Kurze Bitte
Auch bei haOlam.de steigen die Kosten
Wir wissen, dass für viele gerade alles teurer wird. Bei haOlam.de ist es leider genauso: laufende Rechnungen und technische Kosten steigen weiter. Wenn es Ihnen möglich ist, helfen schon 10 Euro, damit haOlam.de verlässlich weiterlaufen kann.
Iran vor dem nächsten Krieg: Das Regime bringt seine Waffen in Sicherheit und fürchtet den eigenen Aufstand

Iran vor dem nächsten Krieg: Das Regime bringt seine Waffen in Sicherheit und fürchtet den eigenen Aufstand


Militärstützpunkte werden offenbar geräumt, Waffen verlegt und regimetreue Milizen mobilisiert. Iraner berichten von wachsender Angst vor einem neuen Krieg. Doch manche hoffen gerade darin auf die Chance, die Islamische Republik endlich abzuschütteln.

Iran vor dem nächsten Krieg: Das Regime bringt seine Waffen in Sicherheit und fürchtet den eigenen Aufstand
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Während die Führung in Teheran öffentlich Stärke demonstriert und ihre Gegner mit neuen militärischen Angriffen bedroht, scheint sie im eigenen Land vor allem eines zu fürchten: einen weiteren Aufstand der Bevölkerung. Aus mehreren iranischen Städten berichten Einwohner von ungewöhnlichen Bewegungen der RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen, zusätzlichen Kontrollpunkten und der Mobilisierung regimetreuer Basij-Milizen. Waffen und militärische Ausrüstung sollen aus innerstädtischen Einrichtungen abtransportiert werden, offenbar aus Sorge vor neuen Angriffen und davor, dass militärisches Material bei Unruhen in die Hände von Regimegegnern gelangen könnte.

Die Aussagen stammen aus Gesprächen, die das israelische Nachrichtenportal N12 am Sonntag, dem 18. Oktober 2026, mit iranischen Bürgern führte. Sie zeichnen das Bild einer Bevölkerung, die zwischen wirtschaftlicher Verzweiflung, staatlicher Einschüchterung und der Erwartung eines neuen Krieges lebt. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass einige der Gesprächspartner eine erneute militärische Auseinandersetzung nicht ausschließlich fürchten. Sie hoffen, dass eine weitere Schwächung der Revolutionsgarden den Weg für einen neuen Volksaufstand öffnen könnte.

„Fast jeder weiß, dass der dritte Krieg bevorsteht“, berichtet ein Mann namens Alireza aus Maschhad. Gemeint ist eine mögliche erneute militärische Eskalation nach den bisherigen Kriegsphasen zwischen Iran, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und den Vereinigten Staaten. Ob ein weiterer Krieg tatsächlich unmittelbar bevorsteht, lässt sich aus solchen Aussagen nicht ableiten. Sie zeigen jedoch, wie stark die Erwartung neuer Kampfhandlungen inzwischen den Alltag einzelner Iraner bestimmt.

Alireza schildert eine wirtschaftliche Lage, in der viele Menschen kaum noch Geld für ihren täglichen Bedarf besitzen. Selbst Lebensmittelvorräte für den Fall eines neuen Krieges seien für zahlreiche Familien unerschwinglich geworden. Während die Bevölkerung von Tag zu Tag leben müsse, könnten sich vor allem die Revolutionsgarden auf eine weitere militärische Auseinandersetzung vorbereiten.

Das ist ein aufschlussreicher Gegensatz. Der iranische Staat verfügt weiterhin über die Mittel, militärische Ausrüstung zu verlegen, bewaffnete Einheiten zu mobilisieren und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen anzuordnen. Gleichzeitig kämpfen viele Bürger mit einer Wirtschaftskrise, die durch Sanktionen, Kriegsschäden, Inflation und langjährige Misswirtschaft verschärft wurde.

Für die Betroffenen geht es nicht mehr allein um politische Unzufriedenheit. Es geht um die Frage, wie sie ihre Familien versorgen, Lebensmittel bezahlen und einen möglichen erneuten Krieg überstehen können.

Waffen werden verlegt, Basij-Milizen mobilisiert

Nach Alirezas Schilderung erhöhen die Revolutionsgarden die Zahl ihrer Kontrollpunkte in iranischen Städten. Gleichzeitig würden Angehörige der Basij-Miliz angewiesen, sich zum Dienst zu melden. Gepanzerte Fahrzeuge und andere militärische Ausrüstung würden in den Westen des Landes transportiert.

