Israel darf die Kurden nicht allein lassen

Israel darf die Kurden nicht allein lassen


Während Syrien erneut zerfällt und islamistische Kräfte an Einfluss gewinnen, geraten die Kurden im Norden des Landes zunehmend unter Druck. Ihr Schicksal ist nicht nur eine regionale Frage. Es berührt direkt die Sicherheit Israels.

Israel darf die Kurden nicht allein lassen

Was heute im Norden Syriens geschieht, wird in Jerusalem noch zu selten als das erkannt, was es ist: eine strategische Entwicklung mit unmittelbaren Folgen für Israel. In Rojava, dem kurdisch verwalteten Gebiet im Nordosten Syriens, stehen nicht nur lokale Autonomiestrukturen auf dem Spiel. Dort entscheidet sich, ob der Nahe Osten weiter in Richtung religiöser Radikalisierung kippt oder ob zumindest ein Teil der Region von diesem Sog verschont bleibt.

Kurdische Vertreter in Europa warnen seit Wochen vor einer neuen Eskalation. Ihre Botschaft ist klar und bemerkenswert offen: Die Sicherheit Israels sei untrennbar mit der Sicherheit der Kurden verbunden. Diese Einschätzung ist keine emotionale Solidaritätsbekundung, sondern eine nüchterne Analyse regionaler Machtverschiebungen.

Denn dort, wo kurdische Selbstverwaltung zusammenbricht, entsteht kein neutraler Raum. Es entsteht ein Vakuum. Und dieses Vakuum wird erfahrungsgemäß von genau jenen Kräften gefüllt, die Israel seit Jahren bekämpfen muss.

Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord und Ost Syrien war lange ein Sonderfall im zerfallenen syrischen Staat. Kurden, Jesiden, Christen, Alawiten und andere Minderheiten lebten dort unter vergleichsweise stabilen Bedingungen. Frauenrechte, Religionsfreiheit und lokale Selbstorganisation waren keine westlichen Schlagworte, sondern gelebter Alltag. Gerade deshalb geriet dieses Modell früh ins Visier islamistischer Gruppen.

Heute wächst der Druck erneut. Das neue Machtzentrum in Damaskus unter Ahmed al-Sharaa, vormals bekannt als Abu Mohammad al-Julani, versucht schrittweise, die Kontrolle über bislang autonome Regionen auszudehnen. Begleitet wird dies von militärischen Vorstößen, politischem Druck und der faktischen Duldung von Gewalt gegen Minderheiten.

Berichte über Massaker an Drusen, Übergriffe auf Alawiten und zunehmende Bedrohungen kurdischer Gemeinden zeichnen ein klares Bild. Es geht nicht um staatliche Ordnung. Es geht um ideologische Gleichschaltung.

Für die Kurden kommt erschwerend hinzu, dass sie zunehmend isoliert sind. Die Vereinigten Staaten haben ihre Präsenz deutlich reduziert. Waffen, die einst im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat geliefert wurden, bilden heute den Großteil ihrer Verteidigung. Nachschub fehlt. Politische Rückendeckung ebenso.

Gleichzeitig fliegt die türkische Luftwaffe regelmäßig Angriffe gegen kurdische Stellungen. Ankara betrachtet jede Form kurdischer Autonomie als Bedrohung, unabhängig davon, ob diese demokratisch organisiert ist oder nicht. Dass damit genau jene Kräfte geschwächt werden, die den IS entscheidend besiegt haben, spielt dabei keine Rolle.

Europa wiederum verfolgt eine eigene Logik. Stabilität um nahezu jeden Preis. Rückführung von Flüchtlingen. Politische Ruhe. Dass diese Strategie kurzfristig bequem, langfristig jedoch gefährlich ist, zeigt die Vergangenheit immer wieder. Radikale Strukturen verschwinden nicht, wenn man sie ignoriert. Sie wachsen im Schatten.

Für Israel ist diese Entwicklung nicht abstrakt. Sollte Rojava fallen, entsteht ein zusammenhängender Gürtel islamistischer Einflusszonen von Iran über Irak und Syrien bis an die libanesische Grenze. Hisbollah, iranische Milizen und sunnitische Extremisten mögen ideologisch konkurrieren, doch sie profitieren gleichermaßen vom Verschwinden säkularer, pluralistischer Strukturen.

Die Kurden sind in dieser Landschaft eine Ausnahme. Sie kämpfen nicht gegen Israel. Sie bedrohen keine jüdischen Gemeinden. Im Gegenteil. Ihre Geschichte ist von Kooperation geprägt.

Kurdische Familien halfen einst jüdischen Flüchtlingen aus dem Nahen Osten, gefährliche Gebirgspfade zu überwinden. Jüdische Friedhöfe in kurdischen Gebieten wurden geschützt, als andere sie zerstörten. Diese Verbindung ist nicht romantisch, sondern historisch belegt.

Vor allem aber verbindet Kurden und Israelis ein gemeinsames Schicksal: Beide Völker leben in einer Region, in der ihre bloße Existenz von radikalen Akteuren infrage gestellt wird.

Wer heute in Jerusalem über regionale Sicherheit spricht, darf deshalb nicht nur auf militärische Abschreckung blicken. Sicherheit entsteht auch durch Bündnisse mit jenen, die ähnliche Werte verteidigen und ähnliche Feinde haben.

Ein Zusammenbruch der kurdischen Selbstverwaltung wäre kein lokales Ereignis. Er würde das Machtgleichgewicht weiter zugunsten extremistischer Kräfte verschieben. Und er würde Israel mittelfristig vor neue sicherheitspolitische Realitäten stellen.

Es geht dabei nicht um militärische Intervention. Niemand fordert israelische Soldaten in Syrien. Doch politische Unterstützung, diplomatische Klarheit und internationale Sichtbarkeit sind Instrumente, die Wirkung entfalten können.

Israel hat in der Vergangenheit gezeigt, dass es Minderheiten in der Region nicht vergisst. Die Unterstützung für die Drusen ist dafür ein Beispiel. Die Kurden verdienen dieselbe Aufmerksamkeit.

Nicht aus Sentimentalität. Nicht aus Moralpathos. Sondern aus klarem Eigeninteresse.

Wer heute zulässt, dass diejenigen verschwinden, die den Islamismus bekämpft haben, wird morgen erneut mit seinen Folgen konfrontiert sein.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Voice of America in Kurdish - https://www.dengiamerika.com/a/deir-al-zoor-operation/4021939.html, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62315297


Montag, 26 Januar 2026

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