Ofek 19 über Iran: Israels neuer Spionagesatellit lieferte mehr als 50.000 AufnahmenOfek 19 über Iran: Israels neuer Spionagesatellit lieferte mehr als 50.000 Aufnahmen
Am 2. September 2025 stieg ein Feuerschweif über der israelischen Mittelmeerküste auf. Monate später wurde der Satellit Ofek 19 zu einem der wichtigsten Augen Israels im Krieg gegen Iran.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Als der Feuerschweif am 2. September 2025 kurz nach 22.30 Uhr über Zentralisrael erschien, hielten viele Menschen ihre Mobiltelefone in den Nachthimmel. Einige vermuteten einen Raketenangriff oder einen Abfangvorgang. Tatsächlich verließ in diesem Augenblick eines der wertvollsten Aufklärungssysteme Israels die Erde.
Der Träger vom Typ Schavit stieg über der Mittelmeerküste auf und brachte den Spionagesatelliten Ofek 19 in den Weltraum. Das israelische Verteidigungsministerium bestätigte wenig später den erfolgreichen Start. Für die Menschen auf den Straßen war der helle Schweif nach wenigen Minuten verschwunden. Für die Männer und Frauen im geheimen Kontrollraum begann zu diesem Zeitpunkt der schwerste Teil.
Sie mussten warten.
Der Satellit war vom Träger getrennt, raste ohne sichtbare Verbindung zu seinen Bedienern um die Erde und sollte erst nach rund eineinhalb Stunden wieder Kontakt mit den israelischen Bodenstationen aufnehmen. Niemand im Saal wusste, ob Ofek 19 die Belastungen des Starts überstanden hatte, ob seine Systeme arbeiteten und ob er tatsächlich jene Umlaufbahn erreicht hatte, für die Tausende Menschen jahrelang gearbeitet hatten.
90 Minuten ohne Gewissheit
Kurz zuvor hatte ein 27 Jahre alter Luftfahrtingenieur noch vor einer Entscheidung gestanden, die im schlimmsten Fall innerhalb weniger Sekunden hätte getroffen werden müssen. Seine Aufgabe war es, die Flugbahn des Trägers zu überwachen. Wäre die Rakete gefährlich vom vorgesehenen Kurs abgewichen, hätte er den Befehl zu ihrer Zerstörung geben müssen.
Ein einziger Knopfdruck hätte jahrelange Arbeit, enorme technische Fähigkeiten und ein für Israels SicherheitStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen entscheidendes System vernichtet. Ein zu spätes Eingreifen hätte dagegen Menschen am Boden, Schiffe oder Flugzeuge gefährden können.
Gerade in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen ist ein Weltraumstart eine außergewöhnliche Leistung. Große Staaten können ihre Träger über weite Wüsten oder Ozeane schicken. Israel besitzt diesen Raum nicht. Der Start erfolgt aus einem kleinen, dicht besiedelten Land. Luftraum, Seegebiet und Boden müssen gleichzeitig überwacht und gesichert werden. Jede Abweichung kann schwerwiegende Folgen haben.
Hinzu kam eine Bedrohung, mit der frühere israelische Raumfahrtmissionen in dieser Form nicht rechnen mussten. Der Stützpunkt selbst konnte während der Vorbereitungen von Raketen getroffen werden. Die Mannschaften mussten deshalb neben den technischen Gefahren des Starts auch mögliche Angriffe auf die Anlage einplanen. Welche Schutzmaßnahmen getroffen wurden, bleibt aus verständlichen Gründen geheim.
Nach dem Start konnten die Verantwortlichen nichts mehr beeinflussen. Ofek 19 flog allein. Erst als der Satellit nach seiner ersten Erdumrundung wieder über dem Empfangsbereich erschien, leuchteten im Kontrollraum die Anzeigen auf.
Das System lebte.
