Netanjahu kontert Obama: „Unser Land ist kein gestohlenes Land“Netanjahu kontert Obama: „Unser Land ist kein gestohlenes Land“
Barack Obama wirft Israel vor, Palästinensern Land genommen zu haben. Benjamin Netanjahu weist die Darstellung zurück und erinnert an die jüdische Geschichte. Dahinter steht ein grundsätzlicher Streit über Israels Herkunft, Sicherheit und das Recht auf nationale Selbstbestimmung.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat die jüngsten Äußerungen des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama über die Entstehung Israels entschieden zurückgewiesen. Obama hatte während eines Auftritts in Belfast erklärt, Juden hätten zwar nach Jahrhunderten der Verfolgung verständlicherweise Zuflucht gesucht, dabei jedoch anderen Menschen Land genommen und seien zu weit gegangen. Netanjahu antwortete am Freitag mit einer englischsprachigen Videobotschaft und widersprach insbesondere der Darstellung jüdischer Geschichte als koloniales Unternehmen.
„Unser Land ist kein gestohlenes Land“, erklärte Netanjahu. Das jüdische Volk sei kein fremder Besatzer im Land seiner Vorfahren. Die jüdische Geschichte in dieser Region sei keine koloniale Unternehmung, sondern die Geschichte eines Volkes, das seit Jahrtausenden mit seiner historischen Heimat verbunden sei.
Die Auseinandersetzung begann mit einem öffentlichen Gespräch zwischen Obama und der Journalistin Susan McKay am Dienstagabend in Belfast. Dort sprach der ehemalige amerikanische Präsident über den israelisch-palästinensischen Konflikt, jüdische Verfolgung und die Frage, wie beide Bevölkerungen künftig miteinander leben könnten. Er erkannte an, dass Juden über Jahrtausende diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden und dass Europa dafür eine erhebliche historische Verantwortung trägt.
Zugleich argumentierte er, dass die Suche nach jüdischer Sicherheit mit schwerwiegenden Folgen für die palästinensische Bevölkerung verbunden gewesen sei. Aus deren Perspektive sei der Verlust von Land eine Ungerechtigkeit gewesen.
Netanjahu hält dieser Darstellung entgegen, dass Juden nicht als fremdes Volk nach IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen gekommen seien. Er verwies ausdrücklich auf JudäaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen, dessen Name die historische Verbindung zwischen dem jüdischen Volk und dem Gebiet zum Ausdruck bringt. Juden seien dort keine europäischen Kolonialherren gewesen, vergleichbar mit Niederländern in Indonesien oder Belgiern im Kongo.
Damit trifft Netanjahu einen zentralen Punkt der historischen Auseinandersetzung. Die jüdische Präsenz im Land IsraelZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen begann nicht mit der Gründung des modernen Staates im Jahr 1948. JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen, Hebron, Tiberias und andere Orte besitzen seit Jahrtausenden eine herausragende Bedeutung für jüdische Geschichte und Religion. Die jüdische NationalbewegungZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen des 19. und 20. Jahrhunderts knüpfte an diese Verbindung an.
Der moderne Staat Israel entstand allerdings innerhalb eines Gebiets, in dem auch eine große arabische Bevölkerung lebte. Seine Gründung war mit Krieg, Flucht und Vertreibung verbunden. Diese Geschichte lässt sich ebenso wenig auf eine einzige politische Formel reduzieren wie die jahrtausendealte jüdische Verbindung zum Land.
Warum Netanjahu Obamas Darstellung zurückweist
Die eigentliche Kontroverse reicht deshalb über einzelne historische Formulierungen hinaus. Es geht um die Frage, wie die Gründung Israels politisch und moralisch eingeordnet wird.
Wird der jüdische Staat vor allem als Ergebnis europäischer Verfolgung und anschließender Besiedlung eines fremden Landes beschrieben, kann die nationale Selbstbestimmung des jüdischen Volkes leicht als Fortsetzung eines europäischen Kolonialprojekts erscheinen. Genau dieser Deutung widerspricht Netanjahu.
Die zionistische Bewegung entstand nicht als Projekt einer europäischen Kolonialmacht. Sie war eine jüdische Nationalbewegung, deren Anhänger angesichts von Verfolgung, AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen und fehlender staatlicher Selbstbestimmung eine eigene nationale Heimat anstrebten. Bereits vor der israelischen Staatsgründung wurden Flächen von jüdischen Organisationen und Privatpersonen rechtmäßig erworben. Gleichzeitig führten Landkäufe, Einwanderung und politische Veränderungen zu Konflikten mit der ansässigen arabischen Bevölkerung.
Auch die internationale Entwicklung darf nicht ausgeblendet werden. Die Vereinten Nationen beschlossen 1947 einen Teilungsplan, der einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsah. Die jüdische Führung akzeptierte diesen Plan grundsätzlich. Die maßgeblichen arabischen Vertreter lehnten ihn ab. Nach der israelischen Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948 kam es zum Krieg mit benachbarten arabischen Staaten.
Im Verlauf dieses Krieges verloren Hunderttausende palästinensische AraberPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen ihre Heimat. Die Ursachen umfassten Flucht vor Kampfhandlungen, Vertreibungen und weitere kriegsbedingte Entwicklungen. Zugleich mussten in den folgenden Jahren Hunderttausende Juden arabische und muslimisch geprägte Länder verlassen oder wurden zur Auswanderung gedrängt. Viele von ihnen fanden in Israel eine neue Heimat.
Diese historischen Ereignisse schließen einander nicht aus. Sie zeigen jedoch, weshalb eine Darstellung, die den Konflikt ausschließlich als Geschichte europäischer Juden und palästinensischer Landverluste begreift, wesentliche Teile der jüdischen Geschichte und der regionalen Entwicklung unberücksichtigt lässt.
