Gaza nach dem Krieg: Drei Szenarien – und kein leichter WegGaza nach dem Krieg: Drei Szenarien – und kein leichter Weg
Die israelische Armee hat in Gaza fast alle militärischen Ziele erreicht. Doch was kommt danach? Generalstabschef Eyal Zamir präsentiert drei denkbare Wege – jeder von ihnen voller Risiken, moralischer Dilemmata und strategischer Konsequenzen.

IDF
Die Bodenoperation der IDF im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen nähert sich dem militärischen Zielpunkt. „Gideons Streitwagen“, wie die aktuelle Operation heißt, hat weite Teile des Gebiets unter Kontrolle gebracht, terroristische Strukturen zerschlagen und einen Großteil der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Kader eliminiert. Doch so paradox es klingt: Der schwierigste Teil beginnt jetzt.
IDF-Generalstabschef Eyal Zamir legte in dieser Woche drei strategische Optionen für die Zeit nach der militärischen Phase vor. Keine davon ist ideal – aber alle sind notwendig, um Israels SicherheitStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen langfristig zu sichern. Zugleich offenbaren sie die ganze Tragweite dessen, was ein Krieg gegen einen Feind bedeutet, der sich in zivilen Strukturen, zwischen Geiseln und unter Schulen verschanzt.
Option 1: Die vollständige Besetzung
Die erste Variante, die als am wenigsten wünschenswert gilt – sowohl aus militärischer als auch aus politischer Sicht – wäre eine vollständige Einnahme des gesamten Gazastreifens inklusive Einrichtung einer militärischen Übergangsverwaltung. Das würde bedeuten, dass israelische Streitkräfte dauerhaft vor Ort bleiben, die Verwaltung übernehmen und gleichzeitig gegen TerrorstrukturenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen im urbanen Raum kämpfen.
Die IDF warnt vor dieser Option. Denn sie wäre nicht nur extrem ressourcenintensiv – auch strategisch ist sie heikel. Zum einen erhöht sich das Risiko für die noch in Gaza festgehaltenen israelischen Geiseln drastisch, da die Hamas sie als menschliche SchutzschildeMenschliche Schutzschilde: Wie Terror Zivilisten als Deckung missbrauchtMenschliche Schutzschilde sind Zivilisten, deren Anwesenheit absichtlich genutzt wird, um militärische Ziele vor Angriffen zu schützen oder militärische Operationen zu behindern. Das humanitäre Völkerrecht verbietet diese Praxis.Mehr lesen nutzt. Zum anderen würde eine dauerhafte militärische Präsenz bei einer Zivilbevölkerung von über anderthalb Millionen Menschen langfristig das israelische Militär überfordern. Israels ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen wurden bereits massiv beansprucht, die logistische Belastung ist enorm – und das bei weiterhin akuter Bedrohung an anderen Fronten.
Option 2: Einkreisung und Zermürbung
Deutlich bevorzugter scheint die zweite Möglichkeit: Gaza-Stadt und die umliegenden zentralen Flüchtlingslager werden isoliert, während die IDF zu einem strategischen Modus der „Zermürbung“ übergeht. Luftangriffe, punktuelle Bodenoperationen, gezielte Kommandoeinsätze – so soll die verbliebene Hamas-Führung weiter geschwächt und zur Kapitulation gezwungen werden.
Dieser Ansatz ist nicht neu – aber er könnte in der aktuellen Phase besonders effektiv sein. Denn israelischen Geheimdienstquellen zufolge sind viele Hamas-Kommandeure erschöpft, dezimiert und zunehmend isoliert. Die unterirdischen Tunnelsysteme wurden massiv zerstört, viele Terroristen sind gezwungen, sich oberirdisch zu bewegen – wo sie leichter angreifbar sind. Es wäre ein Abnutzungskrieg, ja – aber mit einem kalkulierten Ziel: Zeit gewinnen, Geiseln schützen, Hamas-Führer ausschalten.
Option 3: Deal für die Geiseln – Waffenstillstand inklusive
Das dritte Szenario setzt auf eine politische Öffnung: Ein umfassender Geisel-Deal inklusive Waffenstillstand. So könnte die IDF ihre Truppen regenerieren, Kräfte bündeln und sich auf mögliche Eskalationen vorbereiten.
Diese Variante hat aus militärischer Sicht einige Vorteile. Doch sie birgt ein Dilemma: Ein zu großzügiger Deal könnte die Hamas als Sieger dastehen lassen. Die Entscheidung liegt letztlich bei der politischen Führung. Sollte Hamas den Deal ablehnen oder das Kabinett den Vorschlag verwerfen, rückt wieder Option zwei oder eins in den Vordergrund – mit allen bekannten Folgen.
Hamas unter Druck, aber nicht vernichtet
Seit Beginn der Operation wurden über 1.200 Terroristen gezielt getötet, darunter mehrere hochrangige Kommandeure, ein Nukhba-Offizier vom 7. Oktober sowie ein maritimer Hamas-Führer. Auch wenn es vereinzelt zivile Kollateralschäden gab – die Luftangriffe der letzten Tage trafen präzise. Hamas ist schwer getroffen, aber noch existent.
Zamirs Plan stellt klar: IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen steht an einem strategischen Scheideweg. Ein vollständiger Rückzug wäre gefährlich und kurzsichtig. Eine vollständige Besetzung – kaum tragbar. Also bleibt der Mittelweg: gezielte Stärke, flexible Kontrolle, militärischer Druck bei politischer Offenheit.
Der Gazakrieg ist militärisch weitgehend gewonnen – aber ohne kluge Entscheidungen im nächsten Schritt wird der Sieg nicht nachhaltig. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob es gelingt, aus militärischem Erfolg eine strategische Stabilität zu formen.
Autor: Redaktion
Samstag, 05 Juli 2025