Einer der Startverantwortlichen beschrieb gegenüber N12, wie in diesem Moment die Anspannung von Jahren zusammenbrach. Als die Anzeigen grün wurden, kamen ihm die Tränen. Diese Reaktion erzählt mehr über das Projekt als jede technische Aufzählung. Ein Spionagesatellit ist kein Gerät, das kurzfristig bestellt und wenige Wochen später eingesetzt wird. Hinter ihm stehen Entwicklungsarbeit, Fehlschläge, Erprobungen und Menschen, die über Jahre kaum öffentlich über ihre Aufgabe sprechen dürfen.
Das Verteidigungsministerium bestätigte den Start von Ofek 19 am 2. September 2025 um 22.30 Uhr. Zwei Wochen später meldeten das Ministerium, die israelischen Streitkräfte und Israel Aerospace Industries den Empfang der ersten Bilder. Nach einer schrittweisen Prüfung der Systeme sollte der Satellit an die Aufklärungseinheit 9900 des Militärgeheimdienstes übergeben werden.
Eine ungewöhnliche persönliche Verbindung zeigt, wie eng das Projekt mit den Menschen dahinter verbunden ist. Einer der Männer, die den Start von Ofek 19 vorbereiteten, berichtete, sein Sohn sei ausgerechnet jener Offizier im Militärgeheimdienst, der später an der Bedienung des Satelliten beteiligt wurde. Der Vater half dabei, das Gerät ins All zu bringen. Der Sohn machte aus den empfangenen Daten militärisch verwertbare Erkenntnisse.
Das Auge über Iran
Ofek 19 ist kein gewöhnlicher optischer Satellit. Er arbeitet mit einem Radar mit synthetischer Apertur, kurz SAR. Das System sendet Funkwellen zur Erdoberfläche und wertet deren Rückkehr aus. Dadurch kann es auch nachts, durch Wolken und bei schwierigen Wetterbedingungen hochauflösende Bilder erzeugen. Israel erhält damit Aufklärungsergebnisse auch dann, wenn herkömmliche Kameras an ihre Grenzen stoßen. Die Israel Aerospace Industries beschreibt Ofek 19 ausdrücklich als Radaraufklärungssatelliten für den Einsatz bei Tag, Nacht und nahezu allen Sichtbedingungen.
Diese Fähigkeit wurde schneller gebraucht, als viele Beteiligte erwartet hatten.
Nach Angaben des für den Start verantwortlichen Mitarbeiters sammelte Ofek 19 während des späteren Krieges gegen Iran mehr als 50.000 Aufnahmen. Die Zahl stammt aus dem ausführlichen N12-Bericht und wurde dort einem unmittelbar an der Mission beteiligten Verantwortlichen zugeschrieben. Eine gesonderte öffentliche Aufstellung des Verteidigungsministeriums für Ofek 19 allein liegt bislang nicht vor. Ein weiterer Bericht der „JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post“ nennt ebenfalls mehr als 50.000 Aufnahmen, bezieht diese Zahl jedoch auf die israelische Satellitenaufklärung während des Iran-Feldzuges insgesamt.
Schon diese vorsichtige Einordnung zeigt die enorme Größenordnung. Während der zwölftägigen Operation „Rising Lion“ im Juni 2025 hatte Israel nach Angaben des Verteidigungsministeriums mehr als 12.000 Satellitenbilder des iranischen Staatsgebietes aufgenommen. Im Krieg des Jahres 2026 vervielfachte sich der Bedarf an fortlaufender Beobachtung.
Die Bilder dienen nicht bloß dazu, nach einem Angriff zerstörte Gebäude zu betrachten. Ihre eigentliche Bedeutung liegt im Vergleich. Geheimdienstanalysten können sehen, ob Iran beschädigte RaketenstellungenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen wieder aufbaut, neue Fahrzeuge verlegt, Tunneleingänge freiräumt oder Anlagen tarnt. Mehrere Bilder desselben Ortes zeigen Veränderungen, die auf einem einzelnen Foto unsichtbar blieben.
