Angehörige von 9/11-Opfern an Mamdani: „Lassen Sie uns in Frieden trauern“Angehörige von 9/11-Opfern an Mamdani: „Lassen Sie uns in Frieden trauern“
Vor dem 25. Jahrestag der Terroranschläge wächst der Widerstand gegen Zohran Mamdanis Teilnahme an der Gedenkfeier am Ground Zero. Angehörige fürchten, dass aus ihrem Tag der Trauer ein politischer Konflikt wird.

Bildnachweis: יאיר הנווט /
Quelle
Wenige Orte in New York sind so eng mit persönlicher Trauer verbunden wie Ground Zero. Für Monica Iken ist das 9/11 Memorial weit mehr als eine nationale Gedenkstätte. Dort starb am 11. September 2001 ihr Ehemann Michael Patrick Iken, der im 84. Stock des Südturms des World Trade Centers arbeitete. Seine sterblichen Überreste wurden nie gefunden. Bis heute besitzt sie nach eigener Aussage weder einen Ring noch einen Ausweis oder irgendeinen anderen Gegenstand, der von ihm geborgen werden konnte.
25 Jahre nach den islamistischen Terroranschlägen von Al-Qaida fürchten Iken und andere Angehörige nun, dass die diesjährige Gedenkfeier zum Schauplatz eines politischen Konflikts wird. Im Mittelpunkt steht New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani. Eine Petition fordert, dass er der Zeremonie am Ground Zero fernbleibt. Nach Angaben der JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post hatte sie inzwischen mehr als 93.000 Unterschriften gesammelt. Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Nicht 93.000 Angehörige haben unterschrieben. Die Petition wurde von Hinterbliebenen initiiert und von Zehntausenden Menschen unterstützt. CBS hatte eine frühere Formulierung, wonach Tausende 9/11-Familien unterzeichnet hätten, ausdrücklich korrigiert.
Die Kritik richtet sich nach Aussagen der Initiatoren nicht gegen Mamdani, weil er Muslim ist. Giovanni Galante, dessen Frau Grace Catherine Galante am 11. September im Nordturm ermordet wurde, formuliert den Vorwurf anders: Entscheidend sei, wen der Bürgermeister unterstütze und welche politischen Signale er gesetzt habe. Mamdanis Teilnahme empfinde er deshalb als Missachtung der Familien.
Gerade diese Unterscheidung ist wichtig. Aus Mamdanis Religion lässt sich kein legitimer Einwand gegen seine Teilnahme ableiten. Unter den Opfern des 11. September waren selbst Muslime, und islamistischer Terrorismus darf nicht mit Muslimen insgesamt gleichgesetzt werden. Die Auseinandersetzung dreht sich vielmehr um die politischen Positionen und Kontakte des Bürgermeisters und darum, wie diese von einem Teil der Hinterbliebenen wahrgenommen werden.
Der Streit reicht weit über eine Gedenkfeier hinaus
In der Petition werden mehrere Gründe genannt. Dazu gehört Mamdanis früherer Umgang mit dem Slogan „Globalize the IntifadaGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen“. Während seines Bürgermeisterwahlkampfs 2025 hatte er es zunächst wiederholt vermieden, diese Formulierung ausdrücklich zu verurteilen. Er erklärte, er benutze sie selbst nicht, und verwies auf seinen Kampf gegen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen. Für viele jüdische New Yorker war das nicht ausreichend, weil „Intifada“ untrennbar auch mit Jahren palästinensischer Terroranschläge gegen israelische Zivilisten verbunden ist.
Die Petition verweist zudem auf Personen aus Mamdanis politischem und gesellschaftlichem Umfeld. Dazu gehört der Brooklyn-Imam Siraj Wahhaj. Mamdani hatte ihn öffentlich als einen bedeutenden muslimischen Gemeindeführer gewürdigt. Wahhaj war von Bundesstaatsanwälten einst auf einer Liste nicht angeklagter möglicher Mitverschwörer im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag auf das World Trade Center von 1993 geführt worden. Wichtig ist auch hier die juristische Trennung: Wahhaj wurde wegen dieses Anschlags nicht angeklagt oder verurteilt. Später trat er allerdings als Leumundszeuge für Omar Abdel-Rahman auf, den sogenannten „Blind Sheikh“, der 1995 wegen einer Verschwörung zu Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten verurteilt wurde.
Auch Mamdanis Vater Mahmood Mamdani wird von den Initiatoren angeführt. In seinem 2004 erschienenen Buch Good Muslim, Bad Muslim argumentierte der Politikwissenschaftler, Selbstmordattentate müssten als Erscheinung moderner politischer Gewalt verstanden und nicht lediglich als Ausdruck von Barbarei behandelt werden. Daraus eine Unterstützung von Selbstmordattentaten abzuleiten wäre allerdings zu weitgehend. Wissenschaftler, die das Werk verteidigen, weisen darauf hin, dass Mamdani das Phänomen analysiert und nicht befürwortet. Genau diese Differenzierung ist erforderlich, auch wenn Angehörige von Terroropfern den entsprechenden Wortlaut als verstörend empfinden.
