Washington bremst Israel, Hamas nutzt die Zeit zum AufrüstenWashington bremst Israel, Hamas nutzt die Zeit zum Aufrüsten
Während Israel seine Angriffe in Gaza auf amerikanischen Druck eingestellt hat, repariert Hamas Tunnel, produziert Waffen und schmuggelt Drohnen. Sicherheitskreise warnen, jeder weitere Tag verschaffe der Terrororganisation neue Stärke.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Es ist genau das Szenario, das IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen nach dem 7. Oktober nie wieder zulassen wollte: Die Waffen schweigen, doch die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen nutzt die Zeit nicht zur Entwaffnung, sondern zur Vorbereitung auf die nächste Phase.
Nach einem Bericht des israelischen Senders N12 hat die Hamas die jüngste Feuerpause im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen genutzt, um ihre militärischen Fähigkeiten erneut auszubauen. Israel stellte seine Angriffe am vergangenen Sonntagabend im Zusammenhang mit amerikanischem Druck und Präsident Donald Trumps 20 Punkte Plan ein. Die Hamas sollte ihrerseits ihre militärische Tätigkeit vollständig einstellen. Doch nach Erkenntnissen des Südkommandos geschieht offenbar das Gegenteil.
N12 berichtet unter Berufung auf israelische Sicherheitskreise von fortgesetztem Wiederaufbau unterirdischer Anlagen, der Produktion neuer Waffen, dem Schmuggel von Drohnen, Bewegungen bewaffneter Hamas Terroristen auf den Straßen und wiederholten Versuchen, die sogenannte Gelbe Linie zu überschreiten.
Diese Linie markiert im Gazastreifen den Bereich, hinter dem israelische Truppen nach den Vereinbarungen stationiert bleiben. Die israelische Armee hatte bereits im vergangenen Jahr damit begonnen, sie mit deutlich sichtbaren gelben Markierungen zu kennzeichnen. Sie soll den Soldaten eine klare taktische Grenze geben und verhindern, dass Terroristen sich unbemerkt israelischen Stellungen nähern.
Die Hamas weiß deshalb genau, wo diese Grenze verläuft.
Wenn ihre Mitglieder dennoch versuchen, sie zu überschreiten, ist das keine Unklarheit auf dem Schlachtfeld. Es ist eine bewusste Prüfung dessen, was Israel noch hinnimmt.
Die Hamas bekommt genau das, was sie braucht: Zeit
Ein israelischer Sicherheitsvertreter brachte die Sorge gegenüber N12 drastisch auf den Punkt: Jeder weitere Tag dieser Art sei ein Geschenk für die Hamas. Genau diese Zeit habe die Terrororganisation gesucht, um sich zu erholen und neue Kräfte aufzubauen.
Die Aussage trifft einen empfindlichen Punkt der israelischen Sicherheitsdebatte.
Israel hat die Hamas seit dem 7. Oktober militärisch schwer getroffen. Nach Angaben von Generalstabschef Eyal Zamir wurden sämtliche regulären Frontverbände der Organisation zerschlagen. Gleichzeitig betonte er bereits im Februar, dass die vollständige Entwaffnung der Hamas und die Entmilitarisierung Gazas weiterhin zu den israelischen Kriegszielen gehören.
Auch Außenminister Gideon Sa'ar erklärte Anfang Juli unmissverständlich, dass genau dies der Kern von Trumps Plan sei. Die Hamas dürfe nicht lediglich die zivile Verwaltung abgeben und im Hintergrund als bewaffnete Macht bestehen bleiben. Israel bestehe auf ihrer vollständigen Entwaffnung und auf der Entmilitarisierung des Gazastreifens.
Das Problem ist offensichtlich: Eine Feuerpause kann nur dann zu einer dauerhaften politischen Ordnung führen, wenn die militärische Macht der Hamas gleichzeitig kleiner wird.
Wenn sie währenddessen Tunnel repariert, Waffen herstellt und neue Fluggeräte einschmuggelt, geschieht genau das Gegenteil.
Israel hat diese Erfahrung bereits vor dem 7. Oktober gemacht. Ruhe wurde über Jahre als Zeichen von Abschreckung interpretiert. Die Hamas nutzte dieselbe Ruhe, um Waffen zu sammeln, Tunnelanlagen auszubauen, Kämpfer auszubilden und den Angriff vorzubereiten, der schließlich ganze israelische Ortschaften traf.
Ein internes Strategiepapier der israelischen Armee beschreibt genau diese Fehlannahme. Dass ein Gegner nicht schießt, beweist demnach keineswegs, dass er abgeschreckt ist. Dieselbe Ruhe kann ebenso bedeuten, dass er auf einen günstigeren Zeitpunkt wartet und sich vorbereitet.
Nach dem 7. Oktober dürfte Israel diesen Unterschied eigentlich nicht mehr vergessen.
Gerade deshalb wirken die Berichte aus dem Südkommando alarmierend.
Nach N12 werden die mutmaßlichen Verstöße inzwischen täglich dokumentiert und sowohl an den von den Vereinigten Staaten getragenen Friedensmechanismus als auch unmittelbar an amerikanische Stellen weitergegeben. Washington soll damit nicht irgendwann rückblickend erfahren, dass die Hamas ihre Fähigkeiten wiederaufgebaut hat. Die Verstöße werden nach israelischer Darstellung bereits jetzt gemeldet.
Dass die Hamas bislang nicht vollständig entwaffnet ist, steht ohnehin außer Zweifel. Die israelische Regierung und das Außenministerium haben wiederholt erklärt, dass die Entwaffnung der Terrororganisation der entscheidende noch ausstehende Schritt bei der Umsetzung des amerikanischen Plans sei.