So entstehen Zielinformationen.
Ein Raketenwerfer kann entdeckt werden, bevor er zum Einsatz kommt. Ein beschädigter Militärstützpunkt kann überwacht werden, während iranische Einheiten versuchen, ihn wieder in Betrieb zu nehmen. Bewegungen der RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen lassen sich verfolgen. Auch die Arbeit an nuklearen Einrichtungen und tief in Berge gebauten Anlagen kann über längere Zeit beobachtet werden.
Der N12-Bericht nennt als Beispiel das als „Spitzhackenberg“ bekannte Gelände südlich der Atomanlage Natanz. Dort wurden seit 2020 tiefe Tunnel in einen Berg getrieben. Westliche und israelische Nachrichtendienste versuchen zu klären, ob Iran dort fortschrittliche Zentrifugen, empfindliches Material oder Bestandteile eines möglichen Waffenprogramms unterbringen will. Ofek 19 kann solche Orte auch bei Bewölkung und Dunkelheit beobachten.
Die Bedeutung des Weltraums für Israel geht jedoch weit über einen einzelnen Satelliten hinaus. Ofek 19 arbeitet zusammen mit weiteren israelischen Aufklärungssystemen, darunter dem verwandten Ofek 13. Beide Programme erhielten 2026 den Israelischen Verteidigungspreis. Das Verteidigungsministerium würdigte dabei ausdrücklich ihre Fähigkeit, zu jeder Zeit zuverlässige und hochwertige Nachrichtendaten zu liefern.
Israels besondere Lage zwingt das Land dabei zu technischen Lösungen, die andere Raumfahrtnationen kaum benötigen. Die meisten Satelliten werden nach Osten gestartet, weil die Erdrotation dem Träger zusätzliche Geschwindigkeit verleiht. Israel startet seine militärischen Satelliten dagegen nach Westen über das Mittelmeer. So wird verhindert, dass ausgebrannte Stufen oder Trümmer über feindlichen Nachbarstaaten niedergehen.
Der Preis dafür ist hoch. Der Träger muss gegen die Drehrichtung der Erde arbeiten und benötigt mehr Kraft. Das begrenzt das Gewicht, das in den Weltraum gebracht werden kann. Israel musste deshalb kleine und leichte Satelliten entwickeln, die dennoch leistungsfähig genug für militärische Aufklärung sind.
Diese Notwendigkeit wurde zu einer Stärke. Seit dem ersten erfolgreichen Ofek-Start im Jahr 1988 gehört Israel zu dem kleinen Kreis von Staaten, die eigene Satelliten entwickeln, bauen und mit eigenen Trägern in den Weltraum bringen können.
Heute entscheidet diese Fähigkeit darüber, wie schnell Israel auf Bedrohungen in Tausenden Kilometern Entfernung reagieren kann. Kampfflugzeuge, Drohnen und Raketen zerstören Ziele. Doch bevor ein Pilot startet, muss jemand wissen, wo sich das Ziel befindet, ob es noch besteht und welche Veränderungen rund um die Anlage stattgefunden haben.
Ofek 19 liefert einen Teil dieser Antworten.
Der Satellit ist deshalb weit mehr als ein technisches Schaustück. Er ist ein stiller Beobachter, der mehrmals am Tag über feindlichem Gebiet erscheint, Bilder gewinnt und wieder hinter dem Horizont verschwindet. Menschen sehen ihn nicht. Iranische Wolken verbergen vor ihm wenig.
Im Kontrollraum dauerte es nach dem Start eineinhalb Stunden, bis die Männer und Frauen wussten, dass Ofek 19 lebte. Im Iran-Krieg zeigte sich, weshalb dieses Warten so viel bedeutete.
Israel hatte nicht nur einen Satelliten ins All gebracht.
Es hatte ein neues Auge über Iran geöffnet.
Autor: Redaktion
Samstag, 25 Juli 2026