Vier Tage nach dem Massaker: Israels Führung stoppte den frühen Schlag gegen die HisbollahVier Tage nach dem Massaker: Israels Führung stoppte den frühen Schlag gegen die Hisbollah
Neue Einblicke zeigen, wie knapp Israel am 11. Oktober 2023 vor einem Großangriff auf die Hisbollah stand. Der Streit darüber wirkt bis heute nach.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Vier Tage nach dem Massaker der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen stand IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen offenbar vor einer Entscheidung, die den weiteren Verlauf des Krieges grundlegend hätte verändern können. Während im Süden noch um israelische Ortschaften gekämpft wurde, die Dimension des Massenmordes sichtbar wurde und hunderte Menschen als Geiseln im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen festgehalten wurden, drängten führende Vertreter des israelischen Sicherheitsapparates auf einen gewaltigen Schlag gegen die HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen im Libanon. Verteidigungsminister Yoav Gallant sah die vom Iran hochgerüstete Terrororganisation im Norden als die langfristig größere Gefahr. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu entschied anders. Israel sollte zunächst die Hamas bekämpfen und nicht wenige Tage nach dem schwersten Angriff seiner Geschichte gleichzeitig einen umfassenden Krieg gegen die Hisbollah beginnen.
Neue Einblicke in diese dramatischen Tage liefert das Buch „In the War Room: The Inside Story of Israel’s Fight Against Hamas and the Iranian Axis“ der Journalisten Yonah Jeremy Bob und Elliot Kaufman, das am 8. September 2026 erscheinen soll. Eine vorab veröffentlichte Besprechung der „JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post“ schildert die heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der israelischen Führung. Grundlage des Buches sind nach Angaben der Autoren Gespräche und Hintergrundgespräche über einen Zeitraum von zwei Jahren mit israelischen Regierungsmitgliedern, ranghohen Militärs und Geheimdienstvertretern sowie früheren und amtierenden amerikanischen Entscheidungsträgern. Damit erhält eine Debatte neue Nahrung, die Gallant, Netanyahu und Mossad-Chef David Barnea bereits öffentlich geführt haben.
Gallant wollte die Initiative sofort zurückgewinnen
Gallants Überlegung war nachvollziehbar und aus israelischer Sicht von erschreckender Konsequenz. Bereits am 8. Oktober 2023 hatte die Hisbollah begonnen, Israel aus dem Libanon anzugreifen. Während Hamas im Süden gerade gezeigt hatte, was geschieht, wenn eine Terrororganisation jahrelang aufrüsten und einen Überraschungsangriff vorbereiten kann, verfügte die Hisbollah im Norden über ein ungleich größeres Raketenarsenal, ausgebildete Kämpfer und die vom Iran aufgebaute Radwan-Einheit. Gallant befürchtete offenbar, dass Israel nach dem Angriff der Hamas auch im Norden mit einer wesentlich stärkeren Offensive konfrontiert werden könnte.
Nach seiner später öffentlich vorgetragenen Darstellung bestand am 11. Oktober ein außergewöhnliches Zeitfenster. Hochrangige Hisbollah-Funktionäre sollten zusammenkommen. Israel habe über die Möglichkeit verfügt, Teile der Führung der Terrororganisation und iranische Vertreter anzugreifen und anschließend massiv gegen das Raketenarsenal der Hisbollah vorzugehen. Gleichzeitig hätte nach Gallants Darstellung die verdeckt vorbereitete Operation mit manipulierten Kommunikationsgeräten eingesetzt werden können. Er bezeichnete die Entscheidung, diesen Weg nicht zu gehen, später als eine der größten verpassten sicherheitspolitischen Chancen in der Geschichte Israels.
Gerade an diesem Punkt unterscheiden sich die Darstellungen erheblich. Gallant erklärte, die Operation mit den präparierten Pagern sei bereits am 11. Oktober einsatzbereit gewesen. Noch weiter gingen seine Aussagen über manipulierte Funkgeräte: Bei einem israelischen Einmarsch hätten nach seiner Einschätzung tausende Hisbollah-Kämpfer ihre mit solchen Geräten ausgestatteten Westen angelegt. Er sprach später sogar von einer Größenordnung von rund 15.000 Terroristen, die dadurch hätten getroffen werden können.
Netanyahu widersprach dieser Darstellung entschieden. Nach seiner Version befanden sich damals erst vergleichsweise wenige präparierte Pager bei der Hisbollah. Vor allem aber hielt er einen umfassenden Krieg an zwei Fronten unmittelbar nach dem 7. Oktober für ein kaum verantwortbares Risiko. Israel war zu diesem Zeitpunkt gerade von einem katastrophalen Versagen seiner Sicherheitsarchitektur getroffen worden. ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen wurden mobilisiert, der Süden musste gesichert, die Hamas zurückgedrängt und ein Bodenkrieg im Gazastreifen vorbereitet werden. Gleichzeitig bestand die Gefahr, dass ein Angriff auf die Hisbollah den gesamten iranischen Machtblock in den Krieg ziehen könnte.
Mossad-Chef David Barnea stützte später wesentliche Teile dieser Argumentation. Er erklärte im Februar 2025, beim tatsächlichen Einsatz im September 2024 hätten sich etwa zehnmal so viele präparierte Pager in den Händen der Hisbollah befunden wie zu Beginn des Krieges; auch bei den Funkgeräten sei die Zahl deutlich größer gewesen. Barnea sprach von rund 500 Pagern, die bereits vor dem 7. Oktober 2023 in den Libanon gelangt seien. Das widerspricht Gallants Behauptung, damals seien bereits tausende Pager verfügbar gewesen. Gerade deshalb darf die rückblickende Diskussion nicht so dargestellt werden, als sei heute zweifelsfrei bewiesen, dass Israel im Oktober 2023 nur einen Knopf hätte drücken müssen, um die Hisbollah praktisch auszuschalten.
