Amerikas Arsenale schrumpfen: Gefährliches Zeitfenster für China und RusslandAmerikas Arsenale schrumpfen: Gefährliches Zeitfenster für China und Russland
Der Iran Krieg hat wichtige US Bestände an Präzisionswaffen und Abfangraketen stark reduziert. Experten warnen, dass die jahrelange Wiederauffüllung Moskau und Peking zu riskanteren Schritten verleiten könnte.

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Der Krieg gegen Iran hat für die Vereinigten Staaten einen Preis, der weit über die Milliardenkosten der laufenden Militäroperationen hinausgeht. Washington hat innerhalb weniger Monate enorme Mengen jener Waffen eingesetzt, die auch für einen möglichen Krieg gegen China, für die Abschreckung Russlands und für den Schutz amerikanischer Truppen in Asien benötigt würden. Nun wächst in Washington die Sorge, dass genau daraus ein gefährliches strategisches Zeitfenster entstehen könnte.
Amerikanische Sicherheitsexperten warnen, dass Russland und China die geschrumpften Bestände in ihre eigenen Berechnungen einbeziehen werden. Dabei geht es nicht um die Behauptung, Moskau oder Peking hätten bereits beschlossen, die Vereinigten Staaten militärisch anzugreifen. Die Gefahr liegt vielmehr darin, dass ein Gegner eher bereit sein könnte, ein Risiko einzugehen, wenn er davon ausgeht, dass Washington einen weiteren großen Krieg nur eingeschränkt durchhalten könnte.
Der amerikanische Raketenabwehrexperte Tom Karako vom Center for Strategic and International Studies, CSIS, bezeichnete die Auswirkungen auf die konventionelle Abschreckung gegenüber der New York Times als außergewöhnlich schwerwiegend. Der Wiederaufbau werde Jahre benötigen. Genau dieser Zeitraum könne die Kalkulation Russlands und Chinas beeinflussen.
Dass hinter dieser Warnung mehr steckt als politische Dramatisierung, zeigen inzwischen mehrere unabhängige Analysen. CSIS kommt zu dem Ergebnis, dass der Iran Krieg die Bestände mehrerer wichtiger amerikanischer Waffentypen erheblich reduziert hat. Bei vier von sieben untersuchten Systemen könnten während der ersten großen Phase des Krieges mehr als die Hälfte der zuvor vorhandenen Bestände verbraucht worden sein. Allein die Wiederherstellung des Vorkriegsniveaus könnte je nach Waffensystem zwischen einem und vier Jahren dauern. Für Bestände, die tatsächlich für einen längeren Krieg mit China ausreichen würden, wäre noch erheblich mehr Zeit erforderlich.
Genau darin liegt das eigentliche Problem: Die Vereinigten Staaten haben den Krieg gegen Iran nicht mit gewöhnlicher Artilleriemunition geführt, die sich vergleichsweise schnell und in großen Mengen herstellen lässt. Verbraucht wurden hochkomplexe Marschflugkörper, ballistische Raketen und Abfangraketen, deren Produktion teure Komponenten, spezialisierte Fabriken und lange Lieferketten benötigt.
Iran verbraucht Waffen, die Amerika gegen China braucht
Besonders deutlich wird das beim Tomahawk. Nach Recherchen der Washington Post feuerte das US Militär bereits während der ersten vier Kriegswochen mehr als 850 dieser Marschflugkörper gegen Ziele im Iran ab. Gleichzeitig wurden mehr als 1.000 Abfangraketen verschiedener Luftverteidigungssysteme gegen iranische Gegenangriffe eingesetzt. Die tatsächlichen Bestände sind geheim. Deshalb sollte bei angeblich exakten Zahlen zu verbliebenen Raketen große Vorsicht gelten.
Genau hier muss auch die ursprüngliche Meldung eingeordnet werden. Öffentlich kursieren derzeit unterschiedliche Zahlen über Patriot und THAAD. CSIS schätzte Ende Juli, dass weniger als 1.000 Patriot Abfangraketen und ungefähr 250 THAAD Abfangraketen verfügbar seien. Andere Medienberichte nennen abweichende Werte. Da das Pentagon seine tatsächlichen Einsatzbestände nicht veröffentlicht, lässt sich keine dieser Zahlen als offiziell bestätigter Lagerbestand behandeln. Der grundsätzliche Mangel wird dadurch jedoch nicht infrage gestellt.
Washington selbst handelt längst so, als wäre das Problem ernst.
Das Verteidigungsministerium hat mit Rüstungskonzernen Vereinbarungen geschlossen, um die Herstellung wichtiger Komponenten deutlich zu erhöhen. Die Produktionskapazität für Suchköpfe des THAAD Systems soll vervierfacht werden. Bei Komponenten für die modernsten Patriot Abfangraketen soll die Kapazität verdreifacht werden. Auch die Produktion von Precision Strike Missiles und weiteren Lenkwaffen soll auf eine Art Kriegsproduktion umgestellt werden.
Solche Fabriken lassen sich allerdings nicht innerhalb weniger Wochen vervielfachen. Neue Maschinen müssen gebaut, Lieferketten erweitert, Fachkräfte ausgebildet und Produktionslinien zertifiziert werden. Selbst zusätzliches Geld löst dieses Problem deshalb nicht sofort.
