Nach Fidans eigenem Maßstab ist Erdogan selbst ein Feind der Menschheit

Nach Fidans eigenem Maßstab ist Erdogan selbst ein Feind der Menschheit


Hakan Fidan erklärt Netanyahu zum Feind der Menschheit. Doch Ankara hofiert Hamas-Führer und gibt einer Terrororganisation politische Legitimität. Wer diesen Maßstab setzt, muss ihn auch gegen die eigene Regierung gelten lassen.

Nach Fidans eigenem Maßstab ist Erdogan selbst ein Feind der Menschheit
Bildnachweis: U.S. Department of State / Quelle

Der türkische Außenminister Hakan Fidan hat Benjamin Netanyahu zum „Feind der Menschheit“, der internationalen Gemeinschaft und der Sicherheit erklärt und verlangt, das internationale System müsse gegen die angebliche „Netanyahu-Bedrohung“ kämpfen. Die Worte fielen am Montag in Istanbul nach dem ersten Treffen des strategischen Ausschusses des neuen Verteidigungsbündnisses zwischen der Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan. Ankara will dieses Bündnis ausdrücklich erweitern und eine neue regionale Sicherheitsordnung mitgestalten. Damit gewinnt Fidans Sprache zusätzliches Gewicht. Hier redet kein Demonstrant und kein Kommentator. Hier spricht der Außenminister eines NATO-Staates, der militärischen Einfluss ausbaut und gleichzeitig den Regierungschef Israels zum Feind der gesamten Menschheit erklärt.

Dann sollte Ankara allerdings bereit sein, den eigenen Maßstab gegen sich selbst gelten zu lassen. Und nach diesem Maßstab fällt das Urteil für Recep Tayyip Erdogan vernichtend aus. Ein Präsident, der die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen trotz ihrer Massaker, ihrer Geiselnahmen und ihres erklärten Kampfes gegen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen nicht als Terrororganisation anerkennen will, sondern sie ausdrücklich als „Widerstandsgruppe“ bezeichnet, kann sich schwerlich zum moralischen Richter über Israel erheben. Wer eine Terrororganisation verharmlost, ihre Führung politisch aufwertet und ihren Terror sprachlich in Widerstand verwandelt, steht nicht glaubwürdig auf der Seite der Menschlichkeit.

Nach Fidans eigenem Maßstab ist deshalb Erdogan selbst ein Feind der Menschheit.

Das ist ausdrücklich kein Gerichtsurteil und keine strafrechtliche Feststellung. Es ist die Anwendung jener politischen Kategorie, die Fidan selbst in die internationale Debatte eingeführt hat. Wenn Ankara meint, einen demokratisch gewählten israelischen Regierungschef mit einem solchen Begriff belegen zu dürfen, muss sich die türkische Führung gefallen lassen, dass ihre eigene Politik mit genau demselben Maßstab betrachtet wird.

Ankara hofiert die Führung einer Terrororganisation

Bei der Hamas geht es nicht um eine beliebige palästinensische Partei. Die Hamas ist eine Terrororganisation. Sie steht auf der Terrorliste der Europäischen Union. Der Rat der Europäischen Union hat seine Maßnahmen gegen die Organisation im Mai 2026 sogar ausgeweitet und zehn Mitglieder ihres Politbüros mit Sanktionen belegt. Die Begründung ist bemerkenswert eindeutig: Mitglieder des Politbüros spielen eine wesentliche Rolle bei Entscheidungen der Hamas, üben erheblichen Einfluss auf deren bewaffneten Flügel aus und tragen deshalb Gesamtverantwortung für dessen Gewalttaten. Die EU spricht ausdrücklich von einer Terrororganisation und von Personen, die Gewalttaten fördern, verteidigen und rechtfertigen.

Ankara tut das Gegenteil. Erdogan erklärte bereits öffentlich, er habe Hamas niemals als Terrororganisation bezeichnet und betrachte sie auch nicht als solche. Für ihn sei Hamas eine Widerstandsgruppe. Diese Haltung ist kein alter Satz, den die türkische Regierung inzwischen korrigiert hätte. Ihre Politik folgt ihm bis heute.

Am 29. Juli empfing Hakan Fidan in Ankara Khalil al-Hayya, den neuen Vorsitzenden des Hamas-Politbüros. Fidan begnügte sich nicht mit einem nüchternen Kontakt, wie er bei Vermittlungen mit einem Gegner notwendig sein kann. Nach Angaben der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu gratulierte er al-Hayya zu seinem neuen Amt und wünschte ihm Erfolg. Noch bemerkenswerter: Fidan würdigte die Rolle der Hamas im GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen-Prozess.

