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Die Abstimmung über Israel-Hilfe ist ein Weckruf: Jerusalem muss seine militärische Abhängigkeit verringern

Die Abstimmung über Israel-Hilfe ist ein Weckruf: Jerusalem muss seine militärische Abhängigkeit verringern


Der Antrag zur Streichung amerikanischer Unterstützung scheiterte deutlich. Doch 103 demokratische Ja-Stimmen und der wachsende Isolationismus am republikanischen Rand zeigen, dass Israel seine Sicherheit langfristig nicht vom politischen Klima in Washington abhängig machen darf.

Die Abstimmung über Israel-Hilfe ist ein Weckruf: Jerusalem muss seine militärische Abhängigkeit verringern
Bildnachweis: Pixabay

Der Antrag des republikanischen Abgeordneten Thomas Massie ist im US-Repräsentantenhaus mit 104 zu 314 Stimmen klar gescheitert. 103 Demokraten und Massie stimmten dafür, 98 Demokraten dagegen. Zehn demokratische Abgeordnete enthielten sich durch ein „Present“-Votum, vier nahmen nicht teil. Unter den Demokraten, die sich eindeutig mit Ja oder Nein entschieden, gab es damit erstmals eine knappe Mehrheit für die vollständige Blockade der vorgesehenen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen-Hilfen.

Das ist noch keine Abkehr der Vereinigten Staaten von Israel. Fast die gesamte republikanische Fraktion und ein großer Teil der Demokraten verhinderten den Antrag. Die Abstimmung verändert auch nicht unmittelbar die amerikanische Unterstützung für den jüdischen Staat.

Sie zeigt jedoch, dass die frühere überparteiliche Selbstverständlichkeit brüchig geworden ist.

Dan Diker, Präsident des JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Center for Security and Foreign Affairs, bezeichnete das Ergebnis deshalb als Aufforderung an Israel, „die Augen sehr weit zu öffnen“. Die Gefahr komme nicht nur vom progressiven Flügel der Demokraten. Auch der isolationistische Teil der Republikanischen Partei stelle langfristig die Frage, weshalb die Vereinigten Staaten überhaupt militärische Verpflichtungen gegenüber Verbündeten übernehmen sollten.

Die Demokraten haben eine politische Grenze überschritten

Massies Antrag war keine sorgfältig ausgearbeitete Reform der amerikanisch-israelischen Sicherheitsbeziehungen. Er hätte Mittel des Außenministerium-Haushalts für Israel blockiert und war so weit gefasst, dass nach Einschätzung führender Demokraten auch diplomatische Arbeit, Friedensprogramme und andere nichtmilitärische Ausgaben hätten betroffen sein können. Der demokratische Fraktionschef Hakeem Jeffries nannte den Antrag deshalb übermäßig pauschal und stimmte dagegen.

Gerade das macht die 103 demokratischen Stimmen besonders bemerkenswert. Viele Abgeordnete unterstützten keinen präzisen neuen Sicherheitskurs, sondern einen Antrag, dessen Schwächen offen bekannt waren. Sie wollten vor allem ein politisches Signal gegen Israel und die Regierung von Benjamin Netanjahu senden.

Nancy Pelosi brachte diese Haltung ungewöhnlich offen zum Ausdruck. Die frühere Sprecherin des Repräsentantenhauses bezeichnete den Antrag selbst als schlecht durchdacht, stimmte aber dennoch dafür, weil sie dessen Botschaft unterstützen wollte. Die amerikanische Politik müsse sich verändern, erklärte sie, und die israelische Regierung könne ihren bisherigen Kurs nicht fortsetzen.

Damit wurde die israelische Verteidigungsfähigkeit zum Mittel eines symbolischen Misstrauensvotums gegen eine amtierende Regierung.

Das ist eine gefährliche Verschiebung. Eine israelische Regierung kann abgewählt werden. Iranische Raketen, HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Arsenale, HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Terroristen und dschihadistische Netzwerke verschwinden nicht mit dem Ende einer Amtszeit Netanjahus. Wer die militärische Unterstützung streicht, trifft nicht einen Ministerpräsidenten persönlich, sondern die Fähigkeit Israels, seine Bevölkerung zu verteidigen.