Eine CSIS Analyse vom Juli bringt die strategische Konsequenz auf einen einfachen Punkt: Abschreckung funktioniert schlechter, wenn Gegner wissen, dass die Vereinigten Staaten einen langen Krieg möglicherweise nicht mit ausreichenden Waffenbeständen durchhalten können. China, Russland, Iran und Nordkorea beobachten nicht nur die Qualität amerikanischer Waffen, sondern auch die Menge und die Geschwindigkeit, mit der diese ersetzt werden können.
Für China ist das besonders wichtig.
Ein möglicher Krieg um Taiwan würde wahrscheinlich enorme Mengen weitreichender Präzisionswaffen und Abfangraketen verschlingen. Die Entfernungen im Pazifik sind gewaltig. Amerikanische Flugzeuge und Schiffe müssten chinesische RaketenstellungenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen, Luftverteidigung, Schiffe und militärische Infrastruktur aus großer Entfernung angreifen. Gerade Tomahawk, JASSM, SM 3, SM 6, Patriot und andere hochentwickelte Systeme wären dort von großer Bedeutung.
CSIS kam bereits im Mai zu dem Ergebnis, dass die Vereinigten Staaten Schwierigkeiten hätten, einen langen Krieg gegen China durchzuhalten. Besonders kritisch seien die Bestände an weitreichenden Waffen und Luftverteidigungsraketen. Für einige wichtige Systeme liegen die Produktionszeiten bei mehreren Jahren. Ein gleichzeitiger großer Konflikt in Europa und im Indopazifik wäre noch schwieriger zu bewältigen.
Der Iran Krieg hat dieses bereits bestehende Problem verschärft.
Moskau und Peking müssen Amerika nicht besiegen, Zweifel reichen
Die strategische Gefahr besteht nicht darin, dass den Vereinigten Staaten plötzlich sämtliche Raketen ausgehen und das Land militärisch wehrlos wäre. Davon kann keine Rede sein. Amerika besitzt weiterhin die mächtigsten Streitkräfte der westlichen Welt, eine strategische Atomstreitmacht, zahlreiche Verbündete sowie eine industrielle Basis, deren Produktion inzwischen massiv ausgeweitet wird.
Entscheidend ist etwas anderes.
Abschreckung lebt davon, was der Gegner glaubt.
Wenn Peking überzeugt ist, dass Washington im ersten Monat eines Taiwan Krieges einen erheblichen Teil seiner wichtigsten Langstreckenwaffen verbrauchen würde, verändert das die chinesische Risikoberechnung. Wenn Moskau glaubt, die USA müssten zwischen der Verteidigung Europas, der Unterstützung der Ukraine und der Vorbereitung auf einen Konflikt im Pazifik wählen, kann auch das die Bereitschaft erhöhen, Grenzen auszutesten.
CSIS spricht deshalb von einem Zusammenhang zwischen industrieller Kapazität und Abschreckung. Ein Staat schreckt nicht allein dadurch ab, dass er technisch überlegene Waffen besitzt. Er muss dem Gegner auch glaubhaft vermitteln können, dass er diese Waffen lange genug einsetzen und schnell genug ersetzen kann.
Für Russland zeigt sich der Vorteil bereits bei der Ukraine. Patriot Abfangraketen, die im Nahen Osten eingesetzt werden, stehen nicht gleichzeitig für die Verteidigung ukrainischer Städte zur Verfügung. Auch amerikanische Produktionskapazitäten können nicht beliebig zwischen verschiedenen Abnehmern vervielfacht werden. Jede Rakete, die heute für amerikanische Einheiten oder den Wiederaufbau eigener Lager vorgesehen ist, kann nicht gleichzeitig nach Kyjiw geliefert werden.
Ähnliches gilt für Asien. Während des Iran Krieges wurden amerikanische Schiffe, Flugzeuge und Luftverteidigungskräfte aus anderen Regionen in den Nahen Osten verlegt. Ein Teil dieser Kräfte kann später zurückkehren. Verbrauchte Raketen lassen sich jedoch nicht zurückverlegen.
Das ist der Unterschied zwischen Personal und Munition.
Ein Zerstörer kann nach Ende eines Einsatzes wieder in den Pazifik fahren. Ein abgefeuerter Tomahawk ist weg.
Die amerikanische Regierung versucht deshalb mit hohem finanziellen Aufwand gegenzusteuern. Schon der Verteidigungshaushalt für 2026 sah Milliarden für den Ausbau der Munitionsproduktion und der industriellen Lieferketten vor. Inzwischen werden zusätzliche Produktionsanlagen gebaut und langfristige Verträge abgeschlossen, um Unternehmen die Sicherheit zu geben, neue Kapazitäten aufzubauen.
Das Problem ist nicht fehlendes Wissen.
Washington weiß inzwischen sehr genau, dass es mehr Raketen braucht.
Das Problem ist die Zeit.
Und genau diese Zeit ist aus Sicht amerikanischer Strategen der gefährlichste Faktor.
Der Krieg gegen Iran kann militärisch erfolgreich sein und gleichzeitig strategische Kosten verursachen. Beides widerspricht sich nicht. Amerika hat Iran schwer getroffen und gleichzeitig Waffen verbraucht, die für andere Gegner vorgesehen waren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Vereinigten Staaten heute noch kämpfen können. Das können sie.
Die Frage lautet, wie viele große Konflikte eine Supermacht gleichzeitig abschrecken kann, wenn ihre teuersten Waffen schneller verschossen werden, als ihre Industrie sie ersetzt.
China und Russland müssen darauf keine öffentliche Antwort geben.
Es genügt, wenn ihre Militärplaner dieselben Produktionszahlen lesen wie Washington.
Autor: Redaktion
Montag, 10 August 2026