Die Kritik an Zohran Mamdani darf deshalb nicht mit Behauptungen über eine persönliche Beteiligung an oder Unterstützung von 9/11 vermischt werden. Dafür gibt es keinen Beleg. Die Angehörigen argumentieren vielmehr, dass seine politischen Positionen und Kontakte für sie mit der Bedeutung dieses konkreten Gedenktages nicht vereinbar seien.
Monica Iken beschreibt Ground Zero als einen für sie geheiligten Ort. Dort verbringt sie jedes Jahr den Geburtstag ihres Mannes, sitzt an seinem Namen und erinnert sich an sein Leben. Nach dem Tod Michaels gründete sie die Organisation September's Mission und setzte sich dafür ein, Teile des früheren World-Trade-Center-Geländes dauerhaft als Gedenkstätte zu erhalten.
Ihr Einwand gegen Mamdanis Teilnahme ist deshalb ausdrücklich auf diesen einen Tag gerichtet. Sie wolle keinen politischen Kampf am Memorial. Wenn Angehörige dort wütend seien oder weinten, weil sie sich durch die Anwesenheit des Bürgermeisters provoziert fühlten, gehe der eigentliche Zweck der Gedenkfeier verloren.
Ihre Botschaft an Mamdani ist entsprechend schlicht: Lassen Sie uns unseren Frieden.
Mamdani will trotzdem kommen und auch Angehörige verteidigen ihn
Zur vollständigen Darstellung gehört jedoch, dass keineswegs alle 9/11-Familien die Forderung unterstützen. Mehrere Angehörige haben sich öffentlich dafür ausgesprochen, Mamdani teilnehmen zu lassen. Elizabeth Miller, deren Vater bei den Anschlägen ermordet wurde, argumentiert, der Bürgermeister habe den Familien versichert, er wolle die Opfer ehren. Deshalb sollte er dies ihrer Ansicht nach auch dürfen.
Auch das 9/11 Memorial & Museum weist darauf hin, dass Regierungsvertreter unterschiedlicher politischer Richtungen seit Jahren an der Zeremonie teilnehmen. Politiker halten dort keine politischen Reden und werden in einem dafür vorgesehenen Bereich platziert. Die Gedenkveranstaltung soll ausdrücklich frei von Parteipolitik bleiben.
Mamdani selbst hat angekündigt, der Forderung nach einem Fernbleiben nicht nachzukommen. Er wolle gemeinsam mit den Familien, Überlebenden und Ersthelfern der Opfer des Terroranschlags gedenken.
Damit entsteht ein Konflikt, bei dem beide Seiten sich gerade auf die Würde des Gedenkens berufen. Mamdani argumentiert, der Bürgermeister von New York müsse am 25. Jahrestag an der Seite seiner Stadt stehen. Seine Gegner unter den Angehörigen sagen dagegen, dass es an diesem Tag nicht um das Amt des Bürgermeisters gehen dürfe, sondern um die Menschen, deren Angehörige an genau diesem Ort ermordet wurden.
Inzwischen hat sich auch Bill Donohue, Präsident der Catholic League, eingeschaltet und Mamdani in einem offenen Brief aufgefordert, auf die Teilnahme zu verzichten. Sein Argument ähnelt dem der Petition: Gerade zum 25. Jahrestag sei absehbar, dass die Anwesenheit des Bürgermeisters selbst zum politischen Thema werde und damit vom Gedenken ablenke.
Das macht die Entscheidung für Mamdani schwierig. Als Bürgermeister von New York fernzubleiben, könnte ebenfalls als politisches Statement verstanden werden. Hinzugehen, obwohl ein Teil der Hinterbliebenen ausdrücklich darum bittet, es nicht zu tun, wird von diesen wiederum als Missachtung ihres persönlichen Trauerns empfunden.
Dennoch sollte bei allen politischen Bewertungen eines nicht aus dem Blick geraten: Der 11. September gehört an diesem Tag zuerst den Opfern, ihren Angehörigen, den Überlebenden und den Rettungskräften.
Monica Iken sah vor 25 Jahren im Fernsehen das Flugzeug in den Turm einschlagen, während ihr Mann dort arbeitete. Sie wartete auf einen Menschen, der nie wieder nach Hause kam. Bis heute hat sie keine sterblichen Überreste, die sie bestatten könnte. Ground Zero ist deshalb für sie zugleich Grab und Erinnerungsort.
Wenn sie nun darum bittet, dass dieser eine Tag nicht zu einem politischen Machtkampf wird, ist das keine Forderung, die leichtfertig beiseitegeschoben werden sollte.
Mamdani besitzt als New Yorker Bürgermeister selbstverständlich das Recht, der Opfer von 9/11 zu gedenken. Aber ein Amt verleiht nicht automatisch einen Anspruch darauf, dass Hinterbliebene seine Anwesenheit als Trost empfinden müssen.
Vielleicht liegt deshalb ausgerechnet in den letzten Worten Ikens der entscheidende Punkt dieses Streits. Sie verlangt keine politische Zustimmung und keine nachträgliche Abrechnung mit dem Bürgermeister.
Sie verlangt für die Familien am Ort, an dem ihre Angehörigen starben, vor allem eines:
Lassen Sie uns in Frieden trauern.
Autor: Redaktion
Samstag, 29 August 2026