Wenn „Libanon zuerst“ brennt: Hisbollah zeigt, worum es in Beirut wirklich gehtWenn „Libanon zuerst“ brennt: Hisbollah zeigt, worum es in Beirut wirklich geht
Ein Abkommen soll Libanon aus der Geiselhaft der Hisbollah lösen. Doch auf Beiruts Straßen antworten die Anhänger der Iran-Miliz mit Feuer, Drohung und offener Verachtung für den eigenen Staat.

Bildnachweis: Symbolbild
Beirut hat in diesen Tagen ein Bild geliefert, das klarer war als jede diplomatische Erklärung. Auf Straßen, die zum Flughafen führen, brannten Reifen. Motorräder fuhren mit Flaggen der HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen und des Iran durch die Stadt. Plakate, die erst vor wenigen Tagen von „Danke Iran“ zu „Libanon zuerst“ geändert worden waren, gingen in Flammen auf. Es war keine spontane Wut über eine einzelne Formulierung in einem Vertrag. Es war eine Botschaft: Wer im Libanon den Staat vor die Hisbollah stellt, bekommt es mit der Straße zu tun.
Auslöser war das am Freitag unter US-Vermittlung unterzeichnete Rahmenabkommen zwischen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und Libanon. Es soll einen Weg öffnen, der im Kern so selbstverständlich klingt, dass man sich fragen muss, warum er im Nahen Osten überhaupt verhandelt werden muss: Israel zieht sich aus libanesischem Gebiet zurück, sobald der libanesische Staat nachweisbar in der Lage ist, die Hisbollah zu entwaffnen und die Kontrolle über den Süden des Landes zu übernehmen. Genau daran entzündet sich der Aufstand der Miliz-Anhänger. Denn dieses Abkommen stellt nicht nur eine sicherheitspolitische Frage. Es stellt die Machtfrage im Libanon.
Hisbollah-Chef Naim Qassem wies die Vereinbarung am Samstag als „null“ zurück. Er sprach von einer Erniedrigung und von einem Angriff auf die libanesische Souveränität. Doch gerade diese Wortwahl entlarvt den Kern des Problems. Souveränität bedeutet nicht, dass eine vom Iran bewaffnete Organisation über Krieg und Frieden entscheidet. Souveränität bedeutet, dass die Regierung eines Landes das Gewaltmonopol besitzt, die Grenzen kontrolliert und nicht duldet, dass eine Partei mit Raketen, Tunneln und Drohnen eine ganze Nation in den Krieg zieht.
Genau das aber tut die Hisbollah seit Jahren. Sie hat den Süden Libanons nicht geschützt, sondern militarisiert. Sie hat Dörfer, Straßen und zivile Räume in eine Frontzone verwandelt. Sie hat nach dem 7. Oktober und erneut im Iran-Krieg 2026 gezeigt, dass ihre Loyalität nicht zuerst Beirut gilt, sondern Teheran. Wenn ihre Anhänger nun Schilder mit der Aufschrift „Libanon zuerst“ verbrennen, ist das kein Nebenschauplatz. Es ist das ehrlichste politische Bekenntnis dieser Bewegung seit Langem.
Die Drohung mit dem Bürgerkrieg ist kein Argument, sondern Erpressung
Besonders schwer wiegt die Drohung aus den Reihen der Hisbollah. Der Abgeordnete Hassan Fadlallah erklärte sinngemäß, die libanesischen Behörden könnten das Abkommen nicht durchsetzen, außer sie gingen in einen Bürgerkrieg. Das ist keine politische Kritik. Es ist eine Warnung an den Staat: Fasst unsere Waffen nicht an, sonst brennt das Land.
Damit zeigt die Hisbollah, warum Israel auf überprüfbare Sicherheitsgarantien besteht. Kein Staat würde sich darauf verlassen, dass eine bewaffnete Terrororganisation freiwillig Abstand hält, nachdem sie ihre Fähigkeit zur Destabilisierung immer wieder unter Beweis gestellt hat. Deutschland, Frankreich oder die Vereinigten Staaten würden keine Raketenarmee an ihrer Grenze dulden, die sich auf fremde Befehlsgeber stützt und bei jeder politischen Niederlage mit Gewalt droht. Israel soll genau das hinnehmen – und wird dafür kritisiert, dass es es nicht tut.
Das Abkommen folgt deshalb einem einfachen Maßstab: Vertrauen allein reicht nicht. Der libanesische Staat muss zeigen, dass er handeln kann. Nicht in Pressekonferenzen, nicht in schönen Formeln, sondern vor Ort. Wenn die libanesische Armee Gebiete übernimmt, wenn WaffenlagerTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen beseitigt werden, wenn die Hisbollah ihre bewaffnete Sonderstellung verliert, dann entsteht eine Grundlage für Rückzug und Stabilität. Bleibt alles beim Alten, bleibt auch die Gefahr bestehen.
Dass Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate das Abkommen begrüßten, zeigt zugleich, dass die Region längst verstanden hat, worum es geht. Der Konflikt ist nicht nur eine israelisch-libanesische Frage. Er ist Teil des größeren Ringens um die iranische Achse, die seit Beginn des Iran-Krieges 2026 versucht, mehrere Fronten miteinander zu verknüpfen: Libanon, Syrien, Irak, die Golfregion, die Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen. Teheran will regionale Hebel behalten. Die Hisbollah ist einer davon.
Libanon steht vor einer Entscheidung
Für Libanon ist dieses Abkommen deshalb mehr als ein diplomatisches Papier. Es zwingt das Land zu einer Entscheidung, die lange verschoben wurde. Entweder bleibt der Staat ein Geiselstaat, in dem eine bewaffnete Partei jederzeit die Bevölkerung in neue Kämpfe ziehen kann. Oder Beirut beginnt, das zurückzuholen, was jedem Staat zusteht: Kontrolle über sein Territorium, seine Grenzen und seine Sicherheit.
Die Unruhen in Beirut machen deutlich, wie schwer dieser Weg wird. Die Hisbollah besitzt nicht nur Waffen. Sie besitzt ein Netz aus Einschüchterung, politischem Einfluss, religiöser Bindung und iranischer Unterstützung. Wer sie entwaffnen will, legt sich nicht mit einer gewöhnlichen Partei an, sondern mit einer Machtstruktur, die den Staat von innen heraus begrenzt. Aber genau deshalb ist das Abkommen wichtig. Es benennt das Problem nicht länger als bloßen Grenzstreit mit Israel. Es rückt die eigentliche Frage in den Mittelpunkt: Wer entscheidet im Libanon?
Israel hat nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre keinen Grund, sich mit Versprechen zufriedenzugeben. Raketen aus dem Norden, Angriffe auf Grenzorte, Tunnel, Sprengfallen und die dauernde Bedrohung israelischer Familien sind keine theoretischen Risiken. Sie sind der Alltag eines Landes, das immer wieder aufgefordert wird, sich zurückzunehmen, während seine Feinde offen erklären, dass sie ihre Waffen behalten und weiterkämpfen wollen.
Der Brand auf Beiruts Straßen war daher mehr als ein Protest gegen ein Abkommen. Er war ein Blick in die Wahrheit des Libanon: Dort, wo „Libanon zuerst“ brennt, verteidigt niemand Souveränität. Dort verteidigt eine Miliz ihr Recht, ein Land gegen dessen eigene Zukunft festzuhalten.
Autor: Bernd Geiger
Sonntag, 28 Juni 2026