New York: Demonstranten rufen „Juden essen Kinder“ bei Al-Quds-KundgebungNew York: Demonstranten rufen „Juden essen Kinder“ bei Al-Quds-Kundgebung
Auf offener Straße werden uralte antisemitische Hetzparolen wiederholt. Was als politische Kritik beginnt, kippt sichtbar in offene Judenfeindschaft und bleibt weitgehend unbeachtet.
Was sich in New York am Rande des Al-Quds-Tages abgespielt hat, ist keine Randnotiz, sondern ein Alarmsignal. Mitten im Zentrum einer westlichen Metropole rufen Demonstranten Parolen, die direkt aus den dunkelsten Kapiteln der Geschichte stammen. „Hört auf, Babys zu essen“, schreit ein Redner, und die Menge antwortet geschlossen. Ohne Zögern. Ohne Widerspruch.
Diese Szene steht exemplarisch für eine Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet und nun offen sichtbar wird. Antizionistische Rhetorik dient zunehmend als Träger für klassische antisemitische Narrative. Was früher als absurde Verschwörung galt, wird heute wieder laut ausgesprochen und von Hunderten skandiert.
Der Vorwurf, Juden würden Kinder töten und ihr Blut verwenden, ist kein neues Motiv. Er gehört zu den ältesten antisemitischen Lügen der europäischen Geschichte. Bereits im Mittelalter führte diese Erzählung zu Pogromen, Vertreibungen und Morden. Dass genau dieses Narrativ heute wieder auf den Straßen von New York auftaucht, zeigt, wie weit die Grenze bereits verschoben ist.
Dabei fällt auf, wie selbstverständlich diese Inhalte aufgenommen werden. Es gibt keine Irritation, keine Distanz. Die Parolen werden nicht als extrem wahrgenommen, sondern als Teil eines politischen Protests. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr.
Wenn alte Hetze in neue Sprache gekleidet wird
Auf der Kundgebung werden nicht nur historische Vorwürfe wiederholt, sondern mit modernen politischen Begriffen verbunden. IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen wird als kolonialer Staat bezeichnet, als Apartheid-System, als angeblicher Täter eines Völkermordes. Diese Begriffe stammen aus akademischen und politischen Debatten, doch sie werden hier zu Schlagwörtern, die jede Differenzierung verdrängen.
Gleichzeitig erscheinen Bilder und Vergleiche, die direkt an antisemitische PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen des 20. Jahrhunderts erinnern. Juden oder „Zionisten“ werden als Parasiten beschrieben, als Krankheit, als fremder Körper, der Gesellschaften unterwandert. Diese Sprache ist nicht neu. Sie wurde bereits von den Nationalsozialisten genutzt, um Hass zu legitimieren.
Auch visuelle Darstellungen greifen bekannte Muster auf. Symbole, die Israel mit dem NationalsozialismusShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen gleichsetzen, oder Darstellungen, die an Verschwörungsmythen erinnern, tauchen erneut auf. Das alles geschieht nicht am Rand, sondern sichtbar und öffentlich.
Hinzu kommt die offene Unterstützung von Organisationen wie der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen oder der HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen. Parolen, die Gewalt gegen Israel fordern, werden ebenso gerufen wie Drohungen, die sich direkt gegen Juden richten. Historische Bezüge wie „Khaybar“ werden skandiert, ein Verweis auf ein Ereignis, das in diesem KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen als Drohung verstanden wird.
Die Verschiebung der Wahrnehmung
Besonders auffällig ist die Reaktion oder vielmehr das Ausbleiben einer Reaktion. Während vergleichbare Aussagen aus anderen politischen Lagern sofort breite Empörung auslösen würden, bleibt diese Form von HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen weitgehend unbeachtet oder wird verharmlost.
Teile der Berichterstattung sprechen von „pro-palästinensischen Argumenten“, obwohl offen antisemitische Inhalte geäußert werden. Diese sprachliche Verschiebung ist entscheidend. Sie verschleiert, was tatsächlich gesagt wird, und macht es gesellschaftlich akzeptabler.
Damit entsteht ein Raum, in dem antisemitische Inhalte nicht mehr klar benannt werden. Sie erscheinen als Teil politischer Debatten, obwohl sie in Wirklichkeit auf jahrhundertealten Feindbildern beruhen.
Antizionismus als neue Form alter Feindbilder
Die Entwicklung folgt einem klaren Muster. Während AntijudaismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen religiös begründet war und AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen später rassisch argumentierte, richtet sich der heutige Hass häufig gegen den jüdischen Staat und das jüdische Selbstverständnis als Volk.
Doch die Inhalte bleiben dieselben. Die Vorwürfe, die Sprache und die Bilder unterscheiden sich kaum von früher. Sie werden lediglich in einen neuen politischen Kontext eingebettet.
Die Folge ist eine Vermischung, die es ermöglicht, alte Hetze unter neuem Namen zu verbreiten. Wer Israel angreift, nutzt Begriffe, die scheinbar politisch sind, transportiert aber oft Inhalte, die weit darüber hinausgehen.
Die Ereignisse in New York zeigen, dass diese Entwicklung längst nicht mehr abstrakt ist. Sie ist sichtbar, hörbar und wird von einer wachsenden Zahl von Menschen mitgetragen.
Und genau das macht sie so gefährlich. Denn was einmal als Tabu galt, wird Schritt für Schritt normalisiert.
Autor: Redaktion
Freitag, 20 März 2026