Damit geschieht etwas, das nicht mit dem Wort „Diplomatie“ verschleiert werden sollte. Der Außenminister eines NATO-Mitglieds gratuliert dem Vorsitzenden des Politbüros einer Terrororganisation zu seiner Beförderung. Während die Europäische Union genau diese Führungsebene wegen ihrer Verantwortung für Hamas-Gewalttaten sanktioniert, verleiht Ankara ihr politische Anerkennung.

Das hat Konsequenzen. Politische Legitimität ist eine Form von Macht. Terrororganisationen brauchen nicht nur Waffen und Geld. Sie brauchen Unterstützer, diplomatische Kontakte, öffentliche Bühnen und Regierungen, die ihre Führung nicht als Terroristen behandeln. Wer ihnen diese Legitimität verschafft, stärkt ihre Fähigkeit, sich nach außen als politische Bewegung statt als Terrororganisation darzustellen.

Deshalb reicht die übliche türkische Ausrede nicht mehr, Ankara unterstütze lediglich die palästinensische Sache. PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen sind nicht Hamas. Wer Palästinenser unterstützen will, muss keinen Hamas-Führer beglückwünschen. Humanitäre Hilfe für Gaza verlangt keine politische Aufwertung einer Organisation, deren Terroristen am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen israelische Familien ermordeten und Menschen als Geiseln verschleppten. Friedensvermittlung verlangt keine Verharmlosung von Terroristen als Widerstandskämpfer.

An diesem Punkt wird auch die Frage nach Verantwortung unvermeidlich. Es wäre ohne einen konkreten Tatnachweis falsch, Erdogan oder Fidan strafrechtlich zu Mittätern einzelner Hamas-Verbrechen zu erklären. Politische und moralische Verantwortung ist jedoch etwas anderes. Wer eine Terrororganisation politisch legitimiert, ihre Führung hofiert und ihre Einstufung als Terrororganisation zurückweist, trägt Verantwortung dafür, dass diese Organisation international Anschluss, Ansehen und politischen Raum behält. Und wer Terroristen diesen Raum verschafft, muss sich auch fragen lassen, welche Verantwortung er gegenüber deren Opfern trägt.

Israels Sicherheitsbehörden warnen zudem seit Jahren vor Hamas-Strukturen mit Verbindung in die Türkei. Der Shin Bet gab im November 2025 bekannt, ein Netzwerk aufgedeckt zu haben, das Waffen und Geld nach Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen schleusen sollte. Nach Darstellung des israelischen Inlandsgeheimdienstes wurde die Struktur von einem israelischen Staatsbürger gesteuert, der in der Türkei lebte und im Auftrag der Hamas gehandelt haben soll. Im Mai 2026 berichtete KAN darüber hinaus, Hamas-Mitglieder würden auf türkischem Boden Schusswaffentraining absolvieren, taktische Fähigkeiten trainieren und Kenntnisse über Drohnen erwerben. Ankara wies entsprechende Darstellungen zurück. Gerade deshalb muss zwischen gesicherten Kontakten, israelischen Ermittlungsergebnissen und bestrittenen Vorwürfen unterschieden werden. Wegreden lässt sich das Gesamtbild dennoch nicht.

haOlam hat diese Entwicklung wiederholt dokumentiert: die politische Aufwertung der Hamas, Berichte über Ausbildungsmöglichkeiten in der Türkei, Erdogans immer schärfere Sprache gegen Israel und den wachsenden türkischen Machtanspruch in Syrien und im östlichen Mittelmeer. Es sind keine voneinander getrennten Episoden mehr. Sie ergeben eine politische Richtung.

Der selbst ernannte Richter hat ein Problem mit dem eigenen Spiegelbild

Besonders grotesk wird Fidans Angriff, wenn Ankara gleichzeitig mit größter Selbstverständlichkeit Gerichtsurteile gegen Israel vorwegnimmt. Fidan behauptet, Netanyahu habe Völkermord begangen. Ein rechtskräftiges internationales Urteil, das Netanyahu wegen Völkermordes verurteilt hätte, gibt es jedoch nicht. Der Internationale Strafgerichtshof wirft Netanyahu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Völkermord gehört nicht zu den dort aufgeführten Anschuldigungen. Vor dem Internationalen Gerichtshof läuft das von Südafrika angestrengte Verfahren gegen Israel weiterhin. Ein abschließendes Urteil über den Völkermordvorwurf ist nicht ergangen.

Ankara macht aus einem Vorwurf trotzdem ein fertiges Urteil.

