Das Ende der kurdischen Selbstverwaltung in Syrien ist besiegeltDas Ende der kurdischen Selbstverwaltung in Syrien ist besiegelt
Die sunnitisch-islamistische Führung in Damaskus zieht die Zügel an und beendet ein Jahrzehnt kurdischer Autonomie. Was als regionales Experiment begann, verschwindet nun unter dem Druck eines neuen Machtzentrums.
Die Bilder aus der nordostsyrischen Stadt Qamishli markieren einen historischen Wendepunkt. Kräfte des syrischen Innenministeriums fahren durch Straßen, die jahrelang von kurdischen Sicherheitsstrukturen kontrolliert wurden. Für die einen ist es die Wiederherstellung staatlicher Ordnung. Für die anderen ist es das sichtbare Symbol eines politischen Projekts, das vor den Augen der Welt zerfällt: die Autonome Verwaltung von Nord und Ost Syrien.
Fast zehn Jahre lang hatten die syrischen Kurden im Schatten des Bürgerkrieges eine eigene Realität geschaffen. Sie kontrollierten ein Drittel des Landes, bauten eigene Institutionen auf, verfügten über bewaffnete Einheiten, verwalteten Öl- und Gasressourcen und unterhielten direkte Kontakte zu westlichen Regierungen. Diese Strukturen entstanden aus der Not heraus, als das Assad-Regime sich aus weiten Teilen des Nordostens zurückzog und die Region im Kampf gegen den Islamischen Staat plötzlich von internationaler Bedeutung wurde.
Heute ist von dieser Autonomie nur noch ein politischer Rest übrig. Ein Abkommen vom 30. Januar legt fest, dass die kurdisch geführten Institutionen schrittweise in den Staatsapparat in Damaskus eingegliedert werden. Es ist kein bedingungsloser Zusammenbruch, aber ein geordnetes Ende. Die syrisch-demokratischen Kräfte konnten einen militärischen Sturmangriff verhindern, doch politisch haben sie den Kampf verloren.
Die neue Führung in Damaskus verfolgt ein klares Ziel: die Wiederherstellung eines zentralisierten, sunnitisch geprägten Syriens. Seit dem Sturz des Assad-Regimes hat sich die Machtbalance im Land grundlegend verschoben. Jahrzehntelang hatten Vertreter der alawitischen Minderheit das Land dominiert. Nun kehrt die politische Vorherrschaft zur sunnitisch-arabischen Mehrheit zurück. Diese Entwicklung ist keine demokratische Transformation, sondern eine klassische Umkehr der Kräfteverhältnisse.
Die Kurden passten nicht in dieses neue Bild. Ihre autonome Verwaltung setzte auf Dezentralisierung, auf säkulare Strukturen und auf ein politisches Modell, das ethnische Vielfalt anerkennen sollte. Für eine islamistische Regierung, die ihre Macht konsolidieren will und dabei stark auf türkische Unterstützung baut, war dies ein untragbarer Fremdkörper.
Die Führung um Präsident Ahmed al-Scharaa arbeitet mit bemerkenswerter Geduld. Anders als in den alawitischen Küstenregionen oder in drusischen Gebieten, wo militärische Gewalt rasch und brutal eingesetzt wurde, wählte Damaskus im Nordosten den Weg der schrittweisen Unterwerfung. Diese Zurückhaltung war weniger Ausdruck von Toleranz als Ergebnis strategischer Abwägung. Die Kurden verfügten über kampferprobte Truppen und über internationale Kontakte, vor allem zu den Vereinigten Staaten und Frankreich. Ein offener Krieg hätte hohe Kosten verursacht.
Doch am Ende setzte sich politische Realität durch. Der Westen, der jahrelang mit den kurdischen Kräften kooperiert hatte, ließ sie fallen. Washington und mehrere europäische Hauptstädte entschieden sich frühzeitig, das neue Regime in Damaskus zu akzeptieren. Für die Kurden bedeutete diese Kehrtwende den Verlust ihrer wichtigsten Schutzmacht.
Die Vorgänge in Syrien zeigen erneut, dass politische Konflikte im Nahen Osten selten verschwinden, wenn ein Machtwechsel stattfindet. Sie verändern lediglich ihre Form. Das Assad-Regime hatte es nie geschafft, ein wirklich gemeinsames syrisches Nationalgefühl zu schaffen. Stattdessen herrschte es mit Gewalt und Misstrauen. Nun entsteht eine neue Ordnung, die ebenfalls auf der Dominanz einer Gruppe über andere basiert.
Die sunnitisch-islamistische Elite, die heute das Land kontrolliert, entstammt größtenteils der Organisation Hayat Tahrir al-Sham. Ihre Führungskräfte haben eine lange Vergangenheit in radikalen Bewegungen. Offiziell präsentiert sich die neue Regierung moderat und offen, doch die realen Machtstrukturen sprechen eine andere Sprache. In Parlamenten und Institutionen sitzen zwar Vertreter verschiedener Gruppen, doch die entscheidenden Hebel bleiben fest in den Händen eines engen Zirkels.
Für Minderheiten verheißt diese Entwicklung wenig Gutes. Kurden, Drusen und Alawiten wissen aus Erfahrung, was es bedeutet, wenn eine dominierende Macht ihren Willen durchsetzt. Sie werden versuchen, so viel wie möglich von ihren eigenen Strukturen zu bewahren, Verbindungen ins Ausland aufrechtzuerhalten und ihre Anliegen international sichtbar zu machen. Ob ihnen dies gelingen wird, ist ungewiss.
Blick nach Jerusalem
Für Israel sind die Ereignisse in Syrien von strategischer Bedeutung. Ein Regime, das seine internen Gegner erfolgreich unterwirft, richtet seinen Blick früher oder später nach außen. So war es unter Assad, als nach der Niederschlagung innerer Konflikte die Aggressionen gegen Nachbarstaaten zunahmen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass eine neue islamistische Führung anders handeln wird.
Israel beobachtet aufmerksam, wie sich in Damaskus eine Regierung etabliert, die zwar im Moment mit internen Problemen beschäftigt ist, langfristig jedoch regionale Ambitionen entwickeln dürfte. Die Erfahrung lehrt, dass Stabilität in Syrien selten friedliche Nachbarschaft bedeutet.
Das Ende der kurdischen Autonomie ist daher mehr als eine syrische Innenangelegenheit. Es ist ein weiterer Baustein in einer Neuordnung der Region, deren Folgen weit über die Grenzen Syriens hinausreichen werden.
Eine neue, aber keine bessere Ordnung
Was heute in Qamishli geschieht, ist kein Schritt zu nationaler Versöhnung. Es ist die Durchsetzung einer neuen Vorherrschaft. Die Namen an der Spitze haben sich geändert, die grundlegende Logik der Macht jedoch nicht. Syrien bleibt ein Land, in dem Identitäten gegeneinanderstehen und in dem politische Dominanz wichtiger ist als gemeinsames Zusammenleben.
Für die Kurden bedeutet dies den schmerzhaften Verlust eines historischen Experiments. Für den Nahen Osten insgesamt bedeutet es, dass ein weiterer Traum von Selbstbestimmung und Pluralismus an den Realitäten der Macht zerbrochen ist.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild KI generiert
Samstag, 07 Februar 2026