Diese Angaben passen zu Berichten über eine verstärkte militärische Vorbereitung Irans. Das Wall Street Journal berichtete bereits am 13. Oktober, dass Teheran strategische Einrichtungen zusätzlich absichert und seine Bevölkerung auf eine mögliche Wiederaufnahme der Kampfhandlungen vorbereitet. Dazu gehören Maßnahmen zum Schutz sensibler Anlagen, militärische Mobilisierung und staatliche PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen.

Die konkreten Beobachtungen der N12-Gesprächspartner sind allerdings nicht unabhängig bestätigt. Insbesondere bleibt offen, welche Einheiten verlegt werden, wie umfangreich die Transporte sind und ob sämtliche Maßnahmen unmittelbar mit einer erwarteten neuen Kriegsphase zusammenhängen.

Ein Einwohner Teherans namens Amirhossein beschreibt ähnliche Entwicklungen. Nach seinen Angaben wurden Wohnungen von Angehörigen der Streitkräfte und der Revolutionsgarden geräumt. Auch Militärstützpunkte innerhalb der Städte würden teilweise verlassen und Waffen an andere Orte gebracht.

Er vermutet, dass die Führung damit nicht nur auf mögliche Luftangriffe reagiert. Sie wolle auch verhindern, dass Waffen bei einem erneuten Volksaufstand in die Hände der Bevölkerung fallen.

Gerade diese zweite Erklärung wäre politisch von erheblicher Bedeutung. Militärische Einrichtungen können in einem Krieg zu Angriffszielen werden. Werden Waffen jedoch zusätzlich aus Sorge vor möglichen inneren Unruhen entfernt, deutet das auf ein Misstrauen der Führung gegenüber der eigenen Bevölkerung hin.

Ein solcher Zusammenhang ist bislang nicht durch offizielle Dokumente oder unabhängig überprüfte militärische Informationen belegt. Die Aussagen der Einwohner zeigen aber, welche Absichten sie hinter den beobachteten Bewegungen vermuten.

Die Basij-Miliz spielt bei der inneren Absicherung des Regimes eine zentrale Rolle. Sie gehört zum Machtapparat der Revolutionsgarden und wird seit Jahrzehnten eingesetzt, um politische Gegner einzuschüchtern, Proteste zu kontrollieren und Demonstrationen niederzuschlagen.

Ihre Angehörigen sind nicht ausschließlich reguläre Soldaten. Die Organisation verfügt über zahlreiche lokale Strukturen und Unterstützer, die in Wohnvierteln, öffentlichen Einrichtungen und anderen gesellschaftlichen Bereichen tätig sind. Dadurch kann der Staat bei Unruhen vergleichsweise schnell zusätzliche Kräfte mobilisieren.

Amirhossein berichtet, dass Angehörige der Basij jetzt erneut aufgefordert worden seien, gemeinsam mit ihren Familien auf die Straße zu gehen und iranische Staatsflaggen zu schwenken. Dafür würden sie nach seinen Angaben bezahlt.

Die Führung wolle damit offenbar den Eindruck breiter gesellschaftlicher Unterstützung erzeugen. Auch diese Behauptung lässt sich bislang nicht unabhängig überprüfen. Sie verweist jedoch auf eine bekannte Praxis autoritärer Regime: Öffentliche Loyalitätsbekundungen sollen Stärke demonstrieren, gerade wenn die tatsächliche Unterstützung innerhalb der Bevölkerung unsicher ist.

Für Teheran wäre eine neue Protestwelle in der gegenwärtigen Lage besonders gefährlich. Die Revolutionsgarden müssen sich gleichzeitig auf mögliche israelische oder amerikanische Angriffe vorbereiten, ihre beschädigten militärischen Fähigkeiten wiederherstellen und die innere Sicherheit des Regimes gewährleisten.

Je stärker ihre Kräfte durch äußere Konflikte gebunden werden, desto schwieriger könnte es werden, landesweite Unruhen zu kontrollieren.

Allerdings verfügt die Islamische Republik weiterhin über erhebliche Repressionsmöglichkeiten. Aus den berichteten Truppenbewegungen lässt sich deshalb weder eine bevorstehende Revolte noch ein unmittelbar drohender Zusammenbruch des Herrschaftssystems ableiten.

Hinrichtungen als Warnung an eine Bevölkerung, die nicht mehr schweigen will

Besonders erschütternd sind die Berichte über die zunehmende Bedeutung staatlicher Hinrichtungen.

