?
Die UN-Untersuchungen und die Dokumentation internationaler Menschenrechtsorganisationen liefern dafür wichtige Grundlagen. Sie sichern Zeugenaussagen, rekonstruieren staatliche Befehlsstrukturen und halten Verbrechen fest, deren Spuren das Regime zu beseitigen versucht.
Trumps erschütternde Zahl darf nicht ohne Belege als gesicherte Tatsache verbreitet werden. Ebenso wenig darf die fehlende Bestätigung dieser Zahl dazu dienen, die dokumentierten Massenverbrechen zu verharmlosen.
Bereits die nachgewiesenen Tötungen und Misshandlungen zeigen die Brutalität einer Führung, die ihre Herrschaft mit tödlicher Gewalt gegen die eigene Bevölkerung verteidigt.
Ob die Zahl der Opfer tatsächlich 75.000 erreicht, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Dass das Regime in Teheran für schwerste Verbrechen gegen seine Bevölkerung verantwortlich ist, haben internationale Ermittler längst dokumentiert.
Autor: Redaktion
Dienstag, 20 Oktober 2026