Die republikanische Gefahr sieht anders aus

Die aktuelle Abstimmung beweist keinen umfassenden Wandel innerhalb der Republikanischen Partei. Das Ergebnis war dort eindeutig: Nur Massie stimmte für seinen eigenen Antrag, 215 Republikaner lehnten ihn ab. Die republikanische Unterstützung Israels ist im Kongress weiterhin wesentlich stabiler als die demokratische.

Dikers Warnung richtet sich deshalb weniger auf das heutige Stimmenverhältnis als auf eine politische Strömung, die an Einfluss gewinnen könnte. Isolationistische Republikaner lehnen Auslandshilfen und langfristige Bündnisverpflichtungen häufig grundsätzlich ab. Ihre Motive unterscheiden sich vom antiisraelischen Aktivismus der progressiven Linken. Das mögliche Ergebnis kann jedoch dasselbe sein: weniger Unterstützung für Israel.

Auf der einen Seite stehen Teile der amerikanischen Linken, die Israel zunehmend als angeblichen Unterdrückerstaat betrachten und seine militärische Stärke selbst zum Problem erklären. Auf der anderen Seite steht ein national-isolationistischer Flügel, der fragt, weshalb amerikanisches Geld oder amerikanische Waffen überhaupt an andere Staaten fließen sollen.

Diese beiden Lager teilen weder Ideologie noch Weltbild. Beim Ziel, die amerikanische Unterstützung für Israel zu reduzieren, können sie sich dennoch begegnen.

Genau diese mögliche Verbindung bezeichnete Diker als besonders besorgniserregend. Israel dürfe nicht davon ausgehen, dass die Unterstützung einer Partei dauerhaft garantiert sei.

Amerikas Bündnis bleibt unverzichtbar

Die richtige Schlussfolgerung wäre dennoch nicht, sich von den Vereinigten Staaten abzuwenden. Amerika bleibt Israels wichtigster und verlässlichster strategischer Partner. Die Zusammenarbeit umfasst weit mehr als jährliche Finanzmittel. Sie reicht von Nachrichtendiensten und Raketenabwehr über gemeinsame Forschung bis zur diplomatischen Rückendeckung.

Das geltende amerikanisch-israelische Memorandum sieht für die Haushaltsjahre 2019 bis 2028 jährlich 3,3 Milliarden Dollar an amerikanischer Militärfinanzierung vor. Über zehn Jahre umfasst die Vereinbarung zusammen mit Mitteln für Raketenabwehr insgesamt 38 Milliarden Dollar.

Diese Unterstützung ist keine einseitige Wohltätigkeit. Ein erheblicher Teil der Gelder ist an amerikanische Rüstungsgüter gebunden und fließt damit in die Industrie der Vereinigten Staaten zurück. Zugleich liefert Israel militärische Erfahrungen, Technologien und Erkenntnisse über iranische Raketen, Drohnen, Cyberangriffe und Terrororganisationen.

Auch amerikanische Abgeordnete wie Laura Gillen und Brad Sherman wiesen deshalb darauf hin, dass die Partnerschaft nicht nur israelischen, sondern auch amerikanischen Sicherheitsinteressen dient. Sherman warnte, ein Abbruch der Hilfe würde den Gegnern der Vereinigten Staaten signalisieren, dass Washington bereit sei, seine Verbündeten und damit seine eigene Sicherheit aufzugeben.

Israel braucht dieses Bündnis. Es darf daraus aber keine vollständige Abhängigkeit machen.

Der 7. Oktober hat die Verwundbarkeit offengelegt

Dikers zentrale Forderung ist deshalb eine schrittweise militärische Unabhängigkeit. Der 7. Oktober und der anschließende Krieg hätten gezeigt, dass Israel bei grundlegenden Verteidigungsfähigkeiten nicht dauerhaft von einem einzigen Lieferstaat abhängig sein dürfe.

Das bedeutet keinen abrupten Verzicht auf amerikanische Hilfe. Ein solcher Schritt wäre militärisch, wirtschaftlich und technologisch unrealistisch. Es bedeutet vielmehr, kritische Bereiche gezielt nach Israel zurückzuholen.

Dazu gehören die Produktion wichtiger Munitionsarten, Ersatzteile, Drohnen, Raketenabwehrsysteme, gepanzerter Fahrzeuge und elektronischer Komponenten. Israel muss im Ernstfall über genügend eigene Kapazitäten verfügen, um monatelang kämpfen zu können, ohne dass eine innenpolitische Debatte in Washington den Nachschub unterbricht.