Gleichzeitig verlangt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte von der Türkei, Osman Kavala unverzüglich freizulassen. Erst am 25. August stellte die Große Kammer erneut mehrere Verletzungen der Europäischen Menschenrechtskonvention fest. Kavalas Verurteilung müsse nach dem Recht der Konvention als nichtig behandelt und ihre Folgen beseitigt werden. Ausgerechnet eine Regierung, die gegenüber einem der wichtigsten europäischen Menschenrechtsgerichte seit Jahren wegen dieses Falles unter Druck steht, spricht gegenüber Israel mit dem Ton eines obersten Weltgerichts.

Das Muster reicht weiter. Erdogan verwendet den Völkermordbegriff gegen Israel mit größtmöglicher Wucht, während die Türkei die Massentötungen, Deportationen und Todesmärsche gegen die Armenier im Osmanischen Reich weiterhin nicht als Völkermord anerkennt. Ankara verlangt historische und moralische Selbstprüfung von Israel und verweigert sie dort, wo sie die eigene Staatsgeschichte berührt. Das ist keine universelle Moral. Es ist politische Moral nach Bedarf.

Und nun kommt noch militärische Macht hinzu. Am 7. August unterzeichneten Erdogan, Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman und Pakistans Ministerpräsident Shehbaz Sharif in Mekka ein gemeinsames Verteidigungsabkommen. Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Staaten soll als Angriff auf alle gelten. Fidan vergleicht den Mechanismus selbst mit Artikel 5 der NATO. Am 31. August tagten Außenminister, Verteidigungsminister und Generalstabschefs erstmals im neuen strategischen Ausschuss. Das Bündnis soll wachsen.

Man muss nicht behaupten, dieses Bündnis sei gegen Israel gegründet worden. Ankara, Riad und Islamabad bestreiten das ausdrücklich, und dafür gibt es derzeit keinen gegenteiligen Beweis. Aber Israel wäre fahrlässig, die politische Umgebung auszublenden. Derselbe türkische Außenminister, der die Erweiterung einer neuen Verteidigungsallianz vorantreibt, erklärt Israels Regierungschef gleichzeitig zum Feind der Menschheit und fordert die Welt zum Kampf gegen dessen angebliche Bedrohung auf.

Hinzu kommt Syrien. Die Türkei baut dort ihren militärischen und politischen Einfluss aus. Israel machte im August deutlich, dass eine dauerhafte türkische Stationierung auf dem Militärflugplatz Abu al-Duhur eine rote Linie darstellen würde. Nach israelischer Darstellung richteten sich die Angriffe auf den Flugplatz gegen Vorbereitungen für eine türkische Präsenz. Ankara bestritt eine unmittelbar bevorstehende Stationierung. Wenige Tage später ging Israel davon aus, dass die türkischen Pläne dort vorerst gestoppt seien. Zugleich laufen Gesprächskanäle, um eine direkte militärische Konfrontation zwischen zwei der stärksten Armeen der Region zu vermeiden.

Auch im östlichen Mittelmeer werden die Interessen immer gegensätzlicher. Ankara verfolgt unter der Doktrin der „Blauen Heimat“ weitreichende maritime Ansprüche, gerät damit mit Griechenland und Zypern aneinander und beobachtet die immer engere israelische Zusammenarbeit mit beiden Staaten mit Misstrauen. Israel wiederum kann Energieanlagen, Seewege, Stromverbindungen und militärische Bewegungsfreiheit nicht davon abhängig machen, ob Erdogan sie mit seinen regionalen Vorstellungen vereinbaren kann.

Das ist die Türkei, aus der Hakan Fidan nun moralische Urteile über Israel verteilt: ein Staat, dessen Präsident Hamas nicht als Terrororganisation anerkennen will, dessen Außenminister dem neuen Hamas-Chef gratuliert, auf dessen Boden israelische Sicherheitsbehörden Hamas-Netzwerke verorten, dessen Regierung Urteile des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs herausfordert und dessen militärischer Machtanspruch immer näher an israelische Sicherheitsinteressen heranrückt.

Und dieser Außenminister erklärt Netanyahu zum Feind der Menschheit.

Dann soll er den Spiegel aushalten.

Wer Terroristen zu Widerstandskämpfern erklärt, wer ihrer Führung politische Würde verschafft und anschließend den Staat verurteilt, der sich gegen diese Terrororganisation verteidigt, besitzt kein Monopol auf moralische Begriffe. Fidan wollte Netanyahu mit der Bezeichnung „Feind der Menschheit“ außerhalb der legitimen internationalen Ordnung stellen. Seine Worte treffen jedoch die Glaubwürdigkeit seiner eigenen Regierung.

Nach Fidans eigenem Maßstab sitzt der Feind der Menschheit nicht zwangsläufig in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen. Er könnte ebenso gut im Präsidentenpalast von Ankara sitzen.




Autor: Redaktion
Dienstag, 01 September 2026

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