Alireza und Amirhossein schildern eine Bevölkerung, die mit immer härteren Strafen eingeschüchtert werden soll. Nach ihrer Darstellung nutzt das Regime Todesurteile und Hinrichtungen, um potenzielle Demonstranten von neuen Protesten abzuhalten.

Diese Einschätzung wird durch aktuelle Erkenntnisse internationaler Menschenrechtsorganisationen gestützt.

Amnesty International berichtete am 13. Oktober, dass iranische Behörden innerhalb einer einzigen Woche fünf Männer hingerichtet hatten, die im Zusammenhang mit den landesweiten Protesten vom Januar 2026 verurteilt worden waren. Die Hinrichtungen erfolgten zwischen dem 30. September und dem 5. Oktober.

Amnesty nennt die Namen Ali Hemmati Sistanian, Alireza Raisi, Alireza Sepahi, Majid Nikandish und Siavash Jamshidi Kheirabadi. Die Organisation kritisiert schwerwiegende Mängel in den Gerichtsverfahren, darunter Foltervorwürfe, fehlenden Zugang zu Rechtsbeiständen und die Verwendung erzwungener Geständnisse.

Nach ihrer Dokumentation wurden bis Mitte Oktober mindestens 34 Menschen im Zusammenhang mit dem Aufstand vom Januar 2026 hingerichtet. Amnesty sieht darin den Versuch, die Bevölkerung durch die drohende Todesstrafe von weiteren Protesten abzuhalten.

Damit erhalten die Aussagen der beiden N12-Gesprächspartner einen konkreten Hintergrund. Die Angst vor Hinrichtungen ist nicht allein das Ergebnis von Gerüchten oder staatlicher Propaganda. Menschen, denen eine Beteiligung an Protesten vorgeworfen wurde, sind tatsächlich nach Verfahren hingerichtet worden, die von Menschenrechtsorganisationen als schwer rechtsstaatswidrig bewertet werden.

Besonders bedrückend ist, dass die politische Einschüchterung weit über die unmittelbar Betroffenen hinausreicht. Jede Hinrichtung kann auch als Warnung an Familien, Freunde und andere Menschen verstanden werden, die über eine Teilnahme an Demonstrationen nachdenken.

Die iranische Justiz begründet solche Urteile häufig mit Vorwürfen wie der Gefährdung der nationalen Sicherheit oder dem bewaffneten Kampf gegen den Staat. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren jedoch seit Jahren, dass derartige Tatbestände weit ausgelegt und gegen Oppositionelle eingesetzt werden.

Human Rights Watch berichtete bereits im September über eine massive Zunahme politisch motivierter Hinrichtungen. Auch frühere Protestbewegungen wurden durch Verhaftungen, Folter, lange Haftstrafen und Todesurteile bekämpft.

Der Staat versucht damit nicht nur, bereits erfolgten Widerstand zu bestrafen. Er will offenbar verhindern, dass neue Protestbewegungen überhaupt entstehen.

Doch nach Aussagen der N12-Gesprächspartner scheint die Einschüchterung zumindest bei Teilen der Bevölkerung ihre abschreckende Wirkung zu verlieren.

Amirhossein erklärt, die Menschen wüssten inzwischen, dass ihnen bei einer Festnahme die Hinrichtung drohen könne. Dennoch seien die Drohungen für ihn nicht mehr entscheidend. Das Fortbestehen der Islamischen Republik empfinde er selbst als die größere Gefahr.

Diese Aussagen sind außergewöhnlich, weil sie zeigen, wie tief die Ablehnung des Regimes bei manchen Iranern reicht. Sie dürfen allerdings nicht mit der Haltung der gesamten iranischen Bevölkerung gleichgesetzt werden. N12 hat mit einzelnen Gesprächspartnern gesprochen, nicht mit einer repräsentativen Auswahl der Bevölkerung.

Trotzdem sind solche Stimmen journalistisch bedeutsam. Sie machen sichtbar, dass es innerhalb Irans Menschen gibt, die nicht mehr nur wirtschaftliche Verbesserungen oder politische Reformen verlangen, sondern das Ende des bestehenden Herrschaftssystems.

haOlam.de berichtete bereits im Januar 2026 über Hinweise auf Spannungen innerhalb der Revolutionsgarden nach der gewaltsamen Niederschlagung der damaligen Proteste. Es gab Berichte über Angehörige der Sicherheitskräfte, die Befehle zur Gewalt gegen Zivilisten infrage gestellt haben sollen. Diese Informationen waren nicht vollständig unabhängig überprüfbar, zeigten aber bereits damals die Bedeutung möglicher Loyalitätskonflikte innerhalb des Machtapparates.