Ein Jahr später zeigte Israel, was vorbereitet worden war
Fest steht dagegen, was schließlich im September 2024 geschah. Am 17. September explodierten gleichzeitig tausende von der Hisbollah genutzte Pager im Libanon und in Syrien. Am folgenden Tag traf eine zweite Welle manipulierte Kommunikationsgeräte. Die israelischen Streitkräfte haben später bestätigt, dass hinter der Operation eine über Jahre vorbereitete Geheimdienstleistung stand. Nach Darstellung der IDF hatten entsprechende Vorbereitungen bereits 2017 begonnen. Die Operation traf nicht einfach irgendeine technische Infrastruktur, sondern ein Kommunikationssystem, auf das die Terrororganisation vertraute.
Damit begann eine Phase, in der Israel die militärische Lage im Norden grundlegend veränderte. Die Luftwaffe griff innerhalb weniger Tage zahlreiche Kommandoeinrichtungen, WaffenlagerTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen, RaketenstellungenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen und andere Einrichtungen der Hisbollah an. Am 27. September 2024 wurde Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah bei einem israelischen Angriff auf das unterirdische Hauptquartier der Terrororganisation in Beirut getötet. Weitere ranghohe Terroristen fielen ebenfalls. Eine Organisation, die jahrelang den Norden Israels mit einem gewaltigen Arsenal bedroht und sich als iranische Abschreckungswaffe gegen den jüdischen Staat verstanden hatte, verlor innerhalb kurzer Zeit große Teile ihrer Führung und ihrer militärischen Fähigkeiten.
Netanyahu verwies später selbst darauf, dass seine Entscheidung zu Beginn des Krieges darin bestanden habe, zunächst Gaza in den Mittelpunkt zu stellen und keinen großen Krieg im Libanon zu eröffnen. Erst als die Voraussetzungen aus seiner Sicht gegeben waren, verlagerte Israel den Schwerpunkt nach Norden. Die tatsächlichen Ergebnisse dieser Strategie lassen sich nicht ausblenden: Die Hisbollah wurde schwer getroffen, Nasrallah ausgeschaltet und wesentliche Teile ihrer militärischen Infrastruktur zerstört oder geschwächt.
Genau deshalb ist der Streit über den 11. Oktober 2023 so bedeutend. Er handelt nicht von einer einfachen Entscheidung zwischen Mut und Zögern. Er zeigt eine israelische Führung, die nur wenige Tage nach einem beispiellosen Massaker entscheiden musste, ob sie sofort einen zweiten großen Krieg beginnt oder ihre Kräfte zunächst gegen die Hamas konzentriert. Gallants Argument besitzt Gewicht: Wer eine Gelegenheit zur Vernichtung eines unmittelbar drohenden Feindes verstreichen lässt, weiß nicht, ob sie wiederkommt. Netanyahus Gegenargument besitzt jedoch ebenfalls Gewicht: Ein Staat, dessen Süden gerade überfallen worden ist und dessen Streitkräfte sich neu ordnen müssen, kann an einem zweiten Kriegsschauplatz eine Katastrophe riskieren.
Die Rückschau macht die Entscheidung leichter, als sie damals war. Im September 2024 wissen wir, dass Israel die Hisbollah mit einer Verbindung aus Geheimdienstarbeit, technischer Überlegenheit und massiver militärischer Gewalt schwer treffen konnte. Am 11. Oktober 2023 wusste niemand, wie ein sofortiger Krieg im Libanon verlaufen würde, wie Iran reagieren würde und ob die verdeckten Fähigkeiten tatsächlich den von Gallant erwarteten Erfolg gebracht hätten.
Das neue Buch ist deshalb mehr als eine weitere Sammlung spektakulärer Einzelheiten aus den vergangenen drei Jahren. Es führt zurück in die Stunden, in denen Israel nach dem 7. Oktober nicht nur um sein unmittelbares Überleben kämpfte, sondern gleichzeitig Entscheidungen über eine gesamte iranische Terrorachse treffen musste. Hinter den später sichtbar gewordenen Erfolgen standen erbitterte Auseinandersetzungen, Unsicherheit und Entscheidungen, deren Folgen Millionen Menschen betrafen.
Eines gerät dabei leicht aus dem Blick: Israel hatte sich diese Mehrfrontenlage nicht ausgesucht. Hamas eröffnete den Krieg mit dem Massaker vom 7. Oktober. Die Hisbollah begann bereits einen Tag später aus Solidarität mit Hamas mit Angriffen auf Israel. Iran hatte beide Organisationen über Jahre unterstützt und bewaffnet. Israels Führung musste deshalb nicht zwischen Krieg und Frieden wählen. Sie musste entscheiden, welchen Feind sie wann und mit welchen Mitteln bekämpfen konnte. Der Streit darüber wird bleiben. Die Verantwortung dafür, dass Israel überhaupt vor dieser Entscheidung stand, liegt jedoch bei jenen, die glaubten, den jüdischen Staat gleichzeitig von mehreren Seiten angreifen zu können.
Autor: Redaktion
Donnerstag, 03 September 2026