Israel nach der Wahl: Rekordbeteiligung, aber keine klare Mehrheit für Netanjahu oder EisenkotIsrael nach der Wahl: Rekordbeteiligung, aber keine klare Mehrheit für Netanjahu oder Eisenkot
77,7 Prozent der Wahlberechtigten haben abgestimmt, so viele wie seit 1999 nicht mehr. Der Likud liegt bei der laufenden Auszählung vorne, doch weder das bisherige Regierungslager noch seine politischen Gegner verfügen bislang über eine gesicherte Mehrheit.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen hat gewählt, doch die Frage nach der nächsten Regierung bleibt offen. Bei der Parlamentswahl am 27. Oktober erreichte die Wahlbeteiligung nach Angaben der israelischen Wahlbehörden 77,7 Prozent. Damit beteiligten sich so viele Bürger wie seit 1999 nicht mehr an einer Knesset-Wahl. Die ersten Nachwahlbefragungen und die am Mittwochmorgen veröffentlichten Teilergebnisse zeigen allerdings ein Parlament, in dem die Regierungsbildung schwierig werden könnte.
Ministerpräsident Benjamin Netanjahus Likud liegt bei der bisherigen Auszählung vor der Partei Jashar seines wichtigsten Herausforderers Gadi Eisenkot. Aus der Führung bei den einzelnen Parteien ergibt sich jedoch keine automatische Regierungsmehrheit.
Die erste Nachwahlbefragung des israelischen Fernsehsenders N12 sah das bisherige Regierungslager bei 50 der 120 Mandate. Die jüdisch geführten Oppositionsparteien erreichten gemeinsam 52 Sitze, während die arabischen Parteien auf 18 Mandate kamen.
In einer späteren Aktualisierung verschob N12 die Projektion: 52 Mandate für Netanjahus Lager, 49 für die Oppositionsparteien und 19 für die arabischen Listen.
Diese Zahlen beruhen auf Nachwahlbefragungen. Die tatsächlich ausgezählten Stimmen ergeben ein noch nicht abgeschlossenes Bild.
Am Mittwochmorgen führten die offiziellen Teilergebnisse den Likud mit rund 21 Prozent der bisher gezählten gültigen Stimmen, während Eisenkots Jashar bei etwa 17 Prozent lag. Die endgültige Mandatsverteilung kann sich durch die ausstehenden Stimmzettel und die Sperrklausel noch verändern.
Hohe Wahlbeteiligung verändert das politische Kräfteverhältnis
Besonders bemerkenswert ist die hohe Beteiligung an dieser Wahl.
Insgesamt waren nach Angaben der Zentralen Wahlkommission 7.331.981 israelische Staatsbürger wahlberechtigt. Gegenüber der vorherigen Parlamentswahl stieg ihre Zahl um mehr als 543.000.
Im ganzen Land standen 12.018 reguläre Wahllokale zur Verfügung. Hinzu kamen besondere Einrichtungen für Soldaten, Patienten, Gefangene und Menschen, die ihre Wohnorte wegen des Krieges verlassen mussten.
Gerade die Abstimmung unter den Soldaten erhielt besondere Aufmerksamkeit. Nach Angaben der Wahlbehörden lag ihre Beteiligung bei 79,9 Prozent und damit mehr als 6 Prozentpunkte über dem Wert der vorherigen Wahl.
Auch die arabischen Parteien konnten bei den Nachwahlbefragungen deutlich zulegen. Sie erreichten in den ersten Projektionen insgesamt 18 bis 19 Mandate.
Sollte sich diese Größenordnung bestätigen, wären sie für die künftigen parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse von erheblicher Bedeutung.
Allerdings bedeutet die gemeinsame rechnerische Mehrheit mehrerer Parteien noch nicht, dass sie auch eine Koalition bilden würden.
Netanjahu lehnt eine Regierung ab, die von arabischen Parteien abhängig wäre. Innerhalb der Opposition gibt es ebenfalls erhebliche Differenzen über die mögliche Zusammenarbeit mit ihnen.
Damit könnte eine Situation entstehen, in der sich mehrere Parteien gemeinsam gegen Netanjahu aussprechen, ohne sich auf einen anderen Ministerpräsidenten und ein gemeinsames Regierungsprogramm verständigen zu können.
Netanjahu beansprucht Führungsrolle, Eisenkot spricht von einem Wunsch nach Veränderung
Noch in der Wahlnacht meldeten sich beide wichtigsten Kontrahenten zu Wort.
Netanjahu verwies auf die Stärke des Likud und forderte die Bildung einer nationalen Regierung seines politischen Lagers.
Er verband diesen Anspruch mit seiner bisherigen Sicherheitspolitik und der Konfrontation mit Iran. Israel stehe nach seiner Darstellung vor einer historischen Gelegenheit, die iranische Bedrohung weiter zurückzudrängen.
Gleichzeitig warnte er vor einer Regierung, die auf die Unterstützung arabischer Parteien angewiesen sei.
Eisenkot deutete das Wahlergebnis dagegen als Ausdruck eines politischen Veränderungswillens. Er kündigte an, sich für eine neue Regierung einzusetzen, die nationale Verantwortung, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Beteiligung am Militärdienst in den Mittelpunkt stellen solle.
Beide Interpretationen sind politische Bewertungen der jeweiligen Parteiführer. Sie ersetzen nicht die endgültige Auszählung und klären auch nicht, welche Koalitionen tatsächlich möglich sind.
Besonders der Streit um den Militärdienst ultraorthodoxer Männer könnte die künftigen Verhandlungen bestimmen.
Die Frage hat die israelische Innenpolitik in den vergangenen Jahren erheblich belastet. Nach dem Krieg und den hohen Anforderungen an die Streitkräfte verlangen zahlreiche politische Kräfte eine gleichmäßigere Verteilung der militärischen Verpflichtungen.
Ultraorthodoxe Parteien lehnen eine umfassende Einberufung von Religionsstudenten dagegen ab.
Diese gegensätzlichen Positionen erschweren Bündnisse, die auf dem Papier eine parlamentarische Mehrheit erreichen könnten.
Hunderttausende Stimmen stehen noch aus
Die Auszählung ist besonders aufwendig, weil zahlreiche Menschen außerhalb ihres regulären Wohnortes abgestimmt haben.
Dazu gehören Soldaten, ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen, Patienten und Bürger, die wegen der Sicherheitslage vorübergehend an anderen Orten untergebracht sind.
Ihre Stimmen werden in besonderen Umschlägen gesammelt und anschließend zentral überprüft und ausgezählt.
N12 weist darauf hin, dass diese Stimmen einen ungewöhnlich großen Anteil der Gesamtzahl erreichen könnten. In einer knappen Wahl kann ihre Berücksichtigung mehrere Mandate verändern.
Hinzu kommt die israelische Sperrklausel von 3,25 Prozent.
Verfehlt eine kleinere Partei diese Grenze, werden ihre Stimmen bei der Mandatsverteilung nicht berücksichtigt. Schon geringe Verschiebungen können deshalb erhebliche Auswirkungen auf andere Parteien und die politischen Lager haben.
Die am Mittwochmorgen veröffentlichten Teilergebnisse dürfen daher nicht als endgültiges Wahlergebnis verstanden werden.
Die Wahlkommission hat bis zum 4. November Zeit, die offiziellen Ergebnisse zu veröffentlichen.
Anschließend muss Staatspräsident Jitzchak Herzog mit den Parteien beraten und einen Abgeordneten mit der Regierungsbildung beauftragen.
Dieser erhält zunächst 28 Tage, um eine Koalition auszuhandeln. Eine Verlängerung um bis zu 14 weitere Tage ist möglich.
Sollte die Regierungsbildung scheitern, sieht das israelische Recht weitere Verfahren vor, bevor gegebenenfalls Neuwahlen notwendig werden.
Bis zur Vereidigung einer neuen Regierung bleibt Netanjahu geschäftsführend im Amt.
Das starke Interesse der Bevölkerung an der Wahl steht damit einem weiterhin offenen politischen Ergebnis gegenüber.
Mehr als drei Viertel der Wahlberechtigten haben ihre Stimme abgegeben. Die Parteien müssen nun aus diesem Votum eine tragfähige parlamentarische Mehrheit entwickeln.
Der Likud liegt bei den bisher ausgezählten Stimmen vorne. Ob Netanjahu deshalb weiterregieren kann oder Eisenkot eine andere Mehrheit zusammenbringt, entscheidet sich jedoch nicht allein an der Stärke der beiden Parteien, sondern an den endgültigen Mandaten und den folgenden Koalitionsverhandlungen.
Autor: Redaktion
Mittwoch, 28 Oktober 2026