Im März berichtete haOlam.de außerdem über zusätzliche Kontrollpunkte und Sicherheitsmaßnahmen in iranischen Städten. Der neue N12-Bericht deutet darauf hin, dass sich solche Vorbereitungen nun vor dem Hintergrund einer möglichen erneuten militärischen Eskalation verstärken.

Das eigentliche Problem der iranischen Führung ist dabei nicht allein die Zahl möglicher Demonstranten. Entscheidend könnte werden, ob die Sicherheitsorgane auch bei einer neuen landesweiten Protestbewegung geschlossen hinter der Staatsführung stehen.

Solange die Revolutionsgarden, Basij-Einheiten und andere Sicherheitskräfte zuverlässig Befehle ausführen, kann das Regime selbst schwere gesellschaftliche Krisen überstehen. Sollten größere Teile dieses Apparates jedoch die Zusammenarbeit verweigern, könnte sich das Machtverhältnis grundlegend verändern.

Für eine solche Entwicklung liegen derzeit keine ausreichenden Belege vor. Die Angst vor ihr dürfte allerdings ein wesentlicher Grund dafür sein, weshalb Teheran seine Sicherheitskräfte nicht nur auf einen Krieg, sondern offenbar auch auf mögliche innere Unruhen vorbereitet.

Die Hoffnung auf einen neuen Krieg ist Ausdruck einer tiefen Verzweiflung

Besonders nachdenklich macht ein weiterer Teil der Gespräche.

Amirhossein richtete sich ausdrücklich an US-Präsident Donald Trump. Er forderte ihn auf, die Herrschaft der Ajatollahs und der Revolutionsgarden vollständig zu beenden, statt sich auf begrenzte Vereinbarungen einzulassen.

Nach seiner Einschätzung versucht die iranische Führung, Trumps Amtszeit durch Verhandlungen und kleinere Zugeständnisse zu überstehen. Anschließend könne sie ihre bisherige regionale Machtpolitik fortsetzen.

Diese Sichtweise ist unter iranischen Regimegegnern nicht ungewöhnlich. Viele betrachten internationale Vereinbarungen skeptisch, weil sie befürchten, dass wirtschaftliche Erleichterungen und diplomatische Anerkennung vor allem den Herrschaftsapparat stärken, ohne die Lage der Bevölkerung dauerhaft zu verbessern.

Gleichzeitig ist die Forderung nach einem militärisch erzwungenen Ende des Regimes mit erheblichen Risiken verbunden. Ein neuer Krieg könnte zusätzliche zivile Opfer, weitere wirtschaftliche Zerstörungen und eine noch stärkere Destabilisierung der Region verursachen. Ob eine militärische Schwächung der Revolutionsgarden tatsächlich zu einem demokratischen politischen Übergang führen würde, ist keineswegs sicher.

Die Aussagen der N12-Gesprächspartner sollten deshalb vor allem als Ausdruck ihrer persönlichen Lage verstanden werden. Sie zeigen, wie verzweifelt Menschen sein können, wenn sie das eigene Regime als größere Bedrohung empfinden als einen Krieg.

Amirhossein erklärt, viele Iraner warteten auf eine Gelegenheit, erneut gegen die Islamische Republik zu demonstrieren. Die Bereitschaft zum Widerstand sei weiterhin vorhanden. Entscheidend seien jedoch die Bedingungen, unter denen die Bevölkerung handeln könne.

Er nennt insbesondere den Zugang zum Internet, internationale Unterstützung und die Möglichkeit, sich gegen die bewaffneten Sicherheitskräfte zu behaupten.

Dass die Kommunikation eine zentrale Rolle spielt, haben frühere Protestbewegungen bereits gezeigt. Der iranische Staat schränkte den Internetzugang wiederholt massiv ein, um die Organisation von Demonstrationen zu erschweren und die Verbreitung von Informationen über staatliche Gewalt zu verhindern.

