Israels Wahl 2026: Wer nach dem 7. Oktober das Land führen kannIsraels Wahl 2026: Wer nach dem 7. Oktober das Land führen kann
Am 27. Oktober stimmt Israel erstmals seit dem Hamas-Massaker über eine neue Knesset ab. Eisenkot liegt vor Netanjahu, doch entschieden wird die Macht erst bei der schwierigen Suche nach 61 Mandaten.

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IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen geht auf eine Wahl zu, wie es sie in seiner Geschichte noch nicht gegeben hat. Wenn die Bürger am 27. Oktober über die Zusammensetzung der 26. Knesset entscheiden, liegt der Terrorangriff der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen drei Jahre zurück. Dazwischen liegen Krieg, der Verlust zahlreicher Soldaten, eine massive Belastung der ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen, die direkte Konfrontation mit Iran und eine innenpolitische Auseinandersetzung, die längst nicht mehr allein entlang der traditionellen Linien zwischen rechts und links verläuft. Zum ersten Mal seit dem schwersten Terrorangriff in der Geschichte Israels müssen die Wähler darüber entscheiden, wem sie die politische Verantwortung für die kommenden Jahre anvertrauen.
Dabei zeichnet sich kein einfacher Machtwechsel ab. Der ehemalige Generalstabschef Gadi Eisenkot hat sich mit seiner Partei Jaschar innerhalb kurzer Zeit zum stärksten Herausforderer von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu entwickelt. Mehrere Umfragen sehen Eisenkots Partei mittlerweile vor dem Likud. Eine am Sonntag veröffentlichte Erhebung für Kan News sah Jaschar bei 24 Mandaten, den Likud bei 21 und das gemeinsame Bündnis von Naftali Bennett und Jair Lapid bei 14 Sitzen. Andere Erhebungen der vergangenen Wochen sahen Eisenkot zeitweise sogar bei 25 oder 26 Mandaten. Die Zahlen schwanken, die politische Botschaft dahinter jedoch kaum: Erstmals seit Jahren ist nicht selbstverständlich, dass der Likud als stärkste Partei aus einer israelischen Parlamentswahl hervorgeht.
Das bedeutet allerdings keineswegs, dass Eisenkot automatisch Ministerpräsident würde. Israel wählt keinen Regierungschef direkt. Die 120 Mandate der Knesset werden proportional unter den Listen verteilt, die mindestens 3,25 Prozent der gültigen Stimmen erreichen. Danach beginnt die eigentliche Machtfrage: Wer kann mindestens 61 Abgeordnete hinter sich versammeln? Genau dort wird die Wahl schwierig. In nahezu allen aktuellen Umfragen verfehlen sowohl Netanjahus Lager als auch die zionistischen Parteien, die ihn ablösen wollen, eine eigene sichere Mehrheit. Ein Wahlsieger kann deshalb am Abend des 27. Oktober feststehen, ohne dass auch nur annähernd klar ist, wer Israel anschließend regieren wird.
Nicht mehr rechts gegen links
Der Likud geht unter Benjamin Netanjahu als Regierungspartei in die Wahl. Bei der Wahl 2022 gewann er 32 Mandate, derzeit liegt die Partei in vielen Umfragen deutlich darunter. Trotzdem sollte niemand Netanjahu vorzeitig abschreiben. Seit Jahrzehnten beweist er eine außergewöhnliche Fähigkeit, politische Bündnisse zu bilden und aus schwierigen Wahlergebnissen regierungsfähige Mehrheiten zu formen. Seine wahrscheinlichsten Partner bleiben Schas, Vereinigtes Thora-Judentum, Itamar Ben-Gvirs Otzma Yehudit und Bezalel Smotrichs Religiös-Zionistische Partei. Doch gerade an den Rändern dieses Bündnisses entstehen Risiken. Parteien, die knapp an der Sperrklausel scheitern, können zehntausende Stimmen praktisch wertlos machen und damit die gesamte Mandatsverteilung verändern.
Das erklärt auch Netanjahus Warnungen vor einer Zersplitterung des rechten Lagers. Besonders die neue Partei Amcha Yisrael des früheren Brigadegenerals Ofer Winter könnte wichtig werden. Winter präsentiert sich als Vertreter eines sicherheitsorientierten, nationalen Lagers, das mit der bisherigen politischen Führung unzufrieden ist. Seine Liste umfasst unter anderem den bekannten israelisch-arabischen Aktivisten Yoseph Haddad und Fleur Hassan-Nahoum. Die jüngste Kan-Umfrage sieht die Partei mit vier Mandaten knapp über der Sperrklausel. Gleichzeitig verliert Netanjahus Lager durch Winters Auftreten Stimmen innerhalb des eigenen politischen Spektrums. Für den Likud ist deshalb nicht nur entscheidend, wie viele Stimmen Netanjahu selbst erhält, sondern auch, wohin ehemalige Likud-Wähler wechseln und ob deren neue Parteien am Ende überhaupt in die Knesset einziehen.
