Syrien gibt Hisbollah Sicherheitszusage: Damaskus will nicht zur Entwaffnung in den Libanon einrückenSyrien gibt Hisbollah Sicherheitszusage: Damaskus will nicht zur Entwaffnung in den Libanon einrücken
Syrien und die Hisbollah haben sich heimlich in der Türkei getroffen. Damaskus versprach der Terrororganisation, nicht militärisch in den Libanon einzugreifen, um ihre Entwaffnung durchzusetzen. Bemerkenswert ist die Gegenleistung: Auf Syriens Forderung nach einem Ende von Waffenschmuggel und geheimen Hisbollah-Zellen gab es offenbar keine vergleichbar klare Zusage.

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Zwischen der neuen syrischen Regierung und der HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen hat es erstmals seit dem Sturz Bashar al-Assads direkte Gespräche gegeben. Was dabei nach übereinstimmenden Angaben mehrerer mit dem Treffen vertrauter Quellen besprochen wurde, ist für die Sicherheitslage im Libanon und an Israels Nordgrenze erheblich.
Vertreter des syrischen Geheimdienstes und des Außenministeriums trafen sich im September heimlich mit Repräsentanten der Hisbollah in der Türkei. Organisiert und vermittelt wurde die Begegnung nach Angaben von Reuters durch türkische Sicherheits- und Geheimdienststellen. Ziel war es, die Spannungen zwischen Damaskus und der libanesischen Terrororganisation zu verringern.
Der wichtigste Punkt des Treffens war eine Zusicherung Syriens: Damaskus werde keine Truppen in den Libanon schicken, um dort an einer gewaltsamen Entwaffnung der Hisbollah mitzuwirken.
Damit erhält die Terrororganisation ausgerechnet von einem Staat eine Sicherheitszusage, mit dem sie seit dem Zusammenbruch des Assad-Regimes in zunehmenden Konflikt geraten ist.
Die Gegenleistung fällt bislang wesentlich weniger eindeutig aus. Syrien verlangte von der Hisbollah, grenzüberschreitenden Schmuggel zu unterbinden und verbliebene Zellen auf syrischem Gebiet, insbesondere im Süden des Landes, aufzulösen. Nach Angaben eines syrischen Regierungsvertreters antworteten die Hisbollah-Vertreter darauf nicht direkt. Sie sollen lediglich zugesagt haben, sich nicht in innere syrische Angelegenheiten einzumischen.
Ein endgültiges Abkommen wurde nicht geschlossen.
Damaskus verlangt das Ende der Hisbollah-Zellen
Wie ernst die syrischen Vorwürfe sind, zeigte sich erst wenige Tage vor Bekanntwerden des Geheimtreffens.
Syrische Sicherheitskräfte meldeten am Dienstag die Festnahme von drei mutmaßlichen Mitgliedern einer mit der Hisbollah verbundenen Zelle in der Provinz Daraa. Nach Angaben des syrischen Innenministeriums hatte die Gruppe im Yarmouk-Becken Raketenwerfer vorbereitet. Das Gebiet liegt im Süden Syriens unweit der Trennungslinie zu IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen.
Die Hisbollah bestreitet die Vorwürfe. Sie erklärte, keinerlei Präsenz in Syrien zu besitzen und dort weder militärisch noch sicherheitspolitisch tätig zu sein.
Dieser Darstellung stehen allerdings weitere syrische Vorwürfe gegenüber. Bereits im Juli hatten die Behörden nach eigenen Angaben eine Lieferung moderner Waffen abgefangen, die über syrisches Gebiet in den Libanon zur Hisbollah gebracht werden sollte. In den vergangenen Wochen meldete Damaskus zudem zahlreiche erfolgreiche Einsätze gegen Schmuggelnetzwerke an der libanesischen Grenze.
Für die neue syrische Führung ist die Hisbollah nicht irgendeine ausländische Organisation. Während des Bürgerkriegs schickte sie tausende Kämpfer nach Syrien, um das Assad-Regime militärisch zu stützen. Nach dessen Sturz Ende 2024 änderten sich die Machtverhältnisse schlagartig. Die neue Führung unter Ahmed al-Sharaa kappte die engen Beziehungen zum Iran und machte deutlich, dass Syrien nicht erneut als Durchgangsraum für Teherans bewaffnete StellvertreterStellvertreterkrieg: Irans indirekter Krieg gegen IsraelEin Stellvertreterkrieg ist ein Konflikt, in dem ein Staat oder Akteur andere bewaffnete Gruppen unterstützt, um eigene Ziele zu verfolgen, ohne selbst vollständig offen Krieg zu führen. Im Nahen Osten nutzt Iran dieses Modell besonders gegen Israel.Mehr lesen dienen soll.
Gerade deshalb ist das Geheimtreffen bemerkenswert.
Damaskus versucht offenbar, zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen. Die Hisbollah soll aus Syrien herausgehalten und ihre Schmuggelstrukturen sollen zurückgedrängt werden. Gleichzeitig will die syrische Regierung aber vermeiden, selbst in den libanesischen Konflikt hineingezogen zu werden.
