Erdogans neue Achse zeigt, wie gefährlich Washingtons Blick auf den Nahen Osten wirdErdogans neue Achse zeigt, wie gefährlich Washingtons Blick auf den Nahen Osten wird
Türkei, Qatar und Pakistan drängen sich als neue Ordnungsmächte im Nahen Osten auf. Für Israel ist vor allem Erdogans Rolle gefährlich: Er gibt sich als Partner des Westens und baut zugleich islamistische Machtstrukturen aus.

Bildnachweis: White House /
QuelleRecep Tayyip Erdogan versteht Macht besser als viele in Washington wahrhaben wollen. Er redet mit dem Westen, sitzt in der NATO, empfängt Diplomaten, handelt über Rüstung, Energie, Migration und Syrien. Gleichzeitig arbeitet seine Türkei seit Jahren daran, islamistische Kräfte als Werkzeug regionaler Machtpolitik zu nutzen. Genau diese Doppelrolle macht Ankara so gefährlich. Erdogan trägt Anzug, aber seine Außenpolitik denkt in Einflusssphären. Er spricht von Stabilität, aber nutzt Instabilität. Er präsentiert sich als Vermittler, während seine Politik immer stärker auf eine türkisch-islamische Ordnung im Nahen Osten zielt.
Der israelische Analyst Jonathan Spyer beschreibt in der JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post eine Entwicklung, die in Europa und den USA noch immer unterschätzt wird: Die Türkei, Qatar und Pakistan bilden keine formelle Allianz wie die NATO, aber sie rücken als strategisches Dreieck zusammen. Qatar bringt Geld, Medienmacht und diplomatische Kanäle. Pakistan bringt Militär, Nuklearstatus und islamische Symbolkraft. Die Türkei bringt Armee, Drohnen, Geheimdienst, Geografie und einen Präsidenten, der seit Jahren Großmachtpolitik betreibt.
Dieses Dreieck ist für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen nicht nur ein diplomatisches Problem. Es ist eine strategische Herausforderung. Denn die drei Staaten bewegen sich geschickt zwischen den Welten. Sie sind tief mit westlichen Systemen verbunden, profitieren von amerikanischen Sicherheitsstrukturen und präsentieren sich gleichzeitig als Anwälte jener Kräfte, die Israel dämonisieren, Islamismus politisch aufwerten und den Westen von innen heraus unter Druck setzen.
Erdogan steht im Zentrum dieser Entwicklung. Er ist nicht einfach ein schwieriger Staatschef mit rauem Ton. Er ist ein autoritärer Machtpolitiker mit neo-osmanischem Anspruch. Der Traum von einer großen Türkei bleibt bei ihm nicht Folklore. Er zeigt sich in Syrien, im Irak, in Libyen, in Somalia, im östlichen Mittelmeer, in Qatar, in Afrika und in seiner dauernden HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen gegen Israel. Während Israel ständig mit absurden Vorwürfen über angebliche Großmachtfantasien überzogen wird, baut Erdogan tatsächlich Einflussräume auf. Er stationiert Soldaten, bildet fremde Armeen aus, stützt islamistische Milieus, nutzt Migration als Hebel gegen Europa und verkauft all das als legitime Interessenpolitik.
Erdogan baut in Syrien keine Stabilität, sondern Einfluss
Besonders deutlich zeigt sich das in Syrien. Die Türkei ist heute einer der wichtigsten äußeren Akteure für das neue Regime von Ahmad al-Scharaa. Der frühere Abu Mohammed al-Julani kommt aus dem Dschihadistenmilieu, führte die Al-Nusra-Front, den syrischen Ableger von Al-Qaida, und später Hayat Tahrir al-Scham. Heute tritt er als Staatsmann auf, sucht Anerkennung und spricht von Ordnung. Doch die Frage bleibt offen, ob diese Mäßigung eine echte ideologische Abkehr ist oder vor allem eine notwendige Verkleidung der Macht.