Auf der anderen Seite steht inzwischen Gadi Eisenkot. Der ehemalige Generalstabschef wirkt politisch weit weniger laut als viele seiner Konkurrenten. Gerade das könnte zu seinem Vorteil geworden sein. Eisenkot hat seinen Sohn Gal und zwei Neffen im Krieg verloren. Seine Biografie verbindet damit militärische Verantwortung und persönlichen Verlust auf eine Weise, die für viele Israelis nach drei Kriegsjahren eine besondere Bedeutung besitzt. Politisch positioniert sich Jaschar in der Mitte, wobei Eisenkot in Sicherheitsfragen keineswegs das klassische Bild einer linken Alternative bedient. Eine palästinensische Staatlichkeit sieht er nach dem 7. Oktober äußerst kritisch, gleichzeitig grenzt er sich deutlich von Ben-Gvir und Smotrich ab.
Doch auch Eisenkot steht vor der Mathematik der Knesset. Naftali Bennett und Jair Lapid treten gemeinsam mit B'Yachad an und erreichen derzeit ungefähr 14 bis 15 Mandate. Bennett versucht insbesondere Wähler anzusprechen, die sich politisch rechts verorten, Netanjahu aber nicht mehr unterstützen wollen. Avigdor Libermans Israel Beitenu liegt in aktuellen Umfragen bei acht bis zehn Sitzen und verbindet eine harte sicherheitspolitische Linie mit einer scharfen Ablehnung der Privilegien für ultraorthodoxe Wehrpflichtige. Die Demokraten unter Jair Golan erreichen ungefähr neun bis zehn Mandate und bilden den linken Flügel des zionistischen Oppositionslagers.
Damit entstehen neue Bruchlinien. Bennett will keine Regierung mit den ultraorthodoxen Parteien und lehnt ebenso eine Abhängigkeit von arabischen Parteien ab. Liberman fordert eine umfassende Wehrpflicht ohne die bisherigen Ausnahmen. Eisenkot lässt dagegen erkennen, dass eine Zusammenarbeit mit Schas unter bestimmten Voraussetzungen möglich sein könnte. Golan wiederum steht einer Zusammenarbeit mit arabischen Parteien wesentlich offener gegenüber. Alle wollen Netanjahu politisch ablösen, doch daraus folgt noch lange nicht, dass sie gemeinsam eine Regierung bilden können.
Genau deshalb könnten Parteien mit deutlich weniger Mandaten am Ende über den Regierungschef entscheiden.
Die Wehrpflicht wird zur Machtfrage
Kaum ein innenpolitisches Thema zeigt die Veränderung Israels seit dem 7. Oktober so deutlich wie die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Männer. Während Reservisten über Monate und teilweise wiederholt einberufen wurden und Familien enorme Belastungen tragen mussten, ist der Streit über die Ausnahmen für Jeschiwa-Studenten politisch kaum noch zu verdrängen.
Die Zahlen des Militärs sind deutlich. Im Mai erklärte Brigadegeneral Schai Tayeb vor dem Auswärtigen und Verteidigungsausschuss der Knesset, der Armee fehlten ungefähr 12.000 Soldaten, darunter zwischen 6.000 und 7.500 Kämpfer. Bis Anfang 2027 könne sich die Lücke auf etwa 17.000 Soldaten vergrößern. Damit ist die Frage der ultraorthodoxen Einberufung längst nicht mehr nur eine Auseinandersetzung über Religion und Staat. Sie betrifft unmittelbar die Einsatzfähigkeit der IDF.
Für Schas und Vereinigtes Thora-Judentum ist der Schutz der Jeschiwa-Studenten dagegen ein zentrales politisches Anliegen. Schas kommt in den jüngsten Erhebungen auf etwa sieben Mandate, Vereinigtes Thora-Judentum auf ungefähr acht. Ohne diese Parteien wird es für Netanjahu äußerst schwierig, seine bisherige Koalition fortzusetzen. Gleichzeitig machen Bennett und Liberman eine grundlegend andere Wehrpflichtpolitik zur Voraussetzung einer künftigen Regierung. Auch Eisenkot fordert wesentlich höhere Einberufungszahlen und persönliche Sanktionen gegen Wehrpflichtige, die sich dem Dienst entziehen.
Damit könnte ausgerechnet die Wehrpflicht darüber entscheiden, welche Koalition nach der Wahl überhaupt möglich ist.
