25 Jahre nach 9/11: Bin Ladens Propaganda landet in einem US Schulleitfaden

25 Jahre nach 9/11: Bin Ladens Propaganda landet in einem US Schulleitfaden


Heute gedenken die USA der 2.977 Opfer des größten islamistischen Terroranschlags ihrer Geschichte. Ausgerechnet vor dem 25. Jahrestag verlinkte CAIR Unterrichtsmaterial, das Osama bin Ladens „Letter to America“ als Ressource aufführte und Israel in die Erklärung der Anschläge einbezog.

25 Jahre nach 9/11: Bin Ladens Propaganda landet in einem US Schulleitfaden
Bildnachweis: Mike Goad / Quelle

Am 11. September 2001 entführten 19 Terroristen des islamistischen Al-Qaida-Netzwerks vier Passagierflugzeuge. Zwei Maschinen schlugen in die Türme des World Trade Centers ein, eine in das Pentagon. Die Passagiere von Flug 93 kämpften gegen die Entführer, bevor die Maschine in Pennsylvania abstürzte. 2.977 Menschen wurden ermordet. Das National September 11 Memorial beschreibt Al-Qaida ausdrücklich als islamistisch-extremistische Organisation. Das FBI bestätigt, dass alle 19 Entführer von Al-Qaida ausgebildet worden waren und Osama bin Laden später seine Verantwortung für die Planung der Anschläge einräumte.

25 Jahre später ist Al-Qaida militärisch deutlich schwächer. Die Ideologie, mit der Terror gerechtfertigt und der Westen zum Feind erklärt wird, ist jedoch keineswegs verschwunden. Genau davor warnt auch die amerikanische Geheimdienstgemeinschaft in ihrer Bedrohungsanalyse für 2026. Islamistische Terrororganisationen hätten ihre PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen angepasst und versuchten zunehmend, Menschen im Westen über digitale Netzwerke zu radikalisieren. Besonders hervorgehoben werden antiwestliche und antisemitische Narrative sowie die Instrumentalisierung des Krieges zwischen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen.

Ausgerechnet Bin Ladens Text im Material für Schulen

Wie aktuell diese Auseinandersetzung ist, zeigte wenige Wochen vor dem Jahrestag der Council on American-Islamic Relations, CAIR. Die Organisation veröffentlichte im August ihren Back to School Resource Guide für muslimische Schüler, Familien und Pädagogen. Der Leitfaden war Teil einer Kampagne zu Bürgerrechten, Diskriminierung und Meinungsfreiheit und richtete sich ausdrücklich auch an Schulen.

Darin befand sich zunächst ein Link zu einem Unterrichtsangebot über den 11. September. Nach dokumentierten Kopien des inzwischen geänderten Materials wurden die Anschläge dort als Reaktion unter anderem auf die amerikanische Unterstützung Israels, den Golfkrieg und die Präsenz des US Militärs im Nahen Osten dargestellt. Unter den Materialien für ältere Schüler befand sich auch Osama bin Ladens berüchtigter „Letter to America“.

Das ist besonders brisant, weil bin Laden in diesem Text nicht lediglich amerikanische Außenpolitik kritisierte. Sein Manifest enthält antisemitische Verschwörungserzählungen und dient der nachträglichen Rechtfertigung jihadistischer Gewalt. Ein solcher Text kann selbstverständlich Gegenstand historischer Analyse sein. Entscheidend sind jedoch Einordnung, Zielgruppe und KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen.

CAIR reagierte nach der öffentlichen Kritik und entfernte die entsprechende Verknüpfung. Auf der aktuellen Seite heißt es, eine frühere Fassung sei nicht ordnungsgemäß geprüft worden. Dokumente von Tätern des 11. September seien für Schüler bis zur zwölften Klasse ungeeignet und sollten, wenn überhaupt, später und gemeinsam mit Material behandelt werden, das die Ablehnung von Al-Qaida und IS innerhalb islamischer Gelehrtentraditionen dokumentiert.

Diese Korrektur ist erheblich. Sie bestätigt zugleich, dass das problematische Material tatsächlich Bestandteil der vorherigen Fassung war.