Eine neue Protestbewegung müsste deshalb nicht nur die Angst vor Verhaftung und Hinrichtung überwinden. Sie müsste auch Wege finden, trotz staatlicher Überwachung und Kommunikationssperren Menschen in unterschiedlichen Landesteilen zu erreichen.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Not. Wer kaum Lebensmittel für die eigene Familie bezahlen kann, hat nicht zwangsläufig die Möglichkeit, über Tage hinweg an Demonstrationen teilzunehmen. Eine schwere Wirtschaftskrise kann politischen Widerstand fördern, sie kann aber auch dazu führen, dass Menschen ihre verbleibenden Kräfte vollständig auf das tägliche Überleben konzentrieren müssen.

Genau diesen Widerspruch beschreiben die Gesprächspartner aus Maschhad und Teheran. Sie erwarten einen neuen Krieg, können sich kaum auf ihn vorbereiten und hoffen dennoch, dass sich daraus eine Gelegenheit zur politischen Veränderung ergeben könnte.

Derweil laufen internationale Bemühungen, eine weitere Eskalation zu verhindern. Irans Außenminister Abbas Araghtschi erklärte am Sonntag, Teheran halte an einem Vorschlag zur Wiederöffnung der Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen fest, sofern die Vereinigten Staaten bestimmte Bedingungen akzeptierten. Dazu gehören unter anderem Änderungen der amerikanischen Blockade- und Sanktionspolitik.

Ob diese Verhandlungen zu einer tragfähigen Vereinbarung führen, ist offen. Die bisherigen Gespräche haben die grundlegenden Konflikte über Irans militärische Fähigkeiten, sein Atomprogramm und seine regionale Machtpolitik nicht gelöst.

Auch Israel beobachtet die Entwicklung aufmerksam. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hatte zuletzt erklärt, vor der israelischen Parlamentswahl am 27. Oktober keinen neuen Präventivangriff gegen Iran anzustreben. Zugleich machte er deutlich, dass Israel auf iranische Angriffe militärisch reagieren werde.

Die iranische Führung muss deshalb weiterhin mit der Möglichkeit neuer Kampfhandlungen rechnen, ohne zu wissen, ob und wann diese beginnen.

Währenddessen scheinen die Revolutionsgarden nach den Schilderungen iranischer Einwohner Vorkehrungen zu treffen, die sowohl militärischen Angriffen als auch möglichen Protesten gelten könnten.

Gerade das macht die aktuellen Berichte so bemerkenswert. Die Führung bereitet sich offenbar auf Gegner außerhalb ihrer Grenzen vor und versucht gleichzeitig, mögliche Gegner im eigenen Land einzuschüchtern.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob es zu einem weiteren Krieg kommt. Sie lautet auch, was innerhalb Irans geschieht, wenn die Revolutionsgarden erneut militärisch schwer getroffen werden und zugleich größere Teile der Bevölkerung auf die Straße gehen.

Ein bevorstehender Volksaufstand lässt sich aus den vorliegenden Informationen nicht ableiten. Auch ein unmittelbar bevorstehender Regimewechsel ist nicht belegt. Die Berichte zeigen jedoch eine tiefe Entfremdung zwischen der Staatsführung und jenen Iranern, die gegenüber N12 ihre Erfahrungen und Hoffnungen geschildert haben.

Während das Regime seine militärischen Anlagen absichert, Waffen verlegt und Basij-Kräfte mobilisiert, berichten diese Menschen von leeren Geldbeuteln, staatlicher Gewalt und der Hoffnung auf ein Ende der Islamischen Republik.

Die zunehmenden Hinrichtungen zeigen zudem, dass die Führung weiterhin bereit ist, schwerste Gewalt gegen Menschen einzusetzen, die sie als politische Gegner betrachtet.

Darin liegt die bedrückende Realität des heutigen Iran: Ein Staat, der enorme Mittel für seine Sicherheitsorgane und militärischen Programme aufwendet, während Teile seiner Bevölkerung nicht wissen, wie sie einen weiteren Krieg wirtschaftlich überstehen sollen.

Und manche dieser Menschen haben inzwischen so wenig Hoffnung auf eine Veränderung innerhalb des bestehenden Systems, dass sie selbst einen neuen Krieg als mögliche Chance auf Befreiung betrachten.

Das ist kein Beweis dafür, dass die Islamische Republik vor ihrem Ende steht. Es ist aber ein erschütterndes Zeugnis darüber, wie sehr ein Herrschaftssystem das Vertrauen von Menschen verlieren kann, die unter ihm leben müssen.




Autor: Samuel Benning
Donnerstag, 22 Oktober 2026

haOlam unterstützen

haOlam ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Samuel Benning
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage