Libanesen im Süden fordern waffenfreie StädteLibanesen im Süden fordern waffenfreie Städte
In Tyros und Nabatieh wächst eine ungewöhnliche Initiative gegen die Waffenlogik der Hisbollah. Bürger verlangen Schutz durch den Staat, nicht durch eine Terrororganisation, die ihre Städte in Gefahr bringt.

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Im Süden des Libanon geschieht etwas, das für die politische Ordnung des Landes weit mehr bedeutet als eine lokale Petition. In Tyros und Nabatieh, zwei zentralen Städten im schiitisch geprägten Süden, haben Aktivisten dazu aufgerufen, ihre Städte zu „offenen“ und waffenfreien Städten zu erklären. Sie fordern eine stärkere Präsenz des libanesischen Staates, die sichtbare Rolle der libanesischen Armee, humanitäre Korridore, die Rückkehr der Bewohner in ihre Häuser und eine Feuerpause. Hinter diesen Forderungen steht eine einfache, aber im Libanon hochbrisante Frage: Wer entscheidet über Krieg und Frieden im Süden des Landes, die Bewohner selbst, der Staat in Beirut oder die HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen?
Die Initiative kommt in einer Phase schwerer Belastung. Der Süden des Libanon ist seit Monaten Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen, israelischer Angriffe auf Hisbollah-Ziele und wachsender Angst in der Zivilbevölkerung. Für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen ist der Norden des Landes seit dem 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen nicht mehr nur Grenzraum, sondern eine offene Sicherheitsfront. Die Hisbollah hat Israel von libanesischem Gebiet aus angegriffen, Ortschaften im Norden bedroht und Zehntausende Israelis aus ihrem Alltag gerissen. Für die Menschen im südlichen Libanon bedeutet die Strategie der Terrororganisation zugleich, dass ihre eigenen Städte, Straßen und Häuser in einen militärischen Raum verwandelt werden.
Genau dagegen richtet sich der neue Ruf aus Tyros und Nabatieh. Die Unterzeichner wollen, dass ihre Städte unter der alleinigen Autorität des libanesischen Staates stehen und frei von allem werden, was die Bewohner gefährden könnte. Diese Formulierung klingt vorsichtig, ist aber politisch scharf. Denn im Süden des Libanon weiß jeder, wer dort seit Jahrzehnten eine eigene militärische Ordnung aufgebaut hat. Die Hisbollah ist nicht nur eine Partei, nicht nur eine Miliz, nicht nur ein iranischer Stellvertreter. Sie ist in vielen Gebieten ein Staat im Staat, mit Waffen, Kommandostrukturen, Einschüchterungskraft, Sozialnetzwerken und einem eigenen Verständnis von Macht.
Dass ausgerechnet in Tyros und Nabatieh solche Stimmen laut werden, ist deshalb bemerkenswert. Beide Städte stehen nicht am Rand der libanesischen Debatte, sondern mitten in einem Raum, den die Hisbollah seit den achtziger Jahren politisch und militärisch geprägt hat. Wer dort waffenfreie Städte fordert, stellt nicht nur eine humanitäre Bitte. Er stellt die Grundannahme infrage, nach der die Hisbollah im Namen des Südens sprechen und kämpfen dürfe. Genau deshalb wird die Initiative in Libanon von manchen als eine Art Aufbegehren gegen die Terrororganisation verstanden.
Dabei geht es den Unterstützern nicht um abstrakte Ideologie. Es geht um das Leben der Bewohner. Familien wollen zurück in ihre Häuser. Händler wollen ihre Geschäfte öffnen. Eltern wollen ihre Kinder nicht zwischen RaketenstellungenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen, Luftalarm, Drohnen und Explosionen aufwachsen sehen. Der Süden des Libanon zahlt seit Jahren den Preis für eine bewaffnete Strategie, über die die Menschen vor Ort kaum frei entscheiden können. Die Hisbollah behauptet, sie schütze den Libanon. Doch viele Bewohner erleben, dass ihre Präsenz den Süden nicht schützt, sondern zu einem Schlachtfeld macht.
Für Israel bestätigt diese Entwicklung eine zentrale Erkenntnis: Der Konflikt an der Nordgrenze richtet sich nicht gegen die libanesische Bevölkerung, sondern gegen eine Terrororganisation, die den Libanon als Operationsraum missbraucht. Wenn Bürger im Süden verlangen, dass staatliche Institutionen und die Armee die Kontrolle übernehmen, dann sagen sie indirekt auch, dass die bisherige Ordnung versagt hat. Diese Ordnung hat nicht Sicherheit gebracht, sondern Zerstörung, Flucht und Abhängigkeit von einer Organisation, deren Entscheidungen letztlich in der Achse Teheran, Hisbollah-Führung und regionaler Kriegslogik getroffen werden.
Auffällig ist auch, dass prominente Politiker und bekannte Persönlichkeiten aus der Region die Initiative offenbar nicht sichtbar getragen haben. Das ist kein Zufall. Im Süden des Libanon ist offene Kritik an der Hisbollah riskant. Wer die Waffenfrage stellt, berührt das Machtzentrum der Organisation. Wer nach der libanesischen Armee ruft, stellt die Frage, warum eine nichtstaatliche Miliz überhaupt weiter darüber entscheiden darf, ob Städte zu militärischen Zielräumen werden. Schweigen kann dort auch Angst bedeuten.
Die Forderung nach waffenfreien Städten ist deshalb mehr als ein lokaler Hilferuf. Sie ist ein politischer Bruch mit einer jahrzehntelang erzwungenen Selbstverständlichkeit. Seit vielen Jahren wird dem Süden des Libanon erzählt, die Waffen der Hisbollah seien Schutz, Ehre und Widerstand. Doch je länger die Menschen die Folgen tragen, desto stärker drängt sich eine andere Lesart auf: Waffen, die ohne Zustimmung der Bevölkerung in Wohngebieten, Dörfern und Stadtumfeldern operieren, schützen nicht die Bewohner, sondern benutzen sie.
Der libanesische Staat steht damit vor seiner eigenen historischen Schwäche. Seit dem Ende des Bürgerkriegs ist es Beirut nicht gelungen, das Gewaltmonopol vollständig durchzusetzen. Die Hisbollah blieb bewaffnet, wuchs militärisch, wurde politisch einflussreicher und band den Libanon immer enger an die Interessen Irans. Internationale Resolutionen, politische Vereinbarungen und Versprechen zur Entwaffnung nichtstaatlicher Milizen blieben weitgehend folgenlos. Die libanesische Armee ist zwar eine nationale Institution, doch im Machtgefüge des Landes konnte sie die Hisbollah nie wirklich ersetzen.
Jetzt kommt der Druck nicht nur von außen, sondern aus betroffenen Städten selbst. Das macht die Initiative so empfindlich für die Hisbollah. Wenn Israel fordert, dass die Terrororganisation nicht an seiner Grenze stehen darf, kann die Hisbollah das als feindliche Forderung darstellen. Wenn aber Bewohner des südlichen Libanon selbst sagen, ihre Städte müssten frei von Waffen werden, verliert diese Erzählung an Kraft. Dann geht es nicht mehr um israelische Forderungen allein, sondern um libanesische Selbstbehauptung gegen eine bewaffnete Parallelmacht.
Ob daraus ein echter politischer Wandel entsteht, ist offen. Die Hisbollah verfügt über starke Strukturen, über Einschüchterungsmöglichkeiten und über Verbündete im libanesischen Machtgefüge. Eine Bürgerinitiative allein wird diese Ordnung nicht von heute auf morgen verändern. Doch das Entscheidende ist, dass die Frage öffentlich gestellt wird. Wer schützt die Bewohner? Wer entscheidet über Krieg? Wer trägt die Kosten? Und warum sollen Städte immer wieder zerstört werden, weil eine Terrororganisation sie in ihre militärische Strategie einbaut?
Für Israel bleibt die Sicherheitslage dennoch ernst. Solange die Hisbollah bewaffnet ist, solange sie Raketen, Drohnen und Kämpfer nahe der Grenze unterhält, kann es keine echte Ruhe im Norden geben. Die Rückkehr der israelischen Bewohner in ihre Gemeinden hängt nicht von libanesischen Erklärungen ab, sondern von messbaren Sicherheitsbedingungen. Doch die Stimmen aus Tyros und Nabatieh zeigen, dass auch im Libanon selbst ein Bewusstsein wächst: Die Herrschaft der Waffen hat den Süden nicht gerettet, sondern gefesselt.
Gerade deshalb ist diese Initiative wichtig. Sie erinnert daran, dass die Menschen im Libanon nicht mit der Hisbollah gleichgesetzt werden dürfen. Viele von ihnen sind Gefangene einer Realität, in der eine bewaffnete Organisation den politischen Raum beherrscht und jeden Konflikt mit Israel auf ihrem Rücken austrägt. Wenn Bürger nun waffenfreie Städte fordern, dann sprechen sie eine Wahrheit aus, die in Europa oft verdrängt wird: Frieden im Norden Israels und Sicherheit im Süden des Libanon hängen an derselben Bedingung. Die Hisbollah darf nicht länger bestimmen, dass ganze Regionen als Schutzschild und Abschussraum dienen.
Die Forderung aus Tyros und Nabatieh ist deshalb ein seltener Moment politischer Klarheit. Sie sagt nicht in großen Worten, dass die Hisbollah entmachtet werden muss. Aber sie beschreibt genau das, was dafür nötig wäre: Staat statt Miliz, Armee statt Terrororganisation, ziviles Leben statt bewaffneter Parallelherrschaft. Sollte dieser Gedanke im Süden des Libanon wachsen, wäre das für die Hisbollah gefährlicher als viele Parolen. Denn nichts bedroht eine bewaffnete Bewegung mehr als Bürger, die nicht länger bereit sind, für ihre Kriegslogik zu bezahlen.
Autor: Redaktion
Montag, 01 Juni 2026