Sinwars „Erdbeben“-Warnung: Ex-PA-Minister enthüllt sich als geheimer Vermittler vor dem 7. OktoberSinwars „Erdbeben“-Warnung: Ex-PA-Minister enthüllt sich als geheimer Vermittler vor dem 7. Oktober
Sufian Abu Zaida bestätigt, dass er der bislang anonymisierte Vermittler „Coal Eyes“ war, dem Yahya Sinwar Wochen vor dem Hamas-Massaker eine „gewaltige Überraschung“ ankündigte. Damit erhält ein zentraler Teil der bisherigen Recherche erstmals einen Namen. Die umstrittene Behauptung einer persönlichen Warnung an Netanyahu ist damit jedoch noch nicht bewiesen.

Bildnachweis: Symbolbild / Ki
Eine der bislang anonymen Schlüsselfiguren in der Debatte über die Warnungen vor dem 7. Oktober ist öffentlich geworden.
Sufian Abu Zaida, früherer FatahFatah: Von Arafats Kampfbewegung zur erstarrten Machtpartei der PalästinenserFatah ist eine säkular-nationalistische palästinensische Bewegung, die Ende der 1950er Jahre um Jassir Arafat entstand. Sie wurde zur dominierenden Kraft in der PLO und prägt bis heute die Palästinensische Autonomiebehörde.Mehr lesen-Funktionär und ehemaliger Minister der Palästinensischen Autonomiebehörde, erklärte in einem am Donnerstag veröffentlichten Facebook-Video, er sei der Mann gewesen, der in der bisherigen Berichterstattung unter dem Decknamen „Coal Eyes“ auftauchte. Genau über diesen Kanal soll HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Chef Yahya Sinwar wenige Wochen vor dem Massaker eine ungewöhnlich deutliche Warnung übermittelt haben.
Nach Abu Zaidas Darstellung traf er Sinwar im September 2023 persönlich. Sinwar habe verlangt, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen auszurichten, er bereite eine „gewaltige Überraschung“ vor, sollte es bei laufenden Verhandlungen keine Fortschritte geben. Besonders auffällig war das von Sinwar verwendete arabische Wort „Zilzal“, Erdbeben. Bei einem weiteren Treffen Mitte September soll Sinwar noch deutlicher geworden sein und von einer außergewöhnlichen, erschreckenden Operation gesprochen haben.
Abu Zaida kündigte an, in den kommenden Tagen weitere Einzelheiten über die Botschaft Sinwars und die damaligen Kontakte zwischen Israel und Hamas bekanntzugeben.
Aus einer anonymen Quelle wird ein konkreter Zeuge
Die Bedeutung seiner Erklärung liegt vor allem darin, dass ein wichtiger Teil der bisherigen Recherche nun nicht mehr ausschließlich auf anonymen Quellen beruht.
Haaretz hatte Anfang September berichtet, „Coal Eyes“ sei ein Fatah-Vertreter gewesen, der sowohl Kontakte zur Hamas als auch Verbindungen zu israelischen Sicherheitskreisen besaß. Über ihn habe Sinwar seine Warnungen weitergegeben. Abu Zaida bestätigt nun selbst, dass er diese Person war.
Damit wird jedoch nicht automatisch jede weitere Behauptung der ursprünglichen Recherche bestätigt.
Insbesondere bleibt umstritten, ob der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, Ministerpräsident Benjamin Netanyahu Ende September 2023 persönlich vor einem bevorstehenden großen Hamas-Angriff warnte.
Haaretz berichtete, Abu Zaida habe nach seinem Gespräch mit Sinwar einen palästinensischen Vertrauten eingeschaltet, der als Berater bin Zayeds tätig gewesen sei. Nach einem zweiten Treffen mit Sinwar seien beide zu der Einschätzung gelangt, dass es nicht um eine gewöhnliche Drohung, sondern möglicherweise um einen Krieg gehe. Bin Zayed soll daraufhin Netanyahu persönlich gewarnt haben.
Netanyahus Büro weist genau diesen Teil entschieden zurück. Es erklärte, es habe in dem fraglichen Zeitraum kein entsprechendes Gespräch mit bin Zayed gegeben und Netanyahu habe von den Emiraten keine solche Warnung erhalten. Netanyahu kündigte deshalb rechtliche Schritte gegen Haaretz und den Autor der Recherche an. Haaretz hält an seiner Darstellung fest.
Auch Abu Dhabi bestätigte die behauptete persönliche Warnung bislang nicht. Das Außenministerium der Emirate erklärte lediglich, relevante Geheimdienstinformationen würden zwischen den zuständigen Stellen beider Länder ausgetauscht. Eine ausdrückliche Bestätigung oder Zurückweisung des behaupteten Gesprächs gab es nicht.
Genau diese Trennung ist entscheidend.
Abu Zaidas neue Aussage bestätigt nach heutigem Stand, dass Sinwar tatsächlich über einen bekannten palästinensischen Vermittler eine ungewöhnlich konkrete Warnung verbreitete. Sie beweist für sich genommen nicht, dass bin Zayed anschließend Netanyahu persönlich anrief.
Allerdings soll die Warnung auch unabhängig davon am 15. September beim Schin Bet angekommen sein. Nach der Haaretz-Recherche folgten darauf Sicherheitsberatungen, bei denen Sinwars Äußerungen bewertet wurden. Die Gefahr wurde jedoch offenbar nicht als Vorbereitung jenes Angriffs erkannt, der drei Wochen später begann.
haOlam hatte bereits am 8. September über die damalige Recherche berichtet und bewusst zwischen bestätigten Warnzeichen und der bestrittenen persönlichen VAE-Warnung unterschieden.
Abu Zaidas öffentliche Erklärung verändert diese Lage nun in einem wichtigen Punkt: Der Mann, der Sinwar unmittelbar gehört haben soll, ist nicht mehr anonym.
Und seine Darstellung lautet, dass Sinwar wenige Wochen vor dem 7. Oktober selbst von einem kommenden „Erdbeben“ und einer außergewöhnlichen Überraschung sprach.
Wie weit diese Warnung innerhalb Israels gelangte und wer sie wie bewertete, bleibt eine der zentralen offenen Fragen des Sicherheitsversagens vor dem 7. Oktober.
Die Verantwortung für Planung und Durchführung des Massakers liegt bei Hamas und den beteiligten Terroristen.
Für Israel bleibt dennoch die andere Frage unvermeidlich:
Wie konnte eine solche Warnung vorhanden sein, ohne dass ihre Bedeutung rechtzeitig erkannt wurde?
Autor: Redaktion
Freitag, 18 September 2026