Ankara hat diese neue syrische Ordnung nicht zufällig begünstigt. Ohne den türkisch geschützten Rebellenraum im Nordwesten Syriens wäre der spätere Vormarsch al-Scharaas nach Damaskus kaum denkbar gewesen. Nach dem Sturz Assads rückte die Türkei rasch in die Rolle des wichtigsten äußeren Schutz- und Aufbaupartners. Reuters berichtete, dass Ankara Syrien unter einem militärischen Kooperationsabkommen Waffen, Logistik und Ausbildung bereitstellen will. Türkische Stellen sprachen von Beratung, Erfahrungsaustausch, militärischer Ausbildung und Unterstützung beim Aufbau der Streitkräfte.
Das klingt technisch. Politisch ist es hochbrisant. Denn was unter türkischer Anleitung in Syrien entsteht, ist keine neutrale Nationalarmee nach westlichem Muster. In den neuen syrischen Strukturen finden sich frühere Milizenführer und Kommandeure aus islamistischen und türkisch gestützten Netzwerken. Die USA hatten bereits 2023 Sanktionen gegen syrische Milizen wie die Suleiman Shah Brigade und die Hamza Division verhängt. Das US-Finanzministerium warf ihnen Entführungen, Erpressung, Vertreibung kurdischer Bewohner und schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Human Rights Watch berichtete ebenfalls über Übergriffe, Misshandlungen und Erpressung durch Türkei gestützte bewaffnete Gruppen in Nordsyrien.
Wenn solche Milieus nun in neue Sicherheits- und Militärstrukturen überführt werden, entsteht keine harmlose Übergangsordnung. Es entsteht ein Staat, dessen Sicherheitsapparat unter starkem türkischem Einfluss steht und dessen ideologische Prägung für Israel, Kurden, Minderheiten und westliche Interessen alarmierend ist. Erdogan nennt das Stabilisierung. Realistischer ist: Ankara formt Syrien zu einem abhängigen Vorfeld türkischer Macht.
Qatar liefert Geld, Pakistan Gewicht, Erdogan die Strategie
Qatar ist der zweite Pfeiler dieses Dreiecks. Doha ist reich, diplomatisch beweglich und seit Jahren mit islamistischen Bewegungen verbunden. Zugleich beherbergt Qatar wichtige westliche Sicherheitsstrukturen und pflegt enge Beziehungen zu Washington. Die Türkei wiederum unterhält seit Jahren eine Militärbasis in Qatar. Reuters berichtete schon 2015 und 2016 über die türkische Basis und gemeinsame Sicherheitsinteressen beider Staaten. Später vertieften Ankara und Doha ihre Zusammenarbeit in Handel, Militär und Technik weiter.
Diese Verbindung ist deshalb so problematisch, weil Qatar und die Türkei ein ähnliches Muster verfolgen: Sie sprechen mit dem Westen, öffnen Kanäle, treten als Vermittler auf und halten zugleich Verbindungen zu politischen Islamisten offen. So wird Nähe zum Westen nicht genutzt, um Islamismus einzudämmen, sondern um ihn diplomatisch abzusichern.
Pakistan bildet den dritten Pfeiler. Islamabad bringt nicht nur eine große Armee und eine muslimische Atommacht in dieses Gefüge ein, sondern auch eine außenpolitische Tradition, in der Islam, Nationalismus und strategische Tiefe eng verbunden sind. Die Türkei und Pakistan haben ihre militärischen und politischen Beziehungen über Jahre ausgebaut. Al Jazeera beschrieb bereits 2021 eine wachsende strategische Triade aus Qatar, Türkei und Pakistan, getragen von politischer, wirtschaftlicher und verteidigungspolitischer Zusammenarbeit.
Dieses Dreieck muss nicht als geschlossener Block mit Vertrag und gemeinsamer Flagge auftreten, um wirksam zu sein. Es genügt, wenn die Interessen zusammenlaufen. Qatar finanziert und vermittelt. Pakistan verleiht militärisches und islamisches Gewicht. Die Türkei organisiert, bewaffnet, trainiert und setzt die regionale Agenda. Für Erdogan ist das ideal. Er bekommt Partner, die seine anti-israelische Rhetorik nicht bremsen, sondern ergänzen.
Washington darf Erdogan nicht mit einem Partner verwechseln
Die Gefahr wächst, wenn diese Achse in Washington als brauchbarer Ordnungsfaktor missverstanden wird. Die Trump-Regierung sucht im Nahen Osten nach schnellen Lösungen, nach Vermittlern, nach Kräften, die Konflikte scheinbar pragmatisch verwalten können. Genau dort bieten sich Türkei, Qatar und Pakistan an. Sie kennen die Akteure, sprechen mit Islamisten, haben Kanäle nach Teheran, Damaskus, Doha und Islamabad, und sie können dem Weißen Haus den Eindruck vermitteln, sie seien die realistischen Partner einer neuen Ordnung.
Doch das ist die Falle. Wer Islamisten stützt, ausbildet, finanziell absichert oder politisch schützt, wird nicht dadurch zum Stabilitätsgaranten, dass er anschließend in Washington als Vermittler auftritt. Erdogan ist kein Feuerwehrmann des Nahen Ostens. Er ist einer der Brandbeschleuniger, die gelernt haben, anschließend mit dem Wasserschlauch vor die Kameras zu treten.
Für Israel ist diese Entwicklung besonders gefährlich. Erdogan benutzt inzwischen eine Sprache gegen den ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen, die nicht mehr als normale Israelkritik gelesen werden kann. Wenn türkische Spitzenpolitiker von einem Kampf gegen den Zionismus sprechen oder Jerusalem als zu „befreiendes“ Ziel beschreiben, dann ist das keine harmlose Rhetorik für ein innenpolitisches Publikum. Es ist eine politische Botschaft. Ankara stellt Israel nicht als strittigen Nachbarn dar, sondern als ideologischen Gegner, dessen legitime Existenz im Kern bestritten wird.
Dazu passt die langjährige Rolle der Türkei gegenüber HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen. Israelische Stellen und internationale Berichte warfen der Türkei wiederholt vor, Hamas-Kadern Raum, Papiere oder Handlungsmöglichkeiten zu geben. Ankara bestreitet immer wieder, Terror zu unterstützen. Doch die Nähe zu Hamas-Funktionären, die anti-israelische Hetze und die politische Aufwertung der Organisation sind keine Einbildung Jerusalems. Sie gehören zur Erdogan-Linie.
Die westliche Politik muss endlich unterscheiden lernen: Ein Land kann NATO-Mitglied sein und trotzdem gegen westliche Interessen arbeiten. Ein Staat kann mit Washington sprechen und zugleich islamistische Kräfte fördern. Ein Präsident kann Friedenssprache benutzen und trotzdem eine Machtordnung aufbauen, die Israel schwächt, Minderheiten gefährdet und Europa erpressbarer macht.
Erdogan hat Europa bereits gezeigt, wie er Abhängigkeiten nutzt: bei Migration, beim NATO-Beitritt Schwedens, bei Energie, in Syrien und im östlichen Mittelmeer. Nun versucht er, auch die Nahostordnung nach dem Iran-Schock und nach dem Umbruch in Syrien zu prägen. Wer ihm dabei vertraut, weil er stark erscheint und Kanäle hat, verwechselt Stärke mit Verlässlichkeit.
Israel darf sich von dieser Entwicklung nicht überraschen lassen. Die alte Gewissheit, dass Türkei und Israel als zwei nichtarabische Mächte in der Region am Ende gemeinsame Interessen finden, trägt unter Erdogan immer weniger. Ankara hat sich bewusst auf einen anderen Weg begeben. Es sucht nicht Ausgleich mit Israel, sondern Führungsanspruch gegen Israel. Es will nicht nur Teil einer Ordnung sein, sondern sie nach eigener Vorstellung formen.
Das ist der eigentliche Kern der neuen Achse aus Türkei, Qatar und Pakistan. Sie bietet Washington scheinbar Ordnung, liefert aber in Wahrheit einen islamistisch gefärbten Machtblock, der Israel politisch bedrängt und westliche Schwächen ausnutzt. Erdogan ist dabei nicht der laute Rand. Er ist der zentrale Architekt.
Der Westen sollte endlich aufhören, Erdogan für das zu halten, was er gern vorspielt: einen schwierigen, aber notwendigen Partner. Er ist ein Despot mit Großmachtfantasien, der gelernt hat, westliche Systeme zu nutzen, ohne ihre Werte zu teilen. Und wer in Washington glaubt, man könne mit dieser Achse den Nahen Osten stabilisieren, könnte am Ende genau jene Kräfte stärken, die Israel schwächen, Islamismus normalisieren und Europa noch abhängiger machen.
Autor: Redaktion
Sonntag, 05 Juli 2026