Der Streit geht deshalb weit über einen missglückten Link hinaus. Er berührt die Frage, wie eine Generation, die den 11. September nur noch aus Geschichtsbüchern kennt, die Anschläge verstehen wird.

Die Vorgeschichte amerikanischer Politik gehört selbstverständlich zur historischen Aufarbeitung. Doch zwischen der Untersuchung der von Terroristen genannten Motive und einer Verschiebung der Verantwortung liegt ein entscheidender Unterschied. US Unterstützung für Israel steuerte keine Boeing in das World Trade Center. Amerikanische Außenpolitik entführte keine vier Flugzeuge. Täter waren 19 von Al-Qaida ausgebildete Terroristen einer islamistischen Organisation.

Gerade Israel spielte in bin Ladens Propaganda eine zentrale Rolle. Der jüdische Staat wurde nicht als einzelner politischer Streitpunkt behandelt, sondern in eine umfassende antisemitische und antiwestliche Ideologie eingebaut. Dass ein Vierteljahrhundert später ein von einer großen muslimischen Interessenorganisation verlinktes Schulmaterial ausgerechnet diese Argumentationswelt als Unterrichtsressource zugänglich machte, zeigt, wie schnell historische Erklärung in ideologische Umdeutung kippen kann.

Die Terrororganisationen sind schwächer, ihre Propaganda bleibt gefährlich

Die amerikanischen Sicherheitsbehörden betrachten diese Entwicklung nicht als akademisches Problem. Die Geheimdienstgemeinschaft schreibt in ihrer Analyse von 2026, Al-Qaida und IS seien zwar schwächer als auf dem Höhepunkt ihrer Macht, wollten aber weiterhin Amerikaner angreifen. Weil komplexe Großanschläge schwieriger geworden seien, konzentrierten sich jihadistische Organisationen stärker auf Propaganda, digitale Rekrutierung und die Inspiration einzelner Täter.

Das FBI beschreibt denselben Wandel. Terrororganisationen seien heute weit weniger darauf angewiesen, ausgebildete Kämpfer in die Vereinigten Staaten einzuschleusen. Internet, soziale Netzwerke und verschlüsselte Kommunikation ermöglichen es ihnen, Menschen innerhalb westlicher Gesellschaften zu radikalisieren. Al-Qaida veröffentlicht weiterhin Aufrufe zu Angriffen auf die USA, während der IS jede Gelegenheit suche, amerikanische Ziele anzugreifen.

Damit hat sich die Bedrohung seit 2001 verändert, aber nicht erledigt. Damals mussten 19 Terroristen reisen, Flugunterricht nehmen, sich koordinieren und jahrelang vorbereiten. Heute kann extremistisches Material innerhalb von Sekunden Millionen Menschen erreichen.

Präsident Donald Trump erklärte in seiner Proklamation zum 25. Jahrestag, eine ganze Generation sei inzwischen ohne eigene Erinnerung an den 11. September aufgewachsen. Die Ereignisse müssten deshalb in den Schulen weitergegeben werden. Am Freitag werden am Ground Zero erneut die Namen der Ermordeten verlesen. Sieben Schweigeminuten erinnern an die Einschläge, die Einstürze der Türme, den Angriff auf das Pentagon, Flug 93 und erstmals zusätzlich an Menschen, die später an den gesundheitlichen Folgen des Einsatzes am World Trade Center starben.

Das Gedenken bekommt damit eine Bedeutung, die über Erinnerung hinausgeht.

25 Jahre nach dem 11. September sind die Zwillingstürme längst verschwunden. Bin Laden ist tot. Al-Qaida besitzt nicht mehr die Macht, mit der sie 2001 die Vereinigten Staaten erschütterte.

Doch eine ihrer wichtigsten Waffen hat überlebt: die Erzählung, dass nicht die Terroristen und ihre Ideologie im Zentrum stehen, sondern Amerika, Israel und der Westen als eigentliche Ursache ihres eigenen Angriffs.

Genau deshalb entscheidet sich „Never Forget“ nicht nur am Mahnmal von Ground Zero.

Es entscheidet sich auch im Klassenzimmer.




Autor: Redaktion
Freitag, 11 September 2026

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