Bereits Ende Dezember hatte Zamir erklärt, Israel werde nicht zulassen, dass die Hamas ihre militärischen Fähigkeiten wieder aufbaue. Die Gelbe Linie bezeichnete er als neue Sicherheitsgrenze, von der aus Israel auf Bedrohungen reagieren könne.
Die Frage ist damit nicht, ob Israel das Problem erkannt hat.
Die Frage ist, wie lange es zusieht.
Strengere Regeln für Israel, Freiraum für Hamas
Besonders problematisch sind die Berichte israelischer Soldaten über verschärfte Einsatzregeln.
Nach Angaben von N12 dürfen Soldaten bei Hamas Terroristen, die sich der Gelben Linie nähern, derzeit nicht mehr automatisch mit dem Ziel schießen, sie auszuschalten. Das Feuer soll zunächst lediglich dazu dienen, sie zurückzudrängen.
Diese Regelung verändert das Verhältnis auf dem Boden.
Ein Terrorist kann sich einer israelischen Stellung nähern, die Reaktion beobachten, zurückweichen und daraus lernen. Er kann prüfen, wie schnell Soldaten reagieren, welche Bereiche überwacht werden und ab welchem Punkt tatsächlich geschossen wird.
Für eine Organisation, die ihre militärischen Fähigkeiten wiederaufbauen will, sind auch solche Informationen wertvoll.
Israel selbst hat in der Vergangenheit zahlreiche Überschreitungen der Gelben Linie als Verstöße gegen die Waffenruhe bezeichnet. Die Armee dokumentierte wiederholt Fälle, bei denen bewaffnete Terroristen die Linie überschritten oder sich israelischen Soldaten näherten. In solchen Situationen wurden Terroristen ausgeschaltet, wenn sie als unmittelbare Gefahr eingestuft wurden.
N12 beschreibt nun eine deutlich zurückhaltendere Praxis.
Das ist besonders für die israelischen Ortschaften nahe dem Gazastreifen schwer zu akzeptieren.
Die Menschen dort leben nicht in einem theoretischen sicherheitspolitischen Modell. Viele von ihnen sind nach dem Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen in ihre Häuser zurückgekehrt. Sie sehen den Gazastreifen von ihren Gemeinden aus. Für sie bedeutet jede Meldung über bewaffnete Hamas Männer, wiederhergestellte Tunnel oder neue Drohnen keine abstrakte Verletzung eines Vertrages.
Sie wissen, wohin solche Vorbereitungen führen können.
Am Montag hatte ein israelischer politischer Vertreter erklärt, Israel werde sich nicht von seiner gegenwärtigen Linie im Gazastreifen zurückziehen und weiterhin jede Bedrohung für israelische Bürger und Soldaten beseitigen. N12 stellt nun die Frage, ob dieser zweite Teil der Zusage tatsächlich umgesetzt wird.
Diese Kritik ist berechtigt.
Amerikanischer Druck kann für Israel ein wichtiger Bestandteil einer größeren diplomatischen Strategie sein. Präsident Trumps Plan verfolgt selbst das Ziel einer vollständigen Entwaffnung der Hamas. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte bei der Vorstellung des amerikanischen Plans ausdrücklich erklärt, die Hamas müsse entwaffnet und Gaza entmilitarisiert werden. Israel werde zudem auf absehbare Zeit Sicherheitsverantwortung behalten.
Dann darf aber nicht eine Situation entstehen, in der ausgerechnet israelische Zurückhaltung der Hamas die Möglichkeit gibt, diese Bedingungen praktisch zu unterlaufen.
Eine Waffenruhe ist kein Erfolg, nur weil an einem bestimmten Tag weniger Bomben fallen.
Sie ist nur dann ein Erfolg, wenn die Bedrohung kleiner wird.
Wenn Tunnel repariert werden, Waffenfabriken wieder arbeiten, Drohnen ins Gebiet gelangen und bewaffnete Hamas Einheiten erneut ihre Bewegungsfreiheit testen, wird die Bedrohung größer.
Genau deshalb ist die gegenwärtige Situation so gefährlich.
Die Hamas muss Israel nicht heute angreifen, um von dieser Feuerpause zu profitieren. Sie muss lediglich jeden Tag nutzen, an dem Israel nicht verhindert, dass ihre militärische Infrastruktur zurückkehrt.
Jeder wiederhergestellte Tunnel ist eine Investition in einen zukünftigen Krieg.
Jede neue Waffe ist ein Teil jener Fähigkeit, die nach dem 7. Oktober niemals wieder entstehen sollte.
Und jeder Terrorist, der sich an die Gelbe Linie herantastet, ohne ernsthafte Konsequenzen erwarten zu müssen, lernt etwas über Israels neue Grenzen.
Der politische Druck aus Washington ist real. Die Bedeutung der amerikanischen Unterstützung für Israel ebenso. Doch Trumps eigener Plan verlangt die Entwaffnung der Hamas. Eine israelische Zurückhaltung, die ausgerechnet diese Entwaffnung erschwert, würde deshalb letztlich auch das amerikanische Konzept selbst beschädigen.
Die Lehre des 7. Oktober war nicht, dass Israel niemals verhandeln darf.
Sie war, dass Israel Ruhe niemals wieder mit Sicherheit verwechseln darf.
Wenn die Berichte aus dem Südkommando zutreffen, läuft genau diese gefährliche Verwechslung bereits wieder an.
Autor: Redaktion
Sonntag, 09 August 2026