Netanjahus Antwort richtet sich insbesondere gegen die Vorstellung, jüdische Selbstbestimmung sei grundsätzlich aus der Enteignung eines anderen Volkes hervorgegangen. Seine Botschaft lautet, dass die historische Verbindung des jüdischen Volkes zum Land nicht erst durch europäische Verfolgung oder internationale Beschlüsse geschaffen worden sei.
Der israelische Ministerpräsident verband diese geschichtliche Argumentation mit der heutigen Sicherheitslage. Das entscheidende Hindernis für Frieden sei nach seiner Darstellung nicht Israel, sondern die fortgesetzte Weigerung seiner Gegner, das Recht des jüdischen Volkes auf einen eigenen Staat innerhalb irgendwelcher Grenzen anzuerkennen.
Er verwies dabei auf die Parolen „Tod Israel“ und „Tod Amerika“, die besonders aus dem iranischen Regime und seinem ideologischen Umfeld bekannt sind. Israel und die Vereinigten Staaten stünden gemeinsamen Gegnern gegenüber, argumentierte Netanjahu.
Für ihn ist die Frage nach Israels Existenz deshalb keine historische Debatte ohne praktische Folgen. Sie ist unmittelbar mit der Sicherheit der heutigen israelischen Bevölkerung verbunden.
Obamas Friedensforderung und die ungelöste Sicherheitsfrage
Obama begründete seine Kritik mit einer anderen Überlegung. Israel dürfe seine militärische und technologische Überlegenheit nicht als Grundlage dafür betrachten, dauerhaft ohne politische Zugeständnisse gegenüber den Palästinensern auszukommen.
Nach seiner Auffassung kann militärische Stärke kurzfristig Sicherheit gewährleisten, zugleich aber moralische Glaubwürdigkeit kosten, wenn sie mit einer Politik verbunden wird, die keine gerechte Zukunft für beide Bevölkerungen eröffnet.
Obama erklärte außerdem, dass Millionen Juden und Palästinenser in der Region leben und beide Bevölkerungen dort bleiben werden. Israelis müssten darüber nachdenken, wie ihre Kinder und Enkel künftig leben könnten. Von den Palästinensern verlangte er wiederum die Einsicht, dass sie Israel nicht durch größere militärische Gewalt besiegen könnten. Er verwies auf gewaltfreie Strategien als möglichen Weg politischer Veränderung.
Diese Aussagen gehören zum vollständigen Bild seiner Rede. Obama bestritt nicht die jahrtausendealte Verfolgung der Juden und forderte auch keine Vertreibung der israelischen Bevölkerung. Seine Kritik richtete sich gegen die historische Behandlung der Palästinenser und gegen eine Sicherheitspolitik, die nach seiner Auffassung zu stark auf militärische Überlegenheit setzt.
Dennoch bleibt ein grundlegendes Problem: Die Forderung nach einer politischen Lösung beantwortet noch nicht, wie Israel seine Bevölkerung vor bewaffneten Organisationen schützen soll, die den jüdischen Staat ausdrücklich nicht anerkennen.
Die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen verweigert Israel weiterhin die Anerkennung. Ihre Terroristen und weitere bewaffnete Gruppen ermordeten am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln. Das iranische Regime unterstützt seit Jahren bewaffnete Organisationen, die Israel angreifen und seine Sicherheit bedrohen.
Vor diesem Hintergrund erhält Netanjahus Warnung besonderes Gewicht. Frieden könne nach seiner Darstellung nicht auf Illusionen aufgebaut werden. Israel werde seine Existenz nicht aufs Spiel setzen, um jene zufriedenzustellen, die historische Tatsachen und sein Recht auf staatliche Selbstbestimmung nicht anerkennen wollten.
Damit stehen zwei unterschiedliche politische Ansätze gegenüber. Obama betont die langfristigen Grenzen militärischer Überlegenheit und die Notwendigkeit einer gerechten politischen Perspektive. Netanjahu hebt die jüdische Geschichte sowie die unmittelbaren Gefahren durch Gegner hervor, die Israels Existenz nicht akzeptieren.
Beide Fragen sind für eine dauerhafte Friedensordnung von Bedeutung. Eine Lösung muss die Rechte der palästinensischen Bevölkerung berücksichtigen. Sie kann zugleich nicht verlangen, dass israelische Bürger ihre Sicherheit einer ungesicherten politischen Zukunft anvertrauen.
Die aktuelle Auseinandersetzung ist deshalb mehr als eine persönliche Meinungsverschiedenheit zwischen einem amtierenden israelischen Ministerpräsidenten und einem früheren amerikanischen Präsidenten. Sie betrifft die Grundlagen, auf denen Israel international wahrgenommen wird und auf denen künftige politische Vereinbarungen beruhen sollen.
Netanjahu hat seine Position jedenfalls unmissverständlich formuliert. Das jüdische Volk sei kein fremder Eindringling in seiner historischen Heimat. Seine nationale Geschichte lasse sich nicht mit der kolonialen Herrschaft europäischer Mächte gleichsetzen.
Die historische Zugehörigkeit allein löst die politischen Konflikte der Gegenwart nicht. Aber eine Friedensordnung, die jüdische Geschichte, nationale Selbstbestimmung und Sicherheitsbedürfnisse ausblendet, wäre ebenso wenig tragfähig wie eine Lösung, die palästinensische Rechte ignoriert.
Genau darum geht es in der Kontroverse: nicht nur um die Vergangenheit, sondern um die Bedingungen, unter denen beide Bevölkerungen künftig leben können.
Autor: Redaktion
Samstag, 17 Oktober 2026