Hinzu kommt die offene Rechnung des 7. Oktober. Ein großer Teil der Opposition verlangt eine staatliche Untersuchungskommission, die politische, militärische und nachrichtendienstliche Versäumnisse vor dem Hamas-Massaker untersuchen soll. Die Forderung besitzt breite Unterstützung in der Bevölkerung. Für viele Israelis geht es dabei nicht um eine abstrakte juristische Debatte, sondern um die Frage, wie ein Staat mit einer der schwersten Katastrophen seiner Geschichte umgeht und wer dafür Verantwortung tragen muss. Netanjahus Regierung bevorzugt ein anderes Untersuchungsmodell und lehnt eine Kommission ab, deren Zusammensetzung maßgeblich durch die Justiz bestimmt würde.
Auch deshalb wird die Wahl zwangsläufig zu einer Abstimmung über Netanjahu, obwohl sie weit mehr ist als das. Der Ministerpräsident regiert Israel mit Unterbrechungen seit Jahrzehnten und steht wie kein zweiter Politiker für eine ganze politische Epoche. Seine Anhänger verweisen auf seine Erfahrung, die militärischen Erfolge gegen Israels Feinde und seine Fähigkeit, dem internationalen Druck auf das Land standzuhalten. Seine Gegner werfen ihm vor, politische Verantwortung für den 7. Oktober nicht übernommen und die gesellschaftlichen Spannungen im Land verschärft zu haben.
Die alte Frage nach einem palästinensischen Staat spielt dagegen eine deutlich geringere Rolle als bei früheren israelischen Wahlen. Der 7. Oktober hat die Sicherheitswahrnehmung großer Teile der israelischen Bevölkerung grundlegend verändert. Selbst Politiker der Mitte, die früher wesentlich offener über eine Zweistaatenlösung gesprochen hätten, lehnen einen solchen Schritt unter den gegenwärtigen Bedingungen ab oder halten ihn für gefährlich. Die politische Auseinandersetzung verläuft deshalb zunehmend innerhalb des zionistischen Lagers: über Sicherheit, militärische Stärke, Verantwortung, Wehrpflicht, Religion und Staat sowie die Frage, welche politische Führung Israel nach Jahren des Krieges zusammenhalten kann.
Besonders unberechenbar bleibt die Rolle der arabischen Parteien. Hadash, Ta'al und Balad wollen gemeinsam antreten, während Mansour Abbas mit Ra'am weiterhin einen eigenständigen Weg verfolgt. Abbas hatte bereits 2021 bewiesen, dass eine arabische Partei Teil einer Regierungsmehrheit werden kann. Für Bennett ist eine erneute solche Konstellation ausgeschlossen. Jair Golan wäre dazu grundsätzlich bereit. Eisenkot versucht bislang, einen Weg zu einer zionistischen Mehrheit offenzuhalten. Je nachdem, wie viele Mandate die arabischen Listen erhalten, könnten sie jedoch erneut entscheidend dafür sein, ob eines der beiden großen Lager 61 Sitze erreicht oder Israel nach der Wahl wieder in eine politische Blockade gerät.
Auch die Sperrklausel könnte am Ende mehr bewirken als manche große Partei. Benny Gantz liegt mit Blau-Weiß derzeit unterhalb von 3,25 Prozent. Ähnlich gefährdet sind mehrere neue Parteien im politischen Zentrum und auf der rechten Seite. Scheitern mehrere von ihnen, können hunderttausende Stimmen bei der Sitzverteilung unberücksichtigt bleiben. Schafft dagegen eine Partei wie Winters Amcha Yisrael den Einzug, kann sie vier oder fünf Mandate erhalten und plötzlich zum entscheidenden Partner einer künftigen Regierung werden.
Damit ist zwei Monate vor der Wahl nur eines wirklich sicher: Israel steht nicht vor einem einfachen Duell zwischen Benjamin Netanjahu und Gadi Eisenkot. Es geht um mehrere miteinander verbundene Kämpfe. Netanjahu muss verhindern, dass sein bisheriger Block seine Mehrheit endgültig verliert. Eisenkot muss beweisen, dass gute Umfragewerte auch in 61 Mandate für eine Regierung übersetzt werden können. Bennett kämpft darum, für rechtsgerichtete Wähler eine Alternative zum Likud zu sein. Liberman will die Wehrpflichtfrage erzwingen. Die ultraorthodoxen Parteien verteidigen ihr gesellschaftliches Modell, während neue rechte Listen versuchen, enttäuschte Wähler an sich zu binden.
Am 27. Oktober werden die Israelis ihre Stimmen abgegeben haben. Wer anschließend das Land führt, könnte trotzdem erst Wochen später feststehen. Denn möglicherweise entscheidet diese Wahl nicht allein derjenige, der die meisten Mandate erhält, sondern derjenige, der nach dem Wahltag genügend politische Gegner zu Partnern machen kann.
Autor: Redaktion
Montag, 31 August 2026