Denn selbst eine Regierung, die Israel unterstützt, ist nicht unabhängig vom Kongress, von Gerichten, Behörden, öffentlichen Protesten und dem nächsten Wahlkampf. Wer seine militärische Versorgung nahezu vollständig an einen Partner bindet, überträgt diesem Partner zwangsläufig Einfluss auf die eigenen Entscheidungen.

Die Vereinigten Staaten haben Israel in entscheidenden Momenten unterstützt. Die vergangenen Jahre haben aber ebenso gezeigt, dass Waffenlieferungen verzögert, überprüft oder als politisches Druckmittel behandelt werden können.

Ein souveräner Staat darf sich bei seiner Existenzverteidigung nicht darauf verlassen müssen, dass eine fremde Regierung jeden Einsatz politisch billigt.

Israels Stärke wird selbst zum Angriffspunkt

Diker beschreibt außerdem ein tieferes Problem in Teilen der westlichen Öffentlichkeit: die Vorstellung, Schwäche verleihe automatisch moralische Überlegenheit, während militärische Stärke Verdacht erzeuge.

Israel wird nicht nur kritisiert, wenn seine Verteidigung versagt. Es wird zunehmend auch dafür angegriffen, dass sie funktioniert. Erfolgreiche Raketenabwehr, präzise Geheimdienstoperationen und militärische Überlegenheit werden in Teilen der progressiven Debatte nicht als Schutz einer bedrohten Bevölkerung betrachtet, sondern als Beleg eines angeblich ungerechten Machtverhältnisses.

Diker fasst diese Haltung mit der Formel „Stark ist falsch, schwach ist richtig“ zusammen. Das ist seine politische Bewertung, beschreibt aber ein erkennbares Muster: Je erfolgreicher Israel seine Feinde abschreckt und besiegt, desto häufiger wird seine Stärke selbst als moralisches Problem dargestellt.

Dabei kämpfen Israel und die Vereinigten Staaten gegen zahlreiche derselben Gegner. Das iranische Regime, die Hisbollah, Hamas und weitere islamistische Organisationen bekämpfen Israel nicht, weil es amerikanische Hilfe erhält. Sie bekämpfen Israel und Amerika als Teile derselben westlichen Ordnung.

Eine Schwächung Israels würde diese Feinde nicht besänftigen. Sie würde ihnen zeigen, dass politischer Druck im Westen erfolgreicher sein kann als ihre Angriffe auf dem Schlachtfeld.

Die Abstimmung ist kein Bruch, aber eine Vorwarnung

Es wäre falsch, aus dem Votum bereits das Ende des amerikanisch-israelischen Bündnisses abzuleiten. Der Antrag scheiterte mit einer breiten Mehrheit. 98 Demokraten stimmten dagegen, weitere zehn verweigerten ihm ihre Zustimmung. Führende Demokraten verteidigten die strategische Partnerschaft ausdrücklich.

Ebenso falsch wäre es, das Ergebnis als bedeutungslosen Protest abzutun.

103 demokratische Abgeordnete waren bereit, einen weitreichenden Antrag zur Blockade der Israel-Hilfen zu unterstützen. Die zweithöchste Demokratin im Repräsentantenhaus, Katherine Clark, stimmte dafür. Pelosi unterstützte ihn trotz eigener Zweifel am Text. Die demokratische Führung verzichtete darauf, die Fraktion auf eine gemeinsame Ablehnung festzulegen.

Das alte politische Fundament trägt noch. Es zeigt aber tiefe Risse.

Israel sollte darauf weder mit Panik noch mit Trotz reagieren. Es muss die Beziehungen zu Washington pflegen, amerikanische Unterstützer in beiden Parteien stärken und zugleich die eigene Rüstungsproduktion systematisch ausbauen.

Die strategische Antwort lautet nicht Trennung von Amerika, sondern Freiheit von existenzieller Abhängigkeit.

Die Vereinigten Staaten sollten Israels wichtigster Verbündeter bleiben. Sie dürfen aber nicht Israels einziger unverzichtbarer Lieferant sein.




Autor: Redaktion
Freitag, 17 Juli 2026

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