Für die Hisbollah ist diese Zusicherung wertvoll. Eine mit der Organisation vertraute libanesische Quelle brachte das gegenüber Reuters auf eine einfache Formel: Die Hisbollah wolle ihre Flanke schützen.
Genau darum geht es.
Nach dem Verlust des Assad-Regimes hat die Terrororganisation einen strategisch wichtigen Partner und einen jahrzehntelang genutzten Versorgungsraum verloren. Eine feindliche syrische Regierung an ihrer Ostgrenze wäre für sie ein zusätzliches Sicherheitsproblem. Wenn Damaskus nun verspricht, keine militärische Entwaffnung im Libanon zu unterstützen, fällt zumindest diese Gefahr vorerst weg.
Während Beirut entwaffnen will, sucht die Hisbollah neue Sicherheiten
Die Gespräche fallen in eine Phase, in der der Druck auf die Hisbollah ohnehin außergewöhnlich hoch ist.
Die libanesische Regierung hat beschlossen, dass Waffen ausschließlich in den Händen des Staates liegen sollen. Militärische und sicherheitsrelevante Aktivitäten der Hisbollah außerhalb staatlicher Strukturen wurden ausdrücklich als rechtswidrig bezeichnet. Die libanesische Armee erhielt den Auftrag, den staatlichen Waffenanspruch durchzusetzen.
Auch der amerikanisch vermittelte Rahmen zwischen Israel und Libanon baut auf diesem Prinzip auf. Ein weiterer israelischer Rückzug soll mit der Entwaffnung der Hisbollah und einer stärkeren Präsenz der libanesischen Armee verbunden werden.
haOlam hat in den vergangenen Monaten wiederholt darauf hingewiesen, warum diese Reihenfolge für Israel entscheidend ist. Die Hisbollah besitzt trotz schwerer Verluste weiterhin Waffen, Personal und militärische Infrastruktur. Israel entdeckte noch im September vorbereitete RaketenstellungenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen und zerstörte am Höhenzug Ali Taher einen kilometerlangen unterirdischen Komplex mit Waffenlagern, Kommandoeinrichtungen und Abschusskapazitäten.
Eine politische Vereinbarung ist deshalb nur so belastbar wie ihre Umsetzung.
Die syrische Zusicherung bedeutet nicht, dass Damaskus die Hisbollah unterstützt. Im Gegenteil, die Regierung geht nach eigenen Angaben gegen deren Schmuggelwege und Zellen vor. Sie zeigt aber, dass Syrien nicht bereit ist, Teil einer militärischen Entwaffnungsstrategie im Libanon zu werden.
Für Israel ist diese Unterscheidung wichtig.
Das neue Syrien kann ein Gegner iranischer Schmuggelnetze sein, ohne deshalb automatisch zu einem Verbündeten im Kampf gegen die Hisbollah zu werden. Genau vor solchen vereinfachten Erwartungen hat haOlam bereits bei der Analyse der neuen israelischen Sicherheitsdoktrin gewarnt. JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen kann Gespräche mit Damaskus führen und gemeinsame Interessen nutzen, darf daraus aber keine Sicherheitsgarantie ableiten, die Damaskus selbst nicht gegeben hat.
Hinzu kommt die Rolle der Türkei. Ankara hat die Kontakte offenbar seit rund zwei Monaten vorbereitet und das Treffen schließlich vermittelt. Damit baut Präsident Recep Tayyip Erdogan den türkischen Einfluss auf das neue Syrien weiter aus und positioniert sein Land zugleich als Vermittler zwischen Damaskus und einer vom Iran aufgebauten Terrororganisation.
Ausgerechnet Iran saß bei den Gesprächen nicht mit am Tisch.
Nach Angaben einer libanesischen Quelle wusste Teheran zwar von dem Treffen, war aber verärgert darüber, nicht unmittelbar beteiligt zu sein. Ebenso soll Iran missfallen, dass Syriens Präsident al-Sharaa direkte Beziehungen zu Teheran bislang ablehnt. Diese Verstimmung habe dazu beigetragen, dass kein abschließendes Abkommen zustande kam.
Das ist möglicherweise die zweite wichtige Entwicklung hinter dem Treffen.
Die Hisbollah verhandelt über ihre eigene Sicherheit inzwischen mit einer syrischen Führung und unter türkischer Vermittlung, während ihr jahrzehntelanger Schutzpatron Iran draußen bleibt.
Das zeigt, wie stark sich die regionale Ordnung seit dem Fall Assads verändert hat.
Es zeigt aber ebenso, dass die Hisbollah trotz aller militärischen Verluste weiterhin versucht, ihre verbliebenen Machtpositionen politisch abzusichern.
Damaskus will keine Hisbollah-Zellen in Syrien und keinen Waffenschmuggel über seine Grenzen. Die Terrororganisation will dafür Gewissheit, dass syrische Soldaten nicht eines Tages auf der anderen Seite der Grenze auftauchen, um bei ihrer Entwaffnung zu helfen.
Diese Gewissheit hat sie nun offenbar erhalten.
Autor: Redaktion
Donnerstag, 01 Oktober 2026