OCHA zählt 5.330 Vorfälle und lässt entscheidende Fragen offenOCHA zählt 5.330 Vorfälle und lässt entscheidende Fragen offen
Eine UN-Stelle meldet tausende mutmaßliche Angriffe jüdischer Extremisten in Judäa und Samaria seit 2023.
Doch der Bericht wirft ein Problem auf: Er nennt Gewalt, Schäden und Vertreibung, trennt aber offenbar nicht sauber zwischen Terroristen und Zivilisten.

Bildnachweis: سكان المغير /
QuelleEine neue Karte des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten sorgt in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen für neuen Streit. OCHA meldet seit 2023 mehr als 5.330 mutmaßliche Angriffe von Israelis auf Palästinenser in Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen, bei denen es Verletzte, Sachschäden oder beides gegeben haben soll. Die besonders betroffenen Regionen seien Ramallah mit 1.352 Vorfällen, Nablus mit 1.226 und Hebron mit 935. Außerdem spricht OCHA von 64 getöteten und 5.173 verletzten Palästinensern in diesem Zusammenhang.
Diese Zahlen sind schwer. Gewalt jüdischer Extremisten gegen Palästinenser ist real, sie ist ein Problem für Israel, für die betroffenen palästinensischen Gemeinden und für den Rechtsstaat. Wer Fahrzeuge anzündet, Olivenbäume zerstört, Häuser attackiert oder Menschen bedroht, handelt nicht im Namen Israels. Er beschädigt Israels SicherheitStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen, Israels moralische Stellung und die Arbeit jener Soldaten und Sicherheitskräfte, die täglich gegen palästinensischen Terror vorgehen müssen. Genau deshalb darf dieses Thema nicht weggeredet werden.
Aber genauso wenig darf es durch eine UN-Statistik politisch vereinfacht werden. Der Bericht von OCHA unterscheidet nach Darstellung der JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post offenbar nicht sauber zwischen Palästinensern, die unschuldige Zivilisten sind, und Personen, die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, Islamischem Dschihad oder anderen TerrorstrukturenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen angehören. Auch wird nicht deutlich genug getrennt, was auf Gewalt nichtstaatlicher jüdischer Extremisten zurückgeht und was im Rahmen israelischer Anti-Terror-Operationen durch Armee oder Sicherheitskräfte geschah. Genau an dieser Stelle beginnt das Problem.
OCHA verwendet für mutmaßliche Täter in Judäa und Samaria den Begriff „Siedler“, unabhängig davon, ob die Person tatsächlich dort lebt oder innerhalb der Grünen Linie wohnt. Damit wird eine politische Kategorie benutzt, die im internationalen Diskurs längst mehr ist als eine Ortsbeschreibung. Sie wirkt wie ein DeutungsrahmenFraming: Wie Sprache Wahrnehmung lenktFraming bedeutet, dass Informationen durch Sprache, Auswahl, Bilder und Zusammenhänge in einen bestimmten Deutungsrahmen gesetzt werden. Dadurch kann dieselbe Tatsache unterschiedlich wahrgenommen werden.Mehr lesen: Hier die Palästinenser, dort die Siedler. Doch die Realität ist komplizierter. Es gibt kriminelle jüdische Extremisten, ja. Es gibt aber auch palästinensischen Terror, bewaffnete Zellen, Hinterhalte, Schussangriffe, Steinwürfe, Brandanschläge und gezielte Morde an israelischen Zivilisten. Wer diese zweite Seite nicht sichtbar macht, erklärt die erste nur halb.
Die israelische Armee hatte bereits für frühere Jahre eigene Zahlen vorgelegt. Nach Angaben aus dem Bericht der Jerusalem Post sprach die IDF für 2025 von 240 getöteten Palästinensern, nach 500 im Jahr 2024 und 504 im Jahr 2023. Zugleich erklärte die Armee, 96 Prozent der Getöteten seien Terroristen gewesen. Kritiker bezweifeln diese Einordnung teilweise und werfen Israel vor, in manchen Fällen tödliche Gewalt eingesetzt zu haben, obwohl eine Festnahme möglich gewesen wäre. Genau dieser Streit zeigt, warum präzise Kategorien unverzichtbar sind. Wer getötet wurde, unter welchen Umständen, durch wen und in welchem Zusammenhang, entscheidet über die politische Bedeutung einer Zahl.
Auch Israel selbst hat das Problem jüdischer Extremistengewalt nicht gelöst. Die IDF hatte laut Jerusalem Post für 2024 insgesamt 663 extremistische jüdische Vorfälle gemeldet, nach 1.045 im Jahr 2023 und 947 im Jahr 2022. Das war ein Rückgang, aber immer noch deutlich mehr als in den Jahren davor. Sicherheitsvertreter zeigten sich frustriert, weil es ihnen nicht gelungen sei, die Gewalt auf das Niveau vor 2022 zurückzuführen. Gleichzeitig wird in Israel offen darüber gestritten, ob politische Entscheidungen die Eindämmung erschwert haben. Verteidigungsminister Israel Katz blockierte im Januar 2025 neue Verwaltungshaftbefehle gegen selbst besonders gefährliche jüdische Extremisten. Aus Sicht des Sicherheitsapparates schwächte das die Möglichkeiten, solche Gewalt einzudämmen.
Das muss klar gesagt werden. Israel kann nicht glaubwürdig gegen palästinensischen Terror kämpfen und zugleich zulassen, dass jüdische Extremisten Recht durch Selbstjustiz ersetzen. Ein Staat, der sich gegen Terror verteidigt, muss gerade deshalb den eigenen Rechtsstaat schützen. Wer Palästinenser angreift, Bäume zerstört oder Autos anzündet, hilft nicht Israel. Er liefert den Gegnern Israels Bilder, Argumente und Vorwände. Er schadet jenen Israelis in Judäa und Samaria, die einfach ihr Leben führen wollen. Und er erschwert jede sachliche Debatte über Sicherheit.
Doch OCHA macht es sich nach dem vorliegenden Bericht ebenfalls zu einfach. Die UN-Stelle meldet mehr als 5.900 vertriebene Palästinenser aufgrund von Angriffen und Zugangsbeschränkungen. Außerdem spricht sie von 45 vollständig und 72 teilweise vertriebenen Gemeinden, ohne laut Jerusalem Post klar zu definieren, was „teilweise vertrieben“ genau bedeutet. Sie nennt rund 77.000 beschädigte Bäume und Setzlinge sowie mehr als 2.400 beschädigte palästinensische Fahrzeuge. Das sind erhebliche Angaben. Aber ohne klare Trennung zwischen krimineller extremistischer Gewalt, militärischen Sicherheitsmaßnahmen und Anti-Terror-Operationen entsteht ein Bild, das Israel pauschal belastet und den Terrorhintergrund verwischt.
Gerade bei Bäumen und Geländemaßnahmen zeigt sich diese Schwierigkeit. In manchen Fällen haben jüdische Extremisten Bäume zerstört. Das ist Unrecht. In anderen Fällen ordnete die IDF das Entfernen von Bäumen aus Sicherheitsgründen an, etwa um Sichtachsen zu verbessern und Angriffe entlang gefährdeter Straßen zu erschweren. Palästinensische Kritiker und israelische Medien warfen der Armee dabei teilweise kollektive Bestrafung vor. Die IDF verwies hingegen auf konkrete Terroranschläge aus betroffenen Gebieten, darunter Angriffe nahe Ramallah, die Ermordung der schwangeren Tzeela Gez im Mai 2025 und den Mord an dem 14-jährigen Binyamin Ahimeir im April 2024. Wer solche Vorgeschichten ausblendet, versteht die Sicherheitslogik nicht. Wer jeden Eingriff automatisch rechtfertigt, versteht den Rechtsstaat nicht.
Die Wahrheit liegt nicht in einem bequemen Lager. Ja, es gibt jüdische Extremistengewalt, und Israel muss sie entschiedener bekämpfen. Nein, OCHA darf diese Gewalt nicht in einen Rahmen stellen, der palästinensischen Terror, bewaffnete Zellen und laufende Anti-Terror-Maßnahmen unsichtbar macht. Beide Sätze sind gleichzeitig wahr.
Für Israel ist der Bericht deshalb Warnung und Herausforderung zugleich. Warnung, weil jüdische Extremisten dem Land politischen und moralischen Schaden zufügen. Herausforderung, weil internationale Institutionen Zahlen oft so präsentieren, dass der KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen von Terror und Sicherheitslage verschwindet. Wenn aus jedem Vorfall ein Baustein in der Erzählung eines einseitigen israelischen Angriffs wird, dann wird Statistik zur Politik.
Die entscheidende Forderung muss daher lauten: klare Daten, klare Kategorien, klare Verantwortung. Wer hat angegriffen? War der Täter Zivilist, Soldat, Extremist oder Sicherheitskraft? War das Opfer Zivilist, Verdächtiger, bewaffneter Terrorist oder Teil einer laufenden Operation? Ging es um Sachbeschädigung, um Vertreibung, um Festnahme, um Gefecht, um Selbstjustiz oder um Terrorabwehr? Ohne solche Unterscheidungen werden Zahlen größer, aber nicht wahrer.
Israel darf jüdischen Extremismus nicht kleinreden. Die Vereinten Nationen dürfen palästinensischen Terror nicht herausrechnen. Genau daran entscheidet sich, ob ein Bericht aufklärt oder nur ein vertrautes politisches Bild bestätigt.
Autor: Redaktion
